• Search24.01.2022

Fehlerhafte Infraschall-Studie

„Es lohnt sich, hartnäckig zu bleiben“

Stefan Holzheu hat einen gravierenden Fehler in einer von Windkraftgegnern vielzitierten Infraschall-Studie der Bundesgesellschaft für Geologie und Rohstoffe entdeckt. Doch dort wollte man davon nichts wissen. Im Gespräch mit EnergieWinde erzählt der Wissenschaftler von seinem zähen Ringen mit der Behörde.

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    Der Wissenschaftler Stefan Holzheu ist eigentlich kein Experte für Infraschall. Doch das etwas in der Studie der Bundesbehörde BGR nicht stimmen konnte, merkte er rasch. Vom zähen Kampf mit einer Bundesbehörde.

    Dr. Stefan Holzheu, 49, leitet die Arbeitsgruppe EDV und Datenbanken am Zentrum für Ökologie und Umweltforschung der Uni Bayreuth (BayCEER).

     

    Herr Holzheu, Sie arbeiten in der Umweltforschung, aber Infraschall und Windräder zählen eigentlich nicht zu Ihren Spezialgebieten. Wie sind Sie zu dem Thema gekommen?
    Stefan Holzheu: Zum ersten Mal gehört hatte ich von Infraschall über eine Informationsveranstaltung – richtigerweise müsste man eigentlich Desinformationsveranstaltung sagen – zu einem Windkraftprojekt in meinem Heimatort in Bayerisch-Schwaben. 2012 war das. Leute von Eike [Europäisches Institut für Klima und Energie, die Red.] und Vernunftkraft erzählten etwas über Infraschall bei Windkraftanlagen. Das sind beides Organisationen, die erwiesenermaßen den Klimawandel leugnen. Ich habe das Thema damals kurz gegoogelt und nach ein paar Minuten war mir klar: Das ist eine völlige Luftnummer. Der Windpark wurde dann auch gebaut.

    Sie haben sich also zunächst nicht weiter mit Infraschall beschäftigt?
    Holzheu: Richtig, ich war zwar sensibilisiert und bemerkte, dass das Thema immer mal wieder aufploppte, aber bis zu einem ZDF-Film, der 2018 lief, hatte ich noch keinen größeren Anlass zur Sorge und bin nicht tiefer in das Thema eingestiegen.

    Was änderte sich dann?
    Holzheu: Die fragwürdige TV-Dokumentation brachte Effekte von Infraschall ohne Berücksichtigung von Schalldruck und Frequenz mit Infraschall von Windenergieanlagen in Zusammenhang. Das hat null Aussagekraft und ist wissenschaftlich völliger Unsinn. Unter anderem wurde dort als Beleg für die Gefahren auch eine Studie der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) aufgeführt. Mit dem Film und der Studie trommelten die Windkraftgegner dann lauter als zuvor – auch gegen einen neuen Windpark, der nahe meines Wohnorts in Oberfranken gebaut werden sollte. Der Gemeinderat hat das Projekt im März 2020 schließlich abgelehnt. Die Begründung war: Man wolle nicht die Gesundheit der Bevölkerung aufs Spiel setzen.

    Ihre Reaktion?
    Holzheu: Ich war sauer, dass die Windkraftgegner mit so einer Quatsch-Story durchkommen konnten – und habe dann begonnen, mich systematischer mit den Infraschallargumenten von Eike, Vernunftkraft & Co. zu beschäftigen, insbesondere auch mit der BGR-Studie.

    Was ist Infraschall?

    Definition

    Schall unterhalb des menschlichen Hörbereichs, also im Bereich von unter 20 Hertz, nennt man Infraschall. Die tiefen Töne werden erst bei einem entsprechend hohen Schalldruck für den Menschen wahrnehmbar. Infraschallemissionen von Windkraftanlagen erreichen allerdings selbst im Nahbereich von 150 Metern keine gesundheitsschädlichen Schalldruckpegel.

