• Search14.10.2021

Energiepreise

Wie Erneuerbare die Inflation dämpfen

Verbraucher und Unternehmen stöhnen unter steigenden Preisen für Sprit, Gas und Strom. Langfristig hilft dagegen ein massiv beschleunigter Ausbau der Erneuerbaren, sagen Energieexperten. Kurzfristig könnte die Abschaffung der EEG-Umlage Entlastung bringen.

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    Gas, Sprit, Strom: Verbraucher und Unternehmen stöhnen unter steigenden Energiepreisen. Erst wenn ausreichend erneuerbare Energien zur Verfügung stehen, dürften die Preise wieder fallen.

    Der Ausbau von Windrädern stockt. Dabei könnte ihr Strom den gestiegenen Gaspreis abfedern.

     

    Von Heimo Fischer

    Dass die Energiepreise in die Höhe schnellen, merkt jeder, der an der Tankstelle derzeit so ins Portemonnaie greifen muss wie lange nicht. Die Heizkosten im nahenden Winter dürften ebenfalls steigen. Duschen, Kochen, Bügeln, alles schlägt in diesem Herbst, in dem der Energiemarkt verrücktspielt, stärker zu Buche als zuvor.

    Das zeigt sich auch in der Inflationsrate, die im September auf 4,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat stieg. Auf Jahressicht dürfte sie bei fünf Prozent liegen, schätzte die Bundesbank. Nicht nur für Verbraucher, auch für Unternehmen sind die Folgen erheblich. Stahl- und Chemiewerke stöhnen unter explodierenden Rohstoffpreisen. Manche Gasversorger schließen keine neuen Kundenverträge mehr ab und Staaten in aller Welt bunkern Energie für den Eigenbedarf.

    Die Weltwirtschaft erholt sich vom Coronaschock. Das befeuert die Energiepreise

    Die Gründe für den Preisanstieg von Öl, Gas und Kohle sind vielfältig. Einer der wichtigsten: Während der Pandemie arbeiteten zahlreiche Fabriken auf Sparflamme und brauchten weniger Energie als zuvor. In der Folge brachen die Preise ein. „Die Erholung verlief jedoch schneller als erwartet“, sagt Lukas Schmidt vom Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln (EWI). Der überraschende Nachfragesprung traf auf ein schmales Angebot. Erschwerend wirkte sich aus, dass besonders in Deutschland der Wind nicht stark wehte. „Dadurch ging die Stromproduktion aus Wind im ersten Halbjahr um 20 Prozent zurück, verglichen mit dem Vorjahreshalbjahr“, sagt Schmidt. Die Lücke füllten fossile Kraftwerke.

    Hinzu kommt, dass der Energiehunger von Staaten wie China und Indien pausenlos steigt. Da die erneuerbaren Energien weltweit die wachsende Nachfrage bislang nicht stillen können, steigen die Preise. Und dieser Trend wird voraussichtlich anhalten – oder sogar stärker werden.

    Im Kampf gegen die Klimakrise werden fossile Energien teurer. Das ist so gewollt

    Der Grund liegt aber auch im Klimawandel: Um die Erderhitzung zu begrenzen, verschärfen zahlreiche Staaten ihre Umweltauflagen und Klimagesetze, etwa über CO2-Zertifikate. Die Idee dahinter: Wenn klimaschädliche Energieträger teurer werden, weichen Unternehmen und Verbraucher auf klimafreundliche Technologien aus, sodass der Treibhausausstoß sinkt. Die Preissteigerungen für fossile Energien sind also gewollt – wenn auch sicher nicht im derzeitigen Tempo und Ausmaß.

    Kohle, Öl und Gas dürften daher noch länger als Preistreiber wirken. Deutlich wird das am Ergebnis einer Studie des Network for the Greening the Financial System (NGFS). In dem Arbeitskreis haben sich Angehörige von Wissenschaft und Notenbanken zusammengeschlossen. Die Autoren schätzen, dass in diesem Jahrzehnt die Preise um mehr als einen Prozentpunkt steigen – auch getrieben durch die verschärften Maßnahmen zum Klimaschutz. Das ist doppelt so viel wie in den Jahren 2005 und 2006.

