Regisseur Lars Jessen

  • Search19.05.2023

„Es sind Geschichten, die die Welt verändern“

Kann man die Klimakrise mit Humor nehmen? Na, klar! Das beweist Lars Jessen mit seiner sehenswerten Dokureihe „Wir können auch anders“. Ein Gespräch über die Kraft positiver Erzählungen.

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    Regisseur Lars Jessen („Wir können auch anders“): „Mich interessiert es überhaupt nicht mehr, Wohlstandsprobleme von wohlhabenden Menschen zu erzählen.“

     

    Lars Jessen, geboren 1969 in Kiel, ist Produzent, Regisseur und Drehbuchautor. Bekannt wurde er mit Filmen wie „Dorfpunks“, „Fraktus“ und „Mittagsstunde“. Er hat zahlreiche Folgen von „Großstadtrevier“, „Polizeiruf“ und „Tatort“ gedreht. Für den Film „Für immer Sommer 90“ erhielt er den Deutschen Fernsehpreis und den Grimme-Preis. Zu seiner Dokureihe „Wir können auch anders“ inspirierte ihn das gleichnamige Buch der Politikökonomin Maja Göpel. Jessen schickt in den sechs Folgen Prominente wie Axel Prahl und Anke Engelke auf eine Reise zu Menschen, die sich mit Herzblut und Einfallsreichtum gegen die Klimakrise stemmen. Auch in seiner Filmarbeit legt der Hamburger Wert auf Nachhaltigkeit, etwa durch die Mitarbeit an einem Label, das ökologische Mindeststandards für die Filmindustrie definiert.

    Herr Jessen, Sie sind ein vielfach ausgezeichneter Filmregisseur, Autor und Produzent. Ihr Genre ist die Komödie. Jetzt haben Sie für die ARD die Dokumentarfilmreihe „Wir können auch anders“ produziert. Wer ist mit „wir“ gemeint?
    Lars Jessen: Ich meine damit uns Menschen in der westlichen Hemisphäre. Wir haben zwei Jahrhunderte lang davon profitiert, Emissionen auszustoßen, unter denen heute die ganze Welt leidet. In Deutschland, der viertgrößten Industrienation der Welt, tragen wir dafür eine besondere Verantwortung. Gleichzeitig bieten sich hier viele Möglichkeiten, es ab jetzt anders zu machen.

    Sehen Sie sich auch selbst in der Verantwortung?
    Jessen: Mit der Zukunft unserer Welt beschäftige ich mich im Grunde schon seit Ende der Siebzigerjahre. Damals bin ich mit meiner Mutter in eine Aussteiger-WG in der Nähe von Brokdorf gezogen. An der Kunsthochschule war ich später der jüngste Alt-68er aller Zeiten. Mein Lehrer Horst Königstein hat mir das alles ausgetrieben. Ich habe gelernt, unreflektiert die Popkultur nicht nur zu genießen, sondern sie auch herzustellen. So konnte ich mich über viele Jahre meiner eigenen Selbstverwirklichung als Regisseur von Komödien und Krimis widmen. Bis dann eines Tages mein ältester Sohn, der Umweltwissenschaft studiert hat, die harten Fakten mit nach Hause brachte, wonach sich die negativen Entwicklungen des Weltklimas exponentiell beschleunigen. Deshalb würden an Deck jetzt alle Hände gebraucht. Also habe ich mich aufgemacht und mir überlegt, was ich mit meinen Mitteln als Geschichtenerzähler beitragen kann, damit es zu einem Umhandeln kommt, nicht nur zu einem Umdenken.

    Was hat Ihr Sohn in diesem Augenblick bei Ihnen ausgelöst?
    Jessen: Er hat mich im Grunde an mich selbst erinnert, daran, wie ich mich als junger Mensch um ökologische Themen gekümmert habe. Der Reaktorunfall in Tschernobyl ist für mich ein einschneidendes Erlebnis gewesen. Die Erinnerungen an das Katastrophenjahr 1986 kamen wieder hoch, auch die Gefühle von Machtlosigkeit, andererseits dachte ich in dem Moment an meine erzählerischen Fähigkeiten und wie ich beides zur Deckung bringen könnte. Am Ende wurde mir klar, es sind vor allem Geschichten, die die Welt verändern.

    Doku-Reihe „Wir können auch anders“: Anke Engelke und Bjarne Mädel recherchieren positive Geschichten zum Klima.

    Anke Engelke und Bjarne Mädel besuchen in „Wir können auch anders“ Menschen, die optimistisch und pragmatisch für die Zukunft kämpfen.

