• Search16.01.2022

Hohe Energiepreise

Kohle, Gas und Abgaben verteuern Strom

Strom ist derzeit so teuer wie nie. Ursache sind einerseits die drastisch gestiegenen Preise für Gas und Kohle und andererseits die hohe Steuer- und Abgabenlast: Sie macht rund drei Viertel des Strompreises für Endkunden aus.

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    Kohlenhalde für ein Heizkraftwerk in Nordrhein-Westfalen: Der Preis für Kohle hat sich seit 2020 fast verdreifacht.

    Lager eines Kohlekraftwerks in NRW: Der Preis für den fossilen Rohstoff hat sich seit 2020 verdreifacht.

     

    Von Volker Kühn

    Wer in diesem Winter einen neuen Stromversorger sucht, ist nicht zu beneiden. Die Wahrscheinlichkeit, einen günstigeren Anbieter zu finden, tendiert gegen Null. Besonders hart trifft es Tausende Ex-Kunden von Billiganbietern wie Stromio, die die Lieferung eingestellt haben. Zwar sitzen die Kunden nicht im Dunkeln, doch bei den Grundversorgern, die für die Discountanbieter einspringen, zahlen sie mitunter das Dreifache.

    Stromio begründete die Liefereinstellung mit der „historisch einmaligen Lage am Strommarkt“. Tatsächlich funktioniert das Geschäftsmodell vieler Discounter unter den aktuellen Bedingungen nicht mehr. Sie erzeugen ihren Strom nicht selbst, sondern decken sich kurzfristig an der Börse damit ein, teilweise mit einer Frist von Tagen oder Stunden. Gehen die Börsenpreise durch die Decke, müssen sie den Strom teurer einkaufen, als sie ihn verkaufen können. Das hält kein Anbieter auf Dauer aus.

    Kohle, Gas, Zertifikate: Alles, was den Preis für fossilen Strom befeuert, ist teuer

    Dass die Preise so in die Höhe schießen, liegt am Zusammenspiel einer Reihe von Faktoren, vor allem aber an den fossilen Energien. Denn alles, was die Preise für Strom aus Kohle- und Gaskraftwerken in die Höhe treibt, ist derzeit teuer:

    • Der Preis für Kraftwerkskohle hat sich im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit grob verdreifacht. Er liegt aktuell bei gut 130 Euro je Tonne, zwischenzeitlich hatte er schon die 200-Euro-Marke geknackt. 2019 lag er noch deutlich unter 50 Euro.
    • Ähnlich verläuft die Kurve beim Erdgaspreis. Besonders teuer ist es derzeit im kurzfristigen Handel.
    • Gleichzeitig werden CO2-Zertifikate derzeit so teuer gehandelt wie nie zuvor. Diese Verschmutzungsrechte braucht jeder, der CO2 in die Atmosphäre blasen will.
    Die Statistik zeigt die Entwicklung der Preise für CO2-Zertifikate, Kohle und Erdgas seit 2010. Sie ist der Hauptgrund für steigende Strompreise. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Was hilft gegen die Preisspirale? Manche träumen von einer Renaissance der Kernenergie. Doch selbst wenn man alle Risiken, die Milliardenkosten für den Reaktorbau und das ungelöste Endlagerproblem außer Acht lässt, sorgt ein Blick ins Atomland Frankreich für Ernüchterung: Dort sind die Strompreise oft noch höher als in Deutschland. Abgesehen davon steht derzeit ein erheblicher Teil des in die Jahre gekommenen französischen Kraftwerksparks still. Zwar will Präsident Emmanuel Macron neue Meiler bauen. Doch selbst wenn es dazu kommen sollte, würden Jahre vergehen, bis sie Strom erzeugen könnten.

