• Search22.12.2020

Konflikte um Windräder

Sturmsichere Projekte

Die Mehrheit der Deutschen steht hinter der Energiewende, aber vor Ort scheitern geplante Windparks oft am Protest von Minderheiten. Wollen die Planer das ändern, müssen sie fünf Faktoren berücksichtigen, wie Umweltpsychologen herausgefunden haben.

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    Windrad in der Nähe des bayerischen Dachau: Fünf Faktoren entscheiden darüber, ob Anwohner auf geplante Windparks positiv oder negativ reagieren.

    Windräder wie dieses in Bayern lassen Anwohner selten kalt. Wie sie darauf reagieren, hängt von fünf Faktoren ab.

    Von Julia Graven

    Wenn Thomas Steffani auf der A8 zwischen Augsburg und München unterwegs ist, sieht er es östlich der Autobahn stehen: das Windrad, in das er mit der Energiegenossenschaft Bürgerstrom Dachau investiert hat, weil er an regenerative Energien glaubt. Vor mehr als zwei Jahren wurde es gebaut, nur leider drehte es sich dann monatelang nicht.

    Der Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB) hatte gegen die Baugenehmigung Klage eingereicht, als die Anlage schon fast fertig war. Ein Wespenbussard-Pärchen sei gefährdet, hieß es unter anderem. Der Verein zieht bundesweit gegen Projekte aus dem Bereich erneuerbare Energien vor Gericht, zum Beispiel auch gegen die Rodung von Bäumen für die Tesla-Fabrik in Brandenburg. Das Windrad in Bayern mit seinen 2,4 Megawatt ist seit Juni zumindest vorläufig in vollem Betrieb, bis das Gericht entscheidet. Sollte der Verwaltungsgerichtshof in München den Klägern vom VLAB recht geben, müssten die Gesellschafter ihr Windrad allerdings wieder abbauen.

    Schon 2013 hatten sich einige Bürger aus der Nachbarschaft im Verein Unser Buchwald organisiert, um die Windkraft vor Ort zu verhindern. Der Riss ging quer durch den Ort: Einige beteiligten sich finanziell, viele schwiegen und andere waren vehement gegen den Bau. Nach jahrelangen Querelen um Lärmemissionen, Vögel oder den freien Blick auf Kirchtürme wird nun das Gericht entscheiden. Dabei sind wohl auch im Landkreis Dachau die meisten Menschen überzeugt, dass die Energiewende kommen muss. Was läuft also schief?

    Fünf Faktoren entscheiden darüber, ob Windräder vor Ort akzeptiert werden

    Die Umweltpsychologin Gundula Hübner erforscht seit vielen Jahren die Gründe, warum manche Menschen die Windkraft ablehnen, manche sie dulden oder auch begrüßen. Sie sagt, die Akzeptanz hänge im Wesentlichen von fünf Faktoren ab: Die größte Rolle spielen die wirtschaftlichen Auswirkungen und die generelle Einstellung zur Energiewende. Auf Platz drei und vier folgen das Vertrauen des Einzelnen in die handelnden Personen und die Belastung für Natur und Mensch. An fünfter Stelle spielen die sozialen Normen eine – wenn auch kleinere – Rolle, also die Frage: Wie denken, reden und handeln die anderen um mich herum?

    5 Faktoren für die Akzeptanz von Windparks in der Nachbarschaft: wirtschaftliche Auswirkungen, Einstellung zur Energiewende, Vertrauen in die Akteure, Belastung für Mensch und Natur, soziale Normen.

    Faktor Geld: Wie Anwohner finanziell von Windparks profitieren können

    Wenn Gemeinden, Stadtwerke oder die Bürger insgesamt direkt von den Gewinnen einer Anlage profitieren, ist das ein großer Akzeptanzfaktor. Wichtig: Es muss gerecht zugehen. Nicht nur Einzelne, sondern die Gemeinschaft soll etwas davon haben. Anwohner befürchten oft, dass nur Großkonzerne profitieren, während sie vor Ort die Lasten tragen. Eine finanzielle Beteiligung ist daher sinnvoll – allerdings nur, wenn die Mindesteinlagen so niedrig sind, dass nicht nur Gutsituierte mit dem Windrad Geld verdienen können.

