• Search07.11.2021

Bücher über Umwelt, Energie und Ökokrise

Kleiner Kanon der Klimaliteratur

Spannend, lehrreich, aufrüttelnd, unterhaltsam – in unserer Reihe lesenswerter Bücher zur Klimakrise stellen wir zwei neue Titel vor: „Mondays for Future“ und „Deutschland unter Strom“. Beide Titel geben praktische Antworten auf konkrete Fragen zum Kampf gegen die Erderhitzung.

InhaltsverzeichnisToggle-Icons

    Claudia Kemfert, „Mondays for Future“: Rezension des Buchs der Ökonomin vom DIW.

    Claudia Kemfert: Mondays for Future

    Was steht im Pariser Klimaabkommen? Wie entlarvt man Klimaleugner? Ist die Demokratie zu schwach, um die Klimakrise zu stoppen? In „Mondays for Future“ gibt die Ökonomin Claudia Kemfert Antworten auf 123 konkrete Fragen zu unterschiedlichsten Aspekten des Klimaschutzes. Auch mit möglichen Nebenwirkungen setzt sie sich auseinander – etwa mit der Frage, wie arme Haushalte vor den Folgen höherer Öl- und Gaspreise bewahrt werden können, ohne dabei den Klimaschutz zu konterkarieren. So ist ein Nachschlagewerk entstanden, das Argumentationshilfen für praktisch alle Diskussionen rund um den Klimaschutz liefert. Einsteiger bringt das Buch auf den Stand der Dinge, Experten können sich bei Zweifeln in den prägnant geschriebenen Kapiteln rückversichern.

    Deutschland unter Strom: Rezension des Buchs von Christoph Podewils mit einem Vorwort von Eckart von Hirschhausen.

    Christoph Podewils: Deutschland unter Strom

    Der CO2-Gehalt der Atmosphäre steigt, die Naturkatastrophen reißen nicht ab, die Energiewende stockt: Die Klimakrise ist monströs, der Mensch wirkt oft machtlos dagegen. In dieser Lage kommt „Deutschland unter Strom“ gerade richtig. Denn darin zeigt Christoph Podewils, dass die nötigen Mittel zum Kampf gegen die Erderhitzung längst vorhanden sind, von Wind- und Solarparks über Stromspeicher und Wärmepumpen bis zur E-Mobilität. Sie müssen nur endlich konsequent eingesetzt werden. Wie das funktioniert, erklärt Podewils in anschaulicher Form auf gut 250 Seiten. Das Vorwort des Arztes und Wissenschaftsjournalisten Eckart von Hirschhausen schlägt die Brücke vom Klima zur Medizin und erhöht den Leseanreiz zusätzlich.

    Andreas Malm: Wie man eine Pipieline in die Luft jagt. Kämpfen lernen in einer Welt in Flammen. Kritik, Rezension, Zusammenfassung, Inhalt.

    Andreas Malm: Wie man eine Pipeline in die Luft jagt

    Vor drei Wochen ist eine Gruppe Klimaaktivisten in Berlin in den Hungerstreik getreten, um eine politische Kehrtwende zu erkämpfen. Die Entschlossenheit, die zu einer solchen Aktion gehört, dürfte Andreas Malm gefallen. Der schwedische Humanökologe ist seit Langem der Auffassung, dass die Klimabewegung in ihrer bisherigen Form zu wenig erreicht. Historisch seien soziale Bewegungen immer dann erfolgreich gewesen, wenn sie zur Gewaltanwendung bereit gewesen seien oder zumindest glaubhaft damit gedroht hätten, schreibt Malm unter Verweis auf die Frauenrechtsbewegung oder den Kampf gegen die Apartheid. Auch beim Klima müsse über Gewalt diskutiert werden – nicht gegen Menschen, aber gegen fossile Infrastruktur. Man muss diese Meinung nicht teilen. In seiner Faktendichte regt „Wie man eine Pipeline in die Luft jagt“ dennoch zum Nachdenken an.

    Lothar Frenz: Wer wird überleben? Die Zukunft von Natur und Mensch. Rezension, Kritik, Zusammenfassung.

    Lothar Frenz: Wer wird überleben?

