Autor Christian Serrer

  • Search05.01.2026

„Klimaanpassung ist keine Raketenwissenschaft“

Die Folgen der Erderwärmung sind längst im Alltag angekommen. Christian Serrer hat ein Buch darüber geschrieben, wie wir uns davor schützen. Im Interview erklärt er, warum Klimaschutz trotzdem wichtig bleibt.

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    Christian Serrer, Autor von „Eis gegen heiß“: Der Kampf gegen den Klimawandel und die Anpassung an seine nicht mehr zu vermeidenden Folgen gehören zusammen.

    Der Kampf gegen den Klimawandel und die Anpassung an seine nicht mehr zu verhindernden Folgen gehören zusammen, sagt Christian Serrer.

     

    Christian Serrer ist ein Experte darin, komplexe Sachverhalte anschaulich zu erklären. In seinem neuen Buch „Eis gegen heiß“ beschreibt er, wie sich die Gesellschaft und jeder Einzelne gegen die Folgen der Erderwärmung wappnen können. Serrer studierte Wirtschaft an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen und schrieb mit seinem einstigen Kommilitonen David Nelles bereits die Aufklärungsbücher „Kleine Gase – große Wirkung“ und „Machste dreckig – machste sauber“. Im Gespräch mit EnergieWinde beschreibt er, mit welcher einfachen Maßnahme Klimaanpassung beginnt, weshalb Anpassung und Emissionsminderung zusammengedacht werden müssen – und wieso schlechte Kommunikation politische Fortschritte torpediert.

    Herr Serrer, Sie haben bereits zwei Bücher zum Klimawandel und zur Klimakrise veröffentlicht. Jetzt haben Sie „Eis gegen heiß“ zur Klimaanpassung geschrieben. Wen wollen Sie damit erreichen?
    Christian Serrer: Das Buch ist vor allem für Privatpersonen. Wir wollen zeigen, wie sie sich an die Erderwärmung anpassen können, unabhängig davon, was Politik oder Gesellschaft gerade leisten. Viele Auswirkungen des Klimawandels beginnen längst vor der eigenen Haustür, aber wir sind auch nicht machtlos. Wir wollen Mut machen, dass Klimaanpassung keine Raketenwissenschaft ist.

    Anpassung kann den Klimaschutz aber nicht ersetzen.
    Serrer: Nein, und man darf beides auch nicht in einen Topf werfen. Anpassung setzt bei der Verwundbarkeit an, Klimaschutz bei konkreten Klimafolgen. Anschaulich wird das beim Klimarisikopropeller. Der zeigt, dass ein Risiko entsteht, wenn drei Dinge aufeinandertreffen: Erstens eine Klimagefahr – zum Beispiel ein Starkregenereignis mit Überschwemmungen. Der zweite Faktor ist die Ausgesetztheit, also etwa wenn ein Gebäude im Überschwemmungsgebiet steht. Und drittens die Verwundbarkeit, in diesem Fall wäre das zum Beispiel mangelnder Hochwasserschutz. Das akute Risiko kann durch Klimaanpassung minimiert werden. Durch ein Frühwarnsystem und besseren Hochwasserschutz und indem Gebäude nicht mehr in Hochwassergebieten gebaut werden.

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    Wenn wir uns nur anpassen, ohne Emissionen zu senken, werden die Klimafolgen immer extremer und irgendwann technisch und finanziell nicht mehr beherrschbar

    Christian Serrer

    Die Klimagefahr verschwindet allerdings nicht.
    Serrer: Anpassung setzt bei der Struktur und der Verwundbarkeit an, Klimaschutz bei der Klimafolge. Wenn wir uns nur anpassen, ohne Emissionen zu senken, werden die Klimafolgen immer extremer und irgendwann technisch und finanziell nicht mehr beherrschbar. Umgekehrt reicht Klimaschutz allein nicht, weil wir die Veränderungen bereits spüren. Beides sind gleichwertige Bausteine eines Gesamtschutzkonzepts.

