Offshore-Wind in den Niederlanden

Miete für Meeresboden

Während Weltmarktführer Großbritannien den Offshore-Wind-Ausbau mit sogenannten Differenzkontrakten (CfD) fördert, setzen die Niederlande auf ein subventionsfreies System. Hilbert Klok vom Branchenverband NWEA erklärt, wie das Modell funktioniert – und warum er einen Wechsel zum CfD-Modell für möglich hält.

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    Mit 600 Megawatt ist Gemini der aktuell größte Offshore-Windpark in den Niederlanden – und zugleich einer der größten der Welt.

    Der milliardenschwere Bau von Offshore-Windparks birgt hohe Risiken für Investoren. Um den Ausbau zu erleichtern, nutzen Länder wie Großbritannien oder Frankreich deshalb sogenannte Contracts for Difference – ein Ausschreibungsmodell, das die finanziellen Risiken für die Bauherren abfedern soll. Auch in Deutschland macht sich die Industrie für solche Differenzkontrakte stark. Das Bundeswirtschaftsministerium hingegen präferiert ein Modell, das dem niederländischen System ähnelt. Wer dort einen Offshore-Windpark baut, muss nicht nur ohne Förderung auskommen. Für die Bauherren kann sogar eine Pacht fällig werden. Hilbert Klok, Experte des niederländischen Offshore-Verbands NWEA, erklärt das Ausschreibungsmodell.

    Herr Klok, die Niederlande setzen auf ein Ausschreibungsmodell, das keine Förderung vorsieht. In manchen Fällen müssen die Gewinner der Ausschreibung sogar Geld bezahlen. Warum?
    Hilbert Klok: In den Niederlanden sind Ausschreibungen ohne Förderung derzeit die Regel. Für die letzten beiden Windparks wurde zudem eine Pacht für die Nutzung des Meeresbodens fällig, weil die Areale teilweise innerhalb der Zwölfmeilenzone liegen. Eine ähnliche Regelung gibt es in den Niederlanden auch für Onshore-Windparks.

    Das heißt, bei Offshore-Windparks, die vollständig außerhalb der Zwölfmeilenzone liegen, wird keine Pacht fällig?
    Klok: Genau. Der Gewinner der nächsten Ausschreibung, die für 2021 vorgesehen ist, wird nichts zahlen müssen. Denn das Gebiet Hollandse Kust West, auf das sich die Ausschreibung bezieht, liegt rund 30 Seemeilen vor der Küste.

    Interview mit Hilbert Klok vom Offshore-Wind-Verband NWEA über das Ausschreibungsmodell in den Niederlanden (Beauty Contest) und Differenzkontrakte (CfD).

    Hilbert Klok vom niederländischen Offshore-Windenergie-Verband NWEA.

    Noch vor einigen Jahren haben die Niederlande eine Förderung für den Bau und Betrieb von Offshore-Windparks bezahlt. Warum hat sich das geändert?
    Klok: Das frühere Modell sah vor, dass ein Bieter den Zuschlag erhält, wenn sein Angebot die geringste Förderung vorsieht. Ähnlich wie in Deutschland gab es dann Bieter, die ganz auf Förderung verzichtet haben. Wenn es davon mehrere in einem Verfahren gibt, kann nur einer den Zuschlag bekommen. Also sind weitere Auswahlkriterien notwendig, die der Staat vorgibt.

    Sie sprechen vom sogenannten Beauty Contest. Wie geht man in den Niederlanden vor, wenn mehrere Bieter an einer Ausschreibung teilnehmen, die keine Förderung vorsieht?
    Klok: Der Sieger wird im Rahmen eines erweiterten Auswahlverfahrens bestimmt. Anhand von sechs Kriterien wird die Qualität der Angebote bewertet, zum Beispiel die Erfahrung des Bewerbers, aber auch das Windpark-Design. Wer insgesamt das beste Angebot vorgelegt hat, erhält den Zuschlag.

    Werden Windparks vor der niederländischen Küste nun für alle Zeiten auf Förderung verzichten müssen?
    Klok: Das Gesetz ermöglicht auch heute noch eine Förderung. Ob es dazu kommt, hängt von den Rahmenbedingungen ab. Wenn es keine Marktteilnehmer mehr geben sollte, die ein förderungsfreies Angebot vorlegen, ist es möglich, dass die Regierung zu dem alten Ausschreibungsmodell zurückkehrt.

