Atomkraftwerk Isar 2 kurz vor der Stilllegung 2023: Der Mythos vom Aufstieg der globalen Kernenergie hält sich hartnäckig.
Von Angelika Nikionok-Ehrlich
Beim Krieg der USA gegen den Iran geht es vermeintlich darum, die Uran-Anreicherung zu militärischen Zwecken zu verhindern – das Land soll keine Atombomben bauen können. Zugleich zeigt sich hier, wie schon im Krieg Russlands gegen die Ukraine, dass die zivile Nutzung der Kernkraft zur Stromproduktion in Atomkraftwerken Ziel militärischer Angriffe sein kann – und dass damit erhebliche Sicherheitsrisiken durch die Freisetzung radioaktiver Strahlung bestehen.
Die beiden Kriege und die Politik Donald Trumps haben Energie-Unabhängigkeit zu einem zentralen Ziel in Europa gemacht. Um nicht erpressbar durch notwendige Rohstoff-Importe zu sein, will der Kontinent seine Energie möglichst selbst produzieren. Doch statt vordringlich die erneuerbaren Energien weiter auszubauen, rückt plötzlich auch die Atomkraft wieder in den Fokus. Neben der Energiesouveränität argumentieren die Befürworter mit einem erwarteten Anstieg der Stromnachfrage, wenn Sektoren wie Verkehr, Wärme und Industrie zunehmend elektrifiziert werden und immer weitere Rechenzentren entstehen. Bezahlbare Strompreise seien ein weiterer Grund für den Bau neuer Reaktoren.
Die Kernenergie gilt ihren Befürwortern seit jeher als Garant für Versorgungssicherheit, zugleich wird sie gegenüber fossilen Energien wie Kohle, Öl oder Erdgas als klimafreundlich gelobt. Ein Dictum, dem sich trotz mancher Kritik auch die EU angeschlossen hat, setzen doch einige Mitgliedsländer wie insbesondere Frankreich, Finnland, Polen oder Tschechien auf Atomkraft – ungeachtet weitgehend ungelöster Frage der Atommüll-Endlagerung (einzig Finnland hat bisher dafür eine unterirdische Anlage).
Renaissance der Atomenergie? Die gibt es allenfalls in China
Doch ist man von einer „Renaissance“ der Atomenergie global gesehen weit entfernt – das zeigt die Faktenlage. Denn obwohl es Neubaupläne und Neubauten vor allem in China gibt, ist die weltweit installierte Kernkraft-Kapazität seit 2018 nicht gestiegen. Das zeigt der von zahlreichen internationalen Wissenschaftlern erarbeitete aktuelle World Nuclear Industry Status Report (WNISR), der im Januar in Berlin von der Heinrich-Böll-Stiftung, dem Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) und der Friedrich-Ebert-Stiftung vorgestellt wurde. Demnach belief sich die Betriebskapazität der Meiler Ende 2024 auf global knapp 370 Gigawatt. Der Anteil der Kernenergie an der globalen Stromversorgung hat seinen Zenit sogar schon vor gut drei Jahrzehnten überschritten.