Artensterben und Klimakrise

Doppelt gefährlich

Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht, warnt eine aktuelle UN-Studie. WWF-Experte Arnulf Köhncke erklärt, wie die Klimakrise den Prozess beschleunigt, warum die gesamte Menschheit gefährdet ist und was der Einzelne tun kann, um der Natur zu helfen.

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    Der Klimawandel vernichtet den Lebensraum des Eisbären.

    Wappentier des Klimawandels: Dem Eisbär schmilzt der Lebensraum buchstäblich unter den Tatzen weg.

    Seit dem Verschwinden der Dinosaurier hat es kein solches Massensterben von Tier- und Pflanzenarten gegeben wie derzeit. Der Anfang Mai veröffentlichte Bericht des Weltbiodiversitätsrats IPBES lässt keinen Zweifel, wer daran schuld ist: der Mensch. Wenn er sein Verhalten nicht sofort und umfassend ändert, sind eine Million der acht Millionen Arten auf der Erde vom Aussterben bedroht. EnergieWinde hat darüber mit Arnulf Köhncke gesprochen. Der Ökologe leitet den Bereich Artenschutz beim WWF Deutschland. In anschaulichen Worten erklärt er, warum der Kampf gegen das Artensterben nicht nur eine Frage der Moral, sondern der wirtschaftlichen Vernunft – und letztlich des Überlebens der Menschheit ist.

    Herr Köhncke, natürlich wäre es traurig, wenn das Sumatra-Nashorn oder der Amazonas-Flussdelfin aussterben sollten. Aber mal provokant gefragt: Kann mich das Schicksal dieser Tiere nicht eigentlich kalt lassen?
    Arnulf Köhncke: Nein, kann es nicht. Selbst wenn man alle moralischen Gesichtspunkte außer Acht lässt, darf uns das Artensterben schon im Eigeninteresse nicht egal sein. Denn der Mensch hängt davon ab, dass um ihn herum funktionierende Ökosysteme existieren. Sie sorgen dafür, dass er sauberes Trinkwasser und ausreichend Nahrung hat. Diese Systeme basieren auf den Tier- und Pflanzenarten, die in ihnen leben. Jede Art, die verschwindet, schwächt das System – bis es irgendwann kollabiert. Oder andersherum: Je höher die Artenvielfalt, desto widerstandsfähiger ist ein Ökosystem. Das ist nicht anders als im Flugzeug, wo man auch auf redundante Sicherungen setzt: Fällt eine aus, springt eine andere ein.

    Bitte mal ganz konkret: Warum ist es für die Menschen hier in Europa gefährlich, wenn weit weg in den Tropen einzelne Arten aussterben?
    Köhncke: Nehmen Sie zum Beispiel die Baumriesen im tropischen Regenwald. Die hängen davon ab, dass Tiere ihre Samen verbreiten. Faustregel: Je größer die Baumart, desto größer auch die Tiere, die ihre Samen weitertragen. Fehlen nun einzelne Exemplare oder ganze Arten, wachsen weniger große Bäume nach. In den Lücken siedeln sich dann kleinere Arten an. Die können allerdings auch nur weniger CO2 speichern. Das wiederum trägt zum Treibhauseffekt und zur Klimakrise bei – und davon sind auch wir in Europa betroffen.

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    Ohne rasche Gegenmaßnahmen wird die Klimakrise künftig die größte Bedrohung für die Artenvielfalt sein. Für einzelne Arten ist sie das schon heute

    Lässt sich der Einfluss des Klimawandels auf das globale Artensterben quantifizieren?
    Köhncke: Ja. Das IPBES, der Weltbiodiversitätsrat der Vereinten Nationen, hat in seinem Bericht die verschiedenen Faktoren für den Rückgang der Arten untersucht und eine Art Hitliste erstellt, wie man es zynisch nennen könnte. Auf Platz eins steht der Nutzungswandel von Land und Wasser, also der Verlust von Lebensräumen. Auf Rang zwei folgt die Übernutzung, etwa die Überfischung der Weltmeere und die Wilderei. Der Klimawandel steht noch vor der Umweltverschmutzung auf dem dritten Platz. Ohne rasche Gegenmaßnahmen wird die Klimakrise künftig sogar die größte Bedrohung für die Artenvielfalt sein. Für einzelne Arten ist sie das schon heute. Amphibien etwa leiden besonders stark unter Krankheiten, die sich infolge der Erderhitzung ausbreiten.

    Welche Arten sind in Deutschland akut bedroht?
    Köhncke: Die Bestände von Feldlerche und Feldhamster zum Beispiel sind durch die intensive Landwirtschaft drastisch zurückgegangen. Rebhühnern fehlen in der aufgeräumten Landschaft Lebensräume wie Hecken, über die Hälfte der Wildbienenarten stehen auf der deutschen Roten Liste, selbst bei Ameisen sind die Verluste dramatisch. Und diese Tiere zählen nur zu den bekanntesten.

    Arnulf Köhncke, Leiter des Fachbereichs Artenschutz beim WWF Deutschland, im Interview über Artensterben und Klimawandel.