    Quellen

    Es gibt natürlichen und menschengemachte Quellen von Infraschall. Zu Ersteren zählen etwa die Meeresbrandung, starker Wind, Gewitter, Erdbeben oder auch Nordlichter. Letzterer wird unter anderem durch Industrieanlagen wie große Gasturbinen erzeugt, durch Kompressoren, Pumpen, Autos, Schiffe, Lastwagen, Waschmaschinen oder eben Windräder.

    Und dabei haben Sie dann einen Rechenfehler bemerkt?
    Holzheu: Nicht sofort. Mir ist aber sehr schnell ins Auge gefallen, dass die BGR-Studie extrem hohe Schallpegel auswies. Damit müsste der Infraschall eines Windrades auch noch in mehreren Kilometern Abstand spürbare Auswirkungen haben. Das konnte ich kaum glauben und habe mir daher ein Infraschallmessgerät gebaut, um selbst nachzumessen.

    Das geht so einfach?
    Holzheu: Infraschallsignale sind vergleichsweise langsam, man braucht keine komplizierte oder teure Technik, um sie zu messen. Da ich mich beim BayCEER sowieso viel mit Software und Hardware zur Sensordatenerfassung beschäftige, fiel mir das sehr leicht. Technikinteressierte bekommen das aber auch problemlos allein hin. Auf meiner Homepage habe ich daher einen Bauplan für ein Do-it-yourself-Infraschallmessgerät veröffentlicht. Die Technik kostet insgesamt rund 65 Euro.

    Windräder erzeugen Geräusche und Infraschall. Gesundheitsgefahren gehen davon allerdings nicht aus. Eine Studie der BGR hatte den Effekt falsch berechnet.

    Windräder erzeugen Schallemissionen, von denen sich Anwohner gestört fühlen können. Die Geräusche lassen sich aber mit technischen Maßnahmen reduzieren.

    Was kam bei Ihren Messungen heraus?
    Holzheu: Das Windrad, das in rund 2,7 Kilometer Entfernung zu meinem Haus steht, zeigte beispielsweise keine Infraschallauffälligkeiten. Wenn die Pegel der BGR richtig gewesen wären, hätte ich da immer ein deutliches Signal sehen müssen. Als ich dann noch auf eine Studie der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) gestoßen bin, die ebenfalls Infraschall von Windrädern gemessen hat – und bei den Schallintensitäten teilweise um den Faktor 100.000 unter den Daten der BGR lag –, habe ich im April 2020 eine Mail an den Leiter der BGR-Studie geschrieben und darauf hingewiesen, dass da irgendwas nicht passen kann.

    Haben Sie eine Antwort bekommen?
    Holzheu: Ja, zunächst antwortete mir der Herr noch freundlich – aber immer ausweichend. Schlussendlich stellte ich dann die Frage, welche der beiden Studien denn jetzt stimmt. Denn dass beide richtig sind, schließt die Physik aus. Darauf bekam ich keine Antwort.

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    Plötzlich meldete sich der Herr von der BGR bei meinem Chef, erzählte ihm seine ganz eigene Version der Geschichte und drohte mit der BGR-Rechtsabteilung

    Stefan Holzheu

    Wie ging es weiter?
    Holzheu: Ich gab ihm noch einmal die Möglichkeit zur Diskussion mit mir, worauf ich wieder keine Antwort bekam. Dann schrieb ich ihm, dass ich eine Webseite zu dem Fall veröffentlichen werde. Ich wollte den Sachverhalt klären. Am liebsten mit ihm, aber zur Not dann eben mit einer größeren wissenschaftlichen Community. Das Thema war einfach zu wichtig: Schließlich konnte man mit dem Studienergebnis Windparks verhindern. Eine seriöse Bundesanstalt musste doch Interesse daran haben zu klären, ob sie falsche Zahlen in die Welt gesetzt hat.

    Brachte Ihre Ankündigung Bewegung in die Sache?
    Holzheu: Naja, erst mal meldete sich der Herr von der BGR plötzlich bei meinem Chef, erzählte ihm seine ganz eigene Version der Geschichte und drohte mit der BGR-Rechtsabteilung.

