• Search12.11.2021

Klimaschutz-Autor David Nelles

„Ich wünsche mir mehr Mut von der Politik“

Funktioniert Klimaschutz nur, wenn man die ganze Gesellschaft überzeugt? Nein, sagt David Nelles: Wenn die Mehrheit dahintersteht, kann man Proteste dagegen gelassen hinnehmen. Im Interview erklärt der Autor, warum die Demokratie der beste Weg zur Lösung der Klimakrise ist.

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    Christian Serrer und David Nelles, Autoren von „Kleine Gase, große Wirkung“ und „Die Klimalösung: Machste dreckig, machste sauber“. Interview für EnergieWinde

     

    David Nelles (rechts) und Christian Serrer sind 25, studieren Wirtschaft an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen und haben vor zwei Jahren mit „Kleine Gase – Große Wirkung“ im Eigenverlag einen Bestseller zum Klimawandel geschrieben. Jetzt haben sie nachgelegt: In „Machste dreckig – machste sauber“ liefern sie Lösungen für die Klimakrise. Das Buch richtet sich an Entscheider in Politik und Wirtschaft. Denn dort gebe es „jede Menge Missverständnisse und Unklarheiten“ über die Erderwärmung. Ein Gespräch über ideologische Grabenkämpfe in der Energiepolitik, den Umgang mit lautstarken Klimaleugnern und die Frage, wie viel eine mögliche Ampelkoalition bewegen kann, wenn sie schon am Tempolimit scheitert.

    Herr Nelles, Sie haben gerade Ihr zweites Klimabuch herausgebracht. Sind Sie und Ihr Ko-Autor Christian Serrer nicht ausgelastet im Studium?
    David Nelles: Doch, doch! Das Studium hat ziemlich unter der Arbeit an den Büchern gelitten. Aber das Thema war uns einfach wichtig. Wir haben damit begonnen, weil wir feststellen mussten, dass wir verdammt wenig über die Ursachen und Folgen des Klimawandels wussten. Weil wir aber auch kein Buch finden konnten, dass uns die Sache knapp, anschaulich, laienverständlich und ohne Meinung oder Ideologie erklärt, haben wir uns gesagt: Dann schreiben wir das doch einfach selbst! Dass das Ganze in so viel Arbeit ausarten würde, haben wir damals nicht geahnt. So ist vor zwei Jahren „Kleine Gase – Große Wirkung“ entstanden.

    Was sich offenbar ganz gut verkauft hat. Auf dem Cover klebt ein roter „Bestseller“-Aufkleber.
    Nelles: Wir haben zum Start 100.000 Exemplare im Selbstverlag gedruckt. Inzwischen hat es sich sogar fast eine halbe Million Mal verkauft.

    Wie erklären Sie sich den Erfolg?
    Nelles: Offenbar ging es sehr vielen Menschen genauso wie uns: Sie wollten mehr über den Klimawandel wissen, hatten aber keine Lust, dafür ein dickes Fachbuch zu studieren. Unsere Bücher enthalten sehr viele anschauliche Grafiken, die Texte sind kurz und allgemeinverständlich.

    Aber trotzdem wissenschaftlich fundiert?
    Nelles: Definitiv! Wir haben unsere Texte mit mehr als 100 anerkannten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern abgestimmt, per E-Mail, am Telefon, in Skype-Konferenzen und so weiter. Am zweiten Buch waren sogar mehr als 250 Forscher beteiligt. Viele, denen wir eine Frage gestellt haben, kannten unser erstes Buch schon, das hat uns den Zugang enorm erleichtert. Manche Institutsleiter hatten eigentlich nur zwei Minuten Zeit, haben sich dann aber zwei Stunden für uns genommen. Das war großartig!

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    Oft wird in solchen Kreisen noch hitziger diskutiert als in der öffentlichen Debatte

    David Nelles

    Warum brauchte es noch ein zweites Buch?
    Nelles: Im ersten ging es um Ursachen und Folgen des Klimawandels. Nachdem es erschienen ist, haben wir mehr als 150 Vorträge gehalten, vor Politikern verschiedener Parteien, vor Unternehmern und Institutionen wie der Europäischen Zentralbank. Dabei haben wir festgestellt, wie groß die Verwirrung bei vielen Entscheidern noch immer ist. Alle kennen sich mit Ausschnitten des Themas aus, aber nur wenige haben das Gesamtbild. Kaum einer weiß, wie umfassende Lösungen für das Problem aussehen können. Mit „Machste dreckig – machste sauber“ wollen wir genau diese Lösungen liefern.

