Thunberg und die Kernkraft

Die Greta-Frage

Wenn die Worte „Atomenergie“ und „Lösung“ in einem Satz fallen, bekommen die meisten Umweltschützer Schnappatmung. Greta Thunberg hat diesen Satz gesprochen – und wurde prompt zur Atomaktivistin erklärt. Doch man sollte sich ihre Worte genauer anschauen.

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    Greta Thunberg beim Schülerstreik in Rom: Wie steht die Klimaaktivistin zur Atomenergie?

    Greta Thunberg Mitte April in Rom: Wünscht sich die Ikone der Klimabewegung eine Renaissance der Kernkraft?

    Von Gregor Kessler

    Greta Thunberg, die schwedische Initiatorin der womöglich wirkmächtigsten Klimabewegung seit Erfindung der Dampfmaschine, macht auf Facebook gewöhnlich nicht viele Worte. Die Mehrzahl ihrer Posts besteht aus Fotos von Schülerdemos und kurzen Sätzen aus ihren pointierten Reden. Doch am 17. März holt die 16-Jährige weiter aus. Zwei Tage nachdem weltweit 1,5 Millionen Schüler den Unterricht bestreikt hatten, um einen besseren Klimaschutz zu fordern, erklärt Thunberg noch einmal, worum es ihr und der „Fridays for Future“-Bewegung geht. In Zeiten von Twitter gleicht ihr 4000-Zeichen-Eintrag einem Epos, bei vielen Kommentatoren bleibt aber nur ein Halbsatz hängen: Atomenergie, schreibt Thunberg, „kann ein kleiner Teil in einer sehr großen neuen CO2-freien Energielösung sein.“

    Die Wörter „Atomenergie“ und „Lösung“ passen bislang für den Großteil der Umweltbewegung so gut zusammen wie „Gentechnik“ und „Ökobauer“. Entsprechend gierig schlachten konservative Medien von „Bild“ und „Welt“ über „Focus“ bis zum Schweizer „Blick“ den vermeintlichen Widerspruch aus. Ausgerechnet die Galionsfigur der erstarkenden Klimabewegung spricht sich für die in vielen Ländern nicht mehr gesellschaftsfähige Atomenergie aus, heißt es mit unüberhörbarer Genugtuung.

    Ein starker Spin mit schwachem Gehalt.

    Denn schon in der ursprünglichen Version ihres Posts macht Thunberg klar, dass dies nicht ihre Meinung ist. Sie verweist dabei auf eine Einschätzung des Weltklimarats IPCC. Dieses maßgeblichen wissenschaftliche Beratergremium in Klimafragen hatte im vergangenen Herbst in einem Sonderbericht Duzende von Szenarien untersucht, um zu klären, wie sich das in Paris beschlossene Ziel erreichen lässt, die Erderwärmung möglichst auf 1,5 Grad zu beschränken. Atomenergie, die heute weniger als drei Prozent des weltweiten Energiebedarfs deckt, spielt in vielen dieser Szenarien eine Rolle. Doch zugleich verweist der IPCC in seinem Bericht auch klar auf die Risiken der Technologie (Seite 20/21 im PDF).

    Wenn also die „Bild“-Zeitung schreibt, Greta Thunberg wolle „lieber Atomkraft statt Kohlestrom“, dann ist das gleich doppelt falsch. Thunberg verweist auf die Rolle der Atomenergie in Energieszenarien des IPCC. Dass sie selbst nicht den Bau weiterer Atommeiler fordert, unterstreicht sie nach der brausenden medialen Erregung schnell mit einer kurzen Ergänzung: „Persönlich bin ich gegen Atomenergie.“ In einem Interview mit Anne Will erläutert sie diese Haltung wenig später erneut.

    Eine Präzisierung aus der die „Welt“ flugs eine Kehrwende konstruiert: „Plötzlich ändert Greta Thunberg ihre Meinung zur Atomkraft.“ Auch „Spiegel“-Redakteur Jan Fleischhauer erliegt dem Reflex, Thunbergs Post zu einer Breitseite gegen vermeintliche ökologische Widersprüche zu missbrauchen. In einer Kolumne arbeitet er sich länglich am Aufstieg der Person Thunberg ab und nutzt die Gelegenheit, der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Göring-Eckhardt ein paar Worte mitzugeben, vermeidet aber jede inhaltliche Auseinandersetzung.

    Von Gates bis Obama: Befürworter der Atomenergie

    Bill Gates: Der Microsoft-Gründer arbeitet mit seinem Start-up TerraPower an einer neuen Generation von Kernkraftwerken.

    Microsoft hat ihn reich gemacht, doch Bill Gates hat Höheres im Sinn – etwa den Kampf gegen den globalen CO2-Ausstoß. Sein Start-up TerraPower arbeitet dazu an einer neuen Generation von Atomreaktoren, die weitgehend ohne nuklearen Müll auskommen sollen. Bislang allerdings hat es noch kein Reaktor in den kommerziellen Betrieb geschafft – die Technologie ist kompliziert.