    Was hat denn die BGR-Rechtsabteilung mit der Sache zu tun?
    Holzheu: Exakt: gar nichts. Mein Chef meinte, wenn du das auf deine eigene Kappe nimmst: von mir aus. Ich habe daher von Anfang an immer geschrieben, dass es sich bei dem Vorgang um meine persönliche Meinung als Wissenschaftler handelt, die nichts mit der Uni Bayreuth und dem Bayreuther Zentrum für Ökologie und Umweltforschung zu tun hat. Ich veröffentlichte also die Webseite, es gingen wieder ein paar Mails hin und her – und die Rechtsabteilung der BGR blieb still. Klären konnte ich den mysteriös hohen Schallpegel der Studie so aber auch nicht. Erst als ich im Juli 2020 eine weitere Veröffentlichung zu Infraschall bei Windkraftanlagen las, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Die BGR hatte einfach einen großen Rechenfehler gemacht.

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    Auf die Idee, dass die so einen Riesenbock schießen könnten, bin ich einfach nicht gekommen

    Stefan Holzheu

    Hatten Sie das bereits vermutet?
    Holzheu: Überhaupt nicht. Auf die Idee, dass die so einen Riesenbock schießen könnten, bin ich einfach nicht gekommen. Na gut, dachte ich, damit ist die Sache klar. Ich schrieb also wieder an die BGR – und wie zuvor auch ans ZDF. Die hatten immer auf die Aussage vom BGR verwiesen, dass alle Zahlen stimmen.

    Lassen Sie mich raten: Die BGR räumte kleinlaut ihren Fehler ein und das ZDF nahm den Film aus der Mediathek?
    Holzheu: Das dachte ich auch. Aber im Gegenteil: Es kam ein richtig böser Brief, übrigens wieder an meinen Chef, nicht an mich: Ich würde der BGR unterstellen, falsche Zahlen zu veröffentlichen, und ihnen vorwerfen, mit Windkraftgegnern zusammenzuarbeiten. Und wenn überhaupt müsste man die wissenschaftlich publizierte Arbeit im Peer-Review-Prozess diskutieren, das heißt grundsätzlich von unabhängigen Begutachterinnen und Begutachtern aus demselben Fachgebiet. Und vom ZDF kam wieder mal nichts.

    Aber es ging doch „nur“ um die Richtigstellung eines Rechenfehlers.
    Holzheu: Ganz genau. Eines Rechenfehlers einer Eigenpublikation der BGR. Wenn man Interesse daran hat, dass die eigenen Zahlen korrekt sind, dann prüft man das. Schnellstens. So kenne ich es jedenfalls von 99,9 Prozent der Kolleginnen und Kollegen aus der Wissenschaftscommunity.

    Die BGR blieb also bei den falschen Zahlen?
    Holzheu: Ja, leider. Aber es wird noch besser.

    Inwiefern?
    Holzheu: Herr Professor Volker Quaschning machte auf seinem Twitter-Kanal auf den Sachverhalt aufmerksam. Das Feedback der Leser war eindeutig: Ja, da liegt ein Fehler vor. Im Zuge des Tweets schalteten sich dann Experten vom Sächsischen Umweltministerium ein. Darunter ein ausgebildeter Akustiker, der mit mir und auch der BGR Kontakt aufnahm. Die BGR sagte daraufhin zu, die Studie bis Ende November 2020 zu korrigieren.

    Geschah das auch?
    Holzheu: Eben nicht. Ende November zauberte die BGR die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) aus dem Hut: Die Experten hätten alles geprüft. Die Pegel seien doch richtig.

    Hatten Sie etwa selbst einen Fehler gemacht?
    Holzheu: Nein. Ich war mir sicher, dass die BGR sich verrechnet hatte.

    Und dann?
    Holzheu: Ich konnte eine Bundesanstalt nicht so aus der Verantwortung entlassen. Ihre falsche Studie hatte einfach zu viel Gewicht. Also legte ich noch mal über Twitter nach und bekam wieder von Professor Quaschning Unterstützung. Der Tweet wurde von rund zehntausend Menschen gelesen – unter anderem auch vom Bundeswirtschaftsministerium. Das vermittelte dann einen Fragenkatalog an die BGR.

