Schleppender Stromnetzausbau

An Trassen wie diesen

Seit Jahren beschwören Politiker, dass für die Energiewende Tausende Kilometer neuer Stromleitungen gebraucht werden. Gebaut wurden innerhalb von sechs Monaten exakt: 49. Warum dauert das so lang? Spurensuche an zwei Neubauprojekten in Niedersachsen.

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    Gründung eines Strommasts: Neubau der Trasse von Wilhelmshaven nach Conneforde.

    Der Bau selbst ist das geringste Problem: Arbeiten an der neuen Stromtrasse von Wilhelmshaven nach Conneforde.

    Von Volker Kühn

    Wenn Bernd Harms vor die Haustür tritt, kann er in die Vergangenheit und in die Zukunft schauen. Die Vergangenheit zeichnet sich hinter seinen Feldern in Form von zwei Dampfwolken ab. Sie entspringen den Schloten der beiden Wilhelmshavener Steinkohlekraftwerke und werden in einigen Jahren verschwinden, Deutschland will raus aus der Kohle.

    Um in die Zukunft zu schauen, muss Harms den Kopf in die andere Richtung drehen, dorthin, wo die Windräder rotieren. Die Zukunft funkelt dem Landwirt auch vom Dach seines Stalls entgegen, auf dem Solarmodule die Sonne einfangen.

    Dazwischen liegt die Gegenwart. Sie kann Harms nicht nur sehen, sondern auch hören: am Rumpeln der Lastwagen, die Baumaterial heranschaffen, am Dröhnen der Ramme, die Pfähle in den weichen Boden treibt.

    Denn kaum 200 Meter von Harms’ Hof in Fedderwarden entfernt, nur durch die Autobahn 29 getrennt, baut der Netzbetreiber Tennet ein Umspannwerk. Es ist der Ausgangspunkt für eine neue Stromtrasse – und damit die Verbindungslinie von der alten Energiewelt in die neue: Trassen wie diese sollen den Strom aus den Windparks im Norden der Republik in die Verbrauchszentren im Westen und Süden bringen. Damit dort auch dann das Licht nicht ausgeht, wenn Deutschland alle Atomkraftwerke und Kohlemeiler abgeschaltet hat.

    Eine Lösung, die alle glücklich macht? Schwierig. Zu konträr sind die Interessen

    Gut 7700 Kilometer neuer Leitungen sollen dazu gebaut werden, so sehen es zwei Gesetze mit Bandwurmnamen vor: das Bundesbedarfsplangesetz (BBPIG) und das Energieleitungsausbaugesetz (EnLAG). Dass diese Trassen gebraucht werden, ist spätestens seit 2011 klar, als es in Fukushima zur Kernschmelze kam und Schwarz-Gelb die Restlaufzeiten der Atommeiler kappte und den Ausstieg auf Ende 2022 vorzog.

    Doch obwohl Politiker, Wissenschaftler und Industrievertreter seither die Dringlichkeit des Stromnetzausbaus beschwören, ist wenig passiert. Gerade einmal 961 Kilometer sind bislang fertig, hat die Unternehmensberatung McKinsey im März in ihrem „Energiewende-Index“ festgestellt. Im halben Jahr vor Erscheinen der Studie kamen lediglich 49 Kilometer hinzu. „Deutschland tritt auf der Stelle“, beschrieb es Ingmar Ritzenhofen, Co-Autor der Studie, im Interview mit EnergieWInde. Die Klimaziele? Lägen in weiter Ferne.

    Warum ist das so? Warum kommt das selbsterklärte Vorreiterland der Energiewende bei einer derart zentralen Aufgabe so quälend langsam voran? Warum riskiert es, dass das Generationenprojekt an fehlenden Stromleitungen scheitert?

    Um das zu begreifen, hilft ein Blick auf jene Trasse, die am Hof von Landwirt Harms beginnt, sich dann über 30 Kilometer bis zur Ortschaft Conneforde zieht und von dort in zwei Richtungen weiterläuft: im Westen nach Emden und im Süden über Cloppenburg bis nach Merzen bei Osnabrück. Denn an der Planung und Umsetzung dieser Leitungen offenbaren sich viele der Probleme, die auch an den anderen Projekten zu beobachten sind, etwa an der umstrittenen Suedlink-Trasse.

    Vor allem zeigt sich, was für eine ungeheuer komplexe Angelegenheit der Stromnetzausbau ist, wie viele gegensätzliche Interessen dabei zu berücksichtigen sind – und dass es niemals eine Lösung geben wird, mit der alle glücklich sind.

