Debatte um späteren Ausstieg

Rückkehr der Atom-Zombies

Wer glaubt, die Schlacht um die Atomkraft sei längst geschlagen, hat sich getäuscht. In jüngster Zeit mehren sich die Rufe, alte Meiler aus Klimaschutzgründen länger laufen zu lassen. Könnte der Ausstieg noch einmal verschoben werden?

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    Bau eines Atomkraftwerks in China: Auch in Deutschland gibt es Stimmen, die eine Renaissance der Technologie fordern.

    Bau eines Kernkraftwerks in China: Acht Jahre nach dem Ausstiegsbeschluss hat die Technologie auch in Deutschland noch Anhänger.

    „Wenn uns der Klimaschutz wichtig ist, sollten die Kernkraftwerke länger laufen“

    Man hätte erst aus der Kohle- und dann aus der Atomkraft aussteigen sollen, erklärte Diess jüngst im Interview mit „Tagesspiegel Background“. „Wenn uns der Klimaschutz wichtig ist, sollten die Kernkraftwerke länger laufen“, sagte er. Ähnlich hatte sich Laschet schon vor einem Jahr im „Handelsblatt“-Interview geäußert: „Ich will nicht zur Kernenergie zurück. Aber Deutschland ist quasi über Nacht nicht sehr konzeptionell durchdacht ausgestiegen.“

    Unmissverständlich formulierte es Tilman Kuban, Chef der Jungen Union: „Der kurzfristige Atomausstieg war ein Fehler“, sagte er der „Welt“. Im Rahmen der geplanten Abschaltung der Kohlemeiler werde man auch in Deutschland noch einmal über Kernkraft reden müssen. Lindes Chefaufseher Reitzle sah das im Gespräch mit der „Welt“ genauso: „Die Kernenergie sollte weiter Bestandteil unserer Energiepolitik bleiben, weil nur sie grundlastfähig, billig und CO2-frei ist.“

    Sie alle stellen damit einen gesellschaftlichen Konsens in Frage, der einen jahrzehntelangen Konflikt in Deutschland beendet hat. Der Kampf gegen die Atomkraftwerke in Wyhl oder Brokdorf, die Katastrophe von Tschernobyl und die Proteste gegen die Atomtransporte im Wendland hatten in den 80er- und 90er-Jahren die Republik in Atem gehalten. Sie führten zum Erstarken der Umweltbewegung und der Grünen und schließlich zur Energiewende und dem Atomausstieg unter Rot-Grün. Die CDU/FDP-Regierung hatte 2010 die Laufzeiten der Atomkraftwerke zwar noch einmal um durchschnittlich zwölf Jahre verlängert. Diesen Beschluss korrigierte sie allerdings 2011 nach dem Super-GAU im japanischen Fukushima.

    Video: Merkel verkündet den Atomausstieg 2011 im Bundestag

    Dass dieser Konsens tatsächlich noch einmal ernsthaft in Gefahr geraten könnte, halten verschiedene Experten im Gespräch mit EnergieWinde allerdings für kaum wahrscheinlich. „Es ist nicht besonders überraschend, dass zwei oder drei Jahre vor dem endgültigen Abschalttermin noch mal eine solche Diskussion aufkommt“, erklärt Gerald Hennenhöfer, der als Abteilungsleiter im Bundesumweltministerium einst für die Sicherheit der Reaktoren verantwortlich war. „In der Sache muss man allerdings feststellen, dass der Weiterbetrieb der Anlagen praktisch nicht mehr möglich ist.“

    Acht Jahre nach dem Ausstiegsbeschluss fehlt das Personal für den Weiterbetrieb

    Das Kraftwerkspersonal sei schon zu einem großen Teil abgebaut, Nachwuchs nicht mehr ausgebildet worden, sagt der frühere Eon-Manager. „Es fehlt die personelle Basis.“ Gleiches gelte auch ein Stück weit für die Technik. Für längerfristige Planungen hätten neue Kernbrennstoffe bestellt und rechtzeitig sicherheitstechnische Nachrüstungen und Wartungen vorbereitet werden müssen. „Das Zeitfenster dafür hat sich in der Sache schon geschlossen“, meint Hennenhöfer.

