Offshore-Wind-Hafen Sassnitz

Aufbau Nordost

Sassnitz ist das Mauerblümchen auf Rügen, Urlauber zieht es eher in die anderen Seebäder der Insel. Doch als Hafen für die Offshore-Windkraft hat sich die Stadt ein zweites Standbein geschaffen. Davon profitiert sogar der Tourismus.

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    Sassnitz: Hohe Wellen brechen an der Hafenmauer beim Leuchtturm im Sassnitzer Hafen auf Rügen.

    Leuchtturm in Sassnitz: Bis zu den Offshore-Windparks sind es rund 35 Kilometer.

    Von Robert Otto-Moog

    Mitten in Sassnitz versperrt ein Stück DDR den Blick auf die Ostsee. Das „Rügen Hotel“, ein achtstöckiger Plattenbau von 1969 mit „Broiler-Bar“ im Erdgeschoss, steht direkt in der Sichtlinie von der Fußgängerzone auf den Stadthafen. Als es gebaut wurde, lebten mehr als 1500 Menschen in der Stadt von der Fischerei, heute ist es nicht mal ein Fünftel davon. Bald schließt eine weitere Matjesfabrik, 50 Jobs fallen weg. In Sassnitz übernachten weniger Touristen als in Rügens übrigen Seebädern, die Arbeitslosenquote kletterte zu Jahresbeginn auf fast elf Prozent, das Durchschnittsalter liegt jenseits der 50 – Inselrekord.

    Triste Zahlen. Doch daraus zu schließen, Sassnitz habe keine Zukunft, wäre falsch. Und das liegt an der Energiewende. Denn seit vor der Küste der Insel Offshore-Windparks gebaut werden, fließt viel Geld in Rügens zweitgrößte Stadt. Die Branche bringt Aufbruchstimmung nach Sassnitz – und so manchen, der der Insel bereits den Rücken gekehrt hatte, zurück in die Heimat.

    Einer davon ist Jörn Gorzelski. Er sitzt in seinem Büro in einem weißen Funktionsbau im Mukran Port, dem ehemaligen Fährhafen Sassnitz. Gorzelski, Jahrgang ’83, ist ein Inselkind. Wie die meisten seiner Schulkameraden verließ er Rügen nach dem Abschluss. Denn außerhalb des Gastgewerbes sind die Jobs hier rar. Gorzelski studierte in Bremen Nautik, nach Sassnitz kam er eigentlich nur, um seine Diplomarbeit zu schreiben. Thema: Herausforderungen und Chancen der Offshore-Industrie.

    Aus dem Kurzaufenthalt sind mittlerweile acht Jahren geworden. Gorzelski ist „Head of Offshore Wind“ bei Mukran Port, er hat den Aufbau der neuen Industrie von Beginn an miterlebt. „Wir kannten hier Fährschiffe und Bulkcarrier, aber keine Installationsschiffe“, erinnert er sich. „Das war alles neu. Wir haben bei null angefangen.“

    Drei Offshore-Windparks sind bereits am Netz, ein weiterer befindet sich im Bau

    Der Fährverkehr war damals rückläufig, die Stena-Reederei verlegte 2014 Teile ihres Geschäfts nach Rostock. Die Windkraft brachte neues Leben in den Hafen. In der Bauphase der Parks legten hier die Errichterschiffe an und ab, heute sind es sogenannte CTVs (Crew Transport Vessels), die Techniker für Wartungsarbeiten zu den Windrädern bringen.

    Inzwischen liefern drei Parks vor Rügen Strom: Baltic 2 von EnBW, Wikinger von Iberdrola und Arkona von Eon. In ein bis zwei Jahren soll mit Baltic Eagle Nummer vier folgen, die Verträge mit Iberdrola, die Mukran erneut zum Basishafen machen, sind bereits unterzeichnet.

    Die Betreiber haben in jeden der Parks deutlich mehr als eine Milliarde Euro investiert. Der Hafen selbst wurde für 24 Millionen Euro ausgebaut, heute gibt es zwei Terminals. Der ehemalige Fährhafen ist längst zu einem Offshore-Hotspot geworden.

    Jörn Gorzelski leitet den Mukran-Port ins Sassnitz auf Rügen: Er ist der Basishafen für drei Offshore-Windarks vor der Küste.

    Mehr als 500 Menschen leben auf Rügen nach Schätzung von Jörn Gorzelski direkt oder indirekt von der Offshore-Windkraft.

    Im April war sogar die Kanzlerin in Mukran, als Deutschlands jüngster Offshore-Windpark Arkona eingeweiht wurde. Inzwischen ist Alltag eingekehrt, auch bei den Betreibern. Nur wenige Meter neben der Kaikante stehen zwei graue Funktionsbauten, einer von Eon, der andere von Iberdrola. Auch die Windparks Arkona und Wikinger stehen in direkter Nachbarschaft zueinander, rund 35 Kilometer vor Rügens Küste.

