Zukunftsforscher Ulrich Eberl

  • Search11.05.2023

„Schluss mit dem fossilen Energy-Drink!“

Die Zeit zum Stopp der Erderwärmung läuft ab. Doch es gibt Grund zur Zuversicht, sagt der Zukunftsforscher Ulrich Eberl. Denn wir besitzen alle Werkzeuge, die für die Klimawende nötig sind.

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    Ulrich Eberl, Zukunftsforscher und Autor, hat eine "Überlebensformel" für den Kampf gegen die Klimakrise entwickelt.

     

    Ulrich Eberl, Jahrgang 1962, hat in Biophysik promoviert, bei Daimler gearbeitet und 20 Jahre lang die Kommunikation zu den Themen Forschung und Innovationen bei Siemens geleitet. Heute ist er als Wissenschaftsjournalist, Vortragsredner und Sachbuchautor tätig. In seinem aktuellen Buch „Unsere Überlebensformel“ (Rezension hier) beschreibt er Lösungen für neun globale Krisen von der Energieversorgung bis zum Artensterben. Die Menschheit gefährdet mit diesen von ihr selbst heraufbeschworenen Krisen ihr Überleben, sagt Eberl. Doch sie besitzt auch die Fähigkeit, umzusteuern. Im Interview beschreibt er, was dazu nötig ist.

    Herr Eberl, Sie sind Physiker: Was ist der Vorzug einer Wärmepumpe?
    Ulrich Eberl: Ihr Trumpf ist ihre Hebelwirkung: Ich muss wenig elektrische Energie aufwenden, um das Drei-, Vier- oder gar Fünffache an Wärmeenergie zurückzubekommen. Das macht die Wärmepumpe so effizient und zukunftsweisend. Denn die Zukunft ist elektrisch, in der Energieversorgung, in der Industrie, in der Mobilität und beim Heizen.

    Die Wärmepumpe ist eine der Technologien, die Sie in Ihrem Buch als Hebel für die Klimawende nennen. Schaut man sich die Boulevard-Kampagne gegen „Habecks Heiz-Hammer“ an, hat man allerdings das Gefühl, dass viele nicht bereit sind, diesen Hebel zu betätigen.
    Eberl: Dabei geht es aus meiner Sicht allerdings nicht um die Wärmepumpe an sich, sondern um die Kosten. Dass eine Technologie sinnvoll ist, die Wärme aus der Umgebungsluft oder der Erde in die Häuser bringt, kann niemand ernsthaft bestreiten. Das Problem ist ein anderes: Wenn ich eine Wirtschaftswende hinbekommen will – denn es geht ja nicht allein um eine Energiewende –, dann muss ich die Menschen mitnehmen. Ich muss sie überzeugen, und ich muss soziale Härten abfedern. Wohlhabende können sich eine Wärmepumpe leicht leisten, andere brauchen Unterstützung. Wie man das finanziert, darüber kann man streiten.

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    Schauen Sie sich die Automobilindustrie an. Die hat die Wende vom Verbrenner zum Elektroauto schon vollzogen

    Ulrich Eberl

    Geht es wirklich nur um die Kosten oder steht dahinter auch der Einfluss fossiler Lobbys?
    Eberl: Selbstverständlich gibt es Lobbyismus gegen den Ausstieg aus fossilen Energien, aber bei Wärmepumpen sehe ich ihn nicht. Ich war kürzlich bei Viessmann. Das Unternehmen ist mit Gasthermen groß geworden, aber auf Wärmepumpen umgeschwenkt – mit dem Verkauf an den US-Konzern Carrier soll die Technologie nun weltweit die Märkte erobern. Beharrungskräfte existieren, aber halten nicht ewig. Schauen Sie sich die Automobilindustrie an. Die hat die Wende vom Verbrenner zum Elektroauto ebenfalls schon vollzogen.

    Sind Unternehmen weiter als die öffentliche Diskussion?
    Eberl: Viele Firmen achten heute stärker auf ihren ökologischen und sozialen Fußabdruck, denn Mitarbeiter, Kunden und die Öffentlichkeit fragen immer häufiger nach dem Sinn des Tuns. Noch wichtiger: Die Unternehmen wittern gute Geschäfte. Die Wirtschaftswende wird nur gelingen, wenn sie sich ökonomisch rechnet, und das ist heute oft der Fall. Ob Leuchtdioden oder Energiesparmotoren: Effiziente Technologien rechnen sich meist schon nach ein paar Jahren, und inzwischen ist auch Strom aus Wind und Sonne weltweit günstiger als Kohlestrom. Selbst Ölstaaten wie Saudi-Arabien investieren in große Solarkraftwerke.

    Windräder in Indien: Gemeinsam mit China hat das Land größere Kapazitäten in den erneuerbaren Energien aufgebaut als Europa und die USA zusammen.

    Windräder in Indien: Das Land will 2030 die Hälfte seines Stroms aus erneuerbaren Quellen gewinnen.

    Viele Länder bauen aber immer noch Kohlekraftwerke.
    Eberl: Das gilt eigentlich nur noch für einige Länder Asiens. Die Energiewende ist längst ein globales Projekt. 70 Prozent der weltweit neu installierten Kraftwerksleistung ist heute Wind- und Solarenergie. Wussten Sie, dass China und Indien schon mehr erneuerbare Energien installiert haben als Europa und die USA? Das zeigt, wohin die Reise geht.

    In Ihrem Buch identifizieren Sie neun globale Krisen und nennen dafür technologische Lösungen. Krise Nummer eins ist die Energieversorgung.
    Eberl: Das ist der stärkste Hebel, weil der Energiesektor so unfassbar viel Treibhausgas freisetzt. Wenn wir alle fossilen Kraftwerke durch erneuerbare Energien ersetzen und Verbrennungsmotoren durch Elektroantriebe, dann sparen wir allein dadurch zwei Drittel der Emissionen aus Kohle, Öl und Gas ein. Wir müssen endlich Schluss machen mit dem fossilen Energy-Drink!

