Kernkraftwerke

  • Search26.03.2026

Renaissance der Atomkraft? Kosten und Pannen sprechen dagegen

Die Debatte um neue Atomkraftwerke schwelt – trotz Milliardenkosten, jahrelanger Bauverzögerungen und immenser Risiken. Dabei haben erneuerbare Energien die Kernkraft längst abgehängt.

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    Atomkraftwerk Isar 2 kurz vor der Stilllegung 2023: Der Anteil der Atomenergie an der globalen Stromerzeugung sinkt seit Jahrzehnten.

    Atomkraftwerk Isar 2 kurz vor der Stilllegung 2023: Der Mythos vom Aufstieg der globalen Kernenergie hält sich hartnäckig.

     

    Von Angelika Nikionok-Ehrlich

    Beim Krieg der USA gegen den Iran geht es vermeintlich darum, die Uran-Anreicherung zu militärischen Zwecken zu verhindern – das Land soll keine Atombomben bauen können. Zugleich zeigt sich hier, wie schon im Krieg Russlands gegen die Ukraine, dass die zivile Nutzung der Kernkraft zur Stromproduktion in Atomkraftwerken Ziel militärischer Angriffe sein kann – und dass damit erhebliche Sicherheitsrisiken durch die Freisetzung radioaktiver Strahlung bestehen.

    Die beiden Kriege und die Politik Donald Trumps haben Energie-Unabhängigkeit zu einem zentralen Ziel in Europa gemacht. Um nicht erpressbar durch notwendige Rohstoff-Importe zu sein, will der Kontinent seine Energie möglichst selbst produzieren. Doch statt vordringlich die erneuerbaren Energien weiter auszubauen, rückt plötzlich auch die Atomkraft wieder in den Fokus. Neben der Energiesouveränität argumentieren die Befürworter mit einem erwarteten Anstieg der Stromnachfrage, wenn Sektoren wie Verkehr, Wärme und Industrie zunehmend elektrifiziert werden und immer weitere Rechenzentren entstehen. Bezahlbare Strompreise seien ein weiterer Grund für den Bau neuer Reaktoren.

    Die Kernenergie gilt ihren Befürwortern seit jeher als Garant für Versorgungssicherheit, zugleich wird sie gegenüber fossilen Energien wie Kohle, Öl oder Erdgas als klimafreundlich gelobt. Ein Dictum, dem sich trotz mancher Kritik auch die EU angeschlossen hat, setzen doch einige Mitgliedsländer wie insbesondere Frankreich, Finnland, Polen oder Tschechien auf Atomkraft – ungeachtet weitgehend ungelöster Frage der Atommüll-Endlagerung (einzig Finnland hat bisher dafür eine unterirdische Anlage).

    Renaissance der Atomenergie? Die gibt es allenfalls in China

    Doch ist man von einer „Renaissance“ der Atomenergie global gesehen weit entfernt – das zeigt die Faktenlage. Denn obwohl es Neubaupläne und Neubauten vor allem in China gibt, ist die weltweit installierte Kernkraft-Kapazität seit 2018 nicht gestiegen. Das zeigt der von zahlreichen internationalen Wissenschaftlern erarbeitete aktuelle World Nuclear Industry Status Report (WNISR), der im Januar in Berlin von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) und der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgestellt wurde. Demnach belief sich die Betriebskapazität der Meiler Ende 2024 auf global knapp 370 Gigawatt. Der Anteil der Kernenergie an der globalen Stromversorgung hat seinen Zenit sogar schon vor gut drei Jahrzehnten überschritten.