    Was langfristig hilft: Mehr Wind- und Solarparks, länderübergreifende Stromnetze

    Den langfristig besten Weg sehen Experten deshalb darin, so schnell wie möglich die Faktoren auszuschalten, die den Strompreis befeuern und dem Klima schaden, also Kohle und Gas. „Teuer ist der Strom gerade durch die fossilen Energien“, sagt die Ökonomin Claudia Kemfert vom DIW. „Erneuerbare Energien wirken preissenkend.“

    Sie begrüßt deshalb den von der Ampelkoalition geplanten drastischen Ausbau der Wind- und Solarenergie in Deutschland. Er soll helfen, die Abhängigkeit von teuren Energieimporten in Form von Erdgas, Kohle und Öl zu verringern. Hinzukommen muss eine bessere Verbindung der europäischen Stromnetze. Schließlich gibt es irgendwo auf dem Kontinent fast immer ein Überangebot von Ökostrom, das helfen kann, Lücken in anderen Regionen zu schließen. Ein Beispiel dafür ist das Nordlink-Kabel, das Deutschland und Norwegen verbindet. Es ermöglicht den Austausch von Strom aus deutschen Windparks und norwegischen Wasserkraftwerken.

    Was kurzfristig hilft: Senkung von Steuern und Umlagen, direkte Zuschüsse

    Doch all die geplanten Windräder und Solaranlagen, die in Zukunft für stabile oder besser noch sinkende Strompreise sorgen sollen, helfen niemandem, dem die Stromrechnung heute den Schweiß auf die Stirn treibt. Einkommensschwache Verbraucher sind besonders stark vom Preishoch gebeutelt, es ist bereits von einer neuen Energiearmut die Rede. Arme Haushalte geben einen größeren Anteil ihres verfügbaren Einkommens für Energie aus als Vermögende.

    Zwar ist die Verteuerung fossiler Energie grundsätzlich politisch gewollt – sie soll Verbraucher und Unternehmen zum Einsatz klimafreundlicher Technologien bewegen. Doch die derzeitige Steigerungsrate war in dieser Form kaum abzusehen. Sie überfordert viele und gefährdet zugleich die Akzeptanz der Energiewende. Wenn der Umbau der Energieversorgung vor allem als finanzielle Belastung wahrgenommen wird, unterhöhlt das die Zustimmung.

    Deshalb sprechen sich viele Experten dafür aus, die Steuer- und Abgabenlast auf Strom zu senken. Die eigentliche Erzeugung des Stroms macht aktuell nur etwa ein Viertel dessen aus, was Verbraucher dafür bezahlen. Vor allem die Erzeugungskosten für Strom aus Windparks an Land und auf See und aus der Solarenergie sind in den vergangenen Jahren stark gesunken. Doch davon kommt bei Verbrauchern wenig an: Drei Viertel des Strompreises entfallen auf Netzentgelte, Steuern und verschiedene Umlagen.

    Die Statistik zeigt, wie sich der Strompreis zusammensetzt und wie sich die Bestandteile wie Steuern, EEG-Umlage und Produktion seit 2006 verändert haben. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Die im kommenden Jahr geplante Abschaffung der EEG-Umlage wird daher allseits begrüßt. „Das macht für einen durchschnittlichen Haushalt eine Entlastung von 300 Euro im Jahr aus“, erklärte Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck (Grüne) kürzlich. Doch der Schritt allein gleicht die steigenden Energiekosten nicht aus. Auch das Heizkostengeld, ein einmaliger Zuschuss von 135 Euro für Bezieher von Wohngeld, den Bauministerin Klara Geywitz (SPD) plant, wird dazu nicht genügen. Es soll gut 700.000 Haushalten zugutekommen.

    Die Ampel plant zur Entlastung ein „Klimageld“. Doch die Details sind offen

    In den Koalitionsverhandlungen hatten sich die Ampelparteien daneben auf ein sogenanntes Klimageld geeinigt. „Um einen künftigen Preisanstieg zu kompensieren und die Akzeptanz des Marktsystems zu gewährleisten, werden wir einen sozialen Kompensationsmechanismus über die Abschaffung der EEG-Umlage hinaus entwickeln“, heißt es im Koalitionsvertrag. Doch Details dazu fehlen bislang. Klimaökonomen wie Claudia Kemfert machen sich dafür stark, das Klimageld in Form einer Pro-Kopf-Rückerstattung auszuzahlen, finanziert aus der CO2-Bepreisung. Es solle vor allem einkommensschwachen Haushalten zugutekommen.

