Globaler Offshore-Wind-Boom

Kein Schiff wird kommen

Der Ausbau der Offshore-Windenergie könnte ins Stocken geraten: Es gibt zu wenige Installationsschiffe, um all die weltweit geplanten Windräder ins Meer zu stellen. Die Produktion müsse jetzt hochgefahren werden, um den Boom ab 2025 zu bewältigen, fordert die Branche.

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    Installationsschiffe wie die „Pacific Osprey“ sind für die Offshore-Windkraft unabdingbar. Doch aktuell gibt es zu wenige davon, um all die geplanten Windparks zu bauen.

    Schiffe wie die 2012 in Südkorea gebaute „Pacific Osprey“ sind für Offshore-Windparks unabdingbar: Sie schleppen die Hunderte Tonnen schweren Komponenten hinaus ins Baufeld und stellen mit ihren Kränen die Windräder im Meer auf.

     

    Von Daniel Hautmann

    Von Norwegen bis Australien, von Japan bis in die USA und in der Nord- und Ostsee sowieso: Rund um den Globus werden Offshore-Windparks gebaut oder geplant. Strom vom Meer soll eine zentrale Säule der klimaneutralen Welt werden. Fehlen nur noch die Schiffe, die all die Windräder errichten.

    Derzeit sind weltweit mehr als 160 Offshore-Windparks mit einer Kapazität von zusammen über 32 Gigawatt am Netz. Allein im vergangenen Jahr wurden laut dem World Forum Offshore Wind (WFO) global 5,2 Gigawatt installiert – nie zuvor kamen in einem einzigem Jahr so viele neue Anlagen hinzu. Und in Zukunft werden es noch weit mehr: Allein in Europa sollen es bis zur Mitte des Jahrhunderts 300 Gigawatt sein. Andere Schätzungen gehen sogar von einem Bedarf von 450 Gigawatt aus. Und auch die USA unter Biden preschen mit einem Ziel von 30 Gigawatt bis zum Jahr 2030 voran.

    Doch mit den derzeitigen Mitteln wird das kaum gelingen. Denn es gibt einfach zu wenige Installationsschiffe. Es ist wie auf einer Geburtstagsparty mit zu vielen Gästen: Alle wollen was vom Kuchen abhaben – aber es gibt nicht genug.

    Brancheninformationsdienste wie „Recharge“ berichteten bereits im vergangenen August, dass die Nachfrage das Angebot schon 2024/25 übersteigen könnte. Das liege vor allem an den immer größeren und leistungsstärkeren Turbinen. Das Problem bremse schon jetzt das Offshore-Windgeschäft von General Electric aus.

    Der Ausbau der Offshore-Windenergie droht durch den Mangel an Schiffen zum Bau der Windräder gebremst zu werden. Infografik: Andreas Mohrmann

    Der Bedarf an Bauschiffen für Offshore-Windparks steigt rasant. Allein für die Errichtung von Turbinen der Klasse ab 13 Megawatt werden 2025 hochgerechnet rund sechs Jahre Schiffseinsatzzeit (im Fachjargon „Vessel Years“) benötigt.

    „Die Marktdynamik und das rapide Größenwachstum der Anlagen haben die Branche überwältigt. Die müssen sich immer neu aufstellen und den neuen Anforderungen schnell anpassen“, sagt Po Wen Cheng, Leiter des Lehrstuhls für Windenergie an der Universität Stuttgart.

    Aktuell sind 46 Schiffe im Einsatz. Bis 2030 wird sich der Bedarf vervielfachen

    Während die Anlagen und Komponenten stetig wachsen – derzeit werden Turbinen mit 15 Megawatt getestet – kommt der Bau von Spezialschiffen, die mit diesen Dimensionen umgehen können, nicht hinterher. Das besagt eine Analyse des norwegischen Energieberatungsunternehmens Rystad Energy. Weltweit gebe es gegenwärtig 32 aktive Turbineninstallationsschiffe und 14 Schiffe speziell für den Bau von Fundamenten. Der Bedarf könnte bis 2030 vier- bis fünfmal so hoch sein wie heute. Mit der geplanten 15-Megawattklasse kämen weltweit aktuell sogar nur vier Exemplare klar.

    Die „Bold Tern“ kann sich auf vier Beinen aus dem Meer stemmen. So steht sie ruhig auf dem Grund, wenn mit ihrem Kran Offshore-Windräder gebaut werden.

    Die „Bold Tern“ ist ein Errichterschiff der norwegischen Reederei Fred. Olsen, das 2010 in China vom Stapel lief. Sie kann ihr Deck auf vier Beinen aus dem Wasser stemmen, sodass sie fest auf dem Meeresgrund steht, wenn mit ihrem Kran Windräder aufgebaut werden.

    Können vor diesem Hintergrund künftig genügend Anlagen errichtet werden? „Noch werden die Parks gebaut wie geplant, doch die Entwicklung der Schiffstonnage in ihrer Anzahl und den technischen Fähigkeiten muss zukünftig mit der Entwicklung der Windparks Schritt halten“, sagt Jannis Klar, Manager Strategy & Sourcing bei GRS Offshore Renewables. Das Hamburger Unternehmen berät die Branche bei der Konzeptionierung von Windparkprojekten und der Beschaffung sowie der Ausschreibung von Dienstleistern, Marine-Assets und Arbeitspaketen jeglicher Art. Die Hanseaten betreiben Büros in Europa und Asien.

