Psychologe Stephan Grünewald

„Fridays for Future“ ist ein Weckruf

Stephan Grünewald ist Deutschlands wohl bekanntester Marktforscher. Im Interview spricht er über die Motive und Ziele der Klimabewegung, ihre Zukunftsaussichten und die Gefahr einer Radikalisierung der Proteste.

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    Stephan Grünewald, Psychologe und Meinungsforscher, spricht im Interview über die Motive und Ziele von „Fridays for Future“.

    Er gilt als „Seelenforscher der Nation“: der Psychologe und Marktforscher Stephan Grünewald.

    Vor Bundestagswahlen befragen Demoskopen Tausende Wähler. Stephan Grünewald und die Mitarbeiter seines Markt- und Meinungsforschungsinstituts Rheingold führen nur einige Dutzend Tiefeninterviews – und doch liegen ihre Prognosen oft dichter am Ergebnis als die der Konkurrenz. Mit solchen Vorhersagen hat sich Grünewald den Ruf eines „Seelenforschers der Nation“ erarbeitet. Seine Bücher sind Bestseller, der Literaturkritiker Denis Scheck nennt ihn „einen der scharfsinnigsten und sprachmächtigsten deutschen Gesellschaftsanalytiker". Er ist ein gefragter Talkshow-Gast, Konzernchefs und Parteistrategen pilgern zu ihm, wenn sie wissen wollen, was ihre Kunden oder Wähler denken.

    EnergieWinde hat mit Grünewald über „Fridays for Future“ gesprochen. Im Interview erklärt der 58-Jährige, was die Bewegung antreibt, wie ihre Perspektiven aussehen – und warum sich viele Deutsche Verbote zum Schutz des Klimas wünschen.

     

    Herr Grünewald, es ist Freitagmorgen: Während wir telefonieren, bereiten sich viele Tausend Schüler auf ihren nächsten Streik vor. Was motiviert sie dazu?
    Stephan Grünewald: Dahinter steht Zukunftsangst. Die junge Generation hört von den Klimawissenschaftlern all die düsteren Prognosen über die Entwicklung des Planeten. Gleichzeitig hat sie das Gefühl, dass die Erwachsenen nichts dagegen tun, weil sie die schlimmsten Folgen selbst nicht mehr erleben werden. Die Jugend fühlt sich mit dem Problem allein gelassen. „Fridays for Future“ ist ein Weckruf an die Generation der Eltern.

    Ist das vergleichbar mit der Umweltbewegung früherer Tage, die am Zaun in Wackersdorf gegen die Atomkraft gekämpft hat?
    Grünewald: Nein, überhaupt nicht. Damals ging es um einen radikalen Bruch. Die Protestbewegung hat den Lebensstil der Vorgängergeneration in jeder Hinsicht abgelehnt. Sie hat sich ja schon optisch ganz bewusst von ihr abgehoben. Die Jugend heute dagegen ist mit dem Leben ihrer Eltern im Großen und Ganzen zufrieden. Sie wünscht sich nur mehr Engagement für den Klimaschutz. Am liebsten würde sie gemeinsam mit den Eltern und Lehrern etwas dafür tun. Dazu fällt mir eine Anekdote ein, die ich heute Morgen erlebt habe.

    Nämlich?
    Grünewald: Ich habe meinen 14-jährigen Sohn gefragt, ob seine Klasse bei der Demo dabei ist. Er sagte, nein: Sie hätten keinen Lehrer gefunden, der mit ihnen hingeht. Das ist durchaus typisch für die Generation. In unseren Tiefeninterviews haben wir immer wieder festgestellt, dass die Jugendlichen ihren Eltern die Macht und die Kompetenz zugestehen, die Klimakrise zu lösen. Mit „Fridays for Future“ wollen sie den Anstoß dazu geben, endlich damit loszulegen. Das Ziel ist keine Revolte, sondern eher eine Kuschelsymbiose. Es ist im Übrigen eine sehr bürgerliche Bewegung. An den Hauptschulen oder in prekären Verhältnissen ist sie viel weniger stark verwurzelt.

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    Die Schüler wollen ernst genommen werden. Es kränkt sie, wenn ihnen die Polizei während der Demonstrationen durch zur Schau gestellte Gelassenheit das Gefühl gibt, keine ernstzunehmende Größe zu sein

    Stephan Grünewald

    Wie nachhaltig ist die Bewegung? Könnte es sein, dass sie genauso schnell abflaut, wie sie groß geworden ist?
    Grünewald: Für die Zukunft von „Fridays for Future“ halte ich drei Szenarien für möglich. Das erste ist, dass sich das Ganze erschöpft und nach und nach ausläuft. Das zweite ist, dass die Jugendlichen am Ball bleiben und tatsächlich etwas bewegen, sowohl bei der Politik als auch in der Gesellschaft. Das dritte Szenario ist, dass sich die Bewegung radikalisiert und sich Rädelsführer an die Spitze setzen, die weniger kuschelig auftreten.

