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Beispielhaftes Windpark-Projekt

Mit Windkraft aus den Schulden

Heidenrod im Taunus war hoch verschuldet. Jetzt betreibt der Ort einen Windpark und saniert damit die Kasse. Zu Besuch in einer Gemeinde, die bei der Energiewende auch sonst viel richtig macht.

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    Windpark in Heidenrod im Taunus: Mit einer Bürgergenossenschaft beteiligt die Gemeinde ihre Einwohner finanziell an den Erträgen des Windparks. Foto: Martin Magunia für EnergieWinde.

    Den Planern des Windparks ist geglückt, woran viele scheitern: Sie haben die Bürger überzeugt – fast alle stimmten für den Bau.

     

    Von Heimo Fischer

    Gegen Mittag lichtet sich der Dunst über dem Höhenrücken im Taunus. In der Wolkenwand tauchen die Umrisse von Windrädern auf. „Jetzt können wir die Anlagen doch noch sehen“, sagt Udo Zindel, Bauamtsleiter der Gemeinde Heidenrod, seinen Besuchern. Es hat lange gedauert, bis sich der Nebel an diesem Dezembertag verzogen hat. Nun hat Zindel nicht mehr viel Zeit für eine Besichtigung der Windräder. Er muss zurück ins Rathaus – zu einer Videokonferenz mit dem Windradhersteller GE. Reparatur und Wartung liegen an.

    Abseits von solchen Routinearbeiten hat der Kommunalbeamte nicht viel Ärger mit dem Windpark. Obwohl die zwölf Turbinen deutlich über den Baumkronen zu sehen sind, gibt es keine Proteste. Im Gegenteil: Bei einer Bürgerbefragung in dem 8800-Seelen-Ort sprach sich eine überwältigende Mehrheit für die Anlagen aus.

    Damit ist Heidenrod eine Ausnahme. An vielen anderen Orten in Deutschland ist der Bau von Windparks ein zäher Prozess, weil sich Bevölkerungsgruppen dagegen wehren – nicht selten mit Erfolg. Uneinheitliche Bauvorschriften begünstigen Klagen und führen zu viel Bürokratie. Zwar begrüßen die meisten Deutschen den Ausbau der Windkraft. Doch in ihrer Nachbarschaft lehnen viele die Anlagen ab. In einer Erhebung von Civey vom Sommer 2021 erklärten 43 Prozent der Befragten, für den Ausbau der Windenergie keine persönlichen Einschränkungen hinnehmen zu wollen.

    Wer sich am Park beteiligt, kassiert eine Rendite – immerhin gut drei Prozent

    Warum läuft es in Heidenrod besser? Die Antwort: Der Ort hat keinen wichtigen Schritt ohne die Bürger gemacht. „Wir haben sie so früh wie möglich in das Projekt eingebunden“, sagt Bürgermeister Volker Diefenbach. Die Menschen in Heidenrod profitieren zudem von den materiellen Vorteilen. Heute sind 300 Einwohner des Ortes an dem Millionenprojekt beteiligt und erhalten jedes Jahr rund drei Prozent Rendite für ihr eingesetztes Kapital.

    Volker Diefenbach ist Bürgermeister von Heidenrod im Taunus: Die Gemeinde hat einen Windpark gebaut und saniert aus den Erträgen ihre Haushaltskasse. Foto: Martin Magunia für EnergieWinde.

    „Damals war die Gemeinde finanziell am Ende“, sagt Bürgermeister Volker Diefenbach.

    Für die Menschen in der abgelegenen Region ist das ein interessanter Nebenverdienst. Denn der Landstrich zwischen Frankfurt und Limburg gilt als arm. Die nächste Autobahn ist 40 Minuten entfernt, auf Busse oder Bahnen wartet man vergeblich. Kein größeres Unternehmen siedelt sich freiwillig in Heidenrod an.

    Bis zu drei Millionen Euro fehlten im Haushalt. Jahr für Jahr

    Das war die Ausgangslage vor mehr als zehn Jahren. „Damals war die Gemeinde finanziell am Ende“, sagt Diefenbach. Zwischen 1,5 und drei Millionen Euro fehlten jedes Jahr in dem Haushalt von 20 Millionen Euro. Kein Wunder, denn Heidenrod ist eine Flächengemeinde. Sie besteht aus 19 Ortsteilen. Acht Kläranlagen, 16 Friedhöfe, 18 Dorfgemeinschaftshäuser und drei Kindergärten müssen finanziert werden. Woher nur die nötigen Mittel nehmen? Die Frage drängte immer stärker.