    Wer 30 Meter lang ist und 150 Tonnen wiegt, dem kann man einen gesunden Appetit nicht vorwerfen: Blauwale vertilgen gigantische Mengen winziger Krillkrebse. Als der Blauwal in der Antarktis nahezu ausgerottet war, erwartete man daher, dass sich seine Beute stark vermehren würde. Doch das Gegenteil war der Fall. Man hatte übersehen, dass Blauwale mit ihren Ausscheidungen das Meer düngen und so das Wachstum von Phytoplankton fördern. Davon wiederum lebt der Krill. Das Buch des Biologen Lothar Frenz ist voll solcher faszinierenden Beispiele, in denen er zeigt, dass der Mensch die komplexen Wechselwirkungen in der Natur noch immer nicht komplett verstanden hat. Flüssig und lehrreich zugleich erklärt Frenz, warum die großen Krisen unserer Zeit – Klimawandel, Artensterben, Pandemien – Teil einer übergeordneten Krise der Ökosysteme sind. Trotz der oft düsteren Bestandsaufnahme ist es ein Buch, das Mut macht. Lesenswert!

    Franz Schätzing: Was, wenn wir einfach die Welt retten? Eine Rezension des neuen Buchs des Bestseller-Autors Frank Schätzing.

    Frank Schätzing: Was, wenn wir einfach die Welt retten?

    Dass Frank Schätzing sich darauf versteht, Katastrophen von globalem Ausmaß zu inszenieren, ist seit seinem Welterfolg „Der Schwarm“ bekannt. Der Gruselfaktor seines aktuellen Buchs ist sogar noch höher, denn diesmal ist es keine Fantasiewelt, die er untergehen lässt. Stürme, Fluten, Dürren, Artensterben und Flüchtlingsströme nie gekannter Größenordnung – all die realen Gefahren schildert Schätzing mit der ganzen Könnerschaft eines Thriller-Großmeisters. Er belässt es aber nicht beim Zerstören. Schätzing vermittelt zugleich faktensattes Hintergrundwissen, um die Klimakrise zu bändigen, er benennt die Schuldigen und gibt praktischen Rat, wie der Einzelne und die Gesellschaft als Ganzes für eine lebenswerte Zukunft kämpfen können. Das mag bisweilen einen Hauch zu technikverliebt sein. In seinem Optimismus ist es aber allemal ansteckend.

    Propagandaschlacht ums Klima: Eine Rezension des Buchs von Michael E. Mann.

    Michael E. Mann: Propagandaschlacht ums Klima

    Falschinformationen, Ablenkungsmanöver, Spaltung: Michael E. Mann legt die Taktiken offen, mit der die fossile Industrie den Kampf gegen die Klimakrise sabotiert. Seit den Siebzigern wurden der Klimawandel geleugnet und Fakten verdreht. Heute lenken die Verantwortlichen vom nötigen Systemwandel ab, etwa indem sie das Verhalten des Einzelnen in den Mittelpunkt stellen oder Forscher und Aktivsten durch Debatten um vermeintliche Heuchelei beim Klimaschutz gegeneinander aufzubringen versuchen. Doch Manns Analyse ist nicht apokalyptisch. Er zeigt einen Ausweg auf, von der Bepreisung von CO2 bis zur Förderung von erneuerbaren Energien. Dass er Probleme – etwa Makel des Green New Deal – nicht übergeht, sondern Lösungen vorschlägt, macht das Buch wirklich lesenswert.

    Wütendes Wetter – Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme: Einee Rezension des Buchs von Friederike Otto.

    Friederike Otto: Wütendes Wetter

    Welchen Einfluss hat das Klima auf das Wetter? Das ist eine Frage, die sich lange nicht eindeutig beantworten ließ. Bis Friederike Otto das neue Forschungsfeld Attribution Science entwickelt hat. Am Beispiel des Hurrikans Harvey schildert die Klimaforscherin, wie sie und ihr Team 2017 den Einfluss der Erderwärmung auf den Wirbelsturm nachgewiesen haben, während dieser noch in Texas tobte. Zugleich erklärt die in Oxford arbeitende Deutsche, warum nicht jedes Unwetter eine Folge der steigenden Temperaturen ist. Gemeinsam mit ihrem Coautor Benjamin von Brackel gelingt es Otto, die wissenschaftlichen Zusammenhänge anschaulich und trotzdem spannend zu erklären. Stellenweise liest sich das Buch wie ein Krimi.

    Die KLimaschmutz-Lobby: Eine Rezension des Buchs von Susanne Götze und Annika Joeres.

    Susanne Götze und Annika Joeres: Die Klimaschmutzlobby

    Dieses Buch ist eine Anklage: Susanne Götze und Annika Joeres haben nach den Bremsern und Blockierern starker Klimaschutzmaßnahmen gefahndet und sie in der Politik und Ministerien, in Konzernen und Wirtschaftsverbänden gefunden. Die Investigativjournalistinnen scheuen sich nicht, Namen zu nennen. So beleuchten sie etwa die Rolle des kürzlich verstorbenen früheren SPD-Wirtschaftsministers Wolfgang Clement, der mit der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) für Kohle und Kernenergie kämpfte, oder die von Stephanie von Ahlefeldt, die Abteilungsleiterin im Bundeswirtschaftsministerium ist, und als erklärte Gegnerin der Energiewende gelte.