    Ein unschlagbarer Vorteil. „Die Windparks sind so weit weg, dass man sie unter normalen Bedingungen nicht sehen kann. Da ist das Konfliktpotenzial begrenzt“, sagt Axel Matrisch, Betriebsleiter bei Iberdrola. „Sie sind aber so nah dran, dass wir jeden Tag mit dem Schiff rausfahren können.“ Es gibt keine Fahrrinnen wie im Nordsee-Watt, die Schiffe können hinter der Hafenmole direkt Vollgas geben. „Je nach Wetter brauchen wir 90 bis 120 Minuten bis zu den Parks“, sagt Matrisch. Die kurzen Wege sparen Kosten, erst während der Bauphase, später im Betrieb.

    Die CTVs legen morgens direkt vor Matrischs Bürofenster ab, abends kehren die Teams hierher zurück. In der Zwischenzeit schaut der Iberdrola-Manager auf den kilometerlangen Strand, der sich bis nach Binz erstreckt. „Im Sommer, wenn die Surfer kommen, dann kann man neidisch werden“, sagt er. Auch Matrisch ist an der Ostsee groß geworden, spätestens das breite Ä am Ende von „Sommer“ verrät ihn. Wie Gorzelski hat es ihn zurück an die Küste gezogen.

    Einweihung des Offshore-Windparks Arkona: Kjell Borge Freiberg, norwegischer Energieminister, Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Eon-Chef Johannes Teyssen und Manuela Schwesig, Regierungschefin von Mecklenburg-Vorpommern.

    Zur Einweihung des Windparks Arkona posieren Norwegens Energieminister Kjell Borge Freiberg, Kanzlerin Angela Merkel, Eon-Chef Johannes Teyssen und Mecklenburg-Vorpommerns Regierungschefin Manuela Schwesig (von links) mit bunten Windrädchen auf der Bühne.

    Dass die Kanzlerin hier war, im östlichsten Tiefwasserhafen Deutschlands, täuscht ein wenig über die politische Lage hinweg. Denn die Windkraft hat nicht mehr den Stellenwert, den sie besaß, als Gorzelski auf die Insel zurückkehrte. „Im Moment haben wir ein kleines Loch, so wie alle anderen auch“, sagt er.

    Zwar gebe es in der Ostsee noch reichlich Potenzial für Windräder, doch aktuell fehle der politsche Wille zum Ausbau. Als reiner Wartungsstandort wäre es für Mukran allerdings schwierig, dauerhaft zu überleben. „Was so ein kleiner Hafen wie wir braucht“, sagt Gorzelski, „ist eine stetige Pipeline an Projekten.“

    Diese Pipeline bieten momentan allerdings weniger die erneuerbaren, als vielmehr ein fossiler Energieträger – und das sogar wortwörtlich: Den meisten Platz rund um die Terminals nehmen Rohre für die Erdgaspipeline Nord Stream 2 ein. Am Kai selbst liegt ein russisches Verlegeschiff.

    Die Gasindustrie wird nach Ende des Projekts allerdings weitgehend verschwunden sein, die Offshore-Windenergie dagegen bleibt. 25 Menschen beschäftigt Iberdrola fest in Sassnitz, Eon noch einmal so viele. Hinzu kommen jede Menge Subunternehmen. Gorzelski schätzt, dass indirekt noch einmal rund 500 Menschen auf Rügen von der Offshore-Industrie leben. „Das merkt der Bäcker genauso wie der Friseur, der plötzlich auch außerhalb der Saison mehr zu tun hat“, sagt er.

    Fotostrecke: Offshore-Wind in Sassnitz

    Früher Fährhafen, heute Basis für die Offshore-Windenergie: Vom Mukran Port legen täglich Katamarane der Parkbetreiber ab. Bis zu den Windrädern ...

    ... benötigen die sogenannten Crew Transfer Vessels (CTVs) wie die „World Scirocco“ nicht mehr als zwei Stunden. Das rege Treiben im Hafen hat sich längst ...

    ... zu einer Attraktion für Urlauber entwickelt. Sie stehen an der Kaikante und fotografieren die Schiffe und ihre Crews. Die Offshore-Windkraft hat ...

    ... neues Leben nach Sassnitz gebracht. Mit knapp 9500 Einwohnern ist die Stadt an der Nordostküste die zweitgrößte auf Rügen. Hier haben zwei Windparkbetreiber ...