    Strom aus Wind und Sonne ist günstig. Aber es braucht viel mehr davon

    Das Szenario geht davon aus, dass sich der Trend in den 2030er-Jahren abschwächt und es ab 2040 sogar zu sinkenden Inflationsraten kommt. Denn durch den flächendeckenden Ausbau der erneuerbaren Energien werde dann eine preiswertere Energiequelle zur Verfügung stehen. Während die Erzeuger von Strom aus Kohle und Gas den Rohstoff einkaufen müssen, stehen Wind und Sonne kostenlos zur Verfügung, wenn die Investitionen zum Bau der Erzeugungsanlagen getätigt sind. Jetzt rächt sich, dass der Ökostromausbau in den vergangenen Jahren in Deutschland ausgebremst wurde.

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    Ein ausreichendes Angebot von erneuerbaren Energien würde Gaskraftwerke aus dem Markt drängen

    Steffen Bukold, Berater bei Energy Comment

    Eine Argumentation, die Steffen Bukold von Energy Comment nachvollziehen kann. „Ein ausreichendes Angebot von erneuerbaren Energien würde zum Beispiel die Gaskraftwerke aus dem Markt drängen“, sagt der Berater. Viele Experten gehen davon aus, dass der fossile Energieträger Erdgas noch länger als Brückentechnologie benötigt wird, solang das Ökostromangebot nicht ausreicht. Für das Klima ist allerdings auch Erdgas schädlich. Es ist das darin enthaltene Methan, das Gas zum Klimakiller macht. Grüner Wasserstoff, der per Elektrolyse aus Ökostrom gewonnen wird, soll Erdgas in der Industrie zunehmend ersetzen. Doch die Kapazitäten dazu müssen erst noch aufgebaut werden.

    Ob ein Ausbau der Erzeugungsanlagen von erneuerbarer Energie starke Preissprünge auf dem Energiemarkt dauerhaft vermeiden würde, bezweifelt Bukold. „Die Produktion von Wind- und Sonnenstrom ist wetterabhängig. Volatilität ist also vorprogrammiert, solange es noch keine leistungsfähigen Speicher in ausreichender Zahl gibt.“

    Droht nun eine grüne Inflation? Nein, sagt DIW-Chef Marcel Fratzscher

    Müssen wir also in den nächsten Jahrzehnten Angst vor einer grünen Inflation haben? Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hält diese Furcht für unberechtigt. Im Gegenteil – die Preise für klimaschädliches Verhalten müssten steigen, um Anreize für Innovationen und alternative Wirtschaftsprozesse zu setzen, schreibt er in einem Beitrag für das „Handelsblatt“.

    Nicht der Klimaschutz sei die Ursache für Inflation, sondern der Klimawandel. „Regulierung und CO2-Preise mögen zwar kurz- und mittelfristig einen Beitrag zu höheren Energiekosten leisten. Langfristig reduzieren sie diese aber und führen zu einer geringeren Inflation.“

    Ein Mittel gegen das Preishoch: Experten raten zur Abschaffung der EEG-Umlage

    Angesichts der hohen Belastung für Verbraucher fürchten viele Energieexperten nun, dass die Politik in bereits beschlossene Klimaschutzmaßnahmen wie die Steigerung der CO2-Preise eingreifen könnte. Das allerdings würde den Kampf gegen die Erderhitzung gefährden. Sie empfehlen daher andere Wege, die kurzfristig gegen die hohen Preise helfen könnten. „Als Sofortmaßnahme könnte in Deutschland die Abschaffung der EEG-Umlage Haushalte und Unternehmen entlasten. Dies wirkt einerseits wie ein ,Energiegeld', trägt aber gleichzeitig in großem Umfang zum Bürokratieabbau bei und macht die Sektorenkopplung attraktiver“, schreibt die Wirtschaftsweise Veronika Grimm in einem Meinungsbeitrag für „Tagesspiegel Background“.

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