    „Jede achte Art auf der Welt wird bald verschwunden sein, wenn wir nicht sofort die nötigen Schritte einleiten“, sagt Arnulf Köhncke, Leiter des Fachbereichs Artenschutz beim WWF Deutschland.

    Politiker argumentieren oft mit einer Gefahr für den Wirtschaftsstandort Deutschland, wenn es um Schutzmaßnahmen für die Umwelt geht. Ist das kein berechtigtes Argument?
    Köhncke: Das ist viel zu kurzfristig gedacht. Das Artensterben ist nicht nur eine ökologische Gefahr, es bedroht auch unsere ökonomischen Grundlagen. Artenschutz ist ein Gebot wirtschaftlicher Vernunft.

    … und gehört deshalb ins Grundgesetz? Der bekannte TV-Moderator und Umweltaktivist Dirk Steffens hat eine entsprechende Petition gestartet.
    Köhncke: Ja, der WWF unterstützt diese Petition.

    Der Klimawandel ist seit Jahren ein Dauerthema in Deutschland. Das Artensterben schafft es selten in den öffentlichen Fokus. Woran liegt das?
    Köhncke: Vielleicht daran, dass Tiere wie das erwähnte Sumatra-Nashorn weit weg leben und dass es den Naturschutzverbänden bisher nicht ausreichend gelungen ist, die Bedrohung durch das Artensterben wirklich klar zu machen. Deshalb bin ich so dankbar für den IPBES-Bericht: Es gibt jetzt Schwarz auf Weiß wissenschaftliche Belege dafür, dass wir Menschen die Hauptursache für das dramatische Artensterben sind. Jede achte Art auf der Welt wird bald verschwunden sein, wenn wir nicht sofort die nötigen Schritte einleiten.

    Der Amazonas-Regenwald ist der größte CO2-Speicher der Erde. Er kann etwa 80 Milliarden Tonnen CO2 aufnehmen – doppelt so viel, wie die Menschheit in zehn Jahren produziert.

    Der Amazonas-Regenwald ist der größte CO2-Speicher der Erde. Er kann etwa 80 Milliarden Tonnen aufnehmen. Das ist doppelt so viel, wie die Menschheit in zehn Jahren produziert. Doch nicht nur Rodungen setzen ihm zu – auch der Verlust von Tierarten schwächt den Wald.

    Zu diesen Schritten zählt der Umbau der Energieversorgung. Doch gerade der spaltet die Umweltbewegung, wenn zum Beispiel ein Windpark gebaut werden soll, der Vögel bedrohen könnte. Ökos gegen Ökos – gibt es eine Lösung für dieses Dilemma?
    Köhncke: Wir sollten einen Schritt zurücktreten und das große Ganze im Auge behalten. Es darf bei Klima- und Naturschutz nicht um ein Entweder-oder gehen. Wir müssen auf der Basis besten Wissens entscheiden, was im konkreten Fall die richtige Lösung ist. Das bedeutet Kompromisse und Abstriche auf beiden Seiten, damit am Ende alle gewinnen können. Im Übrigen gilt das nicht nur für Infrastrukturprojekte rund um die Energiewende, sondern für unsere gesamte Lebens- und Wirtschaftsweise. Oft ist es auch eine Frage des politischen Willens. Zum Beispiel hat der WWF kürzlich in zwei umfassenden Studien zum zukünftigen Stromsystem gezeigt, dass der Ausbau der Windenergie bei guter Planung durchaus flächen- und naturverträglich erfolgen kann.

    Machen Sie auch persönlich Abstriche? Sie haben unter anderem in Südostasien gearbeitet und fliegen zu internationalen Artenschutzkonferenzen …
    Köhncke: … mit dem entsprechenden CO2-Ausstoß, stimmt. Aber natürlich versuche ich, meinen Lebensstil anzupassen. Beim WWF ersetzen wir persönliche Treffen so oft wie möglich durch Videokonferenzen. Zu Meetings in Deutschland reisen wir per Bahn, auch wenn das Flugzeug viel schneller wäre. Das Nachtzugangebot ins Ausland soll ja verbessert werden – hoffentlich ist die Bahn auch bei weiteren Reisen bald eine gute Alternative.

    Abgesehen von der Nutzung sauberer Verkehrsmittel: Was kann der Einzelne noch gegen das Artensterben und die Klimakrise tun?
    Köhncke: Da gibt es Hunderte Möglichkeiten, angefangen bei einer Einschränkung des Fleischkonsums bis hin zum Verzicht auf Reiseandenken, die von geschützten Pflanzen oder Tieren stammen. Zu solchen Souvenirs hat der WWF übrigens eine Ratgeber-App entwickelt. Auch wer im Urlaub Eintritt für ein Schutzgebiet zahlt oder einen lokalen Führer engagiert, tut etwas Gutes, weil er damit den Naturschutz vor Ort stärkt. Natürlich muss man sich vor unseriösen Offerten in Acht nehmen. Angebote mit direktem Kontakt zu Wildtieren, bei denen man zum Beispiel Selfies mit kleinen Löwen macht oder Geparde an der Leine führt, sind fragwürdig. Im eigenen Garten kann man Wildblumen säen. Viele Maßnahmen sind wirklich gar nicht so schwer!

    Die Fragen stellte Volker Kühn.

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