    ... ihre Quartiere aufgeschlagen: Iberdrola und Eon, das zusammen mit Equinor aus Norwegen den Windpark Arkona betreibt. Ihre Mitarbeiter ...

    ... kommen zum Teil in den Hotels und Pensionen der Stadt unter. Langfristig, so die Hoffnung, werden sich mehr und mehr Mitarbeiter dauerhaft auf der Insel niederlassen.

    Frank Scholtka ist neu in Sassnitz. Vorher war er für Eon erst in Texas, dann in Hamburg. Er leitet das Team, das Arkona betreibt. „Das hier bringt der ganzen Region etwas“, sagt Scholtka. Auch weil die Jobs bei den Energiekonzernen gut bezahlt sind – im Gegensatz zu denen im Gastgewerbe.

    Der positive Effekt auf die lokale Wirtschaft lässt sich direkt am Südterminal sogar ganz direkt beobachten, dort wo die Offshore-Firmen ihre Hallen haben. Auf der anderen Seite des Kais steht eine Bäckerei mit großer Terrasse. „Von hier aus schauen uns viele Touristen und Einheimische zu“, sagt Arkona-Betriebsleiter Scholtka. Vor allem, als während der Bauzeit die Teile für den Arkona-Windpark auf die großen Spezialschiffe verladen wurden. „Sehr viel Interesse und positive Resonanz bekommen wir auch bei öffentlichen Führungen durch unser Betriebsgebäude“, sagt Scholtka. Zweimal im Jahr öffnet die Sassnitzer Offshore-Welt ihre Türen, es gibt sogar Besucher, die extra dafür anreisen. Immer wieder sind Urlauber zu sehen, die Fotos von den Eon-Mitarbeitern machen, die in ihren signalgelben Anzügen von den Transportschiffen steigen.

    Rügens Tourismus plant bereits Ausflugsfahrten in die Windparks

    Einige Kilometer weiter, im sonst relativ leeren Stadthafen, liegen CTVs und Schnellboote neben den weißen Schiffen der Ausflugsreedereien. Im Internet kündigen die ersten von ihnen Tagestouren zu den Windparks an, buchen kann man sie noch nicht. „Das ist durchaus eine Nische, Industrietourismus ist im Kommen“, sagt Knut Schäfer, selbst Reeder und Vorsitzender des Tourismusverbands Rügen. „Die Region kann davon auf jeden Fall profitieren.“

    Das gelte vor allem für Hotels und Pensionen, die während des Baus der Windparks ganzjährig gebucht wurden und noch immer Zimmer an Offshore-Arbeiter vermieten – wenn diese nicht im Sommer zu knapp werden. Dann haben auch die Energiekonzerne Probleme, Unterkünfte zu finden.

    Der Rest der Insel sei von der Offshore-Industrie dagegen kaum berührt, sagt Schäfer. „Wir haben fast 1000 Quadratkilometer, da verläuft sich so etwas schnell.“ Die meisten Menschen kommen nach Rügen, um die Natur zu erleben: die Kreidefelsen, die Buchenwälder. „Und die Strände“, sagt Schäfer. „Wenn ich an Rügen denke, dann denke ich vor allem an die Strände.“ Dass man mancherorts vom Strand aus den Offshore-Hafen sieht, falle kaum auf, findet Schäfer. Der Tourismus sei viel zu dominant, als das die Energiekonzerne spürbar das Bild der Insel verändern könnten.

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    Unser langfristiges Ziel ist es, in der Region selbst Personal zu entwickeln. Leute mit der Spezialisierung, wie wir sie brauchen, findet man hier kaum

    Iberdrola-Manager Axel Matrisch

    Viele Mitarbeiter kommen nur zum Arbeiten auf die Insel. Von den CTVs steigen sie direkt in ihre Autos und rauschen davon. Doch daran könnte sich bald etwas ändern. Schließlich sollen die Windparks mindestens ein Vierteljahrhundert lang Strom produzieren – und gut bezahlte Jobs. „Unser langfristiges Ziel ist es, hier in der Region selbst Personal zu entwickeln“, sagt Iberdrola-Manager Matrisch. „Denn Leute mit der Spezialisierung, wie wir sie brauchen, findet man hier kaum.“

    Langfristig könne man so junge Menschen an die Region binden. Das sieht Tourismusexperte Schäfer ähnlich. „Gerade die jungen Menschen, die hier Abitur gemacht haben, die hier gelernt haben, die zieht es in die Großstadt“, sagt er. Eine innovative Branche wie die Offshore-Industrie könne da eventuell gegensteuern. Denn eigentlich ist sich Schäfer sicher: „Ein Inselkind bleibt ein Inselkind. Irgendwann kommen alle zurück.“ Jörn Gorzelski kann ein Lied davon singen.

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