Potenzial von Offshore-Wind

Das 450-Gigawatt-Projekt

2050 will die EU klimaneutral sein. Offshore-Windparks sollen dann ein Drittel des benötigten Stroms liefern. Doch der Ausbau stockt, und Corona gefährdet die Ziele zusätzlich. Dabei könnte die Windindustrie zur Stütze beim Wiederaufbau nach der Krise werden.

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    Von Kathinka Burkhardt

    Eigentlich sollte 2020 ein Schlüsseljahr für Europas Offshore-Windkraft werden. Die EU-Kommission hat Strom vom Meer zu einem zentralen Baustein ihres Green Deals erklärt und für Oktober eine Strategie zur Förderung des Ausbaus angekündigt. Alle EU-Länder mit Meerzugang sind aufgefordert, neue maritime Raumpläne aufzulegen, damit deutlich mehr Offshore-Windräder aufgestellt werden können – nicht erst in ferner Zukunft, sondern schon in den Jahren bis 2030. Gleichzeitig hat Deutschland erklärt, seine von Juli bis Dezember laufende EU-Ratspräsidentschaft zu nutzen, um für den Ausbau zu trommeln. In Kombination mit der Präsidentschaft der Nordsee-Energiekooperation, die Deutschland seit Januar innehat, sind das beste Voraussetzungen, um Offshore-Wind auch hierzulande neuen Schub zu bringen. Eigentlich.

    Doch dann kam Corona, und alles andere tritt seitdem in den Hintergrund. Niemand weiß, wie Gesellschaft und Wirtschaft am Ende der Pandemie aussehen werden – und wie es mit dem Klimaschutz in finanziell schwierigen Zeiten weitergeht. Die Windbranche spürt schon seit dem Lockdown in China Lieferengpässe. Inzwischen stehen auch in Spanien und Italien mehr als ein Dutzend Fabriken für Komponenten still, viele Zulieferer mussten Produktion und Bauaktivitäten drosseln. „Ein vollkommenes Erliegen [der Produktionsaktivitäten] würde bedeuten, dass unsere Lieferketten gelähmt wären und die Erholung nach Covid-19 noch schwieriger würde“, schreibt Giles Dickson, Chef des europäischen Branchenverbands WindEurope, in seinem April-Update.

    Aktuell sind 27 Gigawatt am Netz. Gebraucht wird das Fünfzehnfache

    Dabei waren Europas Klimaziele schon vor Corona ambitioniert: Bis 2050 will die EU CO2-neutral sein, 30 Prozent des Stroms kommen dann nach Plänen der Kommission aus Offshore-Windparks. Ihren Schätzungen zufolge wäre dazu eine Kapazität von 400 bis 450 Gigawatt nötig. Zum Vergleich: 2019 wurden Windräder mit zusammen 3,6 Gigawatt gebaut; insgesamt stehen in Europa damit 27 Gigawatt zur Verfügung, davon 7,5 Gigawatt in Deutschland. Das ist zwar ein Rekord, aber weit weg von dem, was für den Green Deal gebraucht wird.

    Ist das 450-Gigawatt-Ziel also überhaupt realistisch? Wo in den europäischen Gewässern könnten so viele Windparks entstehen? Und sind die EU-Staaten überhaupt bereit, entsprechend zu investieren?

    Bei WindEurope glaubt man jedenfalls fest an die Machbarkeit, im vergangenen Jahr veröffentlichte der Verband eine Offshore-Wind-Studie, die den Weg dazu aufzeigt. Allerdings müssten hierfür schon bis 2030 jährlich Turbinen im Umfang von sieben Gigawatt aufgestellt werden. Danach wären bis 2050 jährlich 18 Gigawatt nötig. Das sind Quantensprünge.

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    Wir bauen derzeit nicht genug

    Giles Dickson, Geschäftsführer von WindEurope

    Das größte Potenzial liegt der Studie zufolge in der Nordsee mit 212 Gigawatt, gefolgt vom Atlantik mit 85, der Ostsee mit 83 und dem Mittelmeer mit 70 Gigawatt. Die meisten Windparks würden dabei in britischen Gewässern stehen oder schwimmen. Großbritannien ist schon heute der weltgrößte Offshore-Wind-Markt. Mit 9,7 Gigawatt haben aber selbst die Briten erst rund ein Achtel dessen gebaut, was in ihren Gewässern bis 2050 gebraucht würde. Kein Wunder, dass WindEurope-Chef Dickson im Februar die Erwartungen dämpfte: „Wir bauen derzeit nicht genug, um dies zu liefern.“

    Für Deutschland hält die Studie 36 Gigawatt für realistisch. Damit wäre hierzulande immerhin schon mehr als ein Fünftel erreicht. Allerdings sei das Potenzial viel zu niedrig angesetzt, kritisiert der deutsche Offshore-Branchenverband WAB e.V. „Die Autoren der WindEurope-Studie verwenden realitätsferne Annahmen, die auch nicht den Annahmen des zuständigen Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie entsprechen“, sagte WAB-Geschäftsführerin Heike Winkler im Gespräch mit EnergieWinde. „Das volle Potenzial der deutschen Nord- und Ostsee liegt deutlich höher als die Studie von WindEurope veranschlagt“, so Winkler.

