Debatte um Renaissance der Atomenergie

Verstrahlte Träume

Von Holland bis in die USA wird über den Neubau von Atommeilern diskutiert. Dass es auf breiter Front dazu kommt, ist unwahrscheinlich. Denn Atomstrom ist teuer – und dem Klima anders besser zu helfen.

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    Atomkraftwerk Grohnde: Die Stilllegung des Reaktors ist für Ende 2021 geplant. Dass die Atomkraft in Deutschland eine Renaissance erleben könnte, gilt als extrem unwahrscheinlich.

    Das Atomkraftwerk Grohnde in Niedersachsen wird Ende 2021 stillgelegt. Die übrigen deutschen AKW folgen bis Ende 2022.

    Von Volker Kühn

    Gut 35 Jahre nach Tschernobyl und zehn Jahre nach der Fukushima feiert die Atomenergie ein glänzendes Comeback. Der Eindruck zumindest drängt sich auf, wenn man Meldungen wie diese aus den vergangenen beiden Jahren liest:

    • März 2019: Greta Thunberg sagt, die Atomkraft könne ein kleiner Teil der Lösung im Kampf gegen den Klimawandel sein. Zuvor hat sich der Weltklimarat IPCC ähnlich geäußert.
    • Dezember 2019: Russland nimmt das erste schwimmende Kernkraftwerk der Welt in Betrieb. Die beiden Reaktorblöcke auf der „Akademik Lomonossow“ kommen auf 70 Megawatt und versorgen unzugängliche Arktisregionen mit Strom.
    • Juli 2020: Joe Biden verspricht im Fall eines Siegs bei der Präsidentschaftswahl, die Forschung an einer neuen Generation kleiner, dezentraler Atomreaktoren zu fördern.
    • August 2020: Block fünf des chinesischen Atomkraftwerks Tianwan mit einer Leistung von einem Gigawatt geht ans Netz. Fast ein Dutzend weiterer chinesischer Reaktoren befindet sich derzeit im Bau.
    • September 2020: Die Niederlande erwägen den Neubau von bis zu zehn Kernkraftwerken. Eine im Parlament diskutierte Studie nennt Atomkraft eine der kostengünstigsten Optionen, um CO2-freie Energie zu produzieren.

    Teuer, ineffizient, gefährlich: Kritiker warnen vor Investitionen in Atomstrom

    Fragt man Klimaschützer und Energiewissenschaftler, ist die Antwort auf diese Fragen ein klares Nein. Sie führen ein ganzes Bündel von Argumenten gegen eine Renaissance der Kernkraft ins Feld: Sie sei zu teuer, zu ineffizient, zu gefährlich und – gerade in Deutschland – gesellschaftlich nicht akzeptiert. Ganz abgesehen von der noch immer ungeklärten Endlagerfrage.

    „Ich wette dagegen“, schrieb denn auch Patrick Graichen, Direktor der Denkfabrik Agora Energiewende, Ende September auf Twitter mit Blick auf die Atomträume niederländischer Parlamentarier. „Da wird kein einziges AKW gebaut werden.“ Graichens Einsatz: „Ein hoher Betrag oder ein sehr guter Wein.“

    Die Entwicklung der Atomenergie in den vergangenen zehn Jahren spricht allerdings auch weniger für eine Renaissance als vielmehr für einen allmählichen Niedergang. Zwar sind laut der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAE) in China, Russland und Südkorea auch 2019 noch neue Reaktoren ans Netz gegangen; zusammen erzeugen sie mehr als fünf Gigawatt Strom. Zudem treibt vor allem China den Bau zusätzlicher Reaktoren voran.

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    Ich wette dagegen. Da wird kein einziges AKW gebaut werden

    Agora-Energiewende-Chef Patrick Graichen auf Twitter

    Noch gehen AKW ans Netz. Doch der Ökostrom-Ausbau liegt weit darüber

    Allerdings werden weltweit mehr Reaktoren stillgelegt als neu in Betrieb genommen. 2019 war für neun Reaktoren mit zusammen mehr als sieben Gigawatt Schluss. Der Anteil von Atomenergie im globalen Strommix, der 1996 noch bei fast 20 Prozent lag, beträgt aktuell nur noch rund zehn Prozent.

