Windräder im Wald

  • Search03.04.2025

Oben Windkraft, unten Naturschutz

Der Werra-Meißner-Kreis ist ein Hotspot der Artenvielfalt – und der Windkraft im Wald. Wie sich Natur- und Klimaschutz vereinbaren lassen, zeigt ein Spaziergang mit einem Förster im Kaufunger Wald.

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    Dieser Fichtenwald ist dem Klimawandel, Orkanen und dem Borkenkäfern erlegen. Solche Flächen eignen sich oft gut für den Bau von Windparks.

    Orkane, Trockenheit und der Borkenkäfer haben viele Fichtenwälder in Deutschland in Mondlandschaften verwandelt.

     

    Von Peter Ringel

    Bechsteinfledermaus und Großes Mausohr, Frauenschuh und Brauns Schildfarn, Gelbbauchunke und Skabiosen-Scheckenfalter: Wegen solch seltener Arten ist das Werra- und Wehretal als Flora-Fauna-Habitat geschützt. Nach dem Wattenmeer ist es Deutschlands zweitgrößtes FFH-Gebiet. Weite Teile davon gehören zum Forstamt Hessisch Lichtenau. In dessen Wäldern findet sich aber nicht nur eine reiche Natur. Zugleich drehen sich dort 30 Windräder, zehn weitere sollen folgen. Nirgendwo in Hessen ist so viel Windkraftleistung im Wald installiert.

    „In 30 bis 50 Jahren wird sich hier Mischwald entwickelt haben“, sagt Günter Groß. Der Förster weist auf eine kahle Kuppe des Kaufunger Walds. Rund um die Windkraftanlagen erstreckten sich bis vor einigen Jahren noch großflächige Fichtenbestände. Nach dem Orkan Friederike von 2018, dem vier Dürrejahre und der Borkenkäfer folgten, stehen die Anlagen auf einem offenen Plateau. Ist das Totholz geräumt, wird mit Eiche und Weißtanne aufgeforstet. Birken, Fichten und Ahorn kommen von allein. In deren Schatten folgt die Buche, erklärt Groß bei der Tour mit dem E-Auto quer durch den Forstbezirk.

    Förster Günter Groß vor einem Windrad im Kaufunger Wald (Hessen): „Die Monokulturen werden zum Märchenwald verklärt.“

    Förster Günter Groß vor einem Windrad im Kaufunger Wald: „Wir wollen möglichst wenig in den Wald eingreifen und keine artenreichen Bereiche schädigen.“

    Der Förster kümmert sich seit 15 Jahren um Windkraftprojekte. Seine Erfahrung fasst er in einem Satz zusammen: „Man braucht den richtigen Betreiber und den richtigen Standort“.

    Alle fünf Windparks in seinem Revier liegen auf Flächen, die in einer Karte auf seinem Handy dunkelblau markiert sind. Die Farbe steht für Fichten. Je dunkler, desto älter. Braun kennzeichnet Buchen auf Basalt oder Muschelkalk. In diesen Gebieten findet sich kein einziges Rotorsymbol. „Wir wollen möglichst wenig in den Wald eingreifen und keine artenreichen Bereiche schädigen“, sagt Groß.

    Das heißt konkret: Wo wie am Hohen Meißner wertvolle Laubwälder mit Rot- und Weißbuche, mit Ahorn, Linde und Esche wachsen, wird keine Anlage geplant.

    In Hessen sind bereits seit 2015 zwei Prozent der Landesfläche als Windvorranggebiete ausgewiesen. Die Kriterien der Regionalplanung: keine Anlagen in Naturschutzgebieten, mindestens ein Kilometer Abstand zu Ortschaften, Windgeschwindigkeit im Jahresmittel mindestens 5,75 Meter pro Sekunde. Das trifft in Hessen vor allem auf bewaldete Hochlagen zu. Dort dominiert die Fichte, der Brotbaum vieler Forstbetriebe.

