Windkraft auf See

  • Search19.08.2025

„Manche könnten die Auktion als Marshmallow-Test betrachtet haben“

Die jüngste Offshore-Wind-Auktion war ein Flop. Energieexperte Dominik Hübler erklärt, welche Lehren die Politik ziehen sollte – und warum auch bereits sicher geglaubte andere Windparkprojekte scheitern könnten.

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    Offshore-Windpark in Deutschland: Nach der gescheiterten Auktion vom August 2025 sieht der Energieexperte Dominik Hübler auch einige der Parks als gefährdet an, die 2023 und 2024 versteigert wurden.

    Windpark vor Rügen: Hohe Baukosten und das aktuelle Ausschreibungsverfahren bremsen den Ausbau der Windkraft auf See.

     

    Von Volker Kühn

    Vor zwei Jahren noch lieferten sich Investoren milliardenschwere Bieterschlachten, wenn in Deutschland Flächen für Offshore-Windparks unter den Hammer kamen. Bei der Auktion Anfang des Monats dagegen ging nicht ein Gebot bei der Bundesnetzagentur ein. Der Energieexperte Dominik Hübler erklärt, welche Faktoren dabei eine Rolle spielten, warum sich die Bundesregierung auch über die Windparks Gedanken machen sollte, die bereits versteigert wurden – und was das Ganze mit einem berühmten psychologischen Experiment aus den Sechzigerjahren zu tun haben könnte.

    Herr Hübler, in Deutschland ist zum ersten Mal eine Offshore-Wind-Auktion gefloppt. Die Bundesnetzagentur hatte im August Flächen für Windparks mit einer Leistung von zusammen 2,5 Gigawatt ausgeschrieben, aber kein einziger Investor gab ein Gebot ab. Waren Sie überrascht?
    Dominik Hübler: Es gab bereits ein deutliches Warnsignal aus der Auktion vom Juni. Dort kam es zwar noch zu einem Bieterwettbewerb mit Geboten bis zu 180 Millionen Euro, für die TotalEnergies am Ende den Zuschlag für die ein Gigawatt große Fläche erhielt. Aber die Flächen aus der aktuellen Ausschreibung waren aus mehreren Gründen weniger attraktiv. Insofern ist das Ergebnis enttäuschend, aber nicht wirklich überraschend.

    Lag es an den schlechten Windverhältnissen auf den ausgeschriebenen Flächen?
    Hübler: Wie meist in solchen Fällen gab es wohl nicht die eine ausschlaggebende Ursache, sondern mehrere. Die Windverhältnisse dürften mit hineingespielt haben, wobei sie laut dem Fraunhofer IWES nicht grundlegend anders sind als auf Flächen, für die es in der Vergangenheit durchaus Bieter gab. Die gestiegenen Kosten für Windradkomponenten waren sicher ein wichtiger Faktor, genauso wie die eher sinkenden Strompreise und die mangelnde Grünstromnachfrage. Die Tatsache, dass die Parks um 2030 herum in Betrieb gehen sollten, dürfte ebenfalls eine Rolle gespielt haben, weil genau zu dieser Zeit besonders viele Projekte umgesetzt werden sollen und die Lieferkette entsprechend ausgelastet ist. Auch politische Unsicherheiten sind ein Faktor. Das Bundeswirtschaftsministerium arbeitet ja gerade an einem Monitoringbericht, der den künftigen Strombedarf Deutschlands mutmaßlich geringer einschätzen wird als bislang. Er könnte als Rechtfertigung dienen, die Ausbauziele herunterzuschrauben. Und zudem könnten manche Bieter die Auktion als eine Art Marshmallow-Test betrachtet haben.

    Sie meinen den berühmten Geduldstest, bei dem Kinder einen zweiten Marshmallow bekommen, wenn sie den ersten nicht gleich verschlingen?
    Hübler: Genau. Die jetzt nicht versteigerten Flächen kommen im nächsten Juni nämlich erneut unter den Hammer, aber zu anderen Konditionen. Die Bundesnetzagentur kann dann quasi einseitige Contracts for Difference (CfD) mit einem Gebotsdeckel von knapp sieben Cent pro Kilowattstunde zulassen. Statt die Projekte in diesem Jahr teuer einzukaufen, könnte ein Investor sie unter Umständen im nächsten Jahr mit einem garantierten Mindesterlös für seinen Strom bekommen. Je nachdem, wie groß der Druck einzelner Windparkbetreiber dann ist, ihre Projektpipeline zu füllen, könnte das für manche sehr attraktiv sein.