    Gab es einen persönlichen Auslöser, warum Sie sich mit Klimaanpassung beschäftigt haben?
    Serrer: Leider ja. Es ist ein kleines, vergleichsweise harmloses Beispiel: Ich lebe in Süddeutschland, nahe der Schweizer Grenze. In unserem Wohnviertel hat sich in den vergangenen Jahren die Asiatische Tigermücke etabliert. Das klingt harmlos, war es aber nicht. Zwei Sommer lang konnten wir wegen der Plage abends nicht mehr draußen sitzen, kombiniert mit extremer Hitze. Die Mücke ist tagaktiv, vermehrt sich rasend schnell und schränkt die Lebensqualität massiv ein. Am Ende sind wir umgezogen. Da wurde mir klar, dass Anpassung keine theoretische Debatte ist. Sie entscheidet über ganz konkrete Lebensbedingungen.

    Im Buch besprechen Sie Maßnahmen von Hitzeschutz über Biodiversität bis Küstenschutz und Geldanlagen. Wie tragen Sie all diese Handlungsempfehlungen zusammen?
    Serrer: Wir wollen, dass das, was wir veröffentlichen, fachlich belastbar ist. Deshalb arbeiten wir eng mit Forschenden zusammen. Im ersten Schritt recherchieren wir aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, dann schreiben wir den Entwurf und machen die Illustrationen. Das geben wir dann an die Wissenschaftlerinnen und Forscher, die uns unterstützen und bitten sie, uns auf Fehler hinzuweisen oder auf Passagen, die missverständlich sind. Diese Phase dauert mehrere Monate. So entsteht dann in enger Abstimmung der finale Text.

    Starkregen mit Überschwemmung und Hitze gelten als große Gefahren durch steigende Temperaturen infolge des Klimawandels. Das Schaubild stammt aus dem Buch „Eis gegen heiß“.
    Der Schutz von Gebäuden spielt eine zentrale Rolle in der Klimaanpassung, wie Christian Serrer in „Eis gegen heiß“ schildert.
    In „Eis gegen heiß“ beschreiben Christian Serrer und seine Co-Autoren in anschaulichen Grafiken, wie sich Deutschland gegen den Klimawandel wappnen kann.
    Die Gefahr durch Extremwetter wie Hagel steigt. Die Hagelkarte zeigt, welche Regionen besonders betroffen sind. In „Eis gegen heiß“ schildert Christian Serrer Maßnahmen zur Klimaanpassung.
    Energiewirtschaft und Industrie sind die Hauptverursacher von CO2 in Deutschland, gefolgt vom Verkehrssektor: Infografik aus „Eis gegen heiß“.
    Schaubild zu Ursachen von Treibhausgasemssionen aus „Eis gegen heiß“ von Christian Serrer.
    Starkregen mit Überschwemmung und Hitze gelten als große Gefahren durch steigende Temperaturen infolge des Klimawandels. Das Schaubild stammt aus dem Buch „Eis gegen heiß“.
    Der Schutz von Gebäuden spielt eine zentrale Rolle in der Klimaanpassung, wie Christian Serrer in „Eis gegen heiß“ schildert.
    In „Eis gegen heiß“ beschreiben Christian Serrer und seine Co-Autoren in anschaulichen Grafiken, wie sich Deutschland gegen den Klimawandel wappnen kann.
    Die Gefahr durch Extremwetter wie Hagel steigt. Die Hagelkarte zeigt, welche Regionen besonders betroffen sind. In „Eis gegen heiß“ schildert Christian Serrer Maßnahmen zur Klimaanpassung.
    Energiewirtschaft und Industrie sind die Hauptverursacher von CO2 in Deutschland, gefolgt vom Verkehrssektor: Infografik aus „Eis gegen heiß“.
    Schaubild zu Ursachen von Treibhausgasemssionen aus „Eis gegen heiß“ von Christian Serrer.

    Wie sieht Klimaanpassung im Einzelnen aus?
    Serrer: Das hängt davon ab, wo man wohnt. Die Folgen des Klimawandels sind vielfältig und regional verschieden, so ist es auch mit der Klimaanpassung. Menschen in Brandenburg leben mit einer erhöhten Waldbrandgefahr, im Ahrtal und anderen Teilen Deutschlands muss man sich dagegen eher vor Starkregen mit Überschwemmungen schützen. Wer es konkret anpacken will, ermittelt zuerst je nach Wohnort das persönliche Risikoprofil und entscheidet dann, welches Risiko man reduzieren kann und möchte. Im Buch erklären wir sowohl Klimaanpassungen auf allgemeiner als auch auf persönlicher Ebene. Das Gute ist, dass viele Maßnahmen nicht einmal Geld kosten.

