• Search10.02.2021

Offshore-Wind in Belgien

Sprint und Stillstand

Belgiens Küste misst nur 70 Kilometer. Trotzdem hat das Land eine beeindruckende Offshore-Windindustrie aufgebaut. Dank eines cleveren Ausbauplans hat sich die Kapazität der Windparks auf See allein 2020 verdoppelt. Doch jetzt steht die Branche vor einer Durststrecke.

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    Belgischer Offshore-Windpark: 399 Turbinen erzeugen bis zu 2,2 Gigawatt Strom.

    399 Offshore-Windräder drehen sich in der belgischen Nordsee. Zusammen kommen sie auf eine Kapazität von 2,2 Gigawatt.

    Von Peter Ringel

    An Ostern 2020 hätten sie zeigen können, was in ihnen steckt. Als Belgien wie die halbe Welt im Corona-Lockdown verharrte und die Fabriken stillstanden, sank der Stromverbrauch im Land so weit, dass die 399 überwiegend nagelneuen Offshore-Windräder in der belgischen Nordsee gereicht hätten, um einen wesentlichen Anteil davon zu decken. Doch stattdessen wurden sie gedrosselt. Der Strom kam während der Feiertage aus den störanfälligen Atomkraftwerken Doel und Tihange im Hinterland.

    Was aussah wie eine Machtdemonstration der alten Energiewelt war in Wahrheit aber nur ihr letztes Aufflackern. Die hochbetagten Reaktoren mit zusammen rund vier Gigawatt sind schlicht zu träge, um sie minutenschnell herunterzuregeln und so Angebot und Nachfrage im Stromnetz stabil zu halten. Um eine Überlastung zu verhindern, bremste der Netzbetreiber deshalb die Offshore-Windparks. Doch damit ist spätestens Ende 2025 Schluss: Dann steigt auch Belgien aus der Atomenergie aus – und die Windkraft auf See kann ihre Stärke ausspielen.

    Acht Parks sind in Betrieb: Rang fünf im globalen Offshore-Wind-Ranking

    Ist die belgische Energiewende folglich auf Kurs? Nicht ganz. Zwar hat das Land bewiesen, dass es trotz seiner gerade einmal 70 Kilometer breiten Küste zügig in der Lage ist, Windparks mit zusammen 2,2 Gigawatt ins Meer zu bauen. Nur Großbritannien, Deutschland, China und Dänemark haben derzeit eine größere Kapazität. Gemessen an der Einwohnerzahl von elf Millionen liegt Belgien sogar auf Rang drei. Doch nach den Jahren des stürmischen Aufbaus sieht es so aus, als könnte Belgien seine Vorreiterstellung einbüßen. Denn ebenso wie in Deutschland ruht der Baubetrieb auf See derzeit.

    Karte der belgischen Offshore-Windparks und der geplanten Cluster: Trotz seiner vergleichsweise schmalen Küste zählt Belgien zu den führenden Offshore-Wind-Ländern.

    Zu verdanken hat das Land seine starke Stellung dem frühen Eintritt in die neue Technologie. Schon vor rund 20 Jahren wurde mit dem Masterplan „Mer du Nord“ eine maritime Raumordnung aufgestellt. Die Vergütungen wurden geregelt, ein Seegebiet ausgewiesen und Konzessionen vergeben. Es war ein naheliegender Schritt: Im dicht besiedelten Flandern sind Flächen für Windparks rar. Also konzentrierte man sich auf die See.

    Nachdem der Betreiber C-Power 2009 die ersten Anlagen mit zusammen 30 Megawatt aufgestellt hatte, folgte rasch ein Park auf den anderen. 2020 verdoppelte sich die Kapazität binnen Jahresfrist, als mit Northwester 2 und Seamade die Parks Nummer sieben und acht ans Netz gingen. In nur einem Jahr kamen 81 Turbinen mit rund 700 Megawatt hinzu, wie der Verband Belgian Offshore Platform (BOP) meldete. Dass das erste Windareal innerhalb des Zeitplans komplett belegt wurde, ist auch den EU-Vorgaben zum Anteil erneuerbarer Energien geschuldet, erklärt BOP-Generalsekretärin Annemie Vermeylen im Gespräch mit EnergieWinde: „Ohne die Anlagen auf See hätte Belgien mit Strafzahlungen rechnen müssen.“

    Die Kosten für den Netzanschluss sind niedrig – dank cleverer Planung

    Beim Endspurt half zudem das Design der Energiezone: Die Parks liegen nicht nur wie an einer Perlenkette aufgereiht, die vier zuletzt angeschlossenen sind überdies durch gemeinsame Seekabel und das Umspannwerk des sogenannten Modular Offshore Grid (MOG) mit dem Festland verbunden. Für rund 400 Millionen Euro wurde so rund ein Gigawatt angeschlossen. Damit liegen die Kosten deutlich niedriger als bei vergleichbaren Projekten in Nord- und Ostsee.

    Die Infografik/Statistik zeigt die Entwicklung der Kapazität von Offshore-Windparks in Belgien von 2009 bis 2020.

    Doch auf den Sprint folgt nun ein jahrelanger Stillstand, ehe in Meeresgebieten entlang der französischen Grenze weitere Turbinen installiert werden. Erst 2023 sind die nächsten Ausschreibungen geplant. Doch nach welchem Prozedere das geschehen soll, steht noch nicht fest.