    Der Anteil der Atomenergie an der globalen Stromproduktion hat seinen Höhepunkt bereits vor drei Jahrzehnten überschritten. Aktuell liegt er nur noch bei gut neun Prozent. Infografik: Benedikt Gtotjahn

    „Besonders hervorzuheben ist die fortlaufende Diskrepanz zwischen politischen Ankündigungen vieler Länder, die bereits seit Jahren einen massiven Ausbau der Kernenergie vorsehen, und der Realität“, heißt es dazu in dem Bericht. 2024 sind demnach sieben neue Reaktoren ans Netz gegangen, vier Reaktoren wurden abgeschaltet, sodass am Ende des Jahres die Betriebskapazität auf insgesamt 369,4 Gigawatt stieg.

    Zwar wurde 2024 mit 2677 Terawattstunden mehr Strom durch Kernenergie produziert als im Vorjahr, dies liegt jedoch laut dem Report vor allem am Ausbau in China. Das Land hat seit 2005 insgesamt 51 Reaktoren ans Netz gebracht, es wurden keine Reaktoren abgeschaltet. Hingegen wurden außerhalb Chinas im Zeitraum von 2005 bis 2024 insgesamt 53 Reaktoren ans Netz gebracht und 101 abgeschaltet – ein Netto-Rückgang von 48 Reaktoren.

    Der Bericht „zeigt deutlich, dass die prognostizierte Renaissance der Atomkraft klar ausbleibt. Der Anteil der Kernenergie an der globalen Stromerzeugung sinkt seit Jahrzehnten“, konstatiert denn auch der Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), Christian Kühn.

    Das Geld fließt in Erneuerbare – weil sie günstiger und schneller installiert sind

    Insgesamt wird global erheblich mehr in erneuerbare Energien investiert. Sie sind viel schneller und weitaus kostengünstiger aufzubauen. Laut dem Bericht wachsen die globalen Kapazitäten erneuerbarer Energien deutlich schneller als die der Kernenergie. Allein die Solar- und Windenergie verzeichneten einen Zuwachs von 460 Gigawatt. Zudem, so heißt es weiter, werde die Kombination von erneuerbaren Energiequellen mit anderen Energieträgern sowie Speicherkapazitäten stetig kosteneffizienter.

    In Frankreich spielt die Atomkraft eine bedeutende Rolle in der Stromerzeugung. Doch die Kosten sind immens und Neubauten verzögern sich um viele Jahre.

    In Frankreich spielt die Atomkraft eine bedeutende Rolle in der Stromerzeugung. Doch die Kosten sind immens und Neubauten verzögern sich um viele Jahre.

    In Frankreich war der Aufbau der Nuklearindustrie in den Siebzigerjahren mit zwei Zielen verbunden: zum einen der weitgehenden Energieunabhängigkeit, um den Import fossiler Rohstoffe zu vermeiden. Zum anderen ging es um die militärische Sicherheit durch die Abschreckung mittels der Atombewaffnung, der sogenannten Force de Frappe.

    Hatte der ehemalige Staatspräsident Francois Holllande 2015 mit einer gesetzlichen Regelung noch eine Reduzierung des Atomkraftanteils bei der Stromerzeugung von 75 auf 50 Prozent angestrebt, so wurde dieses Ziel bereits 2023 wieder aufgehoben. Trotz der immensen Kosten der Kernkraft hat der aktuelle Staatschef Emmanuel Macron ein umfängliches Programm zum Neubau von Reaktoren angekündigt. Am 10. März fand in Paris ein Gipfel zur Atomkraft statt, auf dem sowohl EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen als auch Macron ein Bekenntnis zur Kernenergie ablegten und ihre strategische Bedeutung betonten.

    Frankreichs Atomkraftwerke sind alt – und fehleranfällig

    „Kernenergie ist entscheidend, um Unabhängigkeit – und damit Energiesouveränität – mit Dekarbonisierung – und damit Klimaneutralität – zu verbinden“, sagte Macron. Zudem betonte er, dass durch die französische Atomstromproduktion Rechenzentren eröffnet werden könnten, wie sie auch für den Strombedarf der künstlichen Intelligenz nötig seien.

