Populisten und fossile Energie

  • Search15.01.2026

Unheilvolle Allianz

Warum Populisten für ausländisches Öl und Gas und gegen die Energiewende kämpfen – und wie Klimaschützer gegenhalten können.

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    Der Abschied vom Ölzeitalter stößt auf harten Widerstand: Populisten und die fossile Industrie kämpfen für den Erhalt des Geschäftsmodells.

    Erdöl war ein Jahrhundert lang der Schmierstoff der Weltwirtschaft. Viele Populisten kämpfen dafür, dass es so bleibt.

     

    Von Julia Graven

    „Windmühlen der Schande“, „Heizhammer“, „Ökodiktatur“, „Energie-Stasi“, „Flatterstrom“ – kaum ein politisches Projekt wird mit so vielen Schlagworten bekämpft wie die Energiewende. Die Begriffe sind eingängig, sie wecken Emotionen und fallen besonders im Umfeld populistischer Parteien. Denn sie zählen zu den entschiedensten Gegnern von Klimaschutz und Energiewende. Und das ist kein Zufall.

    Dabei müsste doch eigentlich heimischer Wind- und Solarstrom zumindest rechte Populisten glücklich machen: Schließlich stehen Erneuerbare für mehr Unabhängigkeit, weniger Energieimporte und stabile Preise. Zudem hat sich mit dem russischen Angriff auf die Ukraine gezeigt, wie verwundbar fossile Energieimporte ein Land ohne eigene Öl- und Gasvorkommen machen. Explodierende Gaspreise haben die Inflation befeuert und die Menschen verunsichert. Eigentlich eine Steilvorlage für die Wärmewende.

    Stattdessen wurde das Gebäudeenergiegesetz zum politischen Flächenbrand. „Habecks Heizhammer“ avancierte zum Kampfbegriff des Jahres.

    Ist es ein Kennzeichen von Populisten, dass sie die Energiewende ablehnen? Dass sie Klimaschutz als eine Art Klassenkampf verstehen? Und wenn ja, warum ist das so? Und ließe sich das umdrehen? Vielleicht mit einer Art Klimapopulismus, der lauthals Stimmung macht für die Erneuerbaren?

    Unten gegen oben: Populisten machen Politik mit moralischer Zuspitzung

    Für Forscher hat Populismus viele Bedeutungen: Er kann ein Politikstil sein, eine Strategie oder eine Ideologie. Das Umweltbundesamt beschreibt ihn in einem Factsheet als „Metaerzählung“, die Politik moralisch zuspitzt: unten gegen oben, innen gegen außen, gestern gegen morgen. Auf der einen Seite stehe das „wahre Volk“, dem die Macht gehöre und dessen Willen die Politik ausdrücken müsse. Auf der anderen eine korrupte, abgehobene Elite aus Politik, Wissenschaft, Medien und NGOs.

    LNG-Terminal in Wilhelmshaven: Deutschland ist bei fossilen Rohstoffen wie Öl, Gas und Kohle stark von Importen aus dem Ausland abhängig.

    LNG-Terminal in Wilhelmshaven: Deutschland ist bei fossilen Rohstoffen wie Öl, Gas und Kohle von Importen aus dem Ausland abhängig.

    Eine vom Bundesforschungsministerium geförderte Studie bringt den Zusammenhang auf den Punkt: „Je eher eine Person der Auffassung ist, dass Politiker:innen das größte Problem in Deutschland sind, desto eher wird auch die Energiewende als schädlich eingeschätzt.“ Umwelt- und Klimapolitik eignet sich besonders gut für diese Inszenierung, weil sie komplex ist, wissenschaftliche Expertise voraussetzt und staatliches Handeln erfordert.

    Klimaschutz? Gilt als Projekt abgehobener städtischer Eliten

    Populisten reklamieren für sich, den „wahren Volkswillen“ zu vertreten. Internationale Abkommen, parlamentarisches Aushandeln oder wissenschaftliche Erkenntnisse gelten als verdächtig. Genau hier kollidiert ihre Logik mit der Energiewende: Denn die ist langfristig angelegt, global vernetzt und beruht auf Forschung und Regulierung.