    Mit der Reihe „Wir können auch anders“ wollen Sie gute Nachrichten zu einem nachhaltigen Leben verbreiten. Warum brauchen wir gute Nachrichten?
    Jessen: Wir haben uns da weniger auf unser Gefühl verlassen, sondern tatsächlich bei den Neurowissenschaften nachgeschaut, wie das menschliche Gehirn auf verschiedene Formen von Informationen reagiert. Wir haben festgestellt, dass wir noch immer steinzeitlich geprägt sind und immer erst dann reagieren, wenn der vermeintliche Säbelzahntiger um die Ecke kommt und uns fressen will. Unsere Psyche spricht vor allem auf negative Ereignisse an, aus dem tiefen Instinkt heraus, sich im Notfall verteidigen zu müssen. Man gerät in eine Art Defensivhaltung, was in aller Regel nicht zu mehr Handlung, sondern zu mehr Lähmung führt. Man kennt das anekdotisch aus dem Freundeskreis. Erst wird das fundamentale Problem verleugnet, das auf uns zukommt, dann realisiert man es, blickt in den Abgrund und meint, da ist ja wohl gar nichts mehr zu machen. Die Arroganz, die dem innewohnt, glauben wir mit positiven Geschichten kontern zu können, indem man definiert, wo man hinwill, und damit die Möglichkeit des Handelns aufscheinen lässt.

    Sie erzählen die positive Geschichte von zwei Männern in Sprakebüll an der dänischen Grenze, die zu den Pionieren der Windkraft gehören. Dagegen ließe sich die schlechte Nachricht stellen, dass es in den ersten Monaten 2023 keine einzige neu genehmigte Windkraftanlage in Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Sachsen und dem Saarland gegeben hat. Was hat mehr Gewicht? Messen wir der negativen News zu viel Bedeutung zu?
    Jessen: Auf jeden Fall. An der schlechten Nachricht bleibt einfach mehr hängen. Umso wichtiger ist es, dass man nicht nur die Nachricht erzählt, sondern eine Geschichte daraus strickt. Geschichten zu erzählen hat viel damit zu tun, sich Möglichkeitsräume vorstellen zu können. Da reicht es nicht, nur die Fakten darzustellen. Man muss weiter ausholen und sie inhaltlich aufladen, mit Biographien, persönlichen Erfahrungen, erlebbaren Gefühlen, und die Fakten dann auf eine andere Art und Weise präsentieren. Die beiden Herren aus Sprakebüll sind des Aktivismus' komplett unverdächtig. Sie sagen selbst, dass sie erst einmal ihren persönlichen Vorteil in der Veränderung gesehen haben. Wenn dann auch die Natur etwas davon habe, umso besser. Uns ist es wichtig, nicht mit dem Finger auf Leute zu zeigen: Schaut her, die haben nichts unternommen! Es ist doch viel schöner zu berichten: Diese Menschen haben es hingekriegt, wollen wir es nicht genauso machen wie sie? Dann entsteht eine Reise – und nicht ein Bashen, ein Zurückblicken oder Schlechtmachen. Das passt auch nicht zu meinem Charakter. Ich mag gerne Sachen gut finden.

    Gibt es Gruppen, die ein Interesse daran haben, die guten Geschichten zu verheimlichen?
    Jessen: Die geleakten Chatnachrichten des Springer-Chefs Mathias Döpfner, in denen er den Klimawandel begrüßt, legen den Schluss nahe, dass dort Menschen am Werk sind, die für bestimmte Lobbygruppen arbeiten. Aus meiner Sicht gehört der Verlag zu den starken Kräften des Festhaltens, wo auch viele Unternehmen und Staaten stehen, die vom alten System profitieren. Das Verbrennen hat über Generationen gut funktioniert. Natürlich brechen jetzt Geschäftsmodelle und Identitätsmuster weg. Deutschland hängt bekanntlich sehr am Auto; sich davon zu trennen, fällt vielen emotional schwer. Ich war vor zwei Wochen in Frankreich und überrascht zu sehen, wie autoarm Paris geworden ist. Gleichzeitig habe ich auf den Speisekarten keine größere Veränderung wahrgenommen. Offensichtlich können sich die Franzosen vom Fleischessen nicht so leicht verabschieden wie vom Autofahren. In Deutschland ist es oft umgekehrt.

    Warum tauchen in Ihrer Reihe keine Politiker auf, mit Ausnahme des Hamburger Verkehrssenators? Robert Habeck hätte doch bestimmt sofort mitgemacht.
    Jessen: Uns ging es vor allem darum, positive Beispiele der Veränderung aufzugreifen, denen man sich anschließen kann. Der angesprochene Verkehrssenator kommt bei uns nicht als Politiker vor, sondern als mutiger Mensch, der eine Großstadt wie Hamburg umbaut, um mehr Gesundheit und Sicherheit für Verkehrsteilnehmer hinzubekommen. Er hat sich getraut, Veränderungen anzugehen, aber in seinem Metier, in seiner Lebenswirklichkeit. Das ist die Idee hinter unserem Format.