    Macron hatte bereits zuvor Pläne angekündigt für sechs neue EPR (European Pressure Reactors – Europäische Druckwasserreaktoren) und eine größere Zahl an kleineren Reaktoren (SMR – Small Modular Reactors). Hintergrund ist auch, dass der französische Kernkraftwerkspark großenteils überaltert ist und es immer wieder zu Ausfällen kommt. Doch soll die nukleare Stromproduktion mit Blick auf die Dekarbonisierung stark ausgeweitet werden. Allerdings ist der Neubau eine Langfristperspektive, denn mit ersten Inbetriebnahmen wird erst für 2038 gerechnet.  

    Die Kosten für den Bau des französischen Kernkraftwerks Flamanvill haben sich versiebenfacht.

    Atomkraftwerk Flamanville am Ärmelkanal: Der Bau hat sich um zwölf Jahre verzögert und die Kosten haben sich versiebenfacht.

    Doch stellt sich das Problem der Finanzierung. EdF hat die Kostenschätzung für die sechs EPR von ursprünglich veranschlagten 52 Milliarden Euro um 40 Prozent auf 72,8 Milliarden Euro erhöht. Investitionen, die von dem stark verschuldeten Unternehmen nicht zu stemmen sind, daher will der Staat 60 Prozent (über 43 Milliarden Euro) durch einen vergünstigten Kredit beisteuern. Zudem soll es über Contracts for Difference (CfD) eine langfristige Preisgarantie für den erzeugten Strom geben. Diese enorme staatliche Beihilfe unterliegt einer Prüfung durch die EU-Kommission.

    Dass aus den Ankündigungen in absehbarer Zeit Realität wird, darf jedoch angesichts der bisherigen Erfahrungen mit dem EPR-Neubau und der Faktenlage zur SMR-Technologie angezweifelt werden. So hatte es beim Bau des EPR mit 1650 Megawatt Leistung in Flamanville (Normandie) wegen technischer Probleme jahrelange Verzögerungen gegeben, statt fünf Jahren Bauzeit wurden es 17 Jahre, die Kosten hatten sich (laut französischem Rechnungshof) versiebenfacht auf 23,7 Milliarden Euro.

    Wegen der immensen Investitionskosten setzt denn auch die EU auf die kleineren Reaktoren, die SMR, die wegen modularer Bauweise schneller und billiger sein sollen. Auch in Deutschland, wo Bundeskanzler Friedrich Merz den Atomausstieg, der von einer großen Mehrheit der Bevölkerung getragen wurde, als „strategischen Fehler“ bezeichnet, sprechen sich Unionspolitiker wie Markus Söder für SMR aus.

    Doch zeigt der aktuelle World Nuclear Industry Status Report, dass auch die SMR Zukunftsmusik sind. Denn die SMR-Technologie ist noch lange nicht ausgereift, Projekte wurden aufgegeben, es existieren zahlreiche unterschiedliche Designs, von einer Standardisierung kann noch keine Rede sein.

    Kleine SMR-Reaktoren? „Weit von einer kommerziellen Realität entfernt“

    Und entsprechend, so resümiert der Präsident des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung Christian Kühn, „hebt der Statusbericht hervor, dass sogenannte Small Modular Reactors (SMR) noch sehr weit von einer kommerziellen Realität entfernt sind“. Gern verschwiegen wird von den Befürwortern der SMR zudem, dass auch das Uran für die Reaktoren importiert werden muss, es also keine wirkliche Unabhängigkeit gibt.

    International gesehen sollte darüber hinaus der militärische Aspekt einer Verbreitung der Kerntechnologie nicht vernachlässigt werden. „Der Verbundcharakter von militärischer und kommerzieller Nutzung stellt eine wesentliche Motivation für Aktivitäten im Bereich der Kernkraft dar. In diesen Zusammenhang können auch SMR-Aktivitäten eingeordnet werden,“ heißt es in einem Gutachten zu den SMR, das das Öko-Institut 2021 im Auftrag von BASE erstellt hat.

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