    Der Soziologe Andreas Reckwitz beschreibt Populismus als politisches „Verlustunternehmertum“. Reale oder empfundene Einbußen – an Wohlstand, Status oder Verlässlichkeit – werden emotional aufgeladen und klaren Schuldigen zugeschrieben. Die Energiewende wird so zum Symbol eines umfassenden Wandels, an dem sich Ängste festmachen lassen.

    Im Zentrum populistischer Kritik steht die Ablehnung der Eliten. Klimaschutz erscheint als Projekt urbaner, akademischer Milieus, die angeblich keinen Bezug zum Alltag „normaler Leute“ haben. Politiker, Wissenschaftler und Journalisten verschmelzen in dieser Erzählung zu einer feindlichen Front.

    Anteil der Haushalte mit E-Auto in Deutschland nach Einkommensgruppen in Prozent. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Dabei stützen gerade populistische Parteien die fossilen Wirtschaftsinteressen einer ökonomischen Elite. Der Autor Christian Stöcker weist in seinem Buch „Männer, die die Welt verbrennen“ detailliert nach, wie mächtige Akteure aus der Öl- und Gasindustrie über Jahrzehnte gezielt Desinformation finanzierten, über Kosten, Technik und angebliche Verbote, um ihr Geschäftsmodell am Leben zu erhalten. Seit einigen Jahren gehe es zwar nicht mehr darum, den Klimawandel an sich infrage zu stellen. Doch nun säe die Fossil-Lobby Zweifel an der Sinnhaftigkeit der Gegenmaßnahmen. In einem Podcast benennt Stöcker die neue Lüge: „Wir können ja eh nichts dagegen machen.“

    Angst als politischer Rohstoff: Die Klimakrise als unlösbares „Zombie-Problem“

    Dass diese Rhetorik verfängt, hat auch mit realen Unsicherheiten zu tun. Stephan Grünewald beschäftigt sich am Rheingold Institut mit der Gefühlslage der Deutschen. Er hat festgestellt, dass die Klimakrise auf viele Menschen wie ein scheinbar unlösbares „Zombie-Problem“ wirke. Das löse Zukunftsängste und ein Gefühl des Kontrollverlusts aus. „Diese Ohnmacht ist der größtmögliche Störfall, weil ich mich unendlich klein und bodenlos fühle“, so Grünewald.

    Dazu kommt gezielte Verunsicherung. Bestes Beispiel: „Habecks Heizhammer“. „Soll ich jetzt noch schnell eine Öl-Heizung kaufen?“, titelte die „Bild“-Zeitung im April 2023. So wird Klimaschutz vom Sicherheitsversprechen zum Bedrohungssymbol. Zu den „Mechanismen der Desinformation“ zählen laut der Klimaökonomin Claudia Kemfert „Falschbehauptungen, Desinformations- und Ad-personam-Diffamierungskampagnen“.

    Die AfD nutzt diese Dynamik. Nach Euro- und Migrationspolitik hat sie Klimaschutz als drittes Mobilisierungsthema entdeckt. Parteichefin Alice Weidel rief auf dem AfD-Parteitag im Januar 2025: „Nieder mit diesen Windmühlen der Schande!“ Björn Höcke legte nach: Man werde die Windkraftanlagen „rechtsstaatskonform, aber komplett“ zurückbauen.

    Der Autor und Blogger Jan Hegenberg („Der Graslutscher“) konterte das in den sozialen Medien mit Humor und Fakten: „Die Energiepolitik der AfD würde Deutschland den Stecker ziehen – und am Ende zahlst du.“ Auch Greenpeace rechnet in einer Studie vor: Ohne Onshore-Windstrom wäre der Strompreis um rund 50 Prozent höher.

