Deutsch-dänische Strombrücke

Hochzeit in der Ostsee

Mit Kriegers Flak und Baltic 2 sind erstmals Offshore-Windparks in verschiedenen Ländern per Stromkabel miteinander verbunden. Das Modell könnte Europas Energiewende vorantreiben – wenn es den Staaten gelingt, ihre Energiepolitik zu harmonisieren.

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    Offshore-Windpark EnBW Baltic 1: Die 21 Windräder liegen etwa 16 Kilometer nördlich von Darß/Zingst.

    Die Leitungen von Offshore-Windparks wie Baltic 1 sind oft nur zur Hälfte ausgelastet. Würden sie an das grenzüberschreitende Stromnetz angeschlossen, können sie effizienter genutzt werden.

    Von Steven Hanke

    Die Offshore-Windparks Baltic 2 und Kriegers Flak trennen gerade einmal gut 30 Kilometer. Und doch lagen sie bis vor Kurzem in getrennten Welten. Denn die 80 Windräder von Baltic 2 stehen im deutschen Teil der Ostsee und speisen ihren Strom folglich ins deutsche Netz ein. Kriegers Flak mit seinen 72 Anlagen dagegen ist ein dänisches Projekt – sein Strom ist für Dänemark bestimmt.

    Doch jetzt sind die beiden Welten einander nähergekommen. Seit Kurzem existiert zwischen Baltic 2 und Kriegers Flak ein Verbindungskabel, die sogenannte Kriegers Flak Combined Grid Solution. Die Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz aus Deutschland und Energinet aus Dänemark haben damit die Stromnetze ihrer Länder in der Ostsee gekoppelt. Einen 24-Stunden-Test im November hat das Verbindungsstück erfolgreich bestanden, ab dem dritten Quartal könnte es deutschen Windstrom nach Dänemark und dänischen nach Deutschland leiten.

    Bei Flaute im Windpark transportiert das Kabel Strom aus anderen Quellen

    Das mag zunächst wenig spektakulär klingen, schließlich sind die Netze beider Länder auf dem Festland längst verbunden. Und doch könnte sich die neue Leitung ein Meilenstein für die Offshore-Windenergie erweisen. Das zumindest legt ein gerade beendetes EU-Forschungsprojekt mit dem Namen Baltic Integrid nahe. Demnach ist die Einbindung von Offshore-Windparks in grenzüberschreitende Stromnetze die kostengünstigste Art, den Strom der Parks zum Verbraucher zu bringen.

    Der entscheidende Vorteil dabei: Es müssten insgesamt weniger neue Leitungen für Offshore-Windparks gebaut werden, und sie wären zudem besser ausgelastet. Denn die bislang üblichen Einzelanbindungen der Parks sind im Schnitt nur zur Hälfte ausgelastet – schließlich laufen sie wegen der schwankenden Windverhältnisse längst nicht immer unter Volllast.

    Würden die Kabel aber nicht nur für den Abtransport der Energie aus den Windparks, sondern zusätzlich auch für den Stromtransport von einem Land ins andere genutzt, stiege die Auslastung auf annähernd 100 Prozent. Zudem ließe sich auf diesem Weg die Versorgungssicherheit verbessern: Falls mal ein Kabel ausfällt, fließt der Windstrom eben auf einem anderen Weg weiter.

    Entsprechend groß ist der Jubel über die Kriegers Flak Combined Grid Solution. „Damit schaffen wir den Nukleus für ein Offshore-Netz in der Ostsee“, erklärte der kürzlich aus dem Amt geschiedene 50-Hertz-Chef Boris Schucht. Die langfristige Vision ist, viele solcher Strombrücken auf See zu bauen und ein engmaschiges Netz zu schaffen. Neue Windparks ließen sich dabei auch an bereits bestehende Exportleitungen anschließen.

    Weitere Strombrücken in der Nord- und Ostsee werden bereits geprüft

    Der Abschlussbericht von Baltic Integrid empfiehlt als konkreten nächsten Schritt, vier weitere geplante Leitungsprojekte in der Ostsee auf die Möglichkeit einer Integration von Windparks hin zu überprüfen. So könnte die sogenannte Hansa Power Bridge 2 Windparks aus Deutschland, Dänemark und Schweden anschließen.