    Energiewende ja, Strommasten nein: „Not in my backyard“ heißt das Phänomen

    Wann Harms zum ersten Mal davon hörte, dass Tennet einen Standort für ein Umspannwerk und eine Route für eine 380-Kilovolt-Stromtrasse im Raum Wilhelmshaven suchte, weiß er nicht mehr. Vermutlich war es Ende 2012, Anfang 2013. An seinen ersten Gedanken kann er sich aber noch gut erinnern: „Bloß nicht bei uns!“

    Ein Gedanke, den jeder in seiner Situation gehabt hätte. Denn auch wenn in Umfragen große Mehrheiten hinter der Energiewende stehen – Strommasten oder Windräder vor der eigenen Haustür sind kaum populärer als der Ausblick auf ein Atomkraftwerk. Es gibt inzwischen sogar einen Namen für dieses Phänomen: „Not in my backyard“: „Nicht in meinem Hinterhof.“

    Was die Lage bei Harms verschärft: Über die 150 Hektar seines Milch- und Ackerbauhofs laufen bereits zwei Trassen, eine mit 220, die andere mit 110 Kilovolt. „Bei schlechtem Wetter hört man sie knistern“, sagt Harms. Dazu die Autobahn und ein neues Gewerbegebiet, mehr Infrastruktur in der Nachbarschaft geht kaum.

    Harms hätte deshalb auf die Barrikaden steigen können. Er hätte auf Plakaten vor „Monstermasten“ warnen können, so wie sie das weiter südlich an der Trasse tun. Er hätte Klage einreichen können.

    Aber Harms hatte schnell das Gefühl, dass er keine Chance haben würde, diese Leitung komplett zu verhindern. Also beschloss er, das Beste aus der Situation zu machen. „Entweder man akzeptiert, was man nicht ändern kann, oder man reibt sich daran auf und holt sich ein Magengeschwür“, sagt er.

    Nervenbahnen der Energiewende: Die Karte zeigt den geplanten Ausbau des Stromnetzes in Deutschland.

    Harms ist Vorstand im Landvolk Friesland, dem Verband der regionalen Landwirte. Viele sind direkt von den Planungen betroffen, ihre Höfe liegen entlang der Trasse. Sie äußerten früh Befürchtungen. Es ging ihnen um den Wert ihrer Grundstücke und um ihre Ernten: Während der Bauphase würden sie nur schlecht auf die Felder kommen, später müssten sie ihre schweren Maschinen umständlich um die Masten herummanövrieren. Harms nahm für das Landvolk die Verhandlungen über eine Rahmenvertrag auf, der ihnen einen finanziellen Ausgleich garantieren sollte.

    So lernte er die andere Seite kennen: Tennet. Der niederländisch-deutsche Konzern ist einer der vier Übertragungsnetzbetreiber in Deutschland, zuständig für die Höchstspannungsleitungen in einem Gebiet, das sich von der dänischen Grenze im Norden bis an die österreichische im Süden zieht.

    Tennet ist ein vom Gesetzgeber reguliertes Unternehmen, es ist zum Erhalt und bedarfsgerechten Ausbau des Stromnetzes verpflichtet. Natürlich verdient Tennet daran, und doch ist es eine undankbare Aufgabe. Fast immer, wenn das Unternehmen mit Bauplänen an die Öffentlichkeit geht, regt sich Protest, werden Bürgerinitiativen gegründet und Plakate gemalt.

    Und das liegt nicht zuletzt daran, dass Tennet eine Aufgabe aufgebürdet wird, die eigentlich Sache der Politik wäre: den Bürger mitzunehmen. Ihm zu erklären, warum die Bauprojekte nötig sind, warum Einzelinteressen manchmal hinter denen der Allgemeinheit zurückstehen müssen – und damit letztlich einen gesellschaftlichen Konsens herzustellen.

    Fast täglich lädt Tennet irgendwo zum Dialog ein, um Anwohner ins Boot zu holen

    Dazu betreibt Tennet inzwischen einen gewaltigen Aufwand. Praktisch jeden Tag findet irgendwo in Deutschland eine kleinere oder größere Veranstaltung statt, auf der Anwohner ins Boot geholt werden sollen. Bürgerbeauftragte entlang der Trassen stehen mit Telefonnummer und E-Mail-Adresse als Ansprechpartner zur Verfügung, Blogs informieren über Projektfortschritte, in Hochglanzbroschüren und Internetfilmen erklärt das Unternehmen, was es vorhat und nach welchen Kriterien es die Routenführung plant.