    Patrick Moore Der Kanadier tritt auch Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden bei Greenpeace noch als frühes Mitglied auf – und vertritt zum Teil gegenteilige Positionen der Umweltschützer, etwa für die Atomenergie.

    Patrick Moore tritt auch Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden bei Greenpeace noch als frühes Mitglied der Umweltschutzorganisation auf, vertritt aber zur Freude konservativer Medien oft gegenteilige Positionen. So auch bei der Atomkraft, die er „sicherer als Wind- und Sonnenenergie“ nennt. Moore berät verschiedene Konzerne und Lobbyorganisationen, darunter das Nuclear Energy Institute.

    James Hansen: Der Nasa-Wissenschaftler spricht sich für die Atomenergie als Teil der Lösung im Kampf gegen den Klimawandel aus.

    James Hansens Rede vor dem US-Kongress brachte 1988 die Risiken des Klimawandels einer breiten Öffentlichkeit näher. Bei Protestaktionen gegen fossile Energieprojekte hat der Nasa-Wissenschaftler die Brisanz der Situation unterstrichen. Auch Hansen spricht sich für Atomenergie als Teil der Lösung der Klimakrise aus, setzt dabei jedoch auf eine neue, noch nicht marktreife Reaktorgeneration.

    Michael Bloomberg: Der frühere Bürgermeister von New York spricht sich seit Jahren gegen Kohlekraft aus – und neben den Erneuerbaren auch für die Atomenergie.

    Niemand kann Michael Bloomberg vorwerfen, den Kampf gegen den Klimawandel nicht nach Kräften zu unterstützten. Seit Jahren macht sich New Yorks Ex-Bürgermeister bei jeder Gelegenheit gegen Kohle stark. Die enorm wirksame Anti-Kohlekampagne des Sierra Clubs unterstützt er mit 50 Millionen Dollar. Zu den sauberen Alternativen zählt er neben erneuerbaren Energien auch Atomkraft.

    Barack Obama: Der Ex-Präsident der USA hält kleine, modular aufgebaute Atomkraftwerke für sinnvoll im Kampf gegen den Klimawandel.

    Ohne die Unterstützung des damaligen US-Präsidenten und von Angela Merkel wäre das Pariser Klimaabkommen im Jahr 2015 nicht zustande gekommen. Doch anders als die Bundeskanzlerin sieht Barack Obama die Atomenergie als mögliche Lösung beim Kampf gegen den Klimawandel und spricht sich für den Einsatz kleiner, modular aufgebauter Reaktoren aus.

    Anders die „Bild“, die fälschlich unterstellt, der Kohleausstieg sei nur mit dem Atomausbau zu haben. Um den heutigen Kohleanteil am globalen Energiemix von einem guten Viertel durch Atomenergie zu ersetzen wären Tausende neuer Meiler nötig. Die technischen Probleme bei Neubauprojekten in Frankreich oder England und ihre teils jahrelangen Verzögerungen zeigen, dass Atomkraftwerke keine schnelle Lösung sind. Erst recht keine günstige.

    Die Aufregerdebatte um „Greta und die Atomenergie“ passt zum Umgang mit der gesamten „Fridays For Future“-Bewegung. Statt sich mit deren zentraler Forderungen nach einer wirkungsvollen Klimapolitik zu beschäftigen, werden Nebenschauplätze wie die Schulpflicht, das individuelle Reiseverhalten prominenter Aktivisten oder die thematische Qualifikation der Schüler aufgemacht. Dass derweil der Kohleausstieg auch drei Monate nach Abschluss der zuständigen Kommission nicht vorankommt und seit Jahren überfällige Entscheidungen in eine neue Gesprächsrunde namens Klimakabinett delegiert werden, gerät darüber aus dem Blick.

    Ironischerweise ging es Greta Thunberg in ihrem Facebook-Eintrag genau darum: um einen ganzheitlichen Blick auf die enorme Herausforderung der Klimakrise. Einen, der sich nicht länger mit der Diskussion einzelner Lösungsansätze aufhält, sondern angeht, was der IPCC-Bericht „beispiellose Veränderungen in allen Teilen der Gesellschaft“ nennt.

    Anführungszeichen

    Wir brauchen eine neue Form des Wirtschaftens, bei der alles auf unserem schnell schrumpfenden und extrem begrenztem CO2-Budget basiert

    Greta Thunberg

    Wie weitreichend diese Änderungen seien müssen, deutet Thunberg nur an: „Wenn du deine Hausaufgaben gemacht hast, merkst du, dass wir eine neue Politik brauchen. Wir brauchen eine neue Form des Wirtschaftens, bei der alles auf unserem schnell schrumpfenden und extrem begrenztem CO2-Budget basiert.“ Und selbst das sei noch nicht genug, schreibt sie weiter. Nötig sei eine ganz neue Art des Denkens. Eine, die nicht mehr auf Wettbewerb und Gewinnen gründe.

    Kein Wunder also, dass die meisten Kommentatoren sich lieber mit hämischen Sticheleien begnügen. Thunbergs eigentliches Thema ist schließlich weitaus unbequemer.

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