Greta Thunberg in Hamburg

Die große Macht der kleinen Greta

Binnen weniger Monate ist Greta Thunberg von einer stillen Stockholmerin zur einflussreichsten 16-Jährigen des Planeten geworden. Beim „Fridays for Future“-Protest in Hamburg mobilisiert sie Tausende Schüler.

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    Greta Thunberg bei der Fridays-for-Future-Demonstration am 1. März 2019 in Hamburg.

    Von Gregor Kessler

    Greta Thunberg ist klein. Die weiße Strickmütze über den geflochtenen Zöpfen der 16-Jährigen ragt kaum bis zur Schulter ihrer Altersgenossen, als sie sich Freitagmorgen in die erste Reihe des Demozugs in Hamburg einreiht. Doch Greta weiß, dass ihre Größe ein Vorteil ist. „Du bist nie zu klein, um nicht doch einen Unterschied zu machen“, diktierte sie auf der Klimakonferenz von Kattowitz im Dezember einer schnell aufmerksam werdenden Öffentlichkeit in den Block. Den schlagenden Beweis hat sie selbst geliefert: Innerhalb weniger Monate und ganz gegen ihren Willen ist Greta von einer stillen Stockholmer Schülerin zur einflussreichsten 16-Jährigen des Planeten geworden.

    Greta Thunberg hat etwas in Gang gesetzt, das es zuvor nicht gab: Kinder und Jugendliche gehen während ihrer Schulzeit zu Zehntausenden für den Klimaschutz auf die Straße. Unter dem Motto „Fridays for Future“ tun sie das jeden Freitag, und sie tun es von Australien über Deutschland bis in die USA. Dabei stellen die Kinder Politikern und anderen Erwachsenen eine naheliegende, aber sehr unbequeme Frage: Warum tut Ihr nichts gegen die Klimakrise?

    Im Minutentakt bringen Busse Schüler auf den Hamburger Gänsemarkt

    Welches Ausmaß diese Bewegung inzwischen angenommen hat, zeigt sich am Freitag um halb neun am Hamburger Gänsemarkt. Aus jedem der im Minutentakt haltenden Busse quellen weitere Schülerpulks mit Schildern, Plakaten und Transparenten: „Make Earth cool again“, „Dinos dachten auch sie hätten Zeit“ und „Act the fuck now!“ steht auf ihnen. Bald ist der Platz ein Meer aus Schildern und mehreren Tausend jungen Menschen. Es sind Greta Thunbergs Vorbild und ein paar Whatsapp-Gruppen, die inzwischen Klimademos auf die Beine stellen, von deren Größe Umweltorganisationen zuvor nur träumen konnten.

    Als sich Greta Thunberg am 20. August vergangenen Jahres zum ersten Mal morgens um acht Uhr vor den Reichstag in Stockholm setzte, lag der heißeste schwedische Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen hinter und eine unwirkliche Entwicklung vor ihr. Auf ein Schild hatte sie „Skolstrejk för Klimatet“ gepinselt, „Schulstreik fürs Klima“.

    Ihre Altersgenossen skandieren Parolen. Greta liegt eher der Streit mit Politikern

    Der menschgemachte Temperaturanstieg und seine immer unübersehbarer werdenden Folgen gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Greta Thunberg leidet an Asperger, einer Form von Autismus. Asperger-Patienten neigen dazu, sich in Spezialinteressen zu vertiefen, und bei ihr wird die Klimawissenschaft zu diesem Spezialinteresse. Während sie sich in Hamburg unter den skandierenden Schülern ihres Alters unwohl zu fühlen scheint, spricht sie während der Klimakonferenz in Kattowitz in hochkarätigen Runden ruhig über die Probleme negativer Emissionen, die Keeling-Kurve und die Gefahr des Methans im tauenden Permafrostboden.

    Greta Thunberg, Klimaaktivistin, steht während einer Kundgebung auf dem Rathausmarkt auf einer Bühne. Die junge Schwedin ist erstmals für einen Schulstreik für mehr Klimaschutz nach Deutschland gekommen.

