• Search30.11.2021

Ampel-Pläne für Offshore-Wind

Projekt 30 Gigawatt

SPD, Grüne und FDP wollen den Ausbau der Offshore-Windenergie drastisch beschleunigen. Aus Sicht der Windindustrie ist das zu schaffen – wenn Hindernisse aus dem Weg geräumt werden und genügend Flächen auf See zur Verfügung stehen.

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    Die Ampelkoalition will den Ausbau der Offshore-Windkraft drastisch beschleunigen. Schon 2030 sollen Windräder auf See eine Kapazität wie zwei Dutzend Atomkraftwerke erreichen.

    Der Offshore-Windpark Deutsche Bucht ist seit anderthalb Jahren am Netz. Danach wurde nur ein weiterer Park in Betrieb genommen.

     

    Von Volker Kühn

    Seit August 2009 drehen sich die ersten Offshore-Windräder in Deutschland. Im Mai 2020 kamen die bislang letzten hinzu. Exakt 1501 Windräder stehen damit in deutschen Gewässern, gemeinsam erreichen sie eine Leistung von 7,8 Gigawatt. Um so weit zu kommen, waren mehr als zehn Jahre nötig. Doch schon in acht Jahren soll sich die Kapazität fast verdreifacht haben. 30 Gigawatt, so planen es die Ampelparteien, sollen Offshore-Windparks 2030 zur deutschen Stromerzeugung beitragen – „mindestens“, wie es im Koalitionsvertrag heißt. Nicht wenige fragen sich nun: Ist das überhaupt machbar?

    Bei der Frage muss Stefan Thimm durchpusten. „Das ist sehr ambitioniert“, sagt er dann. „Aber mit den richtigen Rahmenbedingungen ist es zu schaffen.“ Thimm ist Chef des Bundesverbands der Windparkbetreiber Offshore (BWO), er hat lange für eine Anhebung der Ausbauziele gekämpft. Eine so deutliche Steigerung, wie sie SPD, Grüne und FDP nun beschlossen haben, war noch vor einem halben Jahr allerdings kaum absehbar. Und mit den 30 Gigawatt 2030 ist das Ende der Fahnenstange nicht einmal erreicht, 2045 sollen es 70 Gigawatt sein. Entsprechend groß ist der Handlungsdruck aus Thimms Sicht.

    30 Gigawatt Offshore-Wind 2030, 40 im Jahr 2035 und 70 GW 2045: Das sind die Pläne der Ampelregierung im Koalitionsvertrag. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Von 7,8 auf 30 Gigawatt in acht Jahren: Die Ampel hat ehrgeizige Ziele für die Offshore-Windenergie.

    In einer ersten Reaktion auf den Koalitionsvertrag hat der BWO fünf Handlungsfelder beschrieben, auf die sich der Gesetzgeber jetzt konzentrieren müsse. Dazu zähle vor allem ein breiter Dialog aller für die Offshore-Windenergie relevanten Akteure. „Der Bund kann den Ausbau nicht im Alleingang beschließen“, sagt Thimm. „Er muss sich mit den Bundesländern, den Herstellern und den Übertragungsnetzbetreibern an einen Tisch setzen.“

    Thimm hofft, dass aus einem solchen Dialog das klare Signal an die Branche hervorgeht, dass sie in Deutschland gebraucht wird. Denn die Windparkbetreiber stünden zwar grundsätzlich gern für den Ausbau bereit. Wenn es in anderen Offshore-Wind-Nationen aber bessere, stabilere Rahmenbedingungen gebe, würden Investoren ihr Geld im Zweifel dort anlegen.

    Die Flächen auf See sind begrenzt – die Nutzer müssen sich arrangieren

    Für die Planung über 2030 hinaus ist es aus Sicht der Windindustrie nötig, die Flächen in den deutschen Gebieten von Nord- und Ostsee neu aufzuteilen. Doch die Konkurrenz auf See ist groß. Schifffahrt, Tourismus, Naturschutz, Fischerei, Rohstoffabbau, Marine, Offshore-Wind – sie alle beanspruchen ihr Recht. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) hat ihnen jeweils abgesteckte Interessenzonen zugewiesen. Da sich die Fläche nicht erweitern lässt, könnte künftig eine gemeinsame Nutzung dieser Zonen einen Ausweg liefern. Thimm hat dabei vor allem die Marine im Blick. „Natürlich wird es keine Schießübungen in Offshore-Windparks geben. Aber ich halte es für ein denkbares Szenario, dass Marineschiffe durch die Parks fahren.“

