Offshore-Wind-Ausbau

Gesetzentwurf im Gegenwind

Die Kritik an der Reform des Ausbaus der Offshore-Windkraft wächst. Neben der Branche selbst protestieren nun auch Konzerne mit großem Stromverbrauch dagegen. Sie fürchten steigende Preise und eine Ökostromlücke. Doch die Zeit für Änderungen an den Gesetzesplänen ist knapp.

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    Aluminiumproduktion bei Trimet in NRW: Der Konzern gehört zu den Unterzeichnern eines Briefs an das Bundeswirtschaftsministerium, in dem die geplante Reform des Windenergie-auf-See-Gesetzes kritisiert wird.

    Aluminiumproduktion bei Trimet in NRW: Der Konzern gehört zu den Unterzeichnern eines Briefs an das Bundeswirtschaftsministerium, in dem die geplante Reform des Windenergie-auf-See-Gesetzes kritisiert wird.

    Von Heimo Fischer

    Das Kabinett hat den Entwurf bereits durchgewunken, im Juli soll er in den Bundesrat gehen, bald darauf den Bundestag passieren. Viele Gelegenheiten gibt es nicht mehr, das geplante Gesetz zum Ausbau der Windenergie auf See (WindSeeG) noch einmal zu ändern. Das ist der Grund, weshalb sieben Konzerne Anfang Juni einen eiligen Appell an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier gerichtet haben.

    In einem gemeinsamen Brief nehmen sie Anstoß an dem vorgesehenen Ausschreibungsverfahren für neue Windparks in Nord- und Ostsee. Der Wirtschaftsminister bevorzugt ein Konzessionsmodell, bei dem die Windparkbetreiber in bestimmten Fällen nicht nur auf eine gesetzliche Förderung verzichten, sondern sogar eine Abgabe an den Staat entrichten müssten. Diese „zweite Gebotskomponente“ könnte die Stromgestehungskosten unnötig steigern, warnen die Absender des Briefs. „Wir halten dies für das grundlegend falsche Signal.“

    Unterzeichnet haben den Brief neben RWE, Ørsted, Vattenfall und Siemens Gamesa, die selbst in der Offshore-Windenergie aktiv sind, auch die Chemiekonzerne Covestro und Wacker sowie der Aluminiumhersteller Trimet, die kein unmittelbares Interesse an der Branche haben, sondern vor allem an günstigen Strompreisen interessiert sind. Das verleiht der Kritik zusätzliches Gewicht.

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    Differenzverträge sind eine gute Option, um die Industrie mit international wettbewerbsfähigem Strom aus erneuerbaren Quellen zu versorgen

    Karen Perrey, Covestro

    Die Unternehmen werben anstelle der Konzessionsabgabe für sogenannte Differenzverträge, auch Contracts for Difference (CfD) genannt, die ihnen mehr finanzielle Sicherheit geben. Länder wie Großbritannien und Frankreich setzen bereits auf dieses Modell. „Differenzverträge sind ein marktorientiertes Instrument und daher eine gute Option, um die Industrie mit international wettbewerbsfähigem Strom aus erneuerbaren Quellen zu versorgen“, sagt Karen Perrey, die sich beim Chemiekonzern Covestro mit Energiestrategie und Energiepolitik befasst. Der Stromhunger der chemischen Industrie ist gewaltig: Sie kommt mit 54 Terawattstunden auf gut ein Zehntel des insgesamt in Deutschland jährlich verbrauchten Stroms.

    Die Produktion von Chlor ist einer der stromintensiven Prozesse in der chemischen Industrie. Mit der Technologie der Sauerstoffverzehrkathode können bis zu 25 Prozent des Energieverbrauchs eingespart werden. Zusätzlich arbeitet Covestro daran, erneuerbare

    Produktion von Chlor bei Covestro: Um seine CO2-Bilanz zu verbessern, arbeitet der Chemiekonzern daran, erneuerbare Energien in den Strommix zu integrieren.

    Covestro hat angekündigt, seine spezifischen Treibhausgasemissionen bis 2025 im Vergleich zu 2005 halbieren zu wollen. Auf längere Sicht will Covestro komplett auf erneuerbare Energien umsteigen. Deshalb verfolgt das Unternehmen den Ausbau der Offshore-Windkraft aufmerksam – das gilt auch für die Reform der Ausschreibungsmodalitäten.

    Die Konzessionsabgabe gefährdet den Ausbau, sagt die Branche

    Bei bisherigen Ausschreibungen in der Offshore-Windenergie bestimmte der Bund zunächst die Größe der geplanten Windparks. Im Zuge einer Auktion reichten interessierte Betreiber dann ein Angebot ein. Darin erklärten sie, wie viel Geld sie pro gelieferter Kilowattstunde mindestens benötigen, um einen Windpark rentabel betreiben zu können. Das günstigste Angebot bekam den Zuschlag.

    Sinn dieser Auktionen war es, die Kosten des Ausbaus der Windenergie begrenzen – was auch gelang. In der letzten Ausschreibung 2018 verzichteten die Energiekonzerne Ørsted (der auch das Portal EnergieWinde betreibt) und EnBW sogar komplett auf eine Förderung aus dem EEG und reichten sogenannte Null-Cent-Angebote ein. Sie gingen folglich von einem Marktpreis aus, der so hoch ist, dass sich damit rentabel wirtschaften lässt.