    Bis die Verwaltung und der Gemeinderat schließlich eine Ressource fanden, mit der sich Geld verdienen ließ. „Wir sind der größte kommunale Waldbesitzer in Hessen“, sagt Bauamtsleiter Zindel. Von den 5600 Hektar Wald gehören 4400 der Gemeinde. Auf den grünen Höhenrücken bläst immer eine kräftige Brise. Warum also nicht dort oben ein paar Windräder aufstellen?

    Udo Zindel leitet das Bauamt von Heidenrod im Taunus. Die Gemeinde hat ihren Haushalt durch den Bau eines Windparks saniert. Foto: Martin Magunia für EnergieWinde.

    Bauamtsleiter Udo Zindel ist einer der Köpfe hinter dem Windpark. Die Planungsphase verlangte ihm und der Gemeinde viel ab.

    Der Gemeinderat zeigte sich offen für das Thema. Für den Bürgermeister war das eine wichtige Voraussetzung. „Bevor man so ein Projekt startet, muss sich die Kommunalpolitik einig sein“, sagt Diefenbach.

    Die Parteien schließen ein Bündnis: Keiner macht Stimmung gegen den Park

    Die Parteien im Gemeinderat schlossen ein Bündnis für die bevorstehende Kommunalwahl: Das Thema Windpark sollte nicht im Wahlkampf ausgeschlachtet werden, um Stimmen zu erobern. Alle Parteien hielten sich an den Plan. „Im nächsten Schritt sind wir offensiv an die Bürgerinnen und Bürger herangetreten“, sagt Diefenbach. Infoveranstaltungen, Diskussionen und Stammtischgespräche folgen. Solche Verfahren zur Einbindung der Anwohner sind inzwischen bei vielen Windparkprojekten üblich. Dann folgte die Bürgerbefragung mit klarem Ergebnis – mehr als 88,3 Prozent stimmten für das Projekt. Der Weg für den Windpark war frei.

    Heute berichtet Bauamtsleiter Zindel gelassen über die Planungsphase, die folgte. Im Besprechungsraum des kleinen gemeindeeigenen Barockhauses erzählt er bei einem Mineralwasser aber auch von der Kraft, die das Projekt gekostet hat.

    Windpark Heidenrod im Taunus: Die verschuldete Gemeinde saniert mit dem Baus des Windparks ihren Haushalt und schafft zugleich mit einem Beteiligungsmodell große Akzeptanz für die Windräder. Foto: Martin Magunia für EnergieWinde

    Im Dezember 2014 ging das erste Windrad in Betrieb. Heute besteht der Park aus zwölf Anlagen.

    Die Investition für zwölf Windräder betrug immerhin 58 Millionen Euro. Für eine kleine verschuldete Gemeinde war das nicht zu stemmen. Ganz zu schweigen von dem geschäftlichen Risiko, das damit verbunden ist. Ein starker Partner musste her. Aber Heidenrod wollte das Gelände nicht einfach an ein Windkraftunternehmen verpachten, wie es andere Kommunen machen. „Dadurch hätten wir die Hoheit über den Gemeindewald aus der Hand gegeben, was der Akzeptanz geschadet hätte“, sagt der Bürgermeister.

    Als Partner fand sich schließlich die Süwag, ein regionales Energieunternehmen, das heute zu Eon gehört. Es sollte ein Bündnis mit Zukunft werden. Denn die Experten der Süwag brachten technisches Wissen rund um die Windkraft mit. Sie hatten Kontakte zu Herstellern und Dienstleistern. Die Gemeinde wiederum konnte die Rechtslage besonders gut einschätzen und kannte sich aus mit den Eigenheiten von Entscheidungen in einer Verwaltung.

    Die Genossenschaft ist ein exklusives Projekt: nur für die Einwohner der Gemeinde

    Für beide Seiten war klar, dass die Bürger am Projekt beteiligt werden müssen. Dabei sollte den Menschen aber kein Risiko aufgebürdet werden. „Zunächst sollte der Windpark in Betrieb gehen“, sagt Dirk Gerber, Geschäftsführer von Süwag Grüne Energien und Wasser. Denn in der Bauphase von Windparks können zahlreiche Risiken lauern. Wird zum Beispiel eine Klage gegen das Projekt eingereicht, stoppen die Banken erst mal die Finanzierung. Nur ein starker Investor kann das abfedern.

