Bornholm soll Energieinsel werden

Drehscheibe für Windstrom

Dänemark will Bornholm zu einem Knotenpunkt der Energieversorgung im Ostseeraum ausbauen. Offshore-Windparks könnten ihren Strom von dort aus in die Netze von vier EU-Staaten schicken. Und auch ein neues Wasserstoffprojekt im Gigawattmaßstab soll davon profitieren.

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    Sonnenverwöhnte Küste: Bornholm liegt weit draußen in der Ostsee zwischen Dänemark, Schweden, Polen und Deutschland.

    Von Denis Dilba

    Wenn die Windkraftbranche bisher von „Energieinseln“ redete, waren meist künstlich aufgeschüttete oder schwimmende Atolle in der Nordsee gemeint: gewaltige Bauvorhaben, die von mindestens ebenso gewaltigen Offshore-Windparks umgeben sein sollen. Vor allem der Übertragungsnetzbetreiber Tennet setzt sich seit 2017 intensiv mit dem Konzept auseinander. Die Idee ist nicht so abwegig, wie sie im ersten Moment klingen mag: Zentrale Knotenpunkte mitten im Meer würden es einfacher und günstiger machen, Offshore-Windparks ans Stromnetz anzuschließen. Statt vieler langer Kabelanbindungssysteme, die von den Parks in die jeweiligen Länder führen, reichten kürzere Leitungen zur nächstgelegenen Energieinsel. Von dort aus müssten dann nur wenige massive Interkonnektoren zu den Küsten verlegt werden. Die Eilande, auf denen parallel grüner Wasserstoff per Windstrom hergestellt werden soll, würden auch den Betrieb und die Wartung der Windparks vereinfachen. Ein klassisches Beispiel für Economies of Scale.

    Trotz solcher Einsparpotenziale bleiben die Inseln aber Megaprojekte mit Kosten in mehrstelliger Milliardenhöhe. Daher sind sie bisher nicht über das Stadium der Machbarkeitsstudie hinausgekommen – bis Ende letzten Jahres. Da kündigte Dänemarks Klimaminister Dan Jørgensen eine Zehn-Gigawatt-Kunstinsel für bis zu 40 Milliarden Euro in der Nordsee an. Jetzt wurde Jørgensen noch konkreter: Dänemark will sogar gleich zwei Energieinseln bauen. Bis 2030 sollen sie als Rückgrat eines mehrstufigen Klimaplans den ersten Strom liefern und so helfen, Dänemarks CO2-Ausstoß im Vergleich zu 1990 um 70 Prozent zu senken. Es ist eines der ambitioniertesten Klimaziele weltweit.

    Eine der beiden Inseln – das wurde bei der Vorstellung der Pläne am 20. Mai auch klar – soll weder künstlich sein noch in der Nordsee liegen: Bornholm soll zur Energieinsel ausgebaut werden.

    Dänemark, Schweden, Polen und Deutschland an einem Stromanschluss

    Im ersten Schritt ist für die Projekte eine Kapazität von je zwei Gigawatt geplant. Die Energieinsel in der Nordsee könne nach 2030 schrittweise auf zehn Gigawatt ausgebaut werden, so der Klimaminister. Rekorddimensionen. Zum Vergleich: Der aktuell weltgrößte Offshore-Windpark Hornsea One vor Großbritannien hat eine Leistung von 1,2 Gigawatt. Mit den Zwei-Gigawatt-Inseln hätte Dänemark seine aktuelle Offshore-Kapazität von rund 1700 Megawatt mehr als verdreifacht – und allein durch den Zubau mehr als genug Energie für sämtliche dänischen Haushalte.

    Der erzeugte Strom soll daher nicht nur direkt genutzt oder in grünen Wasserstoff umgewandelt werden, sondern ist auch für den Export in andere EU-Länder vorgesehen. Die dänische Regierung folgt damit einem Vorschlag, den der dänische Energiekonzern Ørsted, der auch das Portal EnergieWinde finanziert, Ende November letzten Jahres vorgestellt hat.

    Energieminister Dan Jørgensen (rechts, bei der Eröffnung eines Offshore-Windparks) sieht Energieinseln als zentralen Baustein der dänischen Klimastrategie.

    Dieser Vorschlag sieht vor, Bornholm zum Energieknotenpunkt für den baltischen Raum auszubauen. Dafür soll zunächst ein Ein-Gigawatt-Windpark südwestlich der Insel in Rønne Banke errichtet werden, der sowohl mit Dänemark als auch mit Polen verbunden ist. Die technischen Anlagen für den Interkonnektoren-Knotenpunkt können auf Bornholm gebaut werden. Auf diese Weise soll bereits vor 2030 Strom nach Dänemark und Polen geliefert werden. Langfristig könnten drei bis fünf Gigawatt Offshore-Windkapazität und auch Schweden und Deutschland an den Bornholm-Cluster angeschlossen werden. Martin Neubert, CEO für den Bereich Offshore-Windenergie bei Ørsted, glaubt, dass das Bornholm-Projekt schneller umzusetzen ist als der Bau einer künstlichen Energieinsel in der Nordsee und damit den Weg der Energiewende Europas maßgeblich mitbereiten kann.