    Puh. Haben Sie zwischendurch auch mal daran gedacht, die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen?
    Holzheu: Nein. Aber warten Sie ab: Es ist noch nicht vorbei.

    Ernsthaft?
    Holzheu: Die BGR hat in den Antworten eindeutige Fakten bestritten, etwa behauptet, dass grundlegende physikalische Rechenregeln hier nicht funktionieren würden und dass sie ein 200-Kilowatt-Windrad vermessen haben – dabei steht im Datenblatt der betreffenden Anlage klar, dass es sich um die Leistungsklasse 660 Kilowatt handelt. Man muss hier wissen, dass die BGR-Studie aus dem Jahr 2005 stammt, wo diese heute geringe Leistungsklasse noch üblich war. Der Unterschied von 440 Kilowatt mag vor dem Hintergrund heute gängiger Drei- bis Vier-Megawatt-Anlagen zwar klein wirken, ist aber relevant für die Berechnung und macht den Pegel größer, als er ist.

    Kaum zu glauben.
    Holzheu: Es war in der Tat kafkaesk. Erst als sich auch Physik-Professor Martin Hundhausen mit einschaltete und bei der PTB nachbohrte, bis diese sich genötigt sah, klarzustellen, dass sie die Rechnung der BGR nicht bestätigt und Journalisten auf den Vorgang aufmerksam wurden, knickte die BGR ein und veröffentlichte ein „Fact-Sheet“, in dem sie den Fehler einräumte. Nur wenige Tage danach, es war im April 2021, erschien ein längerer Artikel zu dem Thema in der „Zeit“. Die „Taz“ und der „Spiegel“ folgten. Und daraufhin hat sich dann Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier öffentlich für den Fehler der ihm unterstellten Bundesbehörde entschuldigt.

    War das aus Ihrer Sicht ausreichend?
    Holzheu: Peter Altmaier hat gute Worte gefunden – aber die BGR hat den Fall bis heute nicht sauber aufgearbeitet. Man hat lediglich den Pegelfehler zugegeben. Die Falschbehauptung vom Wegmitteln der Infraschallspitzen aus dem ZDF-Film ist nach wie vor unkorrigiert. Auch die Berechnung des Schutzabstandes für ihre Infraschallstation halte ich für fehlerhaft. Das enttäuscht mich schon. Bei einem Fehler dieser Tragweite, der den Windkraftgegnern jahrelang in die Hände gespielt und viel Schaden angerichtet hat, hätte ich mir eine vollständige öffentliche Richtigstellung seitens der BGR gewünscht.

    Ist die von Ihnen durchgekämpfte Richtigstellung bei den Windkraftgegnern eigentlich angekommen?
    Holzheu: Mir wird berichtet, dass Infraschall als Killerargument gegen die Windkraft nicht mehr so gut zieht. Es scheint sich langsam allgemein durchzusetzen, dass da nichts dran ist. Was wiederum nicht heißt, dass Windkraftanlagen lautlos sind und ihre Schallemissionen keine Probleme verursachen würden. Aber das kann man in den Griff bekommen durch entsprechende Gegenmaßnahmen.

    Was haben Sie aus der Geschichte gelernt?
    Holzheu: Es lohnt sich, hartnäckig zu bleiben. Mal schauen, wie lange es beim ZDF dauert. Die hatten im Herbst 2020 den Film aus der Mediathek genommen, aber die entsprechende Homepage zwar ohne Film nach Korrektur der Schalldruckpegel durch die BGR wieder online gestellt. Man findet dort jetzt wieder die Falschbehauptung des Wegmittelns sowie die fragwürdige Aussage, Windenergieanlagen würde noch in 15 Kilometer Abstand die Messstation stören.

    Die Fragen stellte Denis Dilba.

    „Bei der Berechnung der Schalldruckpegel ist der BGR ein systematischer Fehler unterlaufen“: Eine Stellungnahme der Behörde zur Infraschallstudie gibt es hier.

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