    Christian Schnibbe, Vorstandsmitglied des Bremer Windparkentwicklers WPD, sieht es daher auch sehr positiv, dass die EEG-Novelle in Zukunft Kommunen an jeder Kilowattstunde mitverdienen lässt. Er sagt: „Diese Mittel kommen bei allen Einwohnern der Kommune an und es können sinnvolle Projekte und Maßnahmen vor Ort finanziert werden.“ Es gebe aber natürlich auch die Möglichkeit einer direkten Beteiligung für Bürger, sagt er. Aktuell arbeite das Unternehmen gemeinsam mit örtlichen Versorgern auch an Modellen, bei denen die Anwohner günstigeren Strom aus dem Windpark vor Ort beziehen könnten.

    Klar sein sollte auch von Anfang an, ob und wie regionale Handwerker, Grundbesitzer, Banken, Zulieferer und die Finanzen der Kommune von einem Projekt profitieren. „Beteiligungsmöglichkeiten können nur dann positiv auf die Akzeptanz wirken, wenn die AnwohnerInnen sie auch wahrnehmen“, heißt es in einer Broschüre für das Bundesamt für Naturschutz (PDF).

    Faktor Überzeugung: Klimaschutz als sinnstiftendes Projekt für Gemeinden

    Die Energiewende finden die meisten Deutschen gut. Kritisch sehen sie aber häufig die Praxis vor Ort: Viele Projekte seien schlecht umgesetzt und ungerecht. Diese negative Sicht überträgt sich auf lokale Projekte wie das Windrad vor Ort. Umgekehrt können zum Beispiel konkrete Klimaschutzkonzepte in der Region eine positive Sicht auf die Windkraft fördern. Wenn ein Ort sich gemeinsam mit seinen Bürgern eine CO2-neutrale Zukunft auf die Fahnen geschrieben hat, ergibt ein Windpark für viele Leute mehr Sinn.

    Faktor Vertrauen: Mehr als nur das Vorgeschriebene tun

    Akzeptanz ist eng mit Vertrauen in die handelnden Personen verbunden. Dabei spielt es nicht unbedingt eine Rolle, ob Projektierer, Investoren oder Baufirmen lokal verankert sind. Auch zeigen Befragungen, dass lokale Bürgerinitiativen nicht unbedingt vertrauenswürdiger eingeschätzt werden als große Umweltverbände oder der Bürgermeister. Wer Cliquenwirtschaft vermutet, weil etwa den Gemeinderäten viel Grund gehört, wird leicht zum Windkraftgegner. Wichtig sei daher Offenheit, sagt Umweltpsychologin Hübner. „Wenn Firmen das Blaue vom Himmel versprechen, schürt das Misstrauen“, sagt sie.

    Windpark in Thüringen: Das Bundesland zeichnet Windradbauer, die bestimmte Standards einhalten, mit dem Label „Faire Windenergie“ aus.

    Windpark in Thüringen: Das Bundesland zeichnet Windradbauer, die bestimmte Standards einhalten, mit dem Label „Faire Windenergie“ aus.

    Hier haben manche Planer in den vergangenen Jahren dazulernen müssen. Vertrauensbildende Maßnahmen wie ein freiwilliger, ehrlicher Dialog mit den Bürgern über die Chancen und Risiken des Projekts, Mediation oder Vertrauensleute können helfen. In Ländern wie Hessen, Baden-Württemberg oder Thüringen gibt es unabhängige Beratungsstellen, die im Bermuda-Dreieck zwischen Kommunen, Bürgern und Unternehmen vermitteln.

    Das Vertrauen in ein Projekt wächst, wenn die Menschen vor Ort das Gefühl haben, dass die Planer Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen, auch über das gesetzlich geforderte Maß hinaus. Freiwillige Umweltverträglichkeitsprüfungen können Vertrauen schaffen. Der Bürgerwindpark Grenzstrom Vindtved lässt Gemeinwohlbilanzen erstellen, die die positiven Effekte für Region und Gesellschaft aufzeigen.

    In Thüringen zeichnet die Thega, die Energie- und Greentech-Agentur des Landes, Windradbauer aus, die sich freiwillig an bestimmte Standards halten. „Faire Windenergie“ heißt das bundesweit einzigartige Label, das den Bürgern zeigt: Dieses Projekt ist gut geplant, sinnvoll, gerecht und sicher.