    Der Grund für den Stopp ist einer, der auch aus Deutschland bekannt ist: „Der Flaschenhals ist vor allem der Netzausbau an Land“, erklärt Vermeylen. Es gebe großen Widerstand von Bürgerinitiativen gegen den Bau neuer Stromleitungen. Sie sind nötig, um die Energie der Offshore-Windparks abzutransportieren. Sind diese Hürden genommen, soll sich die Kapazität in der zweiten Energiezone bis zum Ende des Jahrzehnts auf 4,4 Gigawatt verdoppeln. Dem Branchenverband schweben sogar noch höhere Ziele vor; er wirbt dafür, sie auf sechs Gigawatt hochzuschrauben. Dazu müsste eine dritte Energiezone ausgewiesen werden.

    Wie Dänemark plant auch Belgien den Bau einer künstlichen Energieinsel

    Die im Herbst geschmiedete Sieben-Parteien-Koalition zeigt sich für eine Aufstockung der Ziele offen. Sie will untersuchen lassen, ob die neue Energiezone früher realisiert werden kann. Denkbar sei auch der Bau von Parks außerhalb der Hoheitsgewässer zusammen mit anderen Nordsee-Anrainern, heißt es im Koalitionsvertrag.

    Auf internationale Zusammenarbeit setzt Energieministerin Tinne Van der Straeten von den Grünen auch bei der Netzanbindung. Anfang Februar unterzeichnete sie mit ihrem dänischen Amtskollegen eine Vereinbarung über ein Seekabel, das Belgien an eine geplante künstliche Energieinsel in Dänemark anbindet. Das Projekt soll 2030 vollendet sein, die Kosten von rund einer Milliarde Euro wollen sich die Länder aufteilen.

    Belgien plant aber auch selbst ein solches Projekt, sagt Christoph Zipf von WindEurope mit Sitz in Brüssel: „Die belgische Regierung sieht 100 Millionen Euro für eine Energieinsel in der Nordsee vor“, erklärt Zipf gegenüber EnergieWinde. Der Betrag ist im Entwurf des „Recovery and Resilience“-Plans genannt, den der liberale Premier Alexander De Croo Ende Januar vorgestellt hat. Mit den nationalen Plänen beantragen EU-Staaten Mittel aus dem Aufbauprogramm, das dem Wirtschaftseinbruch nach der Pandemie entgegenwirken soll.

    Offshore-Windpark in Belgien: Trotz seiner schmalen Küste hat das Land die Windenergie auf See rasant ausgebaut.

    Offshore-Windpark in Belgien: In den vergangenen zehn Jahren sind in der Branche rund 16.000 Jobs entstanden. Die Bruttowertschöpfung der belgischen Windbranche liegt nach Angaben der Außenhandelskammer bei einer Milliarde Euro pro Jahr.

    Wo genau die Insel geplant ist, welche Speicherform genutzt wird und ob nur Windstrom aus Belgien oder auch aus Nachbarstaaten aufgenommen wird, ist nicht bekannt. „Die Regierung hält sich noch sehr bedeckt“, sagt Zipf. Er vermutet, dass die Wasserstofferzeugung mit Windstrom eine Rolle spielen könnte. Pläne für eine Energieinsel schmiedete auch schon eine frühere Regierung unter dem Projekttitel iLand. Für den künstlichen Sandring mit einem Pumpspeicherkraftwerk wurde allerdings das Zehnfache der jetzt aufgerufenen Summe veranschlagt.

    Beauty Contest oder Contracts for Difference? Das ist auch in Belgien die Frage

    Wie Ausschreibungen für künftige Windparks ausgestaltet werden, ist Vermeylen zufolge weiterhin unklar. Zur Auswahl stehen die drei Modelle der Nachbarländer: Differenzkontrakte wie in Großbritannien und Frankreich oder förderfreie Modelle wie in den Niederlanden, die entweder Gebühren für den Bau oder einen sogenannten Beauty Contest vorsehen.

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    Wir plädieren für Contracts for Difference, weil damit die Finanzierungskosten sinken

    Christoph Zipf, Sprecher von WindEurope

    Wind-Europe-Sprecher Zipf hat eine klare Vorstellung: „Wir plädieren für Contracts for Difference, weil damit die Finanzierungskosten sinken.“ Im CfD-Modell entfalle der Risikoaufschlag für die schwer kalkulierbare Strompreisentwicklung. Bei Differenzverträgen nennt der Bieter in einer Auktion den Preis, zu dem er den Strom aus seinem Offshore-Windpark verkaufen würde. Liegt der Marktpreis später darunter, erhält der Betreiber vom Staat die Differenz. Liegt der Strompreis darüber, sind die Gewinne abzuführen. Beim niederländischen Modell wird der Zuschlag dagegen anhand von Kriterien wie der Erfahrung des Bewerbers oder der Kapazität des Parks erteilt. In bestimmten Fällen sind auch Gebühren fällig.

    Welches Modell am Ende in Belgien zum Zuge kommt, lässt sich aktuell kaum abschätzen. Für die Branche ermutigend ist, dass die Regierung De Croo den Atomausstieg und den Ausbau der Offshore-Windenergie zu ihren Prioritäten erklärt hat. Ob sie ihre Pläne umsetzen kann, hängt auch davon ab, ob sich das belgische Regierungssystem diesmal als stabiler erweist. Vor De Croos Antritt war das Land 493 Tage ohne reguläre Führung.

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