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  • Search16.01.2023

Offshore-Wind vor Herkulesaufgabe

Der Bund will die Stromerzeugung auf See drastisch ausbauen. Aus Sicht der Branche müssen dafür einige Hürden beiseitegeräumt werden. Das betrifft etwa die Infrastruktur in Häfen und Werften – aber auch den gesetzlichen Rahmen.

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    Bau des Offshore-Windparks Arcadis Ost 1 in der Ostsee: Das Projekt soll 2023 als dann 29. deutscher Offshore-Windparks in Betrieb gehen.

    Transport von Fundamenten für das Projekt Arcadis Ost 1. Es soll dieses Jahr als 29. deutscher Offshore-Windpark in Betrieb gehen.

     

    Von Volker Kühn

    Um sechs Gigawatt ist die Leistung von Europas Offshore-Windenergie in den vergangenen beiden Jahren gewachsen. An Deutschland ging der Boom allerdings weitgehend vorbei, hier kamen lediglich 0,3 Gigawatt hinzu. Imposant nehmen sich in Deutschland derzeit allein die Ziele aus: Bis 2030 soll die Kapazität der Windparks auf See von heute 8,1 auf 30 Gigawatt wachsen.

    Die Branche muss damit fast das Dreifache dessen hinzubauen, was sie seit dem Start in die Offshore-Windenergie 2010 insgesamt geschafft hat – in kaum mehr als der Hälfte der Zeit. Es ist eine Herausforderung, die mit „Herkulesaufgabe“ zurückhaltend beschrieben ist.

    Alle deutschen Offshore-Windparks bis 2022 im Überblick: Insgesamt kommt die Windenergie auf See auf 8,1 Gigawatt. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Dass der Ausbau grundsätzlich schnell gehen kann, zeigen die guten Jahre der Branche. 2015 etwa gingen acht neue Offshore-Windparks mit zusammen fast 2,4 Gigawatt ans Netz. Später jedoch erlahmte das Tempo, 2021 herrschte sogar Stillstand. Die Ursache dafür sehen Industrievertreter in Entscheidungen der Merkel-Regierungen, die den Gesetzesrahmen für Offshore-Wind wiederholt änderten. Das Stop-and-go habe Investoren verunsichert.

    Häfen, Werften, Schiffe, Fachkräfte: die Hindernisse beim Offshore-Wind-Ausbau

    Umso wichtiger sei es, dass sich die Industrie künftig darauf verlassen könne, dass die Bundesregierung an der Energiewende auf See festhält, betonten Branchenvertreter am Montag bei der Vorstellung des Jahresberichts der Offshore-Windenergie (PDF). Die Ampelregierung habe in ihrem ersten Jahr durchaus für Aufbruchsstimmung gesorgt, hieß es. Allerdings müsse eine Reihe von Hindernissen überwunden werden, um die ambitionierten Ziele zu stemmen. Vor allem vier Bereiche machen Experten Sorgen:

    • Häfen Es gibt zu wenig Schwerlastkais an der deutschen Nord- und Ostsee, von denen die teils Hunderte Tonnen schweren Bauteile für Offshore-Windparks verschifft werden können. Zwar kommen dafür auch Häfen wie Esbjerg in Dänemark oder Eemshaven in den Niederlanden in Frage. Allerdings haben auch die Nachbarländer ihre Ausbaupläne hochgeschraubt, sodass Engpässe spätestens in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts absehbar sind. Immerhin hat Niedersachsen kürzlich 100 Millionen Euro für den Ausbau des Anlegers in Cuxhaven zugesagt. Das allein wird aber kaum reichen.

    • Schiffe Ähnlich sieht es bei Spezialschiffen für die Offshore-Windenergie aus. Auch hier verschärft sich der Wettbewerb, da nicht nur die Nordsee-Anrainer, sondern auch verschiedene Mittelmeerländer und Nationen in Übersee Offshore-Wind zu einer Kerntechnologie in ihrer Klimawende ausgerufen haben. Für die neusten Windräder mit einer Leistung von 15 Megawatt oder mehr kommt derzeit nur eine Handvoll Schiffe weltweit in Frage.

