Forscher über Klimadebatte

  • Search02.09.2020

„Es sind Ablenkungsstrategien“

Der Berliner Sozialwissenschaftler William Lamb hat untersucht, wie die Gegner wirksamer Klimaschutzmaßnahmen die Deutungshoheit über den Diskurs zu gewinnen versuchen. „Wir müssen gegen ihre Verzögerungstaktik vorgehen“, sagt Lamb im Interview mit EnergieWinde.

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    William Lamb, Sozialwissenschaftler vom Mercator Institut MCC, hat die Argumentationsmuster von Klimaschutzgegnern analysiert.

    Der Schotte William Lamb ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Klimaforschungsinstitut MCC (Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change). Er ist Leitautor einer im Juli erschienenen Studie, die eine Typologie der Argumentationsmuster von Klimaschutzverhinderern erstellt hat. „Dabei ging es uns um Argumente, die scheinbar den Klimawandel als Problem anerkennen – aber den Handlungsbedarf herunterspielen“, sagt Lamb.

    Herr Lamb, Sie haben in einer Studie die Argumentationsmuster von Klimaschutzgegnern analysiert. Was gab den Anlass dazu?
    William Lamb: Als Sozialwissenschaftler sind wir seit Langem mit der Gegenbewegung zum Klimaschutz vertraut: mit Individuen und Organisationen, die die politische Unterstützung für den Klimaschutz unterwandern. Uns war klar, dass diese Gruppen nicht nur die Leugnung des Klimawandels betreiben, sondern auch Skepsis gegenüber Klimaschutzmaßnahmen säen. Sie argumentieren zum Beispiel damit, dass die Klimapolitik hohe Kosten für die Gesellschaft mit sich bringe. Wir haben solche Argumentationen „Verzögerungsdiskurse“ genannt, weil sie das Gefühl erwecken, dass es schwer oder gar unnütz sei, sich gegen den Klimawandel zu stemmen.

    Wie funktionieren Verzögerungsdiskurse?
    Lamb: Sie sind subtil. Sie erlauben es, die Klimapolitik aus scheinbar nachvollziehbarer Perspektiven zu attackieren. Einzelpersonen und Organisationen mit einem besonderen Interesse – und häufig mit einer entsprechenden Vergangenheit – nutzen solche Argumente sehr aktiv. Man sieht das zum Beispiel in der Werbung des American Petroleum Institute und von Exxon Mobil. Die würden sicher nicht Millionen von Dollar ausgeben, um für das Potenzial von Algen oder die Reduktion von Emissionen zu werben, wenn der Zweck nicht wäre, davon abzulenken, dass wir diese Industrien sehr schnell zurückfahren müssen, um die Klimakatastrophe zu verhindern.

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    Jetzt, wo das Leugnen des Klimawandels öffentlich nicht mehr akzeptiert wird, werden diese Diskurse in einflussreichen öffentlichen Sphären geführt, etwa in Leitartikeln, TV-Shows oder bei Parlamentsdebatten

    Warum sind diese Diskurse problematisch?
    Lamb: Weil sie alle ein Körnchen Wahrheit enthalten. Es stimmt, dass Technologie eine wichtige Rolle dabei spielt, die Klimakrise zu bewältigen. Es stimmt ebenfalls, dass Klimapolitik negative soziale Konsequenzen haben kann, und dass auch andere Länder und Industrien Maßnahmen ergreifen müssen. Aber solche Punkte dienen lediglich als Ausrede, um selbst nicht handeln zu müssen. Noch schlimmer: Jetzt, wo das Leugnen des Klimawandels öffentlich nicht mehr akzeptiert wird, werden diese Diskurse in einflussreichen öffentlichen Sphären geführt, etwa in Leitartikeln, TV-Shows oder bei Parlamentsdebatten.

    Wenn Konzerne, die ihr Geld mit fossiler Energie verdienen, Kampagne starten, mit der man seine CO2-Bilanz berechnen kann, dann ist das doch offenkundig ein Ablenkungsmanöver. Warum kommen die damit durch?
    Lamb: Weil es uns ein Gefühl der Handlungsfähigkeit gibt. Das entfaltet große Wirkung bei Menschen, die über den Klimawandel besorgt sind. Und es ist ja auch richtig, dass wir entsprechende Schritte unternehmen müssen: nicht fliegen, weniger Fleisch zu essen, weniger Auto fahren.

    So gesehen sind diese Kampagnen doch etwas Gutes.
    Lamb: Allerdings werden wir nicht in der Lage sein, jeden Einzelnen davon zu überzeugen, dass er so handeln muss. Und für viele Menschen sind diese Schritte auch schwierig umzusetzen. Das liegt daran, wie unsere Gesellschaft und unsere Infrastruktur organisiert sind – man denke nur an billige Flüge und teure Bahnfahrten. Der Verweis auf die individuelle Verantwortung sollte uns nicht davon ablenken, welche Arbeit wir außerdem zu tun haben: Wir müssen für die politische Mobilisierung einer stringenten Klimapolitik eintreten.

    Eine weiteres Argument von Klimaschutzgegnern ist laut Ihrer Studie der Verweis auf technologische Fortschritte. Was ist daran falsch? Technologie hilft doch tatsächlich gegen die Klimakrise.
    Lamb: Natürlich. Aber es ist egal, wie fortschrittlich Elektroautos sind, wenn alle SUVs fahren. Die Gefahr ist, dass wir uns auf diese großartigen technologischen Entwicklungen konzentrieren und dabei die wenig nachhaltigen Trends außer Acht lassen. Es sind Ablenkungsstrategien.

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    Wir sollten eines klarstellen: Klimamaßnahmen haben eindeutige Vorteile. Vor allem helfen sie, einen katastrophalen Klimawandel abzuwenden, der soziale Folgen für alle hat

    Sie haben gesagt, in allen Aussagen stecke ein Körnchen Wahrheit. Soziale Gerechtigkeit etwa spielt eine wichtige Rolle beim Klimaschutz. Wie können Politiker solche Dinge thematisieren, ohne in einen Verzögerungsdiskurs zu tappen?
    Lamb: Indem sie die sozialen Auswirkungen schon dann adressieren, wenn die Klimapolitik ausgearbeitet wird, nicht erst im Nachhinein. Es ist wichtig, sicherzustellen, dass Kosten und Nutzen von allen gleich getragen werden, und dass man für Betroffene Möglichkeiten schafft, in andere Wirtschaftszweige und Jobs zu wechseln. Und wir sollten eines klarstellen: Klimamaßnahmen haben eindeutige Vorteile, etwa saubere Luft. Vor allem helfen sie, einen katastrophalen Klimawandel abzuwenden, der soziale Folgen für alle hat.

    Sind diese Strategien – Leugnen und Verzögern - eine Folge davon, dass es in der Klimadebatte oft um Verzicht geht? Müsste man den Fokus stärker das legen, was wir durch Klimaschutz gewinnen?
    Lamb: Das könnte ein produktiver Weg sein, um die Debatte fortzuführen. Vor allem aber denke ich, dass wir diese Argumentationsmuster öffentlich adressieren müssen, um Verzögerungstaktiken zu erkennen und dagegen vorzugehen.

    Wie führen Sie die Erkenntnisse Ihrer Studie fort?
    Lamb: Wir planen als nächstes eine groß angelegte Untersuchung von Twitter und von Parlamentsarchiven. Wir wollen ergründen, wie verbreitet dieses Diskurse sind und wer sie verwendet.

    Die Fragen stellte Jasmin Lörchner.

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