    Dominik Hübler ist Director der internationalen Energieberatungsagentur Nera Economic Consulting in Berlin. Unter anderem analysiert er die Verfahren, nach denen weltweit Offshore-Windparks ausgeschrieben werden, und berät die Branche. Der gebürtige Hannoveraner hat Wirtschaftswissenschaften in Oxford und Cambridge studiert. Foto: privat

    Gesetzt den Fall, die Bundesregierung plant auch künftig in großem Stil mit Offshore-Wind: Was könnte sie tun, um weitere Flops zu verhindern?
    Hübler: Sie muss das Geschäft für Investoren wieder attraktiver machen, etwa indem sie das Problem der Verschattung von Windparks durch benachbarte Projekte angeht. Vor allem aber sollte sie die von der EU für die Ausschreibung von erneuerbaren Energien vorgesehenen zweiseitigen CfDs einführen, also den Betreibern einen Mindestpreis für ihren Strom garantieren. Fällt der Börsenpreis darunter, schießt der Staat die Differenz zu; steigt er darüber, führen die Betreiber die Mehrerlöse ab. Die Dänen sind diesen Schritt bereits gegangen, nachdem bei ihnen im Vorjahr eine Auktion gescheitert ist. Außerdem hilft ein Blick nach Großbritannien.

    Worauf spielen Sie an?
    Hübler: Auf CfDs und den sogenannten Clean Industry Bonus. Das ist eine Art Auktion vor der Auktion, die den Zweck hat, die lokale Wertschöpfungskette zu stärken oder einen besonders niedrigen CO2-Fußabdruck der Projekte zu belohnen. Investoren können sich dabei auf staatliche Zuschüsse bewerben, indem sie beispielsweise garantieren, einen bestimmten Prozentsatz ihres Projekts mit lokalen Zuliefererfirmen umzusetzen. Wer den größten Mehrwert zum niedrigsten Preis bietet, erhält den Zuschlag. Mit diesem Zuschuss können die Unternehmen dann in der eigentlichen Auktion gegen andere Bieter antreten, die auf günstige Komponenten aus Fernost setzen. Das stärkt die Industrie vor Ort, indem es ihren Preisnachteil ausgleicht. Ich halte das für ein sehr attraktives Modell, das ich mir auch hier gut vorstellen könnte.

    Worauf sollte die Politik noch achten?
    Hübler: Deutschland muss sich nicht nur Gedanken darum machen, wie Offshore-Wind künftig ausgeschrieben werden soll, sondern auch, wie es mit den bisherigen Auktionen umgeht – und welche Lehren es daraus zieht.

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    Wenn ich mir vorstelle, ich wäre Aufsichtsrat eines Konzerns, der über ein Projekt aus dem Jahr 2023 zu entscheiden hätte, würde ich mich fragen, ob es wirklich schlau wäre, dem Bau noch zuzustimmen

    Dominik Hübler

    Warum das?
    Hübler: Weil wir in den vergangenen Jahren einen signifikanten Verfall der Marktpreise erlebt haben, etwa um den Faktor zehn. 2023 haben Investoren noch ungefähr 1,8 Milliarden Euro pro Gigawatt Offshore-Wind bezahlt. In diesem Juni waren es noch 180 Millionen, und im August waren wir bei null. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre Aufsichtsrat eines Konzerns, der über ein Projekt aus dem Jahr 2023 zu entscheiden hätte, würde ich mich fragen, ob es wirklich schlau wäre, dem Bau noch zuzustimmen – oder ob ich es lieber abblasen sollte, um mir in einer der kommenden Auktionen günstig ein neues Projekt zu sichern.

    Auch wenn ich dann Strafzahlungen leisten müsste?
    Hübler: So wie die Auktionen bislang gestaltet sind, muss nur ein kleiner Teil von zehn Prozent der Gebotssummen direkt geleistet werden. Dieses Geld wäre verloren. Das meiste ist aber erst während der Betriebsphase der Parks fällig. Dieses Geld könnte man sparen. Natürlich wären auch die bislang geleisteten Vorarbeiten zumindest zum Teil für die Katz. Aber unter rein finanziellen Gesichtspunkten wäre es sicher oft der günstigere Weg.

