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Artenvielfalt

Wer braucht Mücken?

Sie nervt und überträgt Krankheiten. Wäre es besser, die Mücke auszurotten? Auf keinen Fall, warnen Biologen: Warum eine große Artenvielfalt die beste Lebensversicherung des Menschen ist.

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    Da juckt es schon beim Hinsehen: Mückenschwarm im Sonnenuntergang.

     

    Von Volker Kühn

    Es gibt Tiere, die wir lieben, deren Schicksal uns bewegt und für deren Erhalt wir uns einsetzen – und sei es nur, indem wir ein paar Münzen in die Büchse der Spendensammler von Umweltschutzorganisationen werfen. Pandabären gehören dazu, Elefanten oder Koalas.

    Dann gibt es Tiere, die wir fürchten, denen wir nicht in freier Natur in die Augen schauen möchten, und von denen wir uns doch wünschen, dass sie irgendwo da draußen existieren. Eisbären zählen dazu, Haie oder Löwen.

    Es gibt aber noch eine weitere Gruppe: Tiere, die uns egal sind, weil wir sie kaum bemerken, oder schlimmer noch: denen wir das Existenzrecht absprechen, weil sie uns stören oder bedrohen. Spinnen zählen dazu, Giftschlangen oder Mücken.

    Oft ist das ein nachvollziehbarer Wunsch, in der konkreten Situation des Einzelnen manchmal gar ein rationaler: Mücken etwa übertragen in den Tropen Malaria und bringen millionenfaches Leid.

    Wir befinden uns im größten Massenaussterben seit dem Ende der Dinosaurier

    Doch auch wenn es wünschenswert ist, dass niemand an Malaria erkrankt, wäre es mehr als heikel, die Mücke auszurotten. Denn letztlich gefährdet der Mensch das Überleben seiner eigenen Art, wenn er die Artenvielfalt weiter so dezimiert wie in den vergangenen Jahrzehnten. Wir befinden uns inmitten des größten Massenaussterbens seit dem Verschwinden der Dinosaurier, und die menschengemachte Erderhitzung beschleunigt es zusätzlich. Die Rote Liste der bedrohten Tierarten wird immer länger.

    Warum aber ist die Artenvielfalt so wichtig? Ganz einfach: Weil die Natur uns Dinge schenkt, für die wir vielleicht in kleinem Maßstab selbst sorgen könnten, aber niemals innerhalb der planetaren Dimensionen. Die Natur schenkt uns den Sauerstoff, den wir atmen, sie reinigt das Wasser, das wir trinken, sie macht den Boden fruchtbar, in dem wir unser Getreide anbauen.

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    Unser kompletter Wohlstand beruht darauf, dass Tier- und Pflanzenarten für uns arbeiten, ohne dass wir etwas dafür bezahlen

    Lothar Frenz, Biologe

    Auch ökonomisch ist eine große Artenvielfalt von unschätzbarem Wert. „Unser kompletter Wohlstand beruht darauf, dass Tier- und Pflanzenarten für uns arbeiten, ohne dass wir etwas dafür bezahlen“, sagt der Biologe Lothar Frenz, Autor des lesenswerten Buchs „Wer wird überleben? Die Zukunft von Natur und Mensch“. „Ohne Artenvielfalt können wir nicht überleben. Die berühmte Dasgupta-Studie beziffert den Wert der Ökosystemdienstleistungen auf im Schnitt 33 Billionen Dollar – pro Jahr.“

    Der Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens erklärte die Bedeutung der Biodiversität in einem Interview mit EnergieWinde so: „Beim Klimawandel geht es darum, wie wir in Zukunft leben, und beim Artensterben um die Frage, ob wir überhaupt noch leben. Selbst wenn die Temperaturen um fünf Grad steigen und alle Gletscher der Welt wegschmelzen, wird es ja noch irgendwo auf diesem Planeten Menschen geben, auch wenn es das Ende unserer jetzigen Zivilisation bedeuten würde. Aber wenn wir die Arten weiterhin so ausrotten wie bisher, dann zerstören wir unsere Lebensgrundlage noch unmittelbarer. Wenn es keine Insekten mehr gibt, die Pflanzen bestäuben, und keine Mikroben, die den Boden fruchtbar machen, dann ist irgendwann auch keine Landwirtschaft mehr möglich.“

    Steffens wies dabei ausdrücklich darauf hin, dass er seine Aussage nicht als Ranking verstanden wissen wolle, in dem Sinne, dass das Artensterben gefährlicher als die Erderhitzung sei. Es sei vielmehr wichtig, den Krisen gemeinsam zu begegnen, „weil alles mit allem zusammenhängt und zur selben großen Ökokrise gehört“.

    Das Verschwinden einzelner Arten kann ganze Kaskaden des Sterbens auslösen

    Warum aber kommt es auf jede einzelne Art an? Was hat es mit dem Menschen zu tun, wenn in der Arktis der Eisbär stirbt oder im Regenwald das letzte Exemplar einer Vogelart, deren Gesang womöglich nie ein Mensch gehört hat? Eine Menge!

    Biologen vergleichen das System der Biodiversität gern mit einem Netz. Wenn ein einzelner Faden reißt, ist die Tragfähigkeit des Ganzen noch nicht in Gefahr, andere Fäden übernehmen die Last. Wenn aber der eine Faden zu viel reißt, ist es um das Netz geschehen. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, welcher der entscheidende Faden ist. Deshalb müssen wir auf alle achten. Auch die Mücke erfüllt wichtige Funktionen in ihrem Ökosystem. Verschwindet sie, fehlt einer Unzahl anderer Tiere – Fische, Amphibien, Vögel – eine Nahrungsquelle. Das könnte zum Tod der nächsten Art führen und so eine Kaskade des Sterbens auslösen. Der Schutz der Artenvielfalt ist deshalb die beste Lebensversicherung des Menschen.

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