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    Selbst wenn die Atomkraft eines Tages den Durchbruch schaffen sollte, käme sie zu spät, um uns im Kampf gegen die Klimakrise zu helfen

    Ulrich Eberl

    Welche Rolle wird die Atomenergie dabei spielen?
    Eberl: Einige Länder setzen weiter darauf, aber sie wird unsere Probleme nicht lösen. Atomstrom ist alles andere als billig, die Endlagerfrage ist ungeklärt, und neuartige kleine Kernkraftwerke, wie Bill Gates sie favorisiert, sind weit weg von der Marktreife. Selbst wenn die Atomkraft eines Tages den Durchbruch schaffen sollte, käme sie zu spät, um uns im Kampf gegen die Klimakrise zu helfen. Wir müssen jetzt die Hebel umlegen, in den 2020er-Jahren. Das ist die entscheidende Phase, bevor mögliche Kipppunkte im Klimasystem überschritten werden.

    Und was antworten Sie auf das Totschlagargument von Energiewende-Skeptikern: die Dunkelflaute, in der Sonne und Wind keinen Strom liefern?
    Eberl: Natürlich gibt es diese Phasen, aber das lässt sich meistern: durch gut ausgebaute internationale Stromnetze, über die sich Länder gegenseitig helfen, durch Speicher, durch eine intelligente Verzahnung von Energieerzeugung und -verbrauch und durch Gaskraftwerke, die grünen Wasserstoff rückverstromen. Weil die Preise für Grünstrom inzwischen so niedrig sind, bin ich optimistisch, dass wir das hinbekommen. Auch die Kosten für Batterien sind in den letzten zwölf Jahren um 90 Prozent gesunken. Auf der Messe in Schanghai wurden jüngst vollwertige E-Autos für rund 10.000 Euro vorgestellt.

    Mit dem Modell Seagull prasentiert der chinesische Hersteller BYD ein vollwertiges Elektroauto für umgerechnet 10.000 Euro

    Autobatterien werden immer günstiger: Auf der Messe in Schanghai präsentierte der chinesische Hersteller BYD mit dem Modell Seagull jüngst ein E-Auto für rund 10.000 Euro.

    An der Nachhaltigkeit der E-Autos gibt es allerdings Zweifel, weil etwa das nötige Lithium unter umweltschädlichen Bedingungen abgebaut wird.
    Eberl: In Südamerika könnte in der Tat das Grundwasser leiden, aber der größte Lithium-Lieferant ist Australien, wo es im normalen Bergbau gewonnen wird. Kobalt aus dem Kongo ist ebenfalls problematisch, weshalb kobaltfreie Batterien entwickelt werden. Nicht vergessen sollte man auch den Recyclingfaktor: Je mehr Batterien im Umlauf sind, desto mehr Rohstoffe lassen sich daraus zurückgewinnen. Die Kreislaufwirtschaft ist ohnehin ein unterschätzter Hebel für die Wirtschaftswende – das gilt für Kunststoffe, für Metalle und vieles andere. Allein in Deutschland liegen alte Handys mit sechs Tonnen Gold und 60 Tonnen Silber herum. Solche Schätze müssen wir heben! Bei den Recherchen zu meinem Buch ist mir klargeworden, dass es zahlreiche solcher kaum beachteten Bereiche gibt, in denen sich viel für den Klimaschutz tun ließe.

    Zum Beispiel?
    Eberl: Am meisten haben mich die offenen Müllhalden in Südostasien und den Subsahara-Ländern Afrikas überrascht. Daraus entweicht jedes Jahr mehr an Klimagasen, als ganz Deutschland emittiert – vor allem in Form von Methan. Hallo?! Warum passiert da nichts? Warum konzentrieren wir uns in der Entwicklungspolitik nicht darauf, eine geordnete Müllbehandlung in diesen Ländern zu fördern? Die Effekte wären riesig: weniger Giftstoffe, weniger Plastikmüll, weit weniger Klimagase, bessere Lebensbedingungen für die Menschen vor Ort. Man könnte die Investitionen vielleicht sogar mit CO2-Zertifikaten verrechnen – eine Win-win-Situation!

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    Es geht um einen Werte- und Kulturwandel. Wir sollten wegkommen von der Verzichtsdebatte, denn im Kern dreht es sich um mehr Lebensqualität

    Ulrich Eberl

    Sie sagen, dieses Jahrzehnt sei das entscheidende im Kampf gegen die Klimakrise. Ein Drittel ist bereits verstrichen. Sind Sie trotzdem optimistisch?
    Eberl: Was mich zuversichtlich stimmt, ist, dass wir alle nötigen Technologien bereits besitzen. Jetzt geht es um einen Werte- und Kulturwandel. Wir sollten wegkommen von der Verzichtsdebatte, denn im Kern dreht es sich um mehr Lebensqualität: In einer Stadt der kurzen Wege mit viel Grün und mehr Holz statt Beton lebt es sich stressfreier, weniger Fleisch zu essen, ist gesünder, Solar- und Windstrom machen uns weniger erpressbar und so weiter. Allerdings: Bis das Verfeuern von Kohle, Öl und Gas als genauso unmoralisch gilt wie das Rauchen im Restaurant, das dauert. Auf der anderen Seite gibt es Entwicklungen, die extrem schnell gehen: Wie rasch hat die Gesellschaft auf die Coronapandemie reagiert und wie schnell wurden Impfstoffe entwickelt? Es kann schnell gehen. Worauf warten wir noch?

    Die Fragen stellte Volker Kühn.

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