    Gibt es etwas, dass jede und jeder tun kann?
    Serrer: Alle sollten die NINA-Warn-App des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe installieren. Und dann bitte – das ist ganz wichtig – in den Einstellungen aktivieren, für welches Gebiet man gewarnt werden möchte. Die App sendet Warnmeldungen zu Wetterereignissen, aber zum Beispiel auch zur Gefahrstoffausbreitung.

    Und beim Klimaschutz? Gibt es eine Maßnahme mit schneller Wirkung?
    Serrer: Ja: den Stromanbieter wechseln. Ein echter Ökostromtarif ist einer der größten Hebel im Alltag. Das ist nicht einmal eine Verhaltensänderung, man muss nur einmal eine halbe Stunde Zeit investieren, um Stromanbieter zu recherchieren. Danach kommt der Strom immer noch aus der Steckdose, aber das Geld der Verbraucher fließt nun in den Ausbau der Energiewende. Weil auch Stromanbieter, die Strom aus den Erneuerbaren nur beimischen, sich Ökostromanbieter nennen dürfen, achtet man am besten auf das „OK Power“-Siegel. Das bekommen nur Anbieter, deren Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen stammt.

    Windräder am Fichtelberg: Die Energiewende nimmt Fahrt auf – in Deutschland, aber auch in vielen anderen Teilen der Welt.

    Windräder am Fichtelberg: Die Energiewende nimmt Fahrt auf – in Deutschland, aber auch in vielen anderen Teilen der Welt.

    Welche Erkenntnis zum Klimawandel wird in der öffentlichen Debatte Ihrer Meinung nach besonders unterschätzt?
    Serrer: Mich ärgert das Argument der aktuellen Regierung, Deutschland habe mit seinen 1,3 Prozent nur wenig Anteil an den weltweiten Treibhausgasemissionen. Was sollen wir da im Klimaschutz schon bewegen? Das ist ein gefährlicher Trugschluss. Addiert man alle Länder mit noch niedrigeren Emissionen als Deutschland – das sind über 180 Staaten –, kommt man auf rund ein Drittel der weltweiten Emissionen. Wenn alle so argumentieren würden, wäre der Klimaschutz tot. Davon abgesehen ist es wirtschaftlich auch einfach dumm.

    Wieso?
    Serrer: Die Transformation hin zu mehr Elektrifizierung und zu Erneuerbaren kommt, ob wir nun wollen oder nicht. Wenn wir jetzt in Deutschland einen Schlenkerkurs fahren und auf die Bremse treten, wissen Industrieunternehmer nicht, ob sie investieren sollen oder nicht. Wenn wir jetzt den Zug verpassen, neue Technologien selbst zu entwickeln und ins Ausland exportieren zu können, riskieren wir Arbeitsplätze und Wohlstand. Länder wie China haben das längst verstanden. Die Motivation ist vielleicht nicht nur ökologisch, aber aus wirtschaftlicher Sicht hat man dort genau verstanden, wohin die Reise gehen muss.

    Wo sehen Sie die größte Diskrepanz zwischen dem politisch Möglichen und der Realität?
    Serrer: Wir haben ein Akzeptanzproblem. Regierungen trauen sich an Maßnahmen nicht ran, weil sie Angst vor Gegenwind haben und davor, ihre Wiederwahl zu verspielen. Man kann mit Werbefilmen und Kampagnen versuchen, die Menschen für Klimaschutz zu sensibilisieren und sie zu überzeugen. Das ist alles gut gemeint. Aber Klimaschutz funktioniert in der Breite nur dann, wenn er finanziell für die Masse attraktiv ist.

    Wie könnte das aussehen?
    Serrer: Ein konsequenter CO₂-Preis mit einer Pro-Kopf-Rückvergütung würde genau das leisten. Die Politik muss den Menschen plakativ vor Augen führen: Wenn wir was für den Klimaschutz leisten, kommt auch einmal im Jahr sogar etwas auf dem eigenen Konto an. Menschen mit geringem Einkommen würden netto profitieren, Vielverbraucher mehr zahlen. Das ist gerecht, marktwirtschaftlich sinnvoll und leicht kommunizierbar. Die Idee geistert zwar immer mal wieder durch die Politik und wird in Wahlkämpfen angesprochen oder sogar im Koalitionsvertrag erwähnt, aber passiert ist bisher nichts. Es fehlt der politische Mut.

    Die Fragen stellte Jasmin Lörchner.

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