Was muss also politisch geschehen?
Felix Ekardt: Schritte zur Postfossilität kosten tatsächlich bisher mehr als nötig. Wir lösen zu vieles über Subventionen – für E-Autos, Wärmepumpen oder Industriezweige. Teilweise fördert der Staat damit Haushalte, denen es materiell schon gut geht. All das ändert sich auch unter Schwarz-Rot kaum. Ökologischer, freiheitlicher und ökonomischer wäre ein radikalisierter EU-Emissionshandel. Aber mit Nullemissionen nicht erst 2050, wie von der Union mal propagiert, sondern spätestens 2035 und mit Einbeziehung und massiver Verkleinerung der Tierhaltung. Und mit einem beschleunigten Border Adjustment, um andere Länder zum Mitmachen zu drängen und Emissionen nicht schlicht zu verlagern. Primär nationale Wege bleiben dagegen absehbar unambitioniert – zu groß ist die Angst vor Wettbewerbsnachteilen. Ebenso müssen alle Altzertifikate gestrichen und Schlupflöcher geschlossen werden.
Führt das nicht zu sozialen Schieflagen?
Felix Ekardt: Wenn ein Emissionshandel die Fossilen gesamtgesellschaftlich strikt begrenzt, kann man zudem sozialen Ausgleich betreiben, ohne Anreize für steigenden Verbrauch zu setzen. Die EU hat dafür jetzt den richtigen Schritt getan, nämlich einen europäischen Sozialfonds als Ergänzung zum Emissionshandel aufzulegen. Will man dagegen ein Klimageld zahlen, müsste der Ausgleich primär ärmeren Menschen zugutekommen, die den fossilen Ausstieg nicht schnell genug vollziehen können. Ginge man so vor und striche man außerdem radikal die bisherigen fossilen Subventionen, hätte man auch mehr Geld für Verteidigungsausgaben zur Verfügung. Daneben würden finanzielle Mittel für einzelne sinnvolle Förderungen dort, wo man doch staatliches Geld für grüne Investitionen bräuchte, frei. Mit ihnen könnte man Technologien fördern, die am Markt noch nicht verfügbar sind und deshalb vom Emissionshandel nicht wirksam gepusht werden.
Wie lässt sich dabei aber verhindern, dass Klimapolitik als Bevormundung empfunden wird?
Felix Ekardt: Postfossilität ist Freiheitsschutz. Ohne Demokratie, Umweltschutz und Frieden – und vielleicht auch ohne Wohlstand – wird es keine Freiheit geben. Allerdings brauchen wir ein neues Verständnis von Freiheit, das ihre Voraussetzungen – die Notwendigkeit, für ihren Erhalt Vorsorge zu treffen und ihren intertemporalen und globalen Charakter – stärker betont. Bevormundung wäre, wenn man jemanden vor sich selbst schützt. Darum geht es bei Postfossilität nicht – es geht darum, dass wir alle vor den Folgen eines falschen Festhaltens an den Fossilen geschützt werden. Also Freiheitseinschränkung um der Freiheitssicherung willen. Das Abwägen verschiedener Freiheitssphären einschließlich der dabei nötigen Kompromisse und Einschränkungen ist generell der Kern von Demokratie.
Sie haben mit dem Erfolg Ihrer Klimaklage vor dem Bundesverfassungsgericht 2021 erreicht, dass Klimaschutz gerecht auf Generationen verteilt werden muss.
Felix Ekardt: Die eben geschilderte Sichtweise hat in der Tat das Bundesverfassungsgericht 2021 auf unsere Klimaklage hin bestätigt. Ich bin zuversichtlich, dass es auch unsere beiden Klima- und Biodiversitäts-Nachfolgeklagen aus dem Jahr 2024 positiv sehen wird, die auf einer ähnlichen Basis argumentieren. Es wäre ein weiterer Schritt hin zur dringend notwendigen Postfossilität.
Ist der Rechtsweg am Ende der effektivere Weg für mehr Klimaschutz als etwa Demonstrationen oder eine politische Wahl?
Felix Ekardt: Es ist ein Riesenerfolg, dass unseren Argumenten nun auch der Internationale Gerichtshof und der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte folgen. Dennoch beschränkt sich auch für solche konstitutionellen Gerichte ihre Rolle darauf zu prüfen, ob die Politik sich in einem gewissen Rahmen hält. Das erspart uns allen nicht, um Mehrheiten für die richtigen Maßnahmen zu kämpfen und sie selbst im Alltag umzusetzen, auch wenn Gerichte einen wichtigen Schubser geben.
Die Fragen stellte Kathinka Burkhardt.