Offshore-Wind in Litauen

Eine Frage der nationalen Sicherheit

In acht Jahren sollen die ersten Windräder vor der litauischen Küste in Betrieb gehen. Der Plan ist ambitioniert, doch das Land treibt ihn mit Nachdruck voran: aus Klimaschutzgründen – und um in Energieangelegenheiten unabhängig vom ungeliebten Nachbarn Russland zu werden.

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    Litauens Hauptstadt Vilnius: 2030 will die Baltenrepublik mit ihren 2,8 Millionen Einwohnern 45 Prozent ihres Stroms aus erneuerbaren Quellen beziehen.

    Von Natalia Sadovnik

    Das magische Datum ist 2028. Dann werden sich, wenn alles nach Plan läuft, die ersten Windräder in der litauischen Ostsee drehen. Bis zu 350 Megawatt sollen die Anlagen 30 Kilometer vor der Küste der idyllischen Hafenstadt Šventoji erzeugen. Es ist ein ehrgeiziger Plan, denn bislang gibt es in Osteuropa noch nicht einen einzigen Offshore-Windpark. Die gesamte Infrastruktur dafür muss erst aufgebaut werden.

    Und doch erscheint das Vorhaben nicht aus der Luft gegriffen. Geht es nach der EU, soll die Ostsee schon bald zum zweiten großen europäischen Offshore-Wind-Standort nach der Nordsee werden. Und auch Branchenvertreter haben die Region bereits entdeckt. „Die Ostsee hat enormes Potenzial“, erklärt Sebastian Boie, Sprecher der Stiftung Offshore-Windenergie, gegenüber EnergieWinde. Die Stromnetzanbindung in der Region sei günstig, weil die Projekte vergleichsweise dicht vor der Küste liegen. Die Logistikbedingungen seien gut und die Windverhältnisse stimmten.

    Offshore-Fieber im Osten: Auch Estland, Lettland und Polen planen Projekte

    Kein Wunder, dass sich nicht nur in Litauen etwas tut. Auch andere Länder der Region schmieden Pläne. In Estland soll beispielsweise vor der Insel Saaremaa ein Offshore-Windpark mit einer stattlichen Gesamtkapazität von 650 Megawatt entstehen. Nachdem die Regierung das Vorhaben zunächst torpediert hatte, ist kürzlich das niederländische Wasserbauunternehmen Van Oord in das Projekt eingestiegen. Geschätzte Kosten: 1,7 Milliarden Euro.

    Auch Lettland und Polen schmieden Pläne. In Polen beginnt nach einer erfolgreichen Umweltgenehmigung nun die technische Planung für zwei Offshore-Windparks. Auf bis zu acht Gigawatt wird das Potenzial vor der polnischen Ostseeküste geschätzt.

    Die EU-Ziele für 2020 hat Litauen längst erreicht – anders als Deutschland

    Und auch Litauen schreitet zügig voran. „Bis 2030 wollen wir 45 Prozent unserer Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen“, sagt Aurelija Vernickaitė vom litauischen Energieministerium, im Gespräch mit EnergieWinde. Bis 2050 will das Land klimaneutral werden. Bislang gingen die Litauer dabei beherzt voran: Die EU-Energieziele für 2020 erreichte Litauen bereits 2014, als eines von nur wenigen Mitgliedsländern. Im aktuellen Klimaschutz-Index von Germanwatch rangiert Litauen unter den Top drei, weit vor Deutschland.

    Litauens erste Begegnung mit der Offshore-Windenergie: 2009 wurde das Kranschiff „Windlift I“ im Hafen von Klaipeda getauft. Es war unter anderem am Bau des Windparks Bard Offshore 1 in der Nordsee beteiligt.

    Litauens erste Begegnung mit der Offshore-Windenergie: 2009 wurde das Kranschiff „Wind Lift I“ im Hafen von Klaipėda getauft. Es war unter anderem am Bau des Windparks BARD Offshore 1 in der Nordsee beteiligt.