    Unter welchen Umständen könnte das der Fall sein?
    Klok: Wenn der Strombedarf über eine längere Zeitstrecke nicht ausreichen sollte, um die Erzeugung auszuschöpfen. Das würde zu fallenden Preisen führen, die Offshore-Projekte unter den jetzigen Bedingungen unwirtschaftlich machen würden. Unter diesen Umständen wäre eine erneute Förderung vorstellbar, um die Marktrisiken aufzufangen.

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    Der Vorteil von Differenzverträgen liegt darin, dass es das Risiko sinkender Strompreise aus dem Markt nimmt und auf die Allgemeinheit überträgt

    Schützt ein Modell mit Differenzverträgen (CfD), das in Großbritannien und Frankreich die Regel ist, besser vor diesen Unwägbarkeiten?
    Klok: Der Vorteil von Differenzverträgen liegt darin, dass es das Risiko sinkender Strompreise aus dem Markt nimmt und auf die Allgemeinheit überträgt. NWEA hält es deshalb in der aktuellen Lage für sehr geeignet, um den Ausbau der Offshore-Windkraft voranzubringen. Der Energiemarkt wandelt sich sehr stark. Noch stehen die erneuerbaren Energien in Konkurrenz zu den fossilen Energien. Da kann es passieren, dass für Wind- und Sonnenstrom negative Preise entstehen. Das heißt, die Erzeuger müssen Geld bezahlen, damit ihnen jemand den Strom abnimmt. Das bedeutet ein erhebliches Risiko.

    Wer ist der Profiteur des derzeitigen Modells in den Niederlanden?
    Klok: Die Gewinner sind alle, die von niedrigen Strompreisen profitieren. Also zum einen die Haushalte, aber auch Unternehmen aus der energieintensiven Industrie, die flexibel handeln können und nur dann Strom dann beziehen, wenn der Preis günstig ist.

    Die Industrie wird auf lange Sicht viel mehr erneuerbaren Strom benötigen, um ihre Klimaschutzziele zu erfüllen. Sehen Sie die Gefahr, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien durch das derzeitige System nicht schnell genug gehen könnte?
    Klok: Mit Blick auf die sehr ambitionierten Klimaziele für 2050 ist diese Sorge mehr als berechtigt. Die Niederlande setzen noch immer stark auf Gas und andere fossile Energieträger, auch finanziell. Das wird sich aber ändern. Wir werden in Zukunft viel mehr Offshore-Wind benötigen als bisher. Diese Entwicklung muss geplant und finanziert werden. Am besten wäre es, wenn der geplante Zubau schon vor 2030 beschleunigt würde.

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    Eine länderübergreifende Harmonisierung der Ausschreibungsmodalitäten wäre hilfreich

    Die Nordseeanrainer planen, die Leitungen von Windparks bereits auf See miteinander zu verbinden. Auf diese Weise soll die gemeinsame Nutzung von Strom in verschiedenen Ländern einfacher werden. Ist dafür nicht eine Harmonisierung von Preisgestaltung und Ausschreibungsverfahren nötig?
    Klok: Die Vernetzung von Windparks in der Nordsee würde zu stabileren Preisen in allen beteiligten Staaten führen. Eine länderübergreifende Harmonisierung der Ausschreibungsmodalitäten wäre hilfreich, um dieses Ziel zu erreichen. Das Risiko schwankender Preise wäre dann für die Erzeuger von Offshore-Windenergie nicht mehr so hoch.

    Hält die NWEA es für möglich, dass die Niederlande ihr Ausschreibungssystem in Zukunft ändern?
    Klok: In der Regierung wird darüber nachgedacht, die Konzessionen für Offshore-Windparks künftig zu versteigern. Wer den Zuschlag erhält, müsste dann dafür bezahlen. Sollte der Preis für erneuerbaren Strom wegen fehlender Nachfrage dann jedoch zu niedrig sein, wird sich niemand an so einer Auktion beteiligen. Die Regierung müsste auf ein anderes Modell ausweichen. Und wir denken, Differenzverträge wären dann die beste Lösung.

    Die Fragen stellte Heimo Fischer.

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