Offshore-Wind in Großbritannien

Die Vorstürmer

Großbritannien hängt in der Windkraft auf See bereits heute den Rest der Welt ab. Jetzt will Boris Johnson den Ausbau mit einem Milliardenprogramm weiter vorantreiben. Schon 2030 soll jeder britische Haushalt mit Strom vom Meer versorgt werden. Sind die Ziele realistisch?

InhaltsverzeichnisToggle-Icons

    Windpark Walney Extension vor der englischen Nordwestküste: Großbritannien ist schon zehn Jahre vor Deutschland in die Windkraft auf See eingestiegen.

    Von Heimo Fischer

    Am zweiten Weihnachtstag 2020 rast der Orkan Bella mit bis zu 160 Kilometern pro Stunde über die britischen Inseln hinweg, deckt Häuser ab und setzt Küstenstreifen unter Wasser. Keine guten Nachrichten. Weit draußen auf dem Meer allerdings sorgen die Böen für eine erfreuliche Meldung. Die Offshore-Windparks des Vereinigten Königreichs erzeugen an diesem Tag so viel Strom wie nie zuvor. Zusammen mit den Windrädern an Land pumpen sie 17,2 Gigawatt in die Netze. Schon im August desselben Jahres hatte die Windkraft einen Rekordbeitrag von 60 Prozent zum Strommix des Landes geleistet.

    Mögen diese Marken auch symbolisch sein, zeigen sie doch das riesige Potenzial, das in der britischen Windkraft steckt. Besonders die Offshore-Windkraft hat das Land in den vergangenen zwei Jahrzehnten kräftig ausgebaut. Mittlerweile ist Großbritannien der größte Offshore-Windmarkt der Welt mit einer installierten Leistung von knapp zehn Gigawatt, vor Deutschland mit fast acht Gigawatt und China mit rund sieben Gigawatt.

    Stromerzeugung in Großbritannien 2020: Gas und Wind sind die beiden größten Energiequellen im Vereinigten Königreich.

    Knapp ein Viertel des britischen Stroms kam im vergangenen Jahr aus der Windenergie. On- und Offshore-Windkraft waren dabei in etwa gleich stark beteiligt.

    Der britische Premierminister Boris Johnson will nun die Offshore-Windkraft zu einer noch wichtigeren Säule der Energieversorgung ausbauen – auch, um die Klimaziele für das Jahr 2050 zu erreichen. Im vergangenen November rief er eine „grüne industrielle Revolution“ aus. Mit zwölf Milliarden Pfund soll die Regierung einen Plan finanzieren, der ambitionierte Ziele für Energie, Transport, Innovationen und Städtebau setzt.

    Johnson will Großbritannien zum „Saudi-Arabien des Windes“ machen

    Ein Schwerpunkt soll dabei die Offshore-Windkraft sein. Schon 2030, in nicht einmal zehn Jahren, werde jeder britische Haushalt seinen gesamten Strom von einem Windpark im Meer erhalten, erklärte Boris Johnson. Den Bau von Häfen und Fabriken will der Staat mit umgerechnet 185 Millionen Euro unterstützen, damit die Windkraftturbinen der nächsten Generation im eigenen Land produziert und von dort verschifft werden können. Dahinter steht die Faszination einer unbegrenzten Ressource, die den Wohlstand des Landes sichern soll. „Was Öl für Saudi-Arabien ist, ist Wind für das Vereinigte Königreich“, fasste Johnson seine Vision zusammen.

    Der Energieexperte Malte Jansen vom Imperial College in London unterstützt den Kurs, warnt aber vor zu hohen Erwartungen. „Man darf die Ankündigungen des Premierministers nicht immer auf die Goldwaage legen.“ Die Zeit arbeite jedoch im Sinne der Regierungspläne. In einer von der renommierten Fachzeitschrift „Nature Energy“ veröffentlichten Studie hatte Jansen im Juli 2020 belegt, wie stark die Erzeugungskosten für Strom aus Offshore-Windparks fallen. In Großbritannien dürften danach Windräder auf dem Meer erstmals dauerhaft zu Kosten unter dem Marktpreis produzieren – und das über die gesamte Lebenszeit von mindestens 25 Jahren.