    Liste der deutschen Offshore-Windparks: Die Grafik zeigt Name, Leistung und Inbetriebnahme aller 31 Windparks in deutschen Gewässern bis 2024. Infografik: Beneditk Grotjahn
    Windgeschwindigkeiten in der deutschen Nordsee und erwartbare Volllaststunden von Offshore-Windrädern: Je geringer die Abschattungseffekte, desto höher die Stromproduktion. Infografik: Benedikt Grotjahn
    Nirgendwo stehen Offshore-Windräder so dicht nebeneinander wie in der deutschen Nordsee. Hier liegt die Leistungsdichte in Megawatt pro Quadratkilometer im Schnitt besonders hoch. Infografik: Benedikt Grotjahn
    Der Offshore-Wind-Ausbau ist eine Herkulesaufgabe: Die Infografik zeigt, in welchen Bereichen die Lieferkette um welche Größenordnung erweitert werden muss. Infografik: Benedikt Grotjahn
    Die Karte zeigt, wo derzeit in Europa Produktionskapazitäten und Fabriken für den Ausbau der Offshore-Windenergie aufgebaut werden. Infografik: Benedikt Grotjahn
    Geplanter Ausbau der Offshore-Windenergie in Deutschland von 2026 bis 2034. Infografik: Benedikt Grotjahn
    Liste der deutschen Offshore-Windparks: Die Grafik zeigt Name, Leistung und Inbetriebnahme aller 31 Windparks in deutschen Gewässern bis 2024. Infografik: Beneditk Grotjahn
    Windgeschwindigkeiten in der deutschen Nordsee und erwartbare Volllaststunden von Offshore-Windrädern: Je geringer die Abschattungseffekte, desto höher die Stromproduktion. Infografik: Benedikt Grotjahn
    Nirgendwo stehen Offshore-Windräder so dicht nebeneinander wie in der deutschen Nordsee. Hier liegt die Leistungsdichte in Megawatt pro Quadratkilometer im Schnitt besonders hoch. Infografik: Benedikt Grotjahn
    Der Offshore-Wind-Ausbau ist eine Herkulesaufgabe: Die Infografik zeigt, in welchen Bereichen die Lieferkette um welche Größenordnung erweitert werden muss. Infografik: Benedikt Grotjahn
    Die Karte zeigt, wo derzeit in Europa Produktionskapazitäten und Fabriken für den Ausbau der Offshore-Windenergie aufgebaut werden. Infografik: Benedikt Grotjahn
    Geplanter Ausbau der Offshore-Windenergie in Deutschland von 2026 bis 2034. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Was folgt daraus?
    Hübler: Zum einen, dass ein erheblicher Teil der 2023 und 2024 ausgeschriebenen Flächen wackeln könnte. In den beiden Jahren wurden immerhin mehr als zehn Gigawatt versteigert – das ist mehr, als bislang insgesamt in der deutschen Nord- und Ostsee steht.

    Und zum anderen?
    Hübler: ... dass die Bundesregierung die Modalitäten ändern sollte, um das Risiko zu mindern, dass versteigerte Flächen am Ende gar nicht bebaut werden oder es zu langen Verzögerungen kommt.

    Mit welchen Mitteln wäre das zu erreichen?
    Hübler: In der Bundesnetzagentur, beim BSH und im Wirtschaftsministerium sollte man sich schon einmal Gedanken machen, wie Flächen bei einem eventuellen Abbruch schnellstmöglich neu vergeben werden könnten. Vielleicht könnte man sogar vorab Eintrittsoptionen vergeben. Man darf sich jedenfalls nicht erst dann am Kopf kratzen, wenn es so weit ist. Und für die Zukunft müssten die Gebotskomponenten und die Pönalen, also die Strafzahlungen, so gestaltet werden, dass für die Betreiber bei einem Abbruch mehr im Feuer stünde. Gleichzeitig könnte ich mir Nachverhandlungsklauseln vorstellen, wie man sie aus anderen Energielieferverträgen kennt: Wenn sich das Marktumfeld für die Betreiber so dramatisch zum Schlechteren verändert wie zuletzt, müssten sie die Möglichkeit haben, mit dem Staat darüber zu sprechen, wie er ihnen entgegenkommen kann. Wer weiß, vielleicht finden solche Gespräche hinter den Kulissen sogar bereits statt.

    Haben Sie etwas in der Richtung gehört?
    Hübler: Nein, wobei TotalEnergies nach der Juni-Ausschreibung ja schon in Aussicht gestellt hatte, dass sie das Gespräch suchen wollen.

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