    Deutschland plant mit 40 Gigawatt Offshore-Wind im Jahr 2040

    Dieses Vorgehen macht jedoch eine Änderung des Gesetzes notwendig. Denn nach jetzigem Stand gibt das niedrigste Gebot der vorangegangenen Ausschreibung das Höchstgebot der nächsten Auktion vor. Aber nicht an jedem Standort in der Nord- und Ostsee sind rentable Null-Cent-Gebote möglich. Zudem stellt sich die Frage, wer bei mehreren Null-Cent-Geboten den Zuschlag erhält. Die Bundesregierung will diese Gebote daher durch eine zweite Komponente unterscheidbar machen: Wer den Zuschlag zum Bau bekommt, müsste also nicht nur auf die EEG-Förderung verzichten, sondern mehr Geld bieten als die anderen Teilnehmer der Ausschreibung.

    Die Energiewirtschaft lehnt dieses Prinzip ab. Es erhöhe die Risiken für Investoren sowie die volkswirtschaftlichen Kosten der Offshore-Windenergie, teilt der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) mit. „Das Modell gefährdet die Akteursvielfalt und damit einhergehend einen starken Wettbewerb, der zu einer Kostenreduzierung führt.“

    Mit anderen Worten: Die höheren Kosten wollen nur wenige Unternehmen schultern. Deswegen, so die Befürchtung, wird das Interesse am Ausbau der Offshore-Windenergie sinken und das Stromangebot schrumpfen. Das wiederum läuft dem Sinn des neuen Gesetzes zuwider. Denn es sieht vor, das Ausbauziel für Offshore-Windkraft zu erhöhen – bis 2030 von 15 auf 20 Gigawatt, 2040 sollen es bereits 40 Gigawatt sein.

    Die Industrie erhofft sich von CfD langfristig stabile Strompreise

    Die von der Industrie bevorzugten Differenzverträge hingegen sehen einen in der Ausschreibung bestimmten Festpreis vor, den die Betreiber der Windparks pro Kilowattstunde erhalten. Liegt der durch den Verkauf des Stroms erwirtschaftete Marktpreis unter diesem Zuschlagspreis, erhält der Betreiber die Differenz aus der EEG-Umlage erstattet. Liegt der Marktpreis über dem Zuschlagspreis, muss der Betreiber die Differenz auf das EEG-Konto überweisen – was die Verbraucher entlasten würde. Im bisherigen Modell durften sie den Betrag allerdings behalten.

    Der Charme von Differenzverträgen besteht also in einem Festpreis, mit dem die Unternehmen über viele Jahre kalkulieren können. „Differenzverträge bieten höhere Berechenbarkeit für alle Beteiligten“, bestätigt Covestro-Energieexpertin Perrey. Das bedeute auch, dass sich Industrieunternehmen langfristig stabile Strompreise sichern könnten. Vieles hänge freilich davon ab, wie der Differenzvertrag ausgestaltet wird. „Wir glauben aber, dass man einen Praxistest wagen sollte.“

    Zur Produktion von Wasserstoff sind gewaltige Strommengen nötig

    Grüner Strom spielt eine Schlüsselrolle für die Zukunft energieintensiver Branchen. Er ist die Alternative zu Erdöl, Kohle und Erdgas, den fossilen Energieträgern, die aus den Produktionsabläufen verbannt werden sollen.

    Covestro-Werk in Brunsbüttel: Wenn die chemische Industrie komplett auf fossile Rohstoffe verzichtet, steigt ihr Strombedarf laut einer VCI-Studie in etwa auf die Menge, die Deutschland heute insgesamt verbraucht.

    Covestro-Werk in Brunsbüttel: Wenn die chemische Industrie komplett auf fossile Rohstoffe verzichtet, steigt ihr Strombedarf laut einer VCI-Studie in etwa auf die Menge, die Deutschland heute insgesamt verbraucht.

    Derzeit verwendet die chemische Industrie fossile Energieträger auf zweierlei Art: Sie erzeugen zum einen Wärme für Produktionsprozesse und dienen zum anderen als Rohstoff für die Herstellung von Produkten wie Kosmetika, Haushaltsmitteln, Arzneien, Farben und so weiter. Diese chemischen Grundstoffe lassen sich auch nachhaltig auf Basis von Wasserstoff und CO2 herstellen. Der Wasserstoff muss dafür allerdings per Elektrolyse aus erneuerbarem Strom erzeugt werden. „Dafür werden große Mengen an Elektrizität benötigt“, sagt Perrey.

    Der Strombedarf der chemischen Industrie wird sich vervielfachen

    Wie stark der Strombedarf der chemischen Industrie in Zukunft steigen wird, hat eine durch den Verband der Chemischen Industrie (VCI) in Auftrag gegebene Studie untersucht. Ergebnis: Geht man davon aus, dass die Branche bis 2050, wie von der Politik angestrebt, gar keine Treibhausgase mehr emittiert, wäre der Strombedarf mehr als zehnmal so hoch wie heute und würde für die Chemieindustrie in Deutschland einen Wert von 685 Terrawattstunden erreichen – das entspricht der gesamten deutschen Stromproduktion von 2018.

    Da sich der erhöhte Strombedarf nicht nur durch die Chemie, sondern durch weite Teile der Industrie ziehen wird, fordert auch der Fachverband VDMA Power Systems einen zügigen Ausbau der erneuerbaren Energien. „Der Offshore-Windenergie kommt eine wichtige Rolle beim Erreichen der Klimaneutralität bis 2050 zu“, heißt es in einer Stellungnahme. Aus diesem Grund sei es wichtig, langfristige Ziele über 2030 hinaus in den Blick zu nehmen.

    Das hat die Bundesregierung bislang noch nicht getan. Im Klimaschutzprogramm vom Herbst 2019 geht sie davon aus, dass sich der gesamte Strombedarf in Deutschland im Jahr 2030 geringfügig unterhalb des heutigen Niveaus bewegen wird.

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