    Offshore-Windpark Burbo Bank vor Liverpool in der Irischen See: Großbritannien hat vor Deutschland und China derzeit die meisten Windräder auf See installiert.

    Die WAB-Chefin bezieht sich dabei auf die Leistungsdichte von neun bis zehn Megawatt pro Quadratkilometer, mit der das BSH derzeit plant. Bei einer Fläche von 6200 Quadratkilometern, mit denen WindEurope für Deutschland kalkuliert, käme man laut WAB also auf Offshore-Kapazitäten von 55,8 bis 62 Gigawatt. Auch eine Fraunhofer-Studie im Auftrag der Stiftung Offshore-Windenergie sieht das Potenzial in deutschen Gewässern bei 57 Gigawatt.

    Unabhängig davon, ob nun 36 oder 60 Gigawatt möglich wären, steht allerdings fest, dass der Ausbau schon vor der Pandemie viel zu langsam vorankam. „Wir sind längst mittendrin in der Ausbaulücke“, sagt Winkler. Die Bundesregierung habe lange vor der Krise durch den im Windenergie-auf-See-Gesetz (WindSeeG) festgelegten Ausschreibungsmodus bewirkt, dass mit dem 325-Megawatt-Projekt Kaskasi erst 2022 ein wieder neuer Offshore-Windpark ans Netz gehen könne. „Auch für 2023 ist mit Gode Wind 3 in der deutschen Nordsee nur ein Windpark mit 242 Megawatt geplant“, sagt Winkler. „Das ist im Vergleich zur durchschnittlichen Projektgröße in anderen europäischen Märkten sehr wenig.“

    Offshore-Wind kann zur Stütze beim Wiederaufbau nach Corona werden

    So baut der dänische Energiekonzern Ørsted (der auch EnergieWinde finanziert), etwa in Großbritannien mit Hornsea Two derzeit rund 1,4 Gigawatt. Und der schwedische Vattenfall-Konzern installiert in seinen niederländischen Parks Hollandse Kust Zuid 1&2 sowie 3&4 insgesamt 140 Turbinen der Zehn-Megawatt-Klasse, die auf gut 1,5 Gigawatt kommen. Solche Großprojekte machen deutlich, dass Offshore-Wind in einigen EU-Staaten zu einer eigenständigen Industrie herangewachsen ist, die laut vielen Experten nach der Coronakrise großen Anteil am wirtschaftlichen Wiederaufbau haben kann.

    Verladung von Offshore-Windrad-Komponenten: Die Branche produziert inzwischen in Größenordnungen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wären.

    Allerdings täuschen diese imposanten Projekte nicht darüber hinweg, dass es in Deutschland oder auch in Frankreich bei der Offshore-Wind-Infrastruktur sehr viel langsamer vorangeht. Und selbst wenn es bis Jahresende alle Mitgliedsländer schaffen sollten, wie von der EU-Kommission gefordert, neue maritime Raumpläne vorzulegen, gibt es weitere Faktoren, die den Ausbau bremsen könnten. So bleibt abzuwarten, inwiefern etwa Konflikte mit ebenfalls geschwächten Industrien wie Tourismus und Fischerei die benötigten Flächen für Offshore-Projekte beschneiden. Gleiches gilt für den Naturschutz.

    Um das volle Potenzial zu entfalten, muss Europa kooperieren

    Auf ein anderes Problem weist eine weitere Studie hin. Im Auftrag von Agora Energiewende und Agora Verkehrswende fanden Forscher der Technischen Universität Dänemark und des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie heraus, dass sich Windparks bei falscher Planung gegenseitig den Wind wegnehmen können. „Wenn Windparks zu nah aneinandergebaut werden und dem Wind somit der Platz fehlt, um wieder aufzufrischen, werden die Anlagen nach unserer Analyse nicht die gewünschten Erträge erzielen“, sagt Matthias Deutsch von Agora Energiewende im Gespräch mit EnergieWinde. „Um die Effizienz und das Potenzial von Offshore-Wind voll auszuschöpfen, sollte die Planung und Entwicklung von Windparks – und entsprechend also die weitere Meeresraumplanung – intelligent über nationale Grenzen hinweg koordiniert werden“, sagt Deutsch.

    Zwar gibt es bereits Kooperationen, doch letztlich werden Offshore-Wind-Projekte national ausgeschrieben. Doch ohne grenzüberschreitende Abstimmung wird es schwierig, die anvisierten 450 Gigawatt im Jahr 2050 auszuschöpfen. Aber genau in diesem Punkt macht ausgerechnet die Coronakrise Hoffnung: Schließlich wird derzeit vielerorts bewiesen, wozu Gesellschaften imstande sind, wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen.

    Vielleicht gilt das künftig auch beim Klimaschutz.

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