    Dabei hätte es nach seinen Worten aus Sicherheitsgründen keinen Grund gegeben, die deutschen Kernkraftwerke abzuschalten. Angesichts des hohen Aufwands, den Deutschland betreibt, sei der Betrieb verantwortbar. Auch die noch immer unbeantwortete Frage Entsorgung des Atommülls sei grundsätzlich lösbar. Dennoch hält er den Ausstiegsbeschluss aufgrund der öffentlichen Meinung für gut nachvollziehbar. Man die die Atomenergie „auf die Dauer nicht gegen den Willen eines großen Teils der Bevölkerung betreiben“, so Hennenhöfer. Dieses Akzeptanzproblem sei auf der ganzen Welt zu beobachten.

    Von Gates bis Obama: Befürworter der Atomenergie

    Bill Gates: Der Microsoft-Gründer arbeitet mit seinem Start-up TerraPower an einer neuen Generation von Kernkraftwerken.

    Microsoft hat ihn reich gemacht, doch Bill Gates hat Höheres im Sinn – etwa den Kampf gegen den globalen CO2-Ausstoß. Sein Start-up TerraPower arbeitet dazu an einer neuen Generation von Atomreaktoren, die weitgehend ohne nuklearen Müll auskommen sollen. Bislang allerdings hat es noch kein Reaktor in den kommerziellen Betrieb geschafft – die Technologie ist kompliziert.

    Patrick Moore Der Kanadier tritt auch Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden bei Greenpeace noch als frühes Mitglied auf – und vertritt zum Teil gegenteilige Positionen der Umweltschützer, etwa für die Atomenergie.

    Patrick Moore tritt auch Jahrzehnte nach seinem Ausscheiden bei Greenpeace noch als frühes Mitglied der Umweltschutzorganisation auf, vertritt aber zur Freude konservativer Medien oft gegenteilige Positionen. So auch bei der Atomkraft, die er „sicherer als Wind- und Sonnenenergie“ nennt. Moore berät verschiedene Konzerne und Lobbyorganisationen, darunter das Nuclear Energy Institute.

    James Hansen: Der Nasa-Wissenschaftler spricht sich für die Atomenergie als Teil der Lösung im Kampf gegen den Klimawandel aus.

    James Hansens Rede vor dem US-Kongress brachte 1988 die Risiken des Klimawandels einer breiten Öffentlichkeit näher. Bei Protestaktionen gegen fossile Energieprojekte hat der Nasa-Wissenschaftler die Brisanz der Situation unterstrichen. Auch Hansen spricht sich für Atomenergie als Teil der Lösung der Klimakrise aus, setzt dabei jedoch auf eine neue, noch nicht marktreife Reaktorgeneration.

    Michael Bloomberg: Der frühere Bürgermeister von New York spricht sich seit Jahren gegen Kohlekraft aus – und neben den Erneuerbaren auch für die Atomenergie.

    Niemand kann Michael Bloomberg vorwerfen, den Kampf gegen den Klimawandel nicht nach Kräften zu unterstützten. Seit Jahren macht sich New Yorks Ex-Bürgermeister bei jeder Gelegenheit gegen Kohle stark. Die enorm wirksame Anti-Kohlekampagne des Sierra Clubs unterstützt er mit 50 Millionen Dollar. Zu den sauberen Alternativen zählt er neben erneuerbaren Energien auch Atomkraft.

    Barack Obama: Der Ex-Präsident der USA hält kleine, modular aufgebaute Atomkraftwerke für sinnvoll im Kampf gegen den Klimawandel.

    Ohne die Unterstützung des damaligen US-Präsidenten und von Angela Merkel wäre das Pariser Klimaabkommen im Jahr 2015 nicht zustande gekommen. Doch anders als die Bundeskanzlerin sieht Barack Obama die Atomenergie als mögliche Lösung beim Kampf gegen den Klimawandel und spricht sich für den Einsatz kleiner, modular aufgebauter Reaktoren aus.

    Erneuerbare machen Strom so billig, dass Atommeilern das Geschäftsmodell fehlt

    „Ich kann mir keine Konstellation vorstellen, wie in Deutschland auch nur ansatzweise eine Verlängerung von Laufzeiten möglich werden sollte“, sagt Matthias Zelinger, energiepolitischer Sprecher des Verbands der Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA), gegenüber EnergieWinde. „Dafür fehlt mir schlichtweg die Fantasie.“

    Während auf der einen Seite die Risiken und Kosten hoch seien, würden auf der anderen die Einnahmen wegbrechen, weil die Strompreise durch den Zuwachs der erneuerbaren Energien so niedrig sind. „Ich sehe kein Geschäftsmodell“, so Zelinger. Kernkraftwerke passten zudem nicht mehr in den dezentralen, volatilen Strommarkt der Zukunft.