    Noch deutlicher zeigt sich die schwindende Bedeutung der Atomkraft im Boom der erneuerbaren Energien. Während die Kapazität der weltweiten Atomkraftwerke im vergangenen Jahr um zwei Gigawatt sank, wurden laut dem World Nuclear Industry Status Report im selben Zeitraum Ökostromkraftwerke mit zusammen 184 Gigawatt neu errichtet und in Betrieb genommen.

    Statistik der weltweiten Stromerzeugung nach Energieträger: Keine Form der Energieerzeutgung ist in den vergangenen zehn Jahren so stark ausgebaut worden wie die Erneuerbaren Energien.

    Die Ökostromproduktion ist stark gewachsen, die Atomenergie hat kaum zugelegt. In vielen Jahren erzeugten die weltweiten Reaktoren sogar weniger Strom als noch 2009.

    Der Grund für den Niedergang der Kernkraft sind vor allem ihre horrenden Kosten. Bauprojekte wie in Finnland, Großbritannien und Frankreich verzögern sich zum Teil um Jahrzehnte und verschlingen Milliarden. Ohne erhebliche staatliche Subventionen wären sie undenkbar. Doch während die Kosten für Atomkraftwerke explodieren, wird Ökostrom von Jahr zu Jahr billiger. Auch die massiv gesunkenen Erdgaspreise drängen die Atomenergie aus dem Markt. Selbst China investiert deshalb längst weitaus stärker in andere Energieträger.

    Der Bau von Kernkraftwerken dauert Jahre. Ökostrom hilft dem Klima sofort

    Und auch das Klimaargument zieht aus Sicht des Atomexperten Mycle Schneider nicht. Beim Klimaschutz gehe es um die Frage, wie man so schnell und günstig wie möglich den Ausstoß von CO2 verringern kann, erklärte Schneider der Wochenzeitung „Die Zeit“. „Es ist daher bedeutungslos, wenn ein sehr teures Atomkraftwerk in 20 Jahren CO2-Ausstoß vermeidet. Wir können die Treibhausgasemissionen viel schneller und billiger reduzieren“, sagte Schneider, der auch den World Nuclear Industry Status Report herausgibt.

    Zudem passen behäbige Atomkraftwerke nicht in eine zunehmend dynamische Energiewelt, die von Wind- und Solarparks mit schwankender Stromerzeugung bestimmt wird. Um sich zu refinanzieren, müssen Atomkraftwerke möglichst durchgehend laufen – sie können in Zeiten mit ausreichender Ökostromproduktion nicht ohne Weiteres abgeschaltet werden, um die Netze vor einer Überlastung zu schützen. Flexible Gaskraftwerke sind wesentlich besser dazu in der Lage. Und sie können überdies auf grünen Wasserstoff umgerüstet werden.

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    Der Kernenergieausstieg ist durch. Unsere Kernkraftwerke schließen. Wir haben da keinerlei Ambitionen mehr

    RWE-Chef Rolf Martin Schmitz im Interview mit „Tagesspiegel Background“

    Während Teile der deutschen Politik noch immer von einer Renaissance der Atomenergie sprechen, haben sich die Betreiber längst davon verabschiedet. „Der Kernenergieausstieg ist durch. Unsere Kernkraftwerke schließen. Wir haben da keinerlei Ambitionen mehr“, sagte RWE-Chef Rolf Martin Schmitz kürzlich im Interview mit „Tagesspiegel Background“.

    Video: Merkel verkündet den Atomausstieg 2011 im Bundestag

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    Wenn die Atomenergie jenseits teurer nationaler Prestigeprojekten langfristig überhaupt eine Chance hat, dann wohl am ehesten in Form sogenannter Small Modular Reactors (SMR). Sie spielen auch in den Klimaplänen von Joe Biden eine Rolle, wenn auch untergeordnete. An solchen SMR arbeiten Unternehmen unter anderem in den USA und Großbritannien, zum Teil mit Unterstützung potenter Geldgeber wie Microsoft-Gründer Bill Gates.

