Nordsee-Gipfel

  • Search27.01.2026

Offshore-Wind als Europas Schutzschild

Europa will die Nordsee zum größten Kraftwerk der Welt machen und so seine Unabhängigkeit von Russland und den USA wahren. In der Industrie weckt der Gipfel in Hamburg neue Zuversicht.

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    Alle an einem Strang: Auf dem Nordsee-Gipfel verbinden die Regierungschefs symbolisch ein Stromkabel.

     

    Von Volker Kühn

    Das Hamburger Rathaus ist ein Prachtbau im Stil der Neorenaissance, 111 Meter breit, überragt von einem ebenso hohen Turm. Selbstbewusst wirkt der Bau, stolz, einschüchternd vielleicht auch. Zum Nordsee-Gipfel am Montag dieser Woche allerdings verwandelte er sich in eine Trutzburg. Das lag nicht an den Polizisten, die inmitten des Hamburger Schneetreibens Absperrgitter aufstellten und Scharfschützen in Stellung brachten, um die angereisten Staats- und Regierungschefs aus zehn Ländern zu schützen.

    Es lag an einem Mann, der gar nicht da war.

    Fünf Tage zuvor hatte Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos zum Rundumschlag ausgeholt. Der Reihe nach hatte der US-Präsident sie sich vorgeknöpft – die Energiewende („der vielleicht größte Betrug der Geschichte“), Windräder („es gibt sie überall in Europa, und sie sind Verlierer“), Europa („zerstört sich selbst“) und die EU („gegründet, um Amerika auszunutzen“). Zugleich sparte er nicht an Ratschlägen: Europa müsse „dem grünen Schwindel“ endlich ein Ende bereiten und wie die USA auf „wunderschöne, saubere Kohle“ setzen.

    Eine Stunde redete Trump, aber seine Worte waren auch beim Nordsee-Gipfel noch nicht verklungen. Sie versetzten ihn in eine trotzige „Jetzt erst recht“-Stimmung. „Dieser Gipfel ist eine schöne Antwort darauf“, sagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche.

    Friedrich Merz (Mitte) mit Gästen beim Nordsee-Gipfel in Hamburg: Auf dem Spiel stehe „nichts weniger als unsere Art zu leben“, so der Kanzler.

    Friedrich Merz (Mitte) mit Gästen beim Nordsee-Gipfel in Hamburg: Auf dem Spiel stehe „nichts weniger als unsere Art zu leben“, so der Kanzler.

    Die Vertreter von zehn Ländern kamen in Hamburg zusammen: Staats- und Regierungschefs sowie Energieminister aus Belgien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Island, Luxemburg, den Niederlanden und Norwegen. Auch die EU-Kommission und die Nato waren vertreten. Zudem nahmen über 100 Wirtschaftsvertreter und Umweltverbände teil. Es war nach den Treffen im dänischen Esbjerg 2022 und im belgischen Ostende 2023 der dritte Nordsee-Gipfel.

    Europa beschwört seine Stärke. Die Nordsee soll zum „Kraftwerk“ werden

    Was der Gipfel in Hamburg beschloss, kann als Selbstvergewisserung des Kontinents inmitten geopolitischer Brüche verstanden werden. Die Welt erlebe einen „Epochenbruch“, sagte die Bundeswirtschaftsministerin. „Die Antwort kann nur ein starkes Europa sein.“ Und Offshore-Wind spielt dabei eine Schlüsselrolle. Gleich sechs Vereinbarungen unterzeichneten die Regierungs- und Industrievertreter, um den Ausbau der Windkraft auf See voranzutreiben. Ziel sei es, die Nordsee „zum größten Energiehub der Welt zu entwickeln“, sagte Reiche.

    Bis zur Jahrhundertmitte sollen dazu Windparks mit einer Gesamtleistung von 300 Gigawatt errichtet werden. Sie könnten rund ein Drittel des Strombedarfs decken. Zum Vergleich: 15 Jahre nach dem Start in die Offshore-Windenergie kommt Deutschland heute auf knapp zehn Gigawatt.