    Was außerdem hilft: Mehr Transparenz und ein neues Strommarktdesign

    Energiekostenzuschüsse für ärmere Haushalte bergen allerdings auch eine Gefahr, auf die der Energieexperte Christoph Podewils hinweist: Dadurch würden letztlich die überzogenen Profite von Energieanbietern und -produzenten subventioniert, die jetzt die Preise weit stärker anheben, als es gemäß den gestiegenen Kosten geboten wäre. Er spricht sich stattdessen für mehr Transparenz im Strommarkt aus: Die Zusammensetzung der Energiepreise müsse öffentlich nachvollziehbar gestaltet werden. „Wie kann es sein, dass in Köln eine Kilowattstunde Strom beim Grundversorger mehr als doppelt so viel kostet wie in Berlin? Darüber könnten die Grundversorger durchaus Rechenschaft ablegen“, schreibt Podewils in seinem Blog.

    Wie der Gaspreis auf den Strompreis durchschlägt

    Merit-Order-Modell

    Als Merit-Order bezeichnet man die Reihenfolge, in der Kraftwerke eingesetzt werden, um die Stromnachfrage zu decken. Zunächst werden die Kraftwerke herangezogen, die am günstigsten Strom erzeugen, also die niedrigsten sogenannten Grenzkosten haben. Dann werden die nächstteureren Kraftwerke zugeschaltet, bis die Nachfrage schließlich gedeckt ist. Das teuerste Kraftwerk, das dazu gerade noch gebraucht wird, bestimmt den Preis, den sämtliche Stromerzeuger bekommen.

    Gaspreis

    Die höchsten Grenzkosten haben Gaskraftwerke. Die Zeiten, in denen sie gebraucht werden, um die Stromnachfrage zu decken, sind folglich die mit den höchsten Börsenstrompreisen. Ihre Grenzkosten werden durch den Preis des Gases bestimmt, das sie verfeuern, um Strom zu erzeugen. 2020 lag der Gaspreis im Schnitt bei 9,51 Euro je Megawattstunde. 2021 hat er sich auf 46,82 Euro fast verfünffacht. Die Grenzkosten in der Wind- und Solarenergie liegen nahe Null. Je stärker sie teure fossile Kraftwerke verdrängen, desto niedriger ist nach dem Merit-Order-Modell der Börsenstrompreis.

    Zudem müsse die Bundesregierung das Strommarktdesign so gestalten, dass die günstigen Produktionskosten von Wind- und Solarparks auch beim Verbraucher ankämen und nicht die teuren fossilen Kraftwerke den Preis bestimmten, so Podewils.

    Welche Folgekosten hat die Produktion einer Kilowattstunde Steinkohle-Strom oder Atomenergie? Die Statistik zeigt: Erneuerbare Energien sind mit Abstand am günstigsten. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Zumindest in einem Punkt sind sich praktisch alle Parteien und Wissenschaftler einig: Ein Zurückdrehen der Energiewende wäre die schlechteste Option – sowohl für den Klimaschutz als auch für die Entwicklung der Strompreise. Denn konventionell erzeugter Strom aus Kohle-, Gas- oder Atomkraftwerken ist der mit Abstand teuerste. Das gilt umso mehr, wenn man nicht allein die reine Erzeugung in die Kalkulation einbezieht, sondern auch die Schäden durch den CO2-Ausstoß berücksichtigt: Kohlestrom, so das Ergebnis einer Studie des Umweltbundesamts, ist demnach sechsmal so teuer wie Strom von Onshore-Windrädern.

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