    Diese neue Generation von kleinen Reaktoren soll sich grundlegend von den Großkraftwerken bisheriger Bauart unterscheiden. Ihre Kapazität liegt nicht im Gigawattbereich, sondern auf dem Niveau von Windparks, zum Teil sogar auf dem einzelner Windräder. Die Ingenieure wollen damit eines der größten Probleme der Atomenergie gelöst haben: die Sicherheitsfrage. Katastrophen wie in Tschernobyl oder Fukushima, versprechen die Unternehmen, seien mit den Zwergreaktoren unmöglich.

    Ob sie gegen die Riesen auf dem Energiemarkt eine Chance haben, ist dennoch fraglich. Das sind inzwischen die Erneuerbaren.

    Von Gates bis Obama: Befürworter der Atomenergie

    Bill Gates: Der Microsoft-Gründer arbeitet mit seinem Start-up TerraPower an einer neuen Generation von Kernkraftwerken.

    Microsoft hat ihn reich gemacht, doch Bill Gates hat Höheres im Sinn – etwa den Kampf gegen den globalen CO2-Ausstoß. Sein Start-up TerraPower arbeitet dazu an einer neuen Generation von Atomreaktoren, die weitgehend ohne nuklearen Müll auskommen sollen. Bislang allerdings hat es noch kein Reaktor in den kommerziellen Betrieb geschafft – die Technologie ist kompliziert.

    Patrick Moore Der Kanadier tritt auch Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden bei Greenpeace noch als frühes Mitglied auf – und vertritt zum Teil gegenteilige Positionen der Umweltschützer, etwa für die Atomenergie.

    Patrick Moore tritt auch Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden bei Greenpeace noch als frühes Mitglied der Umweltschutzorganisation auf, vertritt aber zur Freude konservativer Medien oft gegenteilige Positionen. So auch bei der Atomkraft, die er „sicherer als Wind- und Sonnenenergie“ nennt. Moore berät verschiedene Konzerne und Lobbyorganisationen, darunter das Nuclear Energy Institute.

    James Hansen: Der Nasa-Wissenschaftler spricht sich für die Atomenergie als Teil der Lösung im Kampf gegen den Klimawandel aus.

    James Hansens Rede vor dem US-Kongress brachte 1988 die Risiken des Klimawandels einer breiten Öffentlichkeit näher. Bei Protestaktionen gegen fossile Energieprojekte hat der Nasa-Wissenschaftler die Brisanz der Situation unterstrichen. Auch Hansen spricht sich für Atomenergie als Teil der Lösung der Klimakrise aus, setzt dabei jedoch auf eine neue, noch nicht marktreife Reaktorgeneration.

    Michael Bloomberg: Der frühere Bürgermeister von New York spricht sich seit Jahren gegen Kohlekraft aus – und neben den Erneuerbaren auch für die Atomenergie.

    Niemand kann Michael Bloomberg vorwerfen, den Kampf gegen den Klimawandel nicht nach Kräften zu unterstützten. Seit Jahren macht sich New Yorks Ex-Bürgermeister bei jeder Gelegenheit gegen Kohle stark. Die enorm wirksame Anti-Kohlekampagne des Sierra Clubs unterstützt er mit 50 Millionen Dollar. Zu den sauberen Alternativen zählt er neben erneuerbaren Energien auch Atomkraft.

    Barack Obama: Der Ex-Präsident der USA hält kleine, modular aufgebaute Atomkraftwerke für sinnvoll im Kampf gegen den Klimawandel.

    Ohne die Unterstützung des damaligen US-Präsidenten und von Angela Merkel wäre das Pariser Klimaabkommen im Jahr 2015 nicht zustande gekommen. Doch anders als die Bundeskanzlerin sieht Barack Obama die Atomenergie als mögliche Lösung beim Kampf gegen den Klimawandel und spricht sich für den Einsatz kleiner, modular aufgebauter Reaktoren aus.

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