    Windräder und Artenvielfalt gehen zusammen – wenn die Flächen stimmen

    Kaum ein Naturschützer trauert solchen Monokulturen hinterher, meint der Biologe und Ökologe Marc Reichenbach vom Umweltgutachter Arsu. „Biodiversität und Windkraft im Wald lassen sich am richtigen Standort grundsätzlich vereinbaren“, erklärt der Co-Autor entsprechender Studien. Vor allem alte Laubwälder gelten als schützenswert, rund ein Drittel der Waldfläche Deutschlands ist für den Umweltverband BUND tabu.

    Pro Windrad werden knapp zwei Drittel eines Fußballfelds benötigt. Das Gros davon ist für den Kran geschottert. Für dessen Aufstellung kommt ein 100 Meter langer schmaler Streifen hinzu. Im Forstamt Hessisch Lichtenau belegen die 30 Anlagen insgesamt knapp 15 Hektar, das sind 0,1 Prozent des Staatswaldes. Weitere rund zwölf Hektar wurden für den Bau gerodet und danach bis an den Turm heran naturnah aufgeforstet. Als Ausgleich für die dauerhaft belegten Flächen wurden Moore renaturiert, Alleen gepflanzt und Waldareale aus der Nutzung genommen.

    Vier Baumarten dominieren den deutschen Wald: Kiefer, Fichte, Buche und Eiche, wie die Bundeswaldinventur 2022 zeigt. Besonders um den Zustand der Fichten steht es schlecht. Infografik: Andreas Mohrmann

    Die Anlagen stehen möglichst nah an vorhandenen Forstwegen. Material wurde zuletzt außerhalb des Waldes gelagert. Durch die Abstimmung mit den Betreibern, meist sind es regionale Energieversorger, ist es aus Sicht von Groß gelungen, Klimaschutz, Naturschutz und Forstinteressen zusammenzubringen. Lediglich die Standorte von drei Anlagen hält der Förster nicht für ideal, weil der Hang eingekerbt wurde: „Das schneidet die Bereiche darunter von Wasser ab, das in einigen Metern Tiefe den Berg hinabläuft.“ Dass die Windparks einzeln ans Netz angebunden wurden, ärgert ihn im Rückblick ebenfalls.

    Bei der Standortwahl kam der Naturschutz von Beginn an in den Blick. Bereits in der Regionalplanung waren für Fledermäuse wichtige Gebiete mit alten Höhlenbäumen ausgeschlossen worden. Wo Anlagen entstanden sind, wurden die Tiere drei Jahre lang über die Ultraschallrufe erfasst. Das Gondelmonitoring sollte klären, ob die Rotoren zu bestimmten Zeiten abgeschaltet werden müssen. Das war laut Groß nicht der Fall, es habe keine signifikanten Verluste gegeben. Um Fledermäuse zu schützen, stoppen Windräder vielerorts, insbesondere in der Zugzeit und in warmen Nächten mit wenig Wind.

    „Fledermäuse haben in unseren Landschaften ganz andere Probleme“

    Dass Rauhautfledermaus, Abendsegler oder Hufeisennasen von Rotoren getötet werden, lässt sich dennoch nicht verhindern, sagt Reichenbach. Diskutiert werde, ob Rotoren beim Bestandsrückgang des Großen Abendseglers und der Bechsteinfledermaus eine Rolle spielen. Die Anlagen seien jedoch nur ein Faktor von vielen, wie er betont: „Fledermäuse haben in unseren Landschaften ganz andere Probleme.“ Weniger Fluginsekten und der Verlust von Quartieren seien an erster Stelle zu nennen. Bislang gebe es keinen Nachweis, dass eine Tierart durch Windkraft im Wald im Bestand bedroht sei. Ausgeräumte Agrarlandschaften sehen viele Naturschützer als größten Treiber des Artenschwunds.

