
Biomasse-Heizkraftwerk in Wunsiedel: Die Kleinstadt im Fichtelgebirge verbindet all ihre Ressourcen zu einem grünen Gesamtkonzept.
Von Julia Graven
In der Bäckerei sitzen zwei ältere Pärchen vor Kaffee und Kuchen. Vor der Eisdiele schlecken Kinder das erste Eis des Jahres in der zarten Frühlingssonne. Ruhig und beschaulich ist es auf dem Marktplatz von Wunsiedel. Nur ein Schlagbohrer stört die Idylle.
Doch Wunsiedels Bürgermeister Nicolas Lahovnik ist heilfroh über den Lärm auf der Baustelle gegenüber vom Rathaus. Schließlich herrscht wieder Leben in der Stadt. „Vor ein paar Jahren stand die gesamte Ostseite des Marktplatzes leer“, erinnert sich der 35-Jährige, der 2020 ins Amt gewählt wurde. Nun wird das letzte der klassizistischen Bürgerhäuser aus dem 19. Jahrhundert gerade kernsaniert. Im Erdgeschoss soll eine Gastwirtschaft einziehen, darüber entstehen Apartments. „Es geht aufwärts“, sagt der CSU-Politiker. „Und dafür ist zu einem ganz erheblichen Teil der Wunsiedler Weg verantwortlich. Ohne ihn wäre die Stadt nicht so attraktiv.“
Der Wunsiedler Weg? Die Leute hier im Fichtelgebirge wissen, was das ist. Manche können es schon nicht mehr hören, doch die meisten sind stolz darauf. Es ist der Weg in eine neue Energiezukunft, den die Stadt vor einem Vierteljahrhundert begonnen hat. Er soll die Kleinstadt günstig, effizient und sicher mit nachhaltigem Strom und Wärme versorgen, unabhängig von Energiekonzernen mit ihren Großkraftwerken und unabhängig von politischen Weltlagen, die Preise in die Höhe treiben oder Versorgungskrisen auslösen.
Wunsiedel erzeugt Strom im Überschuss – und speichert ihn lokal
Das Konzept hat ein Mann geschmiedet, der an diesem Nachmittag mit einem Elektro-Smart durch die Stadt flitzt. Mit einem sportlichen Schlenker vor dem Energiepark im Osten der Stadt kommt er zum Stehen. Marco Krasser, Geschäftsführer der Stadtwerke Wunsiedel, steigt aus seinem Firmenwagen und marschiert zum Einfahrtstor, wo die Zukunft der dezentralen Energieversorgung beginnt.
Was hier zwischen Ausläufern des Fichtelgebirges und Getreidefeldern im Laufe der vergangenen Jahre entstanden ist, ist ein komplexes Gesamtsystem. Es