    In Heidenrod lief das Projekt allerdings problemlos. Im Dezember 2014 ging das erste Windrad in Betrieb. Im Jahr darauf folgten die anderen Turbinen. Dann startete die Bürgerbeteiligung: Die Kommune gründete eine Genossenschaft, an der sich nur Einwohner von Heidenrod beteiligen dürfen.

    Heidenrod im Taunus: Klaus Henrich und Detlef Dierig vom Vorstand der Genossenschaft, die den Windpark der Gemeinde betreibt. Foto: Martin Magunia für EnergieWinde.

    Behalten die Finanzen im Blick: Klaus Henrich (links) und Detlef Dierig sitzen im Vorstand der Genossenschaft.

    Zum Vorstand der Genossenschaft gehören Klaus Henrich und Detlef Dierig. Die Rentner haben viele Jahre bei Banken gearbeitet, mit Finanzen kennen sie sich aus. Zudem sind sie im Ort bestens vernetzt. Deshalb warben sie aktiv um Bürger, die sich an der Genossenschaft beteiligen sollten. „Das war nicht immer einfach, denn viele hatten Angst, Geld zu verlieren“, erzählt Henrich. Andere wollten wissen, ob sie die Anteile vererben könnten.

    Das Interesse ist groß: Die Genossenschaft führt inzwischen eine Warteliste

    Deshalb wählten die Planer ein möglichst einfaches und durchschaubares System: Ein Anteil an der Genossenschaft kostet 500 Euro. Eine Person darf höchstens zehn Anteile zeichnen. Die Dividende wird jedes Jahr von den Mitgliedern festgesetzt. Die Bürger dürfen der Genossenschaft zudem ein Nachrangdarlehen gewähren, das mit drei Prozent verzinst wird. „Das ist wesentlich mehr als ein Sparbuch oder ein Tagesgeldkonto bringen“, sagt Dierig.

    Das Modell kommt bei den Bürgerinnen und Bürgern gut an: Heute gibt es Wartelisten für Geldgeber der Genossenschaft.

    Die Gemeinde Heidenrod im Taunus hat ihren Haushalt mit dem Bau eines Windparks saniert. Die Anwohner profitieren finanziell von den Windrädern. Foto: Martin Magunia für EnergieWinde.

    Auf einem stilisierten Rotorblatt haben Unterstützer des Windparks unterschrieben: Bürgermeister Diefenbach (Mitte) und die Genossenschaftler Henrich (links) und Dierig.

    Besucher fährt der Bürgermeister gern mal persönlich im Kleinbus der Gemeinde zum Windpark. Die Waldwege mussten dafür zum Teil ausgebaut werden. Hat das jemanden gestört? Es habe schon mal kritische Fragen gegeben, sagt Diefenbach. Aber das Thema ist ihm vertraut. Schließlich war er 20 Jahre Förster hier in der Region. „Für den Windpark mussten 8,2 Hektar Wald gerodet werden“, sagt er. Das sei viel. Aber: Allein das durch den Klimawandel verstärkte Fichtensterben habe in der Gegend 400 Hektar Wald vernichtet. Wer sollte da noch gegen Windkraft sein?

    Die Geschäfte laufen: Der Windpark spült mehr Geld in die Kasse als erwartet

    Zumal das Geschäft gut läuft. Im Jahr 2020 erzeugte der Windpark knapp 94 Millionen Kilowattstunden Ökostrom und speiste ihn ins Netz ein. Knapp 37.500 Haushalte mit einem jährlichen Verbrauch von 2500 Kilowattstunden können somit rechnerisch aus dem Windpark versorgt werden.

    Finanziell erweist sich der Windpark für die Gemeinde als Bombengeschäft. Der Plan war, dass er 800.000 Euro pro Jahr für die Gemeinde abwerfen sollte. Doch es ist wesentlich mehr. Pachteinnahmen, Gewerbesteuer und Gewinn spülen derzeit jedes Jahr zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Euro in die Gemeindekasse. Geld, das in der Gegend bleibt. Zum Nutzen der Menschen. Demnächst kann das Straßennetz der Kommune endlich saniert werden.

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