    Selbst die Chefs von EnBW und RWE sehen keine Zukunft für die Kernenergie

    Auch beim Kernkraftwerksbetreiber EnBW geht man nicht davon aus, dass die eigenen Anlagen noch ein langes Leben haben. „Ich glaube, dass der Kernenergieausstieg auf einem festen gesellschaftlichen Konsens aufbaut“, sagt Dirk Güsewell gegenüber EnergieWinde. Er leitet das Erzeugungsgeschäft des Konzerns. „Insofern glaube ich, dass Spekulieren über so etwas nichts bringt.“ Im Übrigen seien auch technisch die Weichen in eine andere Richtung gestellt. „Aus meiner Sicht ist dieser Weg irreversibel.“ Aufgabe der Politik sei jetzt, den Ersatz in Form von Ökostromanlagen auf den Weg zu bringen.

    Ähnlich äußerte sich RWE-Vorstandschef Rolf Martin Schmitz. Er erklärte bei einer Podiumsdiskussion in Berlin: „Das Thema Kernenergie ist durch.“ Aus wirtschaftlichen Motiven werde niemand mehr Meiler bauen.

    Auch Stefan Kapferer, Chef des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW), erteilte Forderungen nach einer Laufzeitverlängerung eine Absage. An VW-Chef Diess gerichtet erklärte er: „Zwischen Automobilwirtschaft und Energiewirtschaft gibt es einen entscheidenden Unterschied: Während die Energiewirtschaft es schaffen wird, ihren CO2-Ausstoß bis 2020 um knapp 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken, tut sich im Verkehrsbereich kaum etwas. Mit dem Kohlekompromiss ist außerdem nach Auffassung aller Beteiligten auch sichergestellt, dass die Energiewirtschaft ihr 2030-Ziel erreicht. Dafür braucht es keine längere Laufzeit von Kernkraftwerken und auch kein Aufschnüren des Kohlekompromisses, sondern einen engagierten Ausbau der erneuerbaren Energien. Statt auf andere Wirtschaftssektoren zu zeigen, sollte Herr Diess selbst seine umweltpolitischen Hausaufgaben machen und effektiv zum Klimaschutz beitragen.“

    Eine Renaissance der Atomkraft stünde zudem im Widerspruch zum Koalitionsvertrag von Schwarz-Rot. Darin heißt es klipp und klar: „Wir halten am Ausstieg aus der Kernenergie fest“.

    Kernkraftanhänger stellen die Frage nach der Versorgungssicherheit

    Befürworter einer erneuten Laufzeitverlängerung argumentieren in der Regel damit, dass die Reaktoren hierzulande sicher seien. Sie befürchten weniger einen Super-GAU als vielmehr Blackouts in Deutschland. Das gelte vor allem für den Fall, dass die neuen Stromautobahnen wie Suedlink nicht rechtzeitig fertig werden. Sie sollen den Strom der Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee in den Süden leiten, um dort die wegfallenden Atomkraftwerke zu ersetzen.

    Deutschland gilt als einziges Land, das sowohl seine Atomkraftwerke als auch seine Kohlemeiler abschaltet. In ihrem Fahrplan zum Kohleausstieg hat die Kohlekommission daher eine Revisionsklausel für 2023 eingebaut – für den Zeitpunkt also, da auch das letzte AKW vom Netz sein soll. Sollte die Stromversorgung dann gefährdet sein, blieben die Kohlekraftwerke womöglich länger in Betrieb. Oder es würden neue Gaskraftwerke gebaut. In beiden Fällen würden die CO2-Emissionen nicht stark genug sinken und die Klimaschutzziele verfehlt. Angesichts dessen müsse die Gretchen-Frage nach der Kernkraft erlaubt sein, heißt es bei den Anhängern der Technologie.

    Zwei Drittel des Atomstroms in den Industrienationen gehen bis 2040 vom Netz

    Auch die Internationale Energieagentur (IEA) warnte jüngst vor einem überhasteten Atomausstieg. Ihr zufolge sinkt in den Industrienationen die maximal von Kernkraftwerken erzeugbare Strommenge durch Stilllegungen bis 2025 um ein Viertel. Bis 2040 seien es sogar zwei Drittel. Dadurch würden die CO2-Emissionen steigen und die Energiewende würde schwieriger. Auch der Weltklimarat IPCC misst der Atomenergie eine gewisse Rolle als Brückentechnologie zu.

    Doch ungeachtet solcher Prognosen: Zumindest in Deutschland scheint das Zeitalter der Kernkraft in gut drei Jahren endgültig vorüber zu sein.

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