    Viel maritimes Know-how, früh angefangen: Warum es bei den Briten so gut läuft

    Mit Blick in die Vergangenheit sieht der Wissenschaftler einen einfachen Grund, warum Großbritannien in der Offshore-Windenergie wesentlich weiter ist als Deutschland: „Man hat früher angefangen, die Windkraft auf dem Meer auszubauen.“ Vor Großbritanniens Küste drehten sich schon im Jahr 2000 Windräder. Der erste deutsche Offshore-Windpark Alpha Ventus nahm seinen Betrieb erst zehn Jahre später auf. Die Briten hatten zudem bereits viel Erfahrung durch die Öl- und Gasbohrungen auf hoher See. Einen Teil dieses Wissens konnten sie in die Offshore-Windkraft einbringen.

    Offshore-Windpark Dudgeon vor der Küste von Norfolk: Das britische Fördersystem der sogenannten Differenzkontrakte bietet Investoren finanzielle Sicherheit – und treibt damit den Ausbau an.

    Schon sehr früh begannen die Briten mit der Förderung erneuerbarer Energien. 2002 wurde die sogenannte Renewables Obligation erlassen. Das Gesetz führte bis 2017 zum Bau von fünf Gigawatt Offshore-Windkapazität. Das Förderregime finanzierte sich über die Strompreise. Mittlerweile hat Großbritannien ähnlich wie Deutschland Auktionen zum Bau neuer Offshore-Windparks eingeführt und setzt dabei auf Differenzverträge, auch als Contracts for Difference (CfD) bekannt. Sie garantieren Investoren einen festen Abnahmepreis für den erzeugten Strom, was zu mehr finanzieller Sicherheit führt. Auch in Deutschland spricht sich die Industrie für CfD aus. Im Bundeswirtschaftsministerium gibt es allerdings Widerstand gegen das Modell.

    Wohl ohne Absicht gab der ehemalige Premierminister David Cameron der Offshore-Windkraft einen zusätzlichen Schub. 2016 beugte er sich den radikalen Windkraftgegnern in seiner konservativen Partei und sorgte für ein Subventionsverbot für Windparks an Land. Das kam einem Baustopp gleich. Folge: Die Investoren suchten ihr Glück fortan auf See. Die Regierung von Johnson hob das Verbot inzwischen wieder auf.

    Großbritanniens konservativer Premierminister Boris Johnson hat eine „grüne industrielle Revolution“ ausgerufen. Im Zentrum steht die Offshore-Windenergie.

    Großbritanniens konservativer Premierminister Boris Johnson hat eine „grüne industrielle Revolution“ ausgerufen.

    Für Großbritannien sind die natürlichen Voraussetzungen ideal, um die Offshore-Windkraft zum Energieträger Nummer eins zu machen. Nicht nur, weil das Land eine Insel ist mit einer Küstenlinie von 12.000 Kilometern. Rund um die 200-Seemeilenzone finden sich zahlreiche Areale, die sich zum Bau von Windparks eignen. Hinzu kommt, dass an vielen Stellen das Wasser nicht tief ist. Die Kosten des Ausbaus halten sich damit im Rahmen.

    Allein auf der Doggerbank entstehen Windparks mit fünf Gigawatt

    Ein weiterer Vorteil ist die Struktur der britischen Energiebranche. Sie ist weniger verzweigt als die in Deutschland, wo es mehr als 1000 Stadtwerke gibt. „Die einfachere Struktur im Vereinigten Königreich trägt wohl auch dazu bei, dass sich die hohen Ausgaben in die Offshore-Windkraft leichter finanzieren lassen“, sagt Jansen.