    Alle deutschen Offshore-Windparks, die bis Ende 2025 den Betrieb aufgenommen haben: Die Liste zeigt Name und Leistung der 33 Parks. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Die wohl wichtigste Vereinbarung des Gipfels ist die „Erklärung von Hamburg – Die Nordsee als Kraftwerk für ein resilientes und wettbewerbsfähiges Europa“. Darin verpflichten sich die Nordseeländer, 100 der geplanten 300 Gigawatt gemeinsam in grenzüberschreitenden Projekten zu realisieren. „Wir übernehmen damit die Kontrolle über unsere Zukunft“, erklärte die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen.

    Die Politik garantiert Planungssicherheit. Die Industrie verspricht niedrige Preise

    In einem Innovationspakt sichern die beteiligten Länder den Unternehmen und Stromnetzbetreibern daneben einen stabilen Investitionsrahmen zu. Nationale und grenzüberschreitende Differenzverträge, sogenannte Contracts for Difference (CfD), und Direktlieferverträge (Power Purchase Agreements/PPA) sollen das Risiko für die Staaten und Windparkbetreiber kalkulierbar machen. Im Gegenzug verpflichtet sich die Windindustrie, die Kosten für Windstrom vom Meer bis 2040 um 30 Prozent zu senken, 9,5 Milliarden Euro in neue Fabriken in Europa zu investieren und 91.000 zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen.

    Gleich sechs Abkommen unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs auf dem Nordsee-Gipfel in Hamburg.

    Gleich sechs Abkommen unterzeichneten die Staats- und Regierungschefs auf dem Nordsee-Gipfel in Hamburg.

    Gerade der Investitionspakt wird von vielen Unternehmen mit Erleichterung aufgenommen. Die Branche ist zwar immer noch jung, hat aber schon mehrfach extreme Hochs und Tiefs durchlaufen. Unvergessen ist der „Fadenriss“ Anfang der Zehnerjahre, als die damalige Bundesregierung den Ausbau in Deutschland abwürgte. Firmenpleiten und Entlassungen waren die Folge; bis heute haben sich Städte wie Bremerhaven nicht vollständig davon erholt.

    Zwar kam es später zu Rekordergebnissen bei der Versteigerung von Offshore-Wind-Flächen. Doch zuletzt machte sich Ernüchterung breit, weil Auktionen in Deutschland und anderen Ländern scheiterten. Gerade in der deutschen Politik wurde Offshore-Wind zuletzt häufig vor allem als Kostenfaktor betrachtet; Ausbauziele wurden infrage gestellt.

    Doch davon war in Hamburg nichts zu spüren. Friedrich Merz etwa beschwor die geopolitische Bedeutung der Windenergie. Es gehe um „Freiheit, Sicherheit und den Wohlstand unserer Gesellschaft“. Auf dem Spiel stehe „nichts weniger als unsere Art zu leben“, so der Kanzler. Ähnlich äußerte sich EU-Energiekommissar Dan Jørgensen: „In einer Zeit, in der einige lieber auf fossile Brennstoffe zurückgreifen und dem enormen Potenzial von Offshore-Windenergie und erneuerbaren Energien den Rücken kehren, steht Europa fest zu seiner Entscheidung für heimische saubere Energie.“

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    Ich glaube, dass von diesem Gipfel ein ganz neues Momentum für die Branche ausgehen kann

    Irina Lucke, Bundesverband Windenergie Offshore (BWO)

    In der Branche schafft das neue Zuversicht, wie in vielen Gesprächen am Rande des Gipfels deutlich wurde. Irina Lucke etwa, Vorstandschefin des Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO), erklärte: „Für mich als überzeugte Europäerin war das eine großartige Veranstaltung. Man hat in jedem einzelnen Statement der Regierungschefs und Minister gespürt, dass der Kontinent zusammenrückt.“ Früher habe jedes Land sein eigenes Ding in der Offshore-Windenergie gemacht, künftig aber arbeiteten alle zusammen, sagte Lucke, die mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Windkraft auf See hat. „Ich glaube, dass von diesem Gipfel ein ganz neues Momentum für die Branche ausgehen kann.“

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