    Als Motivation für den Vorstoß in die Ostsee nennt Vernickaitė die stark gefallenen Preise für Strom aus Offshore-Wind. Ein Trend, der sich noch fortsetzen dürfte, denn die noch immer junge Technologie macht rasante Fortschritte. Die Turbinen werden laufend leistungsfähiger, die Branchenprozesse haben sich eingespielt, und die Kosten fallen.

    Was Vernickaitė nicht sagt: Energieversorgung ist in Litauen vor allem ein politisches Thema.

    Seit der Annexion der Krim blickt Litauen besorgt nach Russland

    Fragte man die litauische Regierung nach den größten Gefahren für ihren Staat, würde die Antwort wohl lauten: der Kreml. Vor allem seit der russischen Krim-Annexion blicken die Balten besorgt Richtung Moskau. Dabei geht es auch um Energie. Im Zuge des EU-Beitritts musste Litauen seinen einzigen Atommeiler Ignalina abstellen. Damit wurde der ehemalige Energieexporteur ausgerechnet von denen abhängig, die er am meisten fürchtet.

    „Russland hat Energie immer als politisches Werkzeug zur Einflussnahme und als Druckmittel genutzt“, sagte Dalia Grybauskaitė in ihrem letzten Jahr als Litauens Staatspräsidentin.

    Litauens einziges Atomkraftwerk wurde auf Druck der EU mit dem Beitritt des Landes 2009 stillgelegt. Seitdem ist Litauen auf Stromimporte angewiesen. Das Foto zeigt den Kontrollraum im Jahr 1990.

    Das hatte sich zum Beispiel bei den Aktivitäten der russischen Kriegsmarine in der Ostsee gezeigt. Ihre Manöver sollen mehrmals den Bau des Kabels Nordbalt beeinträchtigt haben. Es verbindet seit 2015 die Stromnetze Schwedens und Litauens, zum Verdruss des Kremls. Inzwischen beziehen die Litauer ihren Strom vor allem aus Schweden und Polen. Jedoch bleiben sie noch Teil des von Moskau kontrollierten Stromnetzes, erst 2025 wird die Synchronisierung mit der EU abgeschlossen sein.

    Anders als in Polen oder Ungarn ist die EU-Zugehörigkeit hier vor allem eine Frage nationaler Sicherheit. Dazu gehört auch das Commitment zu erneuerbaren Energien.

    Onshore-Wind stößt an Grenzen: Auch Litauer wohnen ungern neben Rotoren

    Angesichts der Wetterverhältnisse geht es vor allem um die Windkraft. Bis zu 3.350 Megawatt Strom, mehr als zwei durchschnittliche Atommeiler, könnten Windparks in der litauischen Ostsee produzieren. Die Onshore-Windkraft versorgt bereits bis zu 700.000 litauische Haushalte. 23 Windparks stehen in dem Land, das nicht ganz auf die Fläche Bayerns kommt. Doch auch hier wird der Bau neuer Windparks an Land schwieriger: Die Begeisterung der Bevölkerung für Rotoren in Wohnortnähe hält sich in Grenzen.

    „Das Onshore-Geschäft muss stoppen, und das weiß die Regierung auch“, sagt der Meeresforscher Nerijus Blažauskas im Gespräche mit EnergieWinde. „Offshore eröffnet ganz neue Möglichkeiten. Solange man die Windmühlen vom Strand aus nicht sieht, haben die Menschen damit auch kein Problem.“

    Russisches Militärmanöver in der Ostsee: Viele Litauer fürchten den Expansionsdrang der Weltmacht.

    Blažauskas nennt aber noch einen weiteren Grund, der für Offshore-Windparks in Litauen spricht: Er erwartet einen starken Konjunkturaufschwung. „Es wäre ein ganz neuer Wirtschaftszweig, der neue Jobs schaffen würde. Die Logistik, der Service, der Tourismus – unser BIP könnte in die Höhe schießen“, sagt der Meeresforscher.