    Knapp 40 Windparks gibt es heute in britischen Gewässern. Weitere kommen hinzu – unter anderem auf der Doggerbank, einer Sandbank in der Nordsee östlich von England. Wenn die vier geplanten Ausbauabschnitte fertig sind, soll ihre Gesamtleistung 5000 Megawatt betragen, so viel wie vier bis fünf Kernkraftwerke. Die Jahresproduktion wird mit rund 25 Milliarden Kilowattstunden beziffert und könnte ungefähr sieben Prozent des britischen Gesamtstrombedarfs decken.

    Schon seit Längerem zieht es die Windparkbetreiber weiter in den Norden, wo es in der Regel stärker weht. Vor der Küste von Yorkshire strecken sich heute 174 Windräder auf 400 Quadratkilometer in die Höhe. Viele weitere werden folgen. Wenn alle vier Teilabschnitte des Windparkprojekts Hornsea Ende der 2020er-Jahre fertig sind, sollen sie 6000 Megawatt Leistung bringen.

    Schottland rückt zunehmend in den Fokus der Offshore-Windenergie. Das Foto zeigt einen Dudelsackspieler vor einem Windenergietestfeld bei Aberdeen.

    Schottland entwickelt sich zu einem Zentrum der britischen Offshore-Windindustrie. Das Foto zeigt die Einweihung eines Testzentrums bei Aberdeen.

    Die Betreiber schließen ihre Parks selbst ans Netz an. Das beschleunigt den Bau

    In Deutschland schleppt sich der Bau von Offshore-Windparks oft lange hin. Vom ersten Plan bis zur Inbetriebnahme vergehen meist mehr als fünf Jahre. Auf See liegt das manchmal daran, dass die Anbindung durch die Netzbetreiber nicht schnell genug geht. Die Netzbetreiber selbst machen bürokratische Hürden für die Verspätungen verantwortlich.

    Möglicherweise wirkt sich im Vereinigten Königreich in dieser Hinsicht eine Eigenheit des Ausschreibungsrechts positiv aus. „Wer das Recht zum Bau eines Windparks gewinnt, muss auch die Netzanbindung herstellen“, sagt Energieexperte Jansen. Die Ausgaben betragen bei großen Projekten wie an der Doggerbank rund ein Drittel der Gesamtkosten. Die Betreiber sind daran interessiert, einen geringen Preis zu bieten, damit sie größere Chancen auf den Zuschlag haben. Deshalb kämpfen sie darum, einen kostengünstigen Netzanschluss hinzubekommen. „Da ist die Philosophie eines Windparkbetreibers womöglich eine andere als die eines Netzbetreibers“, sagt Jansen.

    Der Experte fügt jedoch hinzu, dass Netzbetreiber in Deutschland mit anderen Herausforderungen kämpfen. Denn sie binden ihre Windparks bereits mit Gleichstromtechnik an, die in diesem Bereich Neuland ist. „In Großbritannien sind hingegen fast alle bisherigen Parks noch mit Wechselstrom angeschlossen.“ Bei Gleichstromverbindungen sind die Leitungsverluste geringer. Sie eignen sich deshalb besonders für Stromübertragungen über weite Entfernungen.

    Auch in britischen Gewässern drehen sich neue Windräder immer weiter draußen. Um die Kosten in Grenzen zu halten, eignen sich für diese Bereiche besonders schwimmende Windkraftanlagen. Bislang gibt es sie nur vereinzelt vor der schottischen Küste nahe Aberdeen. Der weltweit erste kommerziell genutzte Windpark dieser Art trägt den Namen Hywind, ist seit 2017 in Betrieb und umfasst fünf Turbinen. Nicht weit davon entsteht Kincardine – mit sechs schwimmenden Plattformen. Bislang trägt die neue Technologie kaum zur britischen Energieversorgung bei. Das soll sich ändern. Geplant ist, dass schwimmende Turbinen bis 2030 ein Gigawatt installierte Leistung von dann 40 Gigawatt Offshore-Wind bringen. So jedenfalls die Ankündigung von Premierminister Johnson.

    Go Top