    Emotionen versus Fakten: Es existiert eine „irrationale Sinnbildlichkeit“

    Doch nicht immer kommen die Fakten an. Eine „irrationale Sinnbildlichkeit“ bestimme die Ablehnung, so der Psychologe Stephan Grünewald gegenüber EnergieWinde. Er erklärt: „Windräder werden unbewusst als Landschaftsmigranten gesehen, Solarpaneele konterkarieren die Fachwerkhaus-Idylle.“ Der Politikwissenschaftler Georg Sturm analysierte in einer Studie die Inhalte von AfD-Pressemitteilungen zur Energiewende. Darin gehe es um „Horrorszenarien“, die gezielt ökonomische Abstiegsängste schüren.

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    Die Energiewende ist ein ganz wunderbarer Sündenbock, um zu erklären, warum das jetzt alles nicht mehr so ist

    Jan Hegenberg

    Die AfD versucht, mit der Aussage zu punkten, dass sich nichts ändern müsse. „Die meisten Menschen wollen ja erst mal keine Veränderung“, erklärt der Autor Jan Hegenberg im Gespräch mit EnergieWinde. „Die haben gerade jetzt eine riesige Sehnsucht nach den guten, alten, einfachen Zeiten, in denen die Wirtschaft stark war und die Energiepreise niedrig. Und ich glaube, da ist die Energiewende ein ganz wunderbarer Sündenbock, um zu erklären, warum das jetzt alles nicht mehr so ist.“

    Die soziale Frage entscheidet: Klimaschutz muss ein Gemeinschaftsprojekt sein

    Das Kernproblem bleibt die Verteilung. „Wenn die Politik es versäumt, soziale Härten abzufedern und Chancen klar zu kommunizieren, überlässt sie das Feld den Populisten“, warnen Marcel Fratzscher und Lorenz Meister vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in der „Zeit“. Klimaschutz werde nur dann erfolgreich sein, „wenn er nicht als Belastung, sondern als gemeinsames Projekt wahrgenommen wird“.

    Und Jan Hegenberg ergänzt: „Mittlerweile ist es doch so, dass die Energiewende selbst dann in fast allen Ländern der Welt ökonomisch Sinn ergeben würde, wenn es gar keine Klimakrise gäbe. Aber das ist bei großen Gruppen in Deutschland noch nicht angekommen.“

    Beispiele für diese Sinnhaftigkeit gibt es anderswo. Der konservative britische Premierminister Boris Johnson etwa betrieb eine ambitionierte Klimapolitik, stieg aus der Kohle aus und machte Großbritannien zu Europas größten Markt für Offshore-Wind. Verkauft wurde das nicht als Ökoprojekt, sondern als Weg zu Unabhängigkeit, Wachstum und nationalem Stolz.

    „Heimatenergie“ statt „Ökostrom“: Ist Klimapopulismus eine Lösung?

    Ähnlich argumentiert Indiens Premierminister Narendra Modi: Solarenergie steht dort für Modernisierung, Industriepolitik und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Der Politikberater Johannes Hillje bestätigt: Populistische Botschaften wirken besonders stark, wenn sie Gefühle wie Stolz und Hoffnung ansprechen. In einem Interview mit der „Augsburger Allgemeinen“ erklärt er, wie einfaches Wording bei Konservativen Emotionen für Klimaschutz wecken könnte: „Wenn man nicht von erneuerbaren Energien, sondern von Heimatenergien spricht, entsteht mehr Offenheit bei ihnen für ein grünes Thema.“

    Haushalte, die die Energiewende für wichtig oder sehr wichtig halten, Anteil in Prozent. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Brauchen wir also so etwas wie einen „linken Klimapopulismus“, der die Verteilungsfrage adressiert und Superreiche zur Kasse bittet? Er wäre das andere Extrem.

    Dennoch ist der Kampf um die Energiewende gar nicht so sehr technischer, sondern sozialer Natur. Es geht um Sicherheit, Gerechtigkeit, Teilhabe. Wer das ignoriert, macht Klimapolitik angreifbar – und überlässt den Populisten genau das Narrativ, das sie brauchen.

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