    Faktor Mensch und Natur: Warum Sorgen ernst genommen werden müssen

    Eine ganze Reihe von Studien hat mittlerweile belegt, dass die Geräusche von Windrädern kein erhöhtes Krankheitsrisiko mit sich bringen. Das bedeutet aber nicht, dass sich niemand gestört fühlt. So gaben in verschiedenen Untersuchungen rund fünf Prozent der Anwohner an, mindestens einmal im Monat Stresssymptome durch die Geräusche der Windenergieanlagen zu haben, schlecht zu schlafen oder sich unwohl zu fühlen. Wer die Planungs- und Bauphase als belastend empfand, ist später auch häufiger gestört. Auch wenn kein Krankheitsrisiko nachgewiesen wird, muss den Beschwerden von Anwohnern in jedem Fall nachgegangen werden, betont Gundula Hübner. Schließlich zeigten sie auch, wo sich Dinge verbessern lassen.

    Für Christian Schnibbe hat sich hier schon viel getan. So werden gerade überall Transponder verbaut. Sie sorgen dafür, dass Windräder nachts nicht pausenlos blinken, sondern nur dann, wenn sich gerade ein Flugzeug nähert. Außerdem, sagt er, drehen sich neue Windräder viel langsamer und leiser als ältere Anlagen. Unternehmen hätten gelernt, auch Rücksicht zu nehmen, „schließlich geht es um 20-jährige Partnerschaften“. Er erzählt zum Beispiel von einem Dorf, „da hat man in allen Himmelsrichtungen schon Windräder gesehen.“ Obwohl es eine Eignungsfläche war, haben seine Kollegen bei WPD die Planungen aufgegeben.

    Beim Thema Naturschutz hat die Windenergie in Deutschland ein Glaubwürdigkeitsproblem, obwohl die gesetzlichen Vorgaben streng sind. Dass Windkraft über den Klimaschutz auch der Natur nützt, ist ein Argument, das nicht alle Menschen erreicht. Tote Fledermäuse und ein Windrad in der Landschaft wirken unmittelbar, der Nutzen bleibt abstrakt. Auch die Aussagen der Gutachter – kiloweise Papier voller Fachterminologie – sind für Anwohner oft schwer verständlich. Christian Schnibbe fordert daher einen klaren Rechtsrahmen, der die Interessen des Natur- und Artenschutzes und die Ausbauziele der erneuerbaren Energien verbindet. Gundula Hübner rät Planern, Gutachten mit unabhängigen Stellen und örtliche Naturschutzverbänden gemeinsam zu erstellen – und die Inhalte klar zu kommunizieren. Auch Ausgleichsmaßnahmen sollten vor Ort sichtbar sein: Ein Biotop für Insekten und Frösche in der Nähe wirkt besser als Geld für ein fernes Projekt.

    Der soziale Faktor: Wenn lautstarke Minderheiten die Debatte prägen

    Wie die Stimmung im Ort für oder gegen das Windrad erlebt wird, spielt für die Haltung jedes Einzelnen eine große Rolle. Gundula Hübner sagt: „Je positiver die Befragten die Meinung im Ort einschätzen, desto positiver fällt auch ihre eigene aus.“ Meist prägt aber eine aktive Minderheit die Wahrnehmung und verzerrt das Bild. Wenn eine Handvoll Windkraftgegner lautstark protestiert, die Bürgerversammlung dominiert und die Leserbriefspalten füllt, denken diejenigen, die für Windkraft sind oder denen das Thema egal ist, sie seien in der Minderheit – und schweigen.

    Anführungszeichen

    Je positiver die Befragten die Meinung im Ort einschätzen, desto positiver fällt auch ihre eigene aus

    Gundula Hübner, Umweltpsychologin

    Diese Schweigespirale ist ein Phänomen, das nicht nur die Forschung beobachtet. „Viele haben Angst davor, im Ort sozial isoliert zu sein“, erzählt auch Christian Schnibbe. Sie schweigen lieber, aus Angst davor, „dass die Windkraftgegner ihnen Eier an die Hauswand werfen.“ Wie wäre es, wenn Menschen in Deutschland Windkraft wenn schon nicht positiv, dann zumindest sachlich diskutieren würden? In Taiwan verabreden sich die Leute zum Picknick am Fuß der Windenergieanlagen, erzählt Schnibbe. Dort seien die Menschen von der neuen Technologie begeistert.

    Auch Thomas Steffani freut sich, wenn er im Norden von München am Windrad vorbeifährt, an dem seine Genossenschaft beteiligt ist. Auch wenn es derzeit nur unter Vorbehalt Energie produziert. Er sagt, Bürgerstrom Dachau würde trotz des ganzen Ärgers jederzeit wieder in Windkraft investieren. Weil es Sinn ergibt.

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