    Dabei sollte man meinen, dass sich gerade Entscheider aus Wirtschaft und Politik bereits gut auskennen.
    Nelles: Von wegen! Da gibt es jede Menge Missverständnisse und Unklarheiten. Oft wird in solchen Kreisen noch hitziger diskutiert als in der öffentlichen Debatte. Alle haben einen Flickenteppich von Einzelmaßnahmen im Kopf, aber wenige schaffen es, daraus einen systematischen Katalog aus konkreten Schritten zusammenzusetzen. In solchen Diskussionen haben wir gemerkt: Mensch, da müssen wir auch noch aufräumen! Wir haben das Buch deshalb wie einen Fahrplan aufgebaut: Mit jeder Seite kommt der Leser der Lösung einen Schritt näher und am Ende weiß er, was man tun muss.

    „Sehr zu empfehlen“, sagt Harald Lesch, „wissenschaftlich fundiert“, lobt Claudia Kemfert, „ein wichtiges Buch“, findet Sven Plöger: „Machste dreckig, machste sauber“ …

    … stößt auf viel Anklang in der Klimaszene. An dem Buch haben nach Angaben von Christian Serrer und David Nelles mehr als 250 Forscher mitgewirkt. In Telefonaten …

    … Videokonferenzen und per E-Mail haben die beiden Autoren mit den Wissenschaftlern Lösungen für verschiedenste Aspekte der Klimakrise gesucht. Das Buch befasst sich …

    … mit den Sektoren Energie, Gebäude, Landwirtschaft, Verkehr und Industrie sowie mit Ursachen und Folgen des Klimawandels, der Entfernung von CO2 aus der …

    … Atmosphäre und den Herausforderungen für Politik und Gesellschaft. In zahllosen Grafiken und kurzen Texten behandeln Nelles und Serrer etwa die Frage, wie die …

    … Stahlbranche klimaneutral werden kann oder welche Maßnahmen die Akzeptanz von Windparks oder Stromtrassen in der Nachbarschaft fördern können.

    Worum genau ging es in diesen hitzigen Diskussionen?
    Nelles: Zum Beispiel um die Frage, wie sinnvoll Windkraftanlagen sind, wenn darin Vögel sterben. Das ist ja nun mal Fakt und ein echtes Problem. Aber immer, wenn wir diese Anlagen nicht aufstellen, verbrennen wir weiter fossile Energien, was dazu führt, dass sich die Klimakrise verschlimmert und noch mehr Tiere und Arten sterben. Wenn man die Dinge in solchen Zusammenhängen diskutiert, wachsen das Verständnis und die Akzeptanz dafür. Wir sind aktuell in Gesprächen mit vielen Bundestagsabgeordneten und stellen fest, dass es noch reichlich Aufholbedarf beim Wissen um effizienten Klimaschutz gibt.

    Ist das wirklich immer so einfach? Lässt sich jede Streitfrage klar für die eine oder andere Seite entscheiden?
    Nelles: Es sind immer Abwägungsprozesse. Man muss die Fakten kennen, um die Folgen einer Maßnahme beurteilen zu können. Dann kann man sich dafür oder dagegen entscheiden. Derzeit passiert das allerdings oft nicht auf Faktenbasis, sondern aus dem Bauch oder aus ideologischen Überlegungen heraus. Ein gutes Beispiel ist die Atomkraft. Wir haben in unserem Buch ganz wertfrei die Vor- und Nachteile der Technologie dargestellt. Diese Wertfreiheit war auch den beteiligten Wissenschaftlern wichtig. Immer wenn wir davon abgewichen sind und geschrieben haben, dass man dieses oder jenes tun sollte oder müsste, haben sie uns auf die Finger geklopft. Dass im Ergebnis auch vorteilhafte Seiten der Atomkraft im Buch genannt werden, passt aber sicher nicht allen Lesern.

    Wie stehen Sie selbst zur Atomkraft?
    Nelles: Es ist immer besser, die erneuerbaren Energien auszubauen, schon weil sie viel günstiger und sicherer sind. Das gilt gerade in einem Land wie Deutschland, das sich mit eigener Erzeugung und Importen zu 100 Prozent erneuerbar versorgen kann. Trotzdem muss man sehen, dass von Kohlekraftwerken und damit dem Klimawandel eine noch größere Gefahr ausgeht als von Kernkraftwerken. Letztere sollten also nicht abgeschaltet werden, wenn sie dann durch fossile Energien ersetzt werden müssen.

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    Es reicht, wenn der Großteil dahintersteht. Es wird immer Widerstände geben, aber das muss man hinnehmen. Das nennt man Demokratie

    David Nelles

    Windkraft, Atomenergie – wie kriegt man die Hitzigkeit aus der öffentlichen Debatte um solche Themen?
    Nelles: Mit Fakten und transparenten Entscheidungen. Anders geht es nicht.

    Und was ist mit denen, die alle wissenschaftlichen Fakten leugnen, aber umso lauter gegen die Energiewende protestieren? Die Politik betont oft, dass man beim Klimaschutz „alle mitnehmen“ müsse.
    Nelles: Das ist Quatsch, man muss nicht alle mitnehmen! Man muss abwägen, zu einer Entscheidung kommen und dafür dann Mehrheiten organisieren. Man wird es niemals erreichen, dass jeder Einzelne dahintersteht. Es reicht aber auch, wenn es der Großteil ist. Es wird immer Widerstände geben, aber das muss man hinnehmen. Das nennt man Demokratie.

    Nimmt die Politik zu viel Rücksicht auf lautstarke Minderheiten?
    Nelles: Ja. Ich würde mir mehr Mut wünschen. Das fängt schon damit an, dass man den Leuten die Wahrheit darüber erzählt, was in den nächsten Jahren ansteht. Beispiel CO2-Bepreisung: Da hieß es vor vier Jahren aus der Bundesregierung, das wollen wir nicht, weil wir dem Bürger nicht in die Tasche greifen wollen. Dass eine solche Maßnahme sinnvoll ist und wie man sie sozial abfedern kann, wurde nicht erklärt, stattdessen hat man den Leuten Angst gemacht. Dann kam die Bepreisung doch, und natürlich gab es große Vorbehalte. Die Bundesregierung muss jetzt gegen die Vorurteile ankämpfen, die sie zuvor selbst in die Welt gesetzt hat.

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    Es ist eine Schwäche der Politik, wenn sie den Menschen keinen reinen Wein einschenkt. Aber grundsätzlich ist die Demokratie die beste Form, um die Klimakrise zu bekämpfen

    David Nelles

    Ist dieses Denken von Wahl zu Wahl eine Schwäche der Demokratie?
    Nelles: So weit würde ich nicht gehen. Es ist eine Schwäche der Politik, wenn sie den Menschen keinen reinen Wein einschenkt. Aber grundsätzlich ist die Demokratie die beste Form, um die Klimakrise zu bekämpfen, auch wenn sie langsamer reagiert als autokratisch oder diktatorisch regierte Länder. Es braucht den Druck von unten. Fridays for Future hat wahnsinnig viel ins Rollen gebracht, aber in einer Diktatur hätte die Bewegung keine Chance. Oder nehmen Sie die DDR: Dort war es fast unmöglich, dass die Zivilgesellschaft der Politik auf die Füße tritt. Der CO2-Ausstoß pro Kopf war in der DDR 1989 doppelt so hoch wie in der BRD, dabei war die Wirtschaftsleistung siebenmal so klein. Die Umweltverschmutzung war gigantisch, die Schwefeldioxidbelastung die höchste in ganz Europa. Warum? Weil es lasche Umweltgesetze gab, da die Bevölkerung keinen Druck auf den Gesetzgeber ausüben konnte. Im Westen dagegen haben die Menschen einen blauen Himmel über dem Ruhrgebiet gefordert – und die Politik hat das umgesetzt.

    Jetzt fordert die Klimabewegung, dass uns die nächste Bundesregierung auf einen 1,5-Grad-Kurs bringt. Glauben Sie, dass auch das umgesetzt wird?
    Nelles: Vielleicht nicht auf 1,5 Grad, aber zumindest schon mal auf zwei Grad. Was mich positiv stimmt, ist, dass so kleine, billige Maßnahmen wie eine Solarpflicht, bei der es nur Gewinner gibt, plötzlich machbar sind. Wenn die Klimabremser abgewählt werden und eine neue Regierung antritt, dann geht so etwas plötzlich.

    Das Tempolimit geht allerdings nicht. Das wäre auch so eine billig zu habende Maßnahme für den Klimaschutz gewesen.
    Nelles: Stimmt. Da kann man nur hoffen, dass dafür an anderer Stelle etwas Besseres kommt, ein früherer Kohleausstieg zum Beispiel. Dann hätte die Aufgabe des Tempolimits unter dem Strich etwas gebracht. Daumen drücken!

    Die Fragen stellte Volker Kühn.

    Eine ausführliche Leseprobe von „Machste dreckig, machste sauber gibt es hier (PDF).

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