    „Mehr Fortschritt warten“: Der Koalitionsvertrag der Ampel sieht vor, die Offshore-Windenergie in Deutschland auf 30 Gigawatt im Jahr 2030 auszubauen.
    Koalitionsvertrag: Die neue Bundesregierung wird den Ausbau der erneuerbaren Energien zu einem zentralen Projekt ihrer Regierungsarbeit machen.
    Koalitionsvertrag der Ampelregierung: Offshore-Wind wird auf mindestens 30 GW 2030, 40 GW 2035 und 70 GW 2045 ausgebaut.
    Ko-Nutzung in der Nord- und Ostsee: Um die Offshore-Windenergie massiv auszubauen, plant die Ampelkoalition eine parallele Nutzung der Flächen durch verschiedene Akteure.
    Pläne der Ampelkoalition zum Ausbau der Offshore-Windenergie: „Den zusätzlichen Offshore-Windstrom werden wir beschleunigt anbinden.“
    Die Ampelkoalition plant einen massiven Ausbau der Offshore-Windenergie. Hier die entsprechenden Passagen aus dem Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP.
    „Mehr Fortschritt warten“: Der Koalitionsvertrag der Ampel sieht vor, die Offshore-Windenergie in Deutschland auf 30 Gigawatt im Jahr 2030 auszubauen.
    Koalitionsvertrag: Die neue Bundesregierung wird den Ausbau der erneuerbaren Energien zu einem zentralen Projekt ihrer Regierungsarbeit machen.
    Koalitionsvertrag der Ampelregierung: Offshore-Wind wird auf mindestens 30 GW 2030, 40 GW 2035 und 70 GW 2045 ausgebaut.
    Ko-Nutzung in der Nord- und Ostsee: Um die Offshore-Windenergie massiv auszubauen, plant die Ampelkoalition eine parallele Nutzung der Flächen durch verschiedene Akteure.
    Pläne der Ampelkoalition zum Ausbau der Offshore-Windenergie: „Den zusätzlichen Offshore-Windstrom werden wir beschleunigt anbinden.“
    Die Ampelkoalition plant einen massiven Ausbau der Offshore-Windenergie. Hier die entsprechenden Passagen aus dem Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP.

    Für eine Ko-Nutzung der Flächen spricht sich auch Thilo Maack aus, Meeresbiologe bei Greenpeace. „Die Energiewende wird nur im nötigen Tempo gelingen, wenn die Offshore-Windenergie schnell und deutlich ausgebaut wird“, erklärt Maack gegenüber EnergieWinde. Deshalb begrüße er den Ehrgeiz, den die Ampel im Koalitionsvertrag formuliert habe. Der Ausbau dürfe aber nicht auf Kosten von Flora und Fauna gehen. „Eine intakte Meeresnatur darf nicht gegen den Ausbau der Windkraft auf See ausgespielt werden.“

    Die künftige Regierung priorisiere daher die Windenergie gegenüber anderen Nutzungsformen, etwa der Schifffahrt, dem Militär, der Fischerei und dem Ressourcenabbau, oder sie schlage eine gemeinsame Nutzung und Offshore-Kooperationen mit anderen Nordsee-Anrainern vor. „Dies ist der einzige Weg, um die EU-Meeresschutzgebiete in der Nordsee unberührt zu lassen“, sagt Maack.

    Fischerei im Offshore-Windpark? Aus Sicht der SPD nicht ausgeschlossen

    Was diese Priorisierung bei einem langfristigen Ausbau auf 70 Gigawatt konkret bedeutet, lässt sich aus Sicht des SPD-Abgeordneten Johann Saathoff heute kaum abschätzen. „Wir werden ja nicht die Verkehrstrennungsgebiete der Schifffahrt mit Windkraftanlagen vollstellen“, erklärt der Energieexperte, der den Koalitionsvertrag mit ausgehandelt hat, auf Anfrage von EnergieWinde. Ko-Nutzung könne zum Beispiel bedeuten, dass auch in Windparks Fischerei stattfinden darf. „Das muss ja nicht heißen, dass die Kutter da mit Schleppnetzen durchfahren, aber passive Fischerei halte ich für durchaus möglich“, sagt Saathoff.

    Von 2 auf 15 Megawatt: Die Leistung von Offshore-Windrädern ist förmlich explodiert. Die Infografik zeigt wesentliche Entwicklungssprünge und einen Größenvergleich zum Kölner Dom.

    Die Leistung von Windrädern wächst – und mit ihr die Stromausbeute auf begrenzten Flächen.

    Die Verteilung der Flächen ist aber nur eine der zu klärenden Fragen beim Ausbau der Windkraft auf See. Entscheidend wird daneben sein, nach welchem Verfahren Windparkbetreiber den Zuschlag für den Bau erhalten. Im Wind-auf-See-Gesetz sind ihnen aus Sicht von BWO-Chef Thimm „unproduktive Risiken“ aufgebürdet worden – Risiken also, die sie selbst nicht beeinflussen könnten, aber trotzdem in ihre Preiskalkulation aufnehmen müssten. Dazu zählten etwa verkürzte Baufristen, bei deren Nicht-Einhaltung den Betreibern der Zuschlag wieder entzogen werden muss. „Das gilt selbst dann, wenn eine Pandemie, die Insolvenz eines Zulieferers oder fehlende Teile den Bau verzögern“, sagt Thimm.

    Das Gesetz schaffe damit keine guten Voraussetzungen für Investoren, so Thimm. Er plädiert dafür, derartige Regelungen wieder zu streichen, da sie den Bau unnötig verteuerten. „Sonst zahlt der Verbraucher für Risiken, auch wenn sie gar nicht eintreten.“

    Das Ausschreibungsmodell ist umstritten. Die Ampel könnte es ändern

    Nach dem Ende der Großen Koalition dürfte zudem die Diskussion um sogenannte Contracts for Difference (CfD) eine Neuauflage erleben. Dieses Ausschreibungsmodell, das unter anderem in Großbritannien eingesetzt wird, begrenzt die Risiken der Windparkbetreiber, deckelt aber zugleich ihre potenziellen Gewinne. Die Branche hatte sich wiederholt dafür ausgesprochen, CfD auch in Deutschland einzuführen. In der Groko war das aber am Widerstand der Union gescheitert. „Ich denke, wir werden diese Diskussion jetzt noch mal führen müssen, denn ein CfD-Modell hat aus meiner Sicht entscheidende Vorteile“, sagt SPD-Energieexperte Saathoff.

    Was sind Contracts for Difference (CfD)? Der Film vom Juli 2021 erklärt das Prinzip.

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