    Ein ähnliches Projekt gibt es in der Nordsee: Die Niederlande und Großbritannien erwägen, zwischen 2023 und 2030 ihre Offshore-Windparks Ijmuiden Ver und East Anglia zu verknüpfen. Die Idee hat es bereits in einen langfristigen Netzentwicklungsplan der EU geschafft.

    Drehstrom-Seekabel zur Anbindung der Offshore-Windparks Baltic 1 und 2 in der Ostsee.

    Drehstromkabel der Ostsee-Windparks Baltic 1 und Baltic 2: Die Einbindung von Offshore-Windrädern in grenzüberschreitende Netze ist weniger ein technisches als vielmehr ein regulatorisches Problem.

    Bis zu einem umfassenden Ostsee-Netz ist es aber noch ein langer Weg. Dafür sind diverse technische, ökonomische und vor allem regulatorische Hürden aus dem Weg zu räumen. Welche das sind, erläutert die Baltic-Integrid-Studie en détail. Da ist zum Beispiel die Vorfahrtsfrage: Was passiert, wenn mehr Strom vom Festland und aus den Offshore-Windparks in die Leitung drängt, als hineinpasst? Wer trifft in solchen Situationen die Entscheidung?

    Druck kommt dabei von der EU. Regionale Kooperationen der Mitgliedsstaaten sind ein Kernanliegen der europäischen Energiepolitik im nächsten Jahrzehnt. In diesem Sinne fordert die überarbeitete Erneuerbare-Energien-Richtlinie vom Dezember die Staaten auf, ihre Fördersysteme und Regularien so weit wie möglich zu harmonisieren. Außerdem sollen sie gemeinsame länderübergreifende Projekte auflegen. Die EU selbst will grenzüberschreitende Projekte weiterhin finanziell unterstützen – wie bei der Kriegers Flak Combined Grid Solution schon geschehen.

    Die Ostsee hinkt in der Offshore-Windenergie gewaltig hinterher

    Die Grundvoraussetzung für ein Windstromnetz quer über die Ostsee wäre natürlich, dass in sämtlichen Anrainerstaaten Offshore-Windparks gebaut werden. Hier gibt es noch großen Nachholbedarf. Ende vergangenen Jahres waren in der Ostsee gerade einmal 18 Windparks mit 2218 Megawatt Gesamtleistung installiert – neun in dänischen Gewässern, vier in Deutschland, drei in Schweden und zwei in Finnland.

    Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sowie Polen haben noch keine einzige Anlage auf See installiert. Selbst in der Irischen See (2928 Megawatt) drehen sich mehr Rotoren als in der Ostsee – von der Nordsee mit ihren fast 13 Gigawatt ganz zu schweigen.

    Dieser Rückstand hat unter anderem mit den vergleichsweise schwierigen Standortbedingungen in der Ostsee zu tun, insbesondere mit dem etwas schwächeren Wind. Hinzu kommt der sandige, weiche Meeresboden, der die Gründung der Fundamente oft erheblich erschwert. Vor allem aber setzen die östlichen Anrainer, insbesondere Polen, bislang noch stark auf konventionelle Energieträger wie Kohle und Erdgas. Polen erwägt sogar den Neubau von Kernkraftwerken.

    Umspannwerk im Offshore-Windpark Baltic 1: Der Park ist Teil eines grenzüberschreitenden Stromnetzes zwischen Deutschland und Dänemark.

    Umspannwerk des Offshore-Windparks Baltic 2: Von hier läuft seit Kurzem ein gut 30 Kilometer langes Verbindungskabel zum benachbarten Windpark Kriegers Flak in Dänemark.

    Unabhängig davon besitzt die Ostsee allerdings auch einige Standortvorteile. So bläst der Wind hier zwar schwächer, dafür aber stabiler, wie aus der Branche zu hören ist. Zudem sind die Entfernungen zur Küste nicht so groß. Dadurch ist der Netzanschluss technisch weniger anspruchsvoll und die Kosten sinken.

    Bis 2030 dürfte die in der gesamten Ostsee installierte Windkraftleistung auf knapp 10.000 Megawatt steigen, heißt es denn auch im Abschlussbericht für Baltic Integrid. Wobei sich das Wachstum voraussichtlich auf Deutschland, Dänemark und Polen konzentrieren wird.

    Zumindest zwischen diesen Ländern könnte es in Zukunft also öfter zu Hochzeiten auf See kommen.

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