    Asperger-Patienten neigen dazu, sich in Spezialthemen zu vertiefen. Bei Greta Thunberg ist es der Klimawandel.

    Das Asperger-Syndrom stärkt sie nicht nur inhaltlich sondern auch äußerlich. Die schwach ausgeprägte soziale Interaktion verleiht Gretas Auftritten zarte Schwere, die unbewegliche Mimik mahnenden Ernst, der stoische Blick Entschlossenheit. All diese erwachsenen Eigenschaften im Körper einer mehrere Jahre jünger wirkenden 16-Jährigen verdichten sich zu einer höchst ungewöhnlichen Erscheinung.

    Doch da ist noch etwas: Gretas Sprache. Als sie am Freitag um Viertel nach elf auf dem Hamburger Rathausmarkt ans Mikrophon tritt, sagt sie klar und unversöhnlich: „Politiker und Menschen an der Macht sind zu lange damit davongekommen, nichts zu tun, um die Klimakrise zu bekämpfen. Wir werden sicherstellen, dass sie damit nicht länger durchkommen.“

    Oft wirken Drohungen von Kindern komisch. Auf den Klimaschutzdemos nicht

    Drohungen aus dem Mund eines Kindes wirken oft komisch, im Fall von Fridays for Future aber liegt genau hier die Stärke der Bewegung. Kinder haben am wenigsten zur Klimakrise beigetragen und werden doch am längsten mit ihren Folgen leben müssen. Schon das alleine gibt ihnen eine glaubhafte Stimme. Dass sie die während ihrer Schulzeit erheben, verstärkt ihre Erzählung nur: Die längst stattfindende Zerstörung unserer Zukunft wiegt weit schwerer als ein paar versäumte Schulstunden, sagen diese Demonstrationen.

    Inzwischen springt die Wissenschaft den Schülern bei. Der Klimaforscher Mojib Latif spricht kurz vor Greta Thunberg auf dem Rathausmarkt: Auch 40 Jahre nach der ersten Klimakonferenz „passiert weiter nichts“. Deshalb sei der Protest so wichtig. „Wenn der Druck von unten nicht kommt, wird oben auch nichts passieren“, so Latif.

    Ihre Popularität gefällt nicht allen. Im Internet wird die 16-Jährige zur Zielscheibe

    Dass dieser Druck von unten inzwischen nicht mehr zu übersehen ist, hat nicht nur positive Effekte. Greta Thunberg und die gesamte Schülerstreikbewegung müssen im Netz Häme und Verschwörungstheorien aushalten. Kritiker werfen den Jugendlichen vor, sich instrumentalisieren zu lassen und fremdgesteuert zu sein. Kanzlerin Merkel verstieg sich auf der Münchener Sicherheitskonferenz sogar dazu, die Schülerproteste in die Nähe von Russlands hybrider Kriegsführung zu stellen.

    uisa Neubauer (l), deutsche Klimaaktivistin und eine der Hauptorganisatorinnen des Schulstreiks Fridays for Future, und Greta Thunberg, schwedische Klimaaktivistin, stehen vor dem Rathaus. picture alliance/Daniel Bockwoldt/dpa

    Im August hat Greta Thunberg zum ersten Mal mit ihrem Schild „Skolstrejk för Klimatet“ vor dem Reichstag in Stockholm protestiert. Hier steht sie mit Luisa Neubauer, einer der Organisatorinnen des Streiks in Hamburg, vor dem Rathaus der Hansestadt.

    Bald wird sich zeigen, ob der anhaltende Protest der Jugendlichen eine bleibende Wirkung erzielt. Auch wenn sie an den kommenden Freitagen wieder auf die Straße gehen, wird der Streit über das geplante Klimaschutzgesetz kaum beigelegt sein. Geht es nach dem Willen der Union, wird dem CO2-Ausstoß darin mal wieder nicht sonderlich konkret zu Leibe gerückt. Das wäre dann das, was Greta meint, wenn sie sagte, Politiker würden ihre Hausaufgaben nicht machen.

    Vielleicht aber behält doch einer der Großväter des friedlichen Widerstands Recht. „Erst ignorieren sie dich“, sagte Gandhi, „dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“

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