    Um Fledermäuse und Vögel wenig zu beeinträchtigen, werde zunächst groß- und dann kleinräumig geplant, erklärt Reichenbach: „Ist es eine Hanglage, die Thermiksegler wie Greifvögel und Störche nutzen? Gibt es Vorkommen des seltenen Haselhuhns?“ Einzelne Anlagen dann nicht oder woanders zu bauen, sei in der Branche inzwischen Konsens.

    Abgestorbene Fichten in Hessen: Für Windräder auf Waldflächen werden oft kranke Bäume gerodet – und an anderer Stelle durch höherwertige Bäume ersetzt.

    Werden für Windräder Bäume gerodet, wird an anderer Stelle aufgeforstet. Oft ersetzen gesunde Mischwälder so abgestorbene Fichten-Monokulturen wie hier in Hessen.

    Im Revier von Groß wurde für den Schwarzstorch auf Windräder verzichtet, um dessen zuvor erfasste Flugrouten nicht zu stören. Der Horst ist eineinhalb Kilometer vom nächsten Windrad entfernt. „Der Schwarzstorch brütet weiterhin bei uns im Wald“, freut sich der Förster. Auch bei Eulen und anderen Greifvögeln seien keine Rückgänge zu verzeichnen. Ziehen Kraniche durch, werden Anlagen abgeschaltet.

    Was dem Wald am meisten zusetzt: die Erderwärmung

    Als größte Bedrohung für seinen Wald sieht Groß den Klimawandel. Seine Sorge: dass auch die bereits gestresste Buche kommenden Dürren nicht standhält. Die 240 Millionen Kilowattstunden, die Windräder in seinem Forstbezirk jährlich erzeugen, sind für ihn ein beachtlicher Beitrag zum Schutz des Klimas. Ein weiteres Argument: Um von Dürre und Orkan entwaldete Flächen aufzuforsten und um den Wald klimaresilient umzubauen, sind Pachteinnahmen durch erneuerbare Energien für die Forstbetriebe ein Segen.

    Bei der Vergabe der Flächen für die Windkraft gab es eine lange Liste von Kriterien: In die Verträge sind Mindesthaltefristen eingezogen. Die Windparks wechseln also nicht von einem Investor zum nächsten. Das Land erhält eine Umsatzbeteiligung. Weil die Betreibergesellschaften vor Ort ansässig sein müssen, profitieren die Kommunen durch die Gewerbesteuer. Wichtig ist Groß, dass die Wertschöpfung vor Ort bleibt und dass Bürger oder Kommunen beteiligt sind. Das fördere die Akzeptanz und passe zu einer dezentralen Energieerzeugung.

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    Die Monokulturen werden zum Märchenwald verklärt

    Förster Günter Groß über Windkraft-Proteste im Reinhardswald

    Auch im Beritt des Försters gab es zunächst Proteste, sogar ein Messmast wurde gekappt. Vor Gericht zog jedoch niemand. In Hessens nördlichstem Zipfel, im Reinhardswald, sieht es ganz anders aus. Kommunen, Bürgerinitiativen und Umweltverbände klagen. Dabei sieht der Wald ähnlich aus wie im Kaufunger Wald. Auf den windigen Kuppen stehen keine alten Laubbäume, sondern Fichten. Der verbissene Protest stößt bei Groß auf Unverständnis. „Die Monokulturen werden zum Märchenwald verklärt.“

    „Windkraft im Wald wird politisch ausgeschlachtet“, hat auch Reichenbach beobachtet. Für den Artenschutz sei es aber egal, ob Bäume um eine Anlage herum stehen oder nicht. Ein Windpark im Offenland könne je nach Standort ebenso problematisch oder unproblematisch sein. Netto gehe durch Windräder kein Wald verloren, da Rodungsflächen nach dem Waldgesetz naturnah aufzuforsten sind. Somit könne der Wald mittelfristig sogar ökologisch wertvoller werden.

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