    Denn diese Planung ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Im dicht besiedelten Deutschland lässt sich kaum irgendwo eine gerade Linie von A nach B ziehen, ohne dass Wohn- und Gewerbegebiete im Weg liegen, Seen oder Berge umgangen werden müssen. Gesetze über den Mindestabstand zu Gebäuden oder Wasserstraßen verkomplizieren die Sache, viele Naturschutzgebiete sind tabu, und wenn sich bedrohte Arten wie der Rotmilan oder die Bechsteinfledermaus außerhalb davon finden, hat auch das Einfluss auf die Routenführung.

    Doch wenn dieses komplizierte Puzzle geschafft ist, ist das Spiel längst noch nicht zu Ende. Dann ziehen sich Anhörungen und Genehmigungsverfahren über Jahre hin. Klagen verzögern den Prozess zusätzlich.

    Anführungszeichen

    Wir wissen, dass wir überzeugte Gegner nicht in Fans verwandeln können. Aber wir wollen zumindest erreichen, dass am Ende alle Beteiligten sagen, der Entscheidungsprozess sei transparent und fair abgelaufen

    Dr. Maren Bergmann,
    Gesamtprojektleiterin der Trasse Wilhelmshaven–Conneforde

    Mittlerweile geht Tennet schon vor dem eigentlichen Beginn der Projekte auf die Bürger zu, um ihre Einwände zu sammeln. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse fließen in die Planung ein. Damit verbessern sie nicht nur die Akzeptanz, sondern auch die inhaltliche Qualität der Bauanträge, heißt es bei Tennet.

    „Wir wissen natürlich, dass wir überzeugte Gegner nicht plötzlich in Fans verwandeln können“, sagt Dr. Maren Bergmann, die als Gesamtprojektleiterin für die Trasse von Wilhelmshaven–Conneforde verantwortlich ist. „Aber wir wollen zumindest erreichen, dass am Ende alle Beteiligten sagen, der Entscheidungsprozess sei transparent und fair abgelaufen.“

    Das Bemühen um einen Dialog erkennt Landwirt Harms durchaus an. Wirklich zufrieden ist er mit der Kommunikation bei Tennet aber nicht. Mehrfach hätten in den Verhandlungen die Verantwortlichen gewechselt, Nachfolger seien zum Teil nicht auf dem aktuellen Stand gewesen. Von Planungsdetails habe er oft nur scheibchenweise erfahren.

    Zwar kann er mit dem beschlossenen Rahmenvertrag leben, die Zahlungen für Grundeigentümer seien alles in allem angemessen. Doch schon Anwohner, die 200 Meter entfernt leben, hätten keinerlei Ansprüche. So bleibe das Gefühl einer gewissen Hilflosigkeit. „Das Ganze ist unglaublich belastend und kostet enorm viel Zeit – allein schon, um zu überprüfen, ob die von Tennet vorgelegten Verträge auch wirklich dem entsprechen, was man vereinbart hat“, sagt Harms. Drei Masten wird Tennet auf seinen Feldern errichten, einen weiteren auf einer von Harms gepachteten Fläche.

    Sind Erdkabel besser als Freileitungen? Bauern bezweifeln das. Volkswirte auch

    An der Trasse bis Conneforde hat sich der Netzbetreiber recht geräuschlos mit den Betroffenen geeinigt. Das mag auch daran liegen, dass die Leitung teilweise als Erdkabel verlegt wird: Auf zwei Abschnitten von zusammen fünf Kilometern wird sich niemand an den bis zu 70 Meter hohen Masten stören. Aus den Augen, aus dem Sinn.

    Allerdings gibt es auch Bauern, denen Freileitungen lieber sind als Erdkabel. Denn die 1,60 Meter tief verlegten Drähte erzeugen Wärme und beeinflussen das Pflanzenwachstum. Zudem dürfen darüber auf einem 20 bis 30 Meter breiten Streifen dauerhaft keine Gehölze mit tiefreichenden Wurzeln stehen – das Kabel muss bei Störungen erreichbar sein.

    Volkswirte stört etwas anderes an Erdkabeln: Sie sind kostspielig. Entsprechend groß war der Aufschrei, als Bayerns Ex-Ministerpräsident Horst Seehofer 2015 in der Hoffnung auf eine bessere Akzeptanz in der Bevölkerung den generellen Einsatz von Erdkabeln für große Stromautobahnen wie Suedlink durchsetzte. Damit verteuerte er den Netzausbau nicht nur um Milliarden, er warf auch die bis dahin erstellten Planungen über den Haufen – und die Projekte um Jahre zurück.