    • Konverterstationen Die gewaltigen Plattformen wandeln die Energie von Windrädern in Gleichstrom um, sodass er verlustarm über weite Strecken zur Küste geschickt werden kann. Sie sind eine Schlüsseltechnologie für die Offshore-Windenergie. In Europa gibt es mit Dragados in Cádiz derzeit allerdings nur eine einzige Werft, die Konverterstationen der neusten Generation bauen kann. Das belgische Spezialunternehmen Smulders möchte auch in Rostock-Warnemünde in den Bau einsteigen, wodurch 1000 Arbeitsplätze entstehen könnten. Allerdings sperrt sich dagegen bislang das Bundesverteidigungsministerium, das die Werft für die Marine nutzt. Durch den Rücktritt von Verteidigungsministerin Christine Lambrecht könnte sich die Lage nun aber ändern, so die Hoffnung in der Branche.

    • Fachkräfte Die Komponenten für Windräder müssen gebaut, transportiert, montiert und gewartet werden. Dafür sind gut ausgebildete Spezialisten nötig. Doch wie in vielen Branchen fehlen sie auch in den erneuerbaren Energien. Breit angelegte Ausbildungsinitiativen sind zwingend. Lob aus der Branche gibt es für den erleichterten Zugang von Fachkräften aus Nicht-EU-Ländern, die in der Ausschließlichen Wirtschaftszone auf See arbeiten.
    30 Gigawatt Offshore-Wind 2030, 40 im Jahr 2035 und 70 GW 2045: Das sind die Pläne der Ampelregierung im Koalitionsvertrag. Infografik: Benedikt Grotjahn

    In der Beschreibung der Hindernisse beim Ausbau der Offshore-Windenergie werden allerdings zugleich die gewaltigen Chancen für die deutsche und europäische Industrie deutlich. Es könnten Tausende neue Arbeitsplätze entstehen, im Bau von Windradkomponenten, Schiffen und Konverterstationen etwa, in der Montage der Anlagen auf See, in der Wartung und dem Betrieb der Parks. Die Seehäfen könnten sich dabei zu einem Kraftzentrum der Transformation entwickeln, schreibt Andreas Kuhlmann, Geschäftsführer der Deutschen Energie-Agentur (Dena), in einem Gastbeitrag für den „Tagesspiegel“.

    Der Bund verteuert Offshore-Windstrom unnötig, kritisiert die Branche

    Offen ist aus Sicht der Branche allerdings noch, zu welchen Kosten der Ausbau erfolgen wird und wie viel Verbraucher und Unternehmen für den Windstrom zahlen müssen. Die aktuelle Gesetzeslage verteuere den Strom unnötig, heißt es. Im Wind-auf-See-Gesetz (WindSeeG) ist eine sogenannte Gebotskomponente vorgesehen, eine Art Eintrittsgeld, das Betreiber zahlen müssen, um einen Windpark bauen zu dürfen. Wer am meisten bietet, erhält den Zuschlag.

    „Dieses Geld müssen die Betreiber über den Strompreis refinanzieren. Die Zeche dafür zahlt am Ende immer der Verbraucher“, erklärte Stefan Thimm, Geschäftsführer des Bundesverbands der Windparkbetreiber Offshore (BWO), bereits im Juli gegenüber EnergieWinde. Die Branchenverbände forderten nun gemeinsam, die ungedeckelte Gebotskomponente zu streichen und Differenzkontrakte (Contracts for Difference / CfD) für die Offshore-Windenergie einzuführen.

    Windpark Kaskasi in der Nordsee: Das 342-Megawatt-Projekt ging Ende 2022 in Betrieb.

    Das WindSeeG sollte aber noch in einem weiteren Punkt geändert werden, erklärten die Branchenvertreter am Montag: Wenn neue Offshore-Windparks ausgeschrieben werden, müsse die Menge, die ein einzelner Bieter pro Jahr erhält, begrenzt werden. Auf diese Weise könne sichergestellt werden, dass es ausreichend Akteure in der Branche gibt – ein Sicherheitsmechanismus für den Ausfall einzelner Unternehmen. „Aufgrund des großen Volumens der Ausschreibungen müssen Regierung und Industrie von Anfang an Hand in Hand arbeiten, um Nachbesserungen zu vermeiden. Das betrifft auch den Erhalt der Akteursvielfalt der Projektierer“, so die Interessenvertretungen.

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