    Der Offshore-Ausbau muss über Ländergrenzen hinweg geplant werden

    „Das Bornholm-Projekt kann uns wertvolle Einblicke in die Herausforderungen geben, die mit den Energieinseln der Zukunft einhergehen, beispielsweise wie wir die grenzüberschreitende Koordinierung der Regulierung durch gemeinsame Ausschreibungen und neue elektrotechnische Lösungen sicherstellen“, heißt es bei Ørsted. Sicher sei jedenfalls, dass „Offshore-Windkraftcluster mit Übertragungsleitungen in mehrere Länder notwendig sind, wenn wir das enorme Potenzial der Offshore-Windenergie nutzen wollen, um Europa grün zu machen“, sagt Neubert.

    Nach Schätzungen der EU-Kommission müsste Europa bis zum Jahr 2050 bis zu 450 Gigawatt Windstrom auf See produzieren, um klimaneutral zu werden – eine gewaltige Menge gemessen an den derzeit 22 Gigawatt in europäischen Gewässern. Brian Vad Mathiesen, Professor für Energieplanung an der Universität Aalborg, hält die Bornholm-Pläne für ein „sehr smartes Projekt“. Es sei vergleichsweise einfach zu realisieren, flexibel und könne Schritt für Schritt erweitert werden.

    Seine exponierte Lage macht Bornholm zur idealen Schnittstelle für die Energiewende im baltischen Raum.

    Bornholm könnte so zum Kristallisationspunkt für eine Vernetzung der nationalen Strommärkte werden. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) hält eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit der EU-Mitgliedstaaten beim Ausbau der Offshore-Windenergie für unerlässlich, um die EU-Klimaziele zu erreichen. Das gelte insbesondere mit Blick auf Hybridprojekte, also Offshore-Windparks, die an die Netze mehrerer Länder angeschlossen sind, antwortete das BMWi auf eine Anfrage von EnergieWinde.

    Projekte wie das „Bornholm Proposal“ hätten potenziell vielfache positive Auswirkungen: „Weniger Netzanbindungsleitungen, mehr Stromhandel, geringere Kosten, geringerer Flächenverbrauch, Naturschutz, Versorgungssicherheit, Beschäftigung, Akzeptanz“ zählt das BMWi unter anderem auf. Allerdings liege eine Herausforderung darin, die Verteilung von Kosten und Nutzen zwischen den Betreibern der Windparks, der Netze und den Mitgliedstaaten zu regeln, damit in solche Projekte investiert werde.

    Aus diesem Grund hält das BMWi europäische Rahmenbedingungen, ein sogenanntes „EU-enabling framework“, bei solchen Hybridprojekten für erforderlich. Die Arbeit an den Kriterien dafür wolle man innerhalb der noch bis Ende dieses Jahres laufenden deutschen Präsidentschaft der Nordsee-Energiekooperation voranbringen.

    Windstrom aus Bornholm für die Wasserstoffproduktion in Kopenhagen

    Derweil schreiten die Planungen in Dänemark bereits weiter voran. Ende Mai kündigte ein Konsortium von Konzernen aus den Branchen Energie, Logistik und Luftfahrt an, in großem Stil in den Aufbau von Produktionsanlagen für synthetische Kraftstoffe zu investieren. Bis 2030 wolle man eine Elektrolysekapazität von 1,3 Gigawatt im Großraum Kopenhagen aufbauen. Damit könnten pro Jahr mehr als 250.000 Tonnen grüner Treibstoff für Busse, Lastwagen, Schiffe und Flugzeuge produziert werden, heißt es in einer Pressemitteilung. Den Grünstrom, den die dann weltweit größte Anlage ihrer Art benötigt, soll der künftige Offshore-Windpark Rønne Banke liefern. Zu dem Konsortium gehören die Kopenhagener Flughäfen, der Containerriese A.P. Møller – Mærsk, der Logistikkonzern DSV Panalpina, die Reederei DFDS, die Fluglinie SAS und Ørsted.

    „Es ist eine große Chance für uns“, sagt Bornholms Bürgermeisterin Winni Grosbøll, die einen Job-Boom erwartet. Das Timing sei gut: Gerade ist die Tragfähigkeit des Hafengebiets auf 150.000 Quadratmetern verstärkt worden. Am Hafen Rønne werden nämlich die Windkraftanlagen für den 600-Megawatt-Offshore-Park Kriegers Flak vormontiert. „Das bedeutet, dass wir die richtige Infrastruktur zur Verfügung haben, um die benötigten Dienstleistungen zu erbringen“, sagt Thomas Bendtsen, CEO des Hafens der Inselhauptstadt Rønne.

    Anders gesagt: Es kann sofort losgehen.

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