    Worin unterscheidet sich Ihre Dokureihe von anderen Reportagen über Energiewende, Klimawandel, Umweltschutz?
    Jessen: Wir wollten erst einmal gucken, was wir können. Und wir können – zumindest unsere sechs Moderatoren Anke Engelke, Annette Frier, Pheline Roggan, Bjarne Mädel, Axel Prahl und Aurel Mertz – auf jeden Fall schon einmal lustig sein. Deshalb haben wir einen humorvollen Ansatz gewählt. Wir glauben auch nicht, dass sich mit Dystopien viele Menschen hinter dem Ofen hervorlocken lassen. Unsere Protagonisten blicken mit Optimismus auf die Welt, und sie tun nicht so, als wären sie superschlaue Wissenschaftler. Sie treten in der Rolle der Fragestellenden auf und dürfen genauso naiv und ahnungslos sein wie die Zuschauer, für die sie sich stellvertretend auf die Reise durch die Republik machen. Als wir diesen dramaturgischen Kniff gefunden hatten, waren alle Schauspieler sofort bereit, sich auf die Serie einzulassen.

    In Ihren Filmen wird auf Begriffe wie „klimaneutral“ oder „nachhaltig“ völlig verzichtet. Aus welchen Gründen?
    Jessen: Niemand weiß doch, was mit diesen abstrakten Formeln wie 1,5-Grad-Ziel konkret gemeint ist. Begriffe wie Nachhaltigkeit oder Erneuerbare Energie sind in einem so desaströsen Zustand, dass sie der öffentlichen Diffamierung preisgegeben sind. Letztlich ist schon der Begriff Klima problematisch, weil es im Kern um Menschen- und nicht um Klimaschutz geht. Dem Klima ist es ja egal, ob es ein Grad wärmer oder drei Grad kälter ist. Das Klima ist letztlich nur ein Zustand.

    Lars Jessen („Wir können auch anders“, „Mittagsstunde“) bei Dreharbeiten mit Jan-Georg Schütte.

    „Ich möchte eben nicht zu denen gehören, die sich nur um sich selbst gedreht haben“: Lars Jessen, hier bei Dreharbeiten mit dem Schauspieler Jan-Georg Schütte.

    Ihre Reihe trägt den gleichen Titel wie ein Buch der Politökonomin Maja Göpel, die in einer Folge mitwirkt. Gibt es etwas, was Sie an den Arbeiten der Wissenschaftlerin inspiriert hat?
    Jessen: Sie haben mir vor allem die Zuversicht gegeben, dass es anders geht. Und dass man nicht nur anders denken, sondern handeln kann, nach dem Motto: Einfach mal machen! Lasst es uns doch mal ausprobieren, dann gucken wir weiter. Ich bin keiner, der 30 Jahre lang über ein Projekt grübelt. Letztendlich ist meine Arbeit beim Film auch eine des permanenten Scheiterns. Und schöner scheitern ist immer noch besser als gar nicht handeln. Wie viele andere Leserinnen und Leser war ich nach der Lektüre ihrer Bücher so positiv aufgeladen, dass ich das dringende Bedürfnis hatte, jetzt meinen Beitrag zu leisten. Sehr ermutigend war es auch, dass mein Kollege Detlev Buck sowohl Maja Göpel als auch mir erlaubte, unsere Arbeiten so zu nennen wie seinen Film „Wir können auch anders“ von 1993. Die Komödie gehört zu meinen absoluten Lieblingsfilmen.

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    Mich interessiert es überhaupt nicht mehr, Wohlstandsprobleme von wohlhabenden Menschen zu erzählen

    Lars Jessen

    Sie haben in einem Interview angekündigt, nur noch Projekte machen zu wollen, die sich mit der Zukunft der Gesellschaft beschäftigen. Ist es Ihnen ernst damit?
    Jessen: Ja, in der Unmittelbarkeit ist das von mir so gemeint gewesen. Mich interessiert es überhaupt nicht mehr, Wohlstandsprobleme von wohlhabenden Menschen zu erzählen, die in ihrem Berufsumfeld irgendwelche Kämpfe austragen oder denen es schwerfällt, in ihren Doppelhaushälften nebeneinanderher zu leben. Ich glaube, wenn wir in ein paar Jahren auf diese Zeit zurückgucken, werden wir uns alle fragen, was hast du damals getan? Und ich möchte eben nicht zu denen gehören, die sich nur um sich selbst gedreht haben.

    Ist das der anfangs erwähnte Hedonismus, von dem sie sich verabschiedet haben?
    Jessen: Zu behaupten, ich wäre jetzt ein selbstloser, uneigennütziger Mensch, ist Quatsch. Anders als früher versuche ich heute, meine Selbstwirksamkeit, meinen künstlerischen Ausdruck, auch meinen Hedonismus lieber in den Dingen auszutragen, die mir und meinen Mitmenschen nutzen. Insofern handelt es sich vielleicht nur um die Umlenkung eines narzisstischen Impulses.

    Die Fragen stellte Helmut Monkenbusch. Alle Folgen der Reihe „Wir können auch anders“ sind bis März 2025 in der ARD-Mediathek zu sehen. Ein hörenswertes Interview mit Lars Jessen hat kürzlich auch der Podcast „Let's talk change“ veröffentlicht.

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