    Erdkabel im Drehstromnetz: Neubau der Trasse von Wilhelmshaven nach Conneforde.

    Einzug eines Erdkabels im niedersächsischen Bockhorn: Drehstromkabel können nur auf einzelnen Streckenabschnitten vergraben werden – im Gegensatz zu Gleichstromtrassen wie Suedlink, die über Hunderte Kilometer unterirdisch verlaufen.

    Trotzdem hätte sich Rolf Fahrenholz gewünscht, dass auch „seine“ Trasse komplett unter die Erde käme. Er ist Vorsitzender der Bürgerinitiative „Cloppenburg unter Spannung“, in der sich 2016 mehrere kleinere Gruppen vereint haben. Während im Norden bei Landwirt Harms bereits gebaut wird, ist die Planung in diesem Abschnitt rund 80 Kilometer südlich noch nicht ganz abgeschlossen. Die meisten Entscheidungen sind aber bereits gefallen. Für Fahrenholz und seine Bürgerinitiative bedeuteten sie eine Reihe von Niederlagen.

    Wie Harms betont auch er, dass er nicht grundsätzlich gegen die Leitung oder gar die Energiewende sei. Es geht ihm um Details der Planung, um das Gefühl, dass die Sorgen der Anwohner um das Landschaftsbild und um ihre Grundstücke ernst genommen werden. Deshalb organisiert er Bürgerversammlungen, deshalb schreibt er Briefe an Politiker und den Netzbetreiber, deshalb hat er sich in den vergangenen Jahren tief in die Materie eingearbeitet.

    „Man kann mit den Bürgerbeauftragten von Tennet wunderbar reden“, sagt Fahrenholz. „Wenn man sie nach Unterlagen fragt, versuchen sie zu helfen. Nur das, was wir eigentlich wollen, das bekommen wir nicht.“

    Da war zunächst die Idee mit dem Erdkabel. Würde durch die Trasse Gleichstrom fließen wie im Fall von Suedlink, hätte man sie komplett vergraben können. Doch zwischen Wilhelmshaven und Merzen fließt Drehstrom – aus technischen Gründen ist deshalb eine Erdverkabelung nur teilweise möglich.

    Als die Bürgerinitiative sah, dass sie trotz Tausender gesammelter Unterschriften in diesem Punkt nicht weiterkommen würde, entwickelte sie andere Ideen. Zuletzt die mit den Kompaktmasten: Statt die Leitung an die üblichen Gittermasten zu spannen, sollte sie von schmalen Masten hängen, die an die Türme von Windrädern erinnern. „Solche Masten brauchen weniger Grundfläche“, sagt Fahrenholz. Sie kosteten die Bauern nicht so viel Ackerfläche und seien weniger auffällig.

    Das nächste Projekt in der Region ist bereits in Planung: ein Seekabel aus England

    Tennet habe allerdings zunächst behauptet, diese Masten seien in Deutschland nicht zugelassen. Erst als die Cloppenburger Bundestagsabgeordnete Silvia Breher nachgewiesen habe, dass dies nicht stimme, habe Tennet zugesagt, den Einsatz zu prüfen. Doch obwohl sich selbst der Bundeswirtschaftsminister und der Chef der Bundesnetzagentur in Schreiben an Tennet positiv zum Einsatz von Kompaktmasten an der Trasse äußerten, wurde am Ende nichts daraus. Auf Anfrage verwies Tennet unter anderem auf einen höheren Wartungsaufwand, deutliche Mehrkosten und ungelöste Herausforderungen bei Pilotprojekten mit Kompaktmasten.

    Fahrenholz hält das für vorgeschoben. „Die wollten das Fass einfach nicht noch einmal aufmachen, weil sie Angst hatten, dass es den Bau verzögern würde“, sagt er. „Dabei es hätte viel Druck aus der Sache genommen, wenn wir zumindest diesen einen Erfolg gehabt hätten.“

    Wenn Bernd Harms vor die Haustür tritt und über die Autobahn schaut, sieht er inzwischen den ersten Mast der neuen Leitung. Dahinter wächst das Umspannwerk heran, in einigen Monaten werden die Baustellenfahrzeuge abrücken.

    Doch womöglich kommen sie schon bald wieder. Harms hat aus der Zeitung erfahren, dass inzwischen noch eine weitere Stromtrasse geplant ist: ein Seekabel von England nach Deutschland, das in Wilhelmshaven ankommen soll. Der Landwirt zuckt mit den Schultern. „Man hat das Gefühl, dass es niemanden gibt, der das Große und Ganze bei der Energiewende im Blick behält“, sagt Harms.

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