    Das Team von Blažauskas war es, das im Auftrag der Regierung nach dem geeigneten Standort für Offshore-Windparks geforscht und die Kapazitäten ermittelt hat. Dabei mussten die Wissenschaftler der Universität Klaipėda einiges beachten: die Windstärke, mögliche Anbindungen an das Küstennetz, den Verlauf von Militärzonen oder die Offshore-Pläne der Nachbarländer. Entscheidend war aber auch, wo die Auswirkungen der Offshore-Windparks auf die Umwelt am geringsten wären – oder wo sie dieser sogar nützen könnten, weil die Parks zum Beispiel als Rückzugsort für Fische dienen.

    Wenig bekannt ist zudem, dass für den Bau der Anlagen gefährliche Munitionsaltlasten aus dem Zweiten Weltkrieg aus dem Meer geborgen werden müssen.

    Spätestens 2023 will Litauen den Bau der Offshore-Windparks ausschreiben

    Bevor mit dem Bau begonnen werden kann, muss allerdings der regulatorische Rahmen festgelegt werden. Die litauische Energieagentur (LEA) bereitet gerade eine Machbarkeitsstudie für die Netzanbindung vor, eine Kosten-Nutzen-Analyse und eine Umweltverträglichkeitsprüfung. Das wird sich noch bis 2021 hinziehen.

    Für spätestens 2023 plant das Energieministerium ein Ausschreibungsverfahren, auf das sich Betreiber aus aller Welt bewerben können. Auch dafür müssen die Rahmenbedingungen erst noch erarbeitet werden. Die gesamte Dokumentation soll in den nächsten zwei bis drei Jahren fertiggestellt werden.

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    Die ersten Windparks mit einer Gesamtleistung von 350 Megawatt werden 2028 in Betrieb genommen. 2031 folgten weitere 350 Megawatt

    Aurelija Vernickaitė, litauisches Energieministerium

    Der Bau selbst soll in zwei Stufen verlaufen. Insgesamt werden zunächst 700 Megawatt ausgeschrieben. „Die ersten Windparks mit einer Gesamtleistung von 350 Megawatt werden 2028 in Betrieb genommen. 2031 folgten weitere 350 Megawatt“, sagt Vernickaitė. Ginge man von konstanten Windverhältnissen aus, könnte das bereits die Hälfte der litauischen Haushalte mit Strom versorgen. Nach gängigen Erfahrungswerten wird es vermutlich eher ein Viertel sein.

    Über die Konfigurationen – ob es beispielsweise fünf oder zehn Windparks sein werden – sollen die zukünftigen Betreiber selbst entscheiden. „Die Lizenzen werden für 35 Jahre vergeben“, sagt Vernickaitė. „Die Entwickler übernehmen die Verantwortung für den Bau, die Küstenanbindung, und sie werden die Versorger und die Modelle selbst aussuchen.“

    „Für deutsche Hersteller ist ein wachsender Markt im Ostseeraum gut“

    „Die Entwicklung steckt noch in den Kinderschuhen“, kommentiert Sebastian Boie. „Es braucht ein staatliches Anreizsystem, stabile regulatorische Rahmenbedingungen, eine maritime Infrastruktur und entsprechende Projekterfahrung. Und natürlich finanzstarke Investoren.“

    Daran werde es nicht scheitern, versichert Blažauskas. Ihm bereitet allenfalls die Frage Sorgen, ob die weltweiten Industriekapazitäten ausreichen, um die Windräder wie geplant zu errichten. „Alle anderen Länder haben ebenfalls ihre Offshore-Ziele – die Nachfrage in Europa wird bald riesig sein“, sagt er. In diesem Punkt gibt Boie Entwarnung: Es existierten genügend Unternehmen. „Gerade für deutsche Hersteller, Logistikfirmen und Bauunternehmen ist ein wachsender Markt im Ostseeraum eine sehr gute Nachricht.“

    Kritischer sieht Boie die Frage nach den Konditionen für Investoren. In diesem Sommer will die litauische Regierung die wesentlichen Eckdaten festlegen. Ein entscheidender Punkt dabei sei die Frage der Mindestvergütung für die Windparkbetreiber, die anders als etwa in Deutschland vermutlich auch die Kosten der Netzanbindung selbst tragen müssen. „Das ist ein bedeutender Kostenfaktor und ein zusätzliches Risiko“, sagt Boie.

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