    Ist der Bedarf eine Chance für deutsche Werften? Der Kostendruck ist enorm

    Europa und Asien sind auch die beiden Regionen, zwischen denen die Installationsschiffe bislang pendeln. Je mehr Länder in die Offshore-Windenergie einsteigen, desto knapper könnten die Schiffe in Europa werden. „Die Aktivitäten im Offshore-Wind nehmen weltweit stark zu, neben europäischen Märkten gibt es in Fernost Taiwan, Japan, China und weitere. Und jetzt beginnt auch in den USA eine starke Zunahme der Offshore-Wind-Bauaktivitäten, was eine Relokation der Schiffe mit sich bringt“, sagt Jannis Klar.

    Auch der Bau der Schiffe ist ein globales Geschäft. Meist gehen die Aufträge an Werften in Fernost, dabei wären auch deutsche Unternehmen dazu in der Lage. Das technische Wissen ist vorhanden und zum Teil werden auch heute schon im Ausland gebaute Chassis in Deutschland fertiggestellt oder technisch ausgerüstet.

    Ein Installationsschiff, auch Arbeits- oder Errichterschiff genannt. installiert einen Windradflügel im britischen Offshore-Windpark Burbo Bank.

    Auch die „Sea Installer“ stammt von einer chinesischen Werft. Sie wird vom dänischen Unternehmen A2Sea betrieben und ist seit 2012 im Einsatz – hier beim Bau des britischen Offshore-Windparks Burbo Bank in der Irischen See.

    Doch der Kostendruck ist enorm. Und Schiffsneubauten sind in Fernost oft günstiger. „Hinzu kommt, dass in manchen Ländern wie beispielsweise in den USA oder Japan besondere ,Local content'-Anforderungen bestehen, sodass die Spezialschiffe vereinzelt in manchen dieser Länder vor Ort gefertigt werden müssen“, sagt Jannis Klar.

    Sebastian Boie von der Stiftung Offshore-Windenergie erkennt durchaus Potenzial für den heimischen Schiffsbau: „Für die Realisierung der erhöhten Ausbauziele brauchen wir ausreichend Spezialschiffe. Für den Bau bieten sich auch große Chancen für deutsche Werften.“

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    Wichtig ist, dass der steigende Bedarf rechtzeitig erkannt und die Produktion entsprechender Schiffe hochgefahren wird

    Stefan Thimm, Chef des Branchenverbands BWO

    Auch Stefan Thimm, Geschäftsführer des Bundesverbands der Windparkbetreiber Offshore (BWO), sieht kein unlösbares Problem: „Wichtig ist nur, dass der steigende Bedarf rechtzeitig erkannt und die Produktion entsprechender Schiffe hochgefahren wird.“ So ein Errichterschiff werde ja nicht von heute auf morgen gebaut, sondern brauche einen gewissen Vorlauf.

    „Die Vorlaufzeit für die Investitionsentscheidung zum Bau eines neuen Errichterschiffs ist lang und die Unsicherheit in der Projektrealisierung groß, daher sind die Firmen entsprechend vorsichtig. Die Verfügbarkeit von Errichterschiffen ist sicherlich ein Risikofaktor für die ambitionierten Offshore-Windparkentwickler“, sagt Po Wen Cheng.

    Die „Innovation“ ist ein Errichterschiff für Offshore-Windparks, das 2012 in Polen vom Stapel lief. Betreiber ist eine Tochterfirma des belgischen Wasserbaukonzerns Deme.

    Die „Innovation“ stammt von der Crist-Werft im polnischen Gdingen und kommt seit 2012 zum Einsatz. Betrieben wird sie von GeoSea, einer Tochter des belgischen Wasserbaukonzerns Deme. Heimathafen des rund 160 Meter langen Schiffs ist Bremen.

    Der sich abzeichnende Engpass betrifft zwar besonders die großen Installationsschiffe, doch in der Offshore-Windenergie sind auch andere Schiffstypen gefragt, etwa für Unterwasserarbeiten, zur Untersuchung des Baugrunds oder um die Windparks mit dem Festland zu verkabeln. All diese Schiffe müssen irgendwo gebaut werden und bieten folglich Chancen für Werften weltweit.

    Im Vorteil sind jene Nationen mit eigener Öl- und Gasindustrie wie Großbritannien, Norwegen oder der Nahe Osten. Sie sind in bestimmten Segmenten aufgrund ihrer Erfahrung aktiver und mit entsprechenden Schiffen und Expertise besser aufgestellt.

    Schwimmende Windräder sind im Vorteil: Sie werden von Schleppern gezogen

    Offshore-Wind ist nicht die einzige erneuerbare Energiequelle auf See. Parallel werden zunehmend Wellen- und Gezeitenkraftwerke getestet. Auch sie brauchen Schiffe. Könnte das den Druck weiter erhöhen? Jannis Klar winkt ab. „Nach unserem Kenntnisstand sind diese Projekte oftmals noch in der Erprobungsphase. Sie spiegeln eine für uns interessante Entwicklung mit entsprechendem Potenzial wider.“

    Dagegen dürfte eine andere Entwicklung für Entlastung auf dem Schiffsmarkt sorgen: schwimmende Windräder, als Floating-Wind bekannt. Diese Turbinen können auch ohne Installationsschiffe errichtet werden. Lediglich im Hafen sind zum Aufbau der Anlagen leistungsstarke Krane nötig. Hinaus auf See werden sie oft von Schleppern gezogen. „Sicherlich ist die Floating-Lösung eine von allen in der Branche aufmerksam beobachtete Entwicklung, welche langfristig zu einer vereinfachten Installation und Zeit- und Kostenreduktion führen könnte. Doch das muss sich erst noch beweisen“, sagt Jannis Klar.

    Aller Voraussicht nach werden Schwimmwindräder nur ein weiterer Bestandteil im globalen Windenergiesektor sein und die im Boden verankerten Anlagen nicht gänzlich ablösen. Am grundsätzlichen Bedarf an Schiffen ändern sie nichts.

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