    Was davon ist am wahrscheinlichsten?
    Grünewald: Szenario eins und drei. Wenn die breite Masse das Interesse daran verliert, werden fast automatisch die Radikalen übrigbleiben.

    Wie sollte die Politik auf die Schüler reagieren? Christian Lindner hat ihnen empfohlen, Klimaschutz den Profis zu überlassen.
    Grünewald: Damit hat er einerseits das ausgesprochen, was viele Jugendliche denken: Die Erwachsenen hätten aus ihrer Sicht ja die Kompetenz, etwas zu tun. Aber andererseits hat Lindner die Schüler natürlich abgekanzelt. Das ist verletzend. Sie wollen ernst genommen werden. Es kränkt sie, wenn ihnen die Polizei während der Demonstrationen durch zur Schau gestellte Gelassenheit das Gefühl gibt, keine ernstzunehmende Größe zu sein.

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    Verbote schaffen ein Gefühl von Gerechtigkeit, weil sich alle daran halten müssen. Ich bin dann nicht mehr der einzige, der sich selbst diszipliniert

    Stephan Grünewald

    Die Forderungen von „Fridays for Future“ sind zum Teil durchaus radikal. Sind die Schüler in ihrem eigenen Leben bereit, all die Abstriche zugunsten des Klimas zu machen, die sie von anderen verlangen?
    Grünewald: Die Jugendlichen sind genauso wie die Erwachsenen den Widersprüchen des Lebens ausgesetzt. Auch sie stehen vor der Frage, ob sie im Urlaub lieber in den Süden fliegen oder klimaneutral in Bad Berleburg bleiben. Das ist ein ständiger Kampf mit sich selbst. Es gibt all die Gebote: Du sollst kein Fleisch essen. Du sollst nicht fliegen. Du sollst keinen Diesel fahren. Du sollst keinen SUV kaufen. Das erzeugt einen ungeheuren Druck, dem man nicht immer standhalten kann. Daher rührt der Wunsch vieler Menschen nach klaren Regeln und Verboten.

    Die Deutschen wünschen sich Verbote?
    Grünewald: Ja, weil sie gleich doppelt entlastend sind: Zum einen werde ich nicht ständig in die Versuchung geführt, einer angenehmen, aber zugleich schädlichen Sache nachzugeben. Zum anderen schaffen Verbote ein Gefühl von Gerechtigkeit, weil sich alle daran halten müssen. Ich bin dann nicht mehr der einzige, der sich selbst diszipliniert.

    Sie lagen mit Ihren Prognosen oft dichter am Ergebnis der Bundestagswahlen als die bekannten Institute. Und das, obwohl sie nur sehr wenige Menschen nach ihrer Meinung befragen. Warum sind sie so erfolgreich?
    Grünewald: Weil wir nicht mit standardisierten Fragebögen arbeiten, sondern die Leute sinnbildlich zwei Stunden bei uns auf die Couch legen und ihnen den Raum geben, über wirklich alle Aspekte eines Themas zu sprechen. Über ihre Wünsche, Sehnsüchte und Ängste. Dadurch erhalten wir ein sehr genaues Bild von der Stimmungslage im Land. In meinen Büchern erstelle ich auf dieser Basis regelmäßig ein Psychogramm der Nation.

    Wie viele Schüler hat Ihr Institut zum Klimaschutz interviewt?
    Grünewald: In einer ersten Pilotstudie zum Thema „Fridays for Future“ waren es 20. Wir achten darauf, dass wir Mädchen und Jungen gleichermaßen berücksichtigen, genauso wie verschiedene Schultypen usw. Die Studien sind natürlich nicht bevölkerungsrepräsentativ, aber aufgrund der Tiefe der Interviews trotzdem sehr genau. In weiteren Interviews haben dann 30 Jugendliche befragt und festgestellt, dass sich die Erkenntnisse erhärten: Das Thema Klimaschutz ist der jungen Generation wirklich wichtig.

    Die Fragen stellte Volker Kühn.

    Zur Person
    Der Diplom-Psychologe Stephan Grünewald ist Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Rheingold in Köln und Autor mehrerer Bestseller, in denen er die Seelenlage der Deutschen analysiert. Der 58-Jährige und sein Team führen jedes Jahr mehr als 5000 Tiefeninterviews durch, in denen sie sich mit aktuellen gesellschaftlichen und ökonomischen Fragen befassen. Sein jüngstes Buch „Wie tickt Deutschland? Psychologie einer aufgewühlten Gesellschaft“ ist im März bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

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