    Alles wird anders – Das Zeitalter der Ökologie: Eine Rezension des Buchs von Bernd Ulrich.

    Bernd Ulrich: Alles wird anders

    Alles wird anders, by design or by disaster – das ist die zentrale These von Bernd Ulrich: Entweder wir tun das Nötige im Kampf gegen die Klimakrise oder die Krise wird unsere Welt bis zur Unkenntlichkeit verändern. Angesichts der Tatenlosigkeit, die der stellvertretende „Zeit“-Chefredakteur der vermeintlichen Klimakanzlerin vorhält, steuern wir seiner Ansicht nach auf das Desaster zu. Sein Buch ist deshalb ein Weckruf zum radikalen Handeln. Was es so lesenswert macht, ist der persönliche Zugang, den Ulrich wählt, wenn er etwa den Kampf mit den auch in ihm „wabernden Konsumgelüsten“ schildert oder seinen Weg zum Veganismus. Er tut dies – darin liegt eine weitere Stärk – ohne moralischen Zeigefinger und im tiefen Vertrauen auf die demokratische Wandlungsfähigkeit des Systems.

    Unsere Welt neu denken – Eine Einladung: Eine Rezension des Buchs von Maja Göpel.

    Maja Göpel: Unsere Welt neu denken

    Maja Göpel stellt in ihrem Bestseller nicht weniger als die Systemfrage, und sie kommt zu einer Erkenntnis, die der Club of Rome schon 1972 getroffen hat: Wenn die Ressourcen endlich sind, dann muss auch das Wachstum Grenzen haben. Dass fast fünf Jahrzehnte später noch immer das Narrativ vom seligmachenden Wachstum gilt, will die gefragte Politökonomin nicht hinnehmen. Göpel, die derzeit in Hamburg die Denkfabrik The New Institute aufbaut, streitet für eine ehrliche Kostenkalkulation, die zur Kenntnis nimmt, dass Gewinne allzu oft privatisiert, die ökologischen Kosten aber auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Ihr anschaulich geschriebenes Buch liefert viele Denkansätze dazu, wie die Wirtschaft ökologischer und gerechter organisiert werden kann.

    Über Leben – Zukunftsfrage Artensterben: Eine Rezension des Buchs von Dirk Steffens und Fritz Habekuß.

    Dirk Steffens und Fritz Habekuß: Über Leben

    Während die Erderhitzung die Schlagzeilen beherrscht, findet eine andere Krise wenig Aufmerksamkeit: das Artensterben. Dabei treffen seine Folgen die Menschheit ebenso dramatisch. Wir befinden uns inmitten des größten Massenaussterbens seit dem Verschwinden der Dinosaurier, schreiben der Moderator und Wissenschaftsjournalist Dirk Steffens und der „Zeit“-Autor Fritz Habekuß. Ihr Buch beschränkt sich aber nicht auf die oft deprimierende Bestandsaufnahme der globalen Ökokrise. Sie zeigen zugleich Auswege auf – und das auf eine so aufrüttelnde Weise, dass man nach der Lektüre sofort eine Blütenwiese für Wildbienen pflanzen möchte.

    Deutschland 2050: Rezension des Buchs von Nick Reimer und Toralf Staud, die beschreiben, wie der Klimawandel unser Leben verändern wird. Lesenswert, urteilt die Kritik.

    Nick Reimer und Toralf Staud: Deutschland 2050

    Wie das Leben in naher Zukunft aussehen wird? Sehr ungemütlich, so das Fazit der Wissenschaftsjournalisten Nick Reimer und Toralf Staud. Aufgrund der Flut an greifbaren Beispielen, mit denen die preisgekrönten Redakteure die Ergebnisse der Klimaforschung aufbereiten, schenkt man ihnen schnell Glauben. Sie schaffen es, den Klimawandel in echte Szenarien zu übersetzen und die Auswirkungen extremer Regenfälle und dramatischer Hitzewellen in Städten, Wäldern, an den Küsten und auf dem Land, anschaulich zu untermalen. So wird „Deutschland 2050“ zu einer Warnung: Vielen erscheine Klimaschutz wie ein Komplettumbau des Landes. Dabei kann nur er noch dafür sorgen, dass unser Leben 2050 nicht komplett anders aussieht.

    Go Top