• Search05.11.2021

Umgang mit der Klimakrise

Verdrängen liegt in unserer Natur

Viele fürchten die Folgen des Klimawandels, aber nur wenige sind bereit, konsequent darauf zu reagieren. Umweltpsychologen erklären das mit der Macht liebgewonnener Gewohnheiten. Im Zweifel könnten die allerdings auch schnell abgelegt werden.

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    Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – und hoffen, dass alles doch nicht so schlimm wird: So verhalten sich viele Menschen angesichts der Klimakrise. Illustration: Andreas Mohrmann

    Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen – und hoffen, dass alles doch nicht so schlimm wird.

     

    Von Heimo Fischer

    Hitze, Stürme, Brände, Fluten – weltweit nimmt die Zahl der Naturkatastrophen zu. Sie töten Menschen und verursachen Milliardenschäden. Das Groteske daran: Nichts davon kommt überraschend. Seit Jahrzehnten warnt die Wissenschaft vor den Folgen des Klimawandels. Doch die Menschen haben ihr Verhalten kaum geändert. Im Gegenteil, der CO2-Ausstoß ist seit den Achtzigerjahren sogar um 75 Prozent gestiegen.

    Natürlich gibt es Fortschritte wie den Pariser Klimavertrag oder den Green Deal der EU. Und zumindest in Deutschland sieht eine breite Mehrheit den Klimawandel als reale Gefahr. Nach einer Umfrage des Kölner Rheingold-Instituts fürchten 88 Prozent, dass Krisen wie der Klimawandel zu drastischen Veränderungen führen. Auf das Verhalten des Einzelnen scheinen sich solche Ängste aber wenig auszuwirken.

    Nach einer aktuellen Umfrage der Stuttgarter FOM-Hochschule mit 14.000 Teilnehmern sind 74 Prozent der Befragten überzeugt, dass die Welt auf eine ökologische Katastrophe zusteuert. Ihr Verhalten wollen aber nur wenige rigoros ändern. Nur jeder Dritte will versuchen, öfter auf Fleisch zu verzichten. Jeder Vierte hat vor, sich bei tierischen Erzeugnissen wie Eiern oder Käse einzuschränken. Ihre Urlaubsflüge wollen nur 38 Prozent reduzieren.

    Was würden Menschen für Umwelt-, Natur- und Klimaschutz tun? Die Umfrage von 2021 zeigt, dass Verzicht wenig populär ist. Infografik: Andreas Mohrmann

    Wie ist es zu erklären, dass Menschen wider besseres Wissen ihr Verhalten nicht ändern und ihre Lebensgrundlagen aufs Spiel setzen? Der Umweltpsychologe Andreas Ernst von der Universität Kassel erklärt dieses Phänomen so: „Unser Gehirn arbeitet nicht immer rational, sondern verhält sich oft kurzsichtig.“ Der Grund kann reine Bequemlichkeit sein oder die Furcht, Liebgewonnenes zu verlieren. Sei es das schnelle Auto, das dicke Steak oder die jährliche Fernreise.

    Durch den Kurswechsel zum umweltgerechten Verhalten steht für viele Menschen eine über Jahrzehnte eingeübte Lebenshaltung auf dem Spiel. „Es verhält sich ähnlich wie beim Rauchen“, sagt Ernst. Menschen wissen, dass sie sich schaden. „Aber sie können nicht aufhören, weil sie soziale oder körperliche Faktoren als wichtiger erachten.“ Verzicht tut weh – und wird deshalb gern vermieden.

    Andreas Ernst ist Professor am Center for Environmental Systems Research (CESR) der Uni Kassel. Im Interview spricht er darüber, warum Wissen und Handeln in der Klimakrise oft so schwer vereinbar sind.

    „Unser Gehirn arbeitet nicht immer rational“, sagt der Umweltpsychologe Andreas Ernst.

    Weil aber auch niemand gern ein schlechtes Gewissen hat, suchen sich Menschen Argumente, die das eigene Tun rechtfertigen. Manchmal verfestigen sie sich zu Glaubenssätzen, die mit heiligem Furor verteidigt werden. Da heißt es dann fälschlicherweise, dass es global kaum was nütze, wenn Deutschland bei der Energiewende ein hohes Tempo vorlegt. Oder dass der Beitrag des Fliegens zum weltweiten CO2-Ausstoß minimal sei. Und überhaupt, was macht schon ein Verbrenner mehr oder weniger auf den Straßen aus?

    „Auf diese Weise stellen Menschen ihre innere Konsistenz wieder her“, sagt Umweltpsychologe Ernst.

    Wir sind gut im Verdrängen. Besonders, wenn es um Dinge in der Zukunft geht

    Als weiteren Grund sehen Fachleute die zeitliche Lücke zwischen dem Handeln und den daraus resultierenden Folgen. Wer sein undichtes Dach nicht stopft, hat sehr schnell ein Problem. Wer sich hingegen klimaschädlich verhält, wacht am nächsten Tag in derselben Welt auf wie heute. Dadurch lassen sich negative Folgen hervorragend verdrängen. „Menschen beherrschen die Kunst sehr gut, Dinge zu ignorieren, die ihnen nicht gefallen“, sagt die Psychoanalytikerin Delaram Habibi-Kohlen, Mitglied bei Psychologists for Future.

    In Interviews mit Studierenden habe sie festgestellt, dass sich viele nicht vorstellen können, dass unsere Gesellschaft eines Tages keine Sicherheit mehr bieten und der Klimawandel tatsächlich in die Katastrophe führen könnte. „Seit Ende des Zweiten Weltkriegs hat es hierzulande keine wirklich existenziellen Krisen mehr gegeben“, sagt Habibi-Kohlen.

    Seit 2013 ist Verzicht ein Kampfbegriff: Da kamen die Grünen mit dem Veggie Day

    Auch Politiker weisen die Menschen ungern darauf hin, dass sie ihre Gewohnheiten ändern müssen, um Risiken abzuwenden. Aus gutem Grund. Als die Grünen 2013 einen Veggie Day anregten, lösten sie einen Sturm der Entrüstung aus und wurden als Verbotspartei und Verzichtsapostel stigmatisiert. Bei der Bundestagswahl im selben Jahr brach das Wahlergebnis der Grünen ein und die Partei wäre fast aus dem Bundestag geflogen.

    Es sei unfair, den Schwarzen Peter immer bei den Politikern zu suchen, sagt der Physiker Ernst Ulrich von Weizsäcker in einem „Spiegel“-Interview. „Es sind die Wählerinnen und Wähler, die einen schnellen Wandel verhindern.“

    Der Leidensdruck steigt – und damit auch die Bereitschaft, darauf zu reagieren

    Solche Mechanismen sind eine Schwäche der Demokratie – das zumindest ist die Ansicht des Historikers und Philosophen Philipp Blom. In einer Situation, in der die Dynamik des Klimawandels den Menschen entgleitet, seien langsame demokratische Prozesse unterlegen. „Da müssten eigentlich starke Maßnahmen getroffen werden“, sagte Blom kürzlich im Schweizer Fernsehen.

    Dass unsere Demokratie im Kampf gegen den Klimawandel an ihre Grenzen stößt, hält Umweltpsychologe Ernst dagegen für übertrieben. „Bevor wir die Systemfrage stellen, sollten wir abwarten, was passiert, wenn uns die Natur mit Extremereignissen noch mehr auf die Pelle rückt.“ Denn wenn Menschen getroffen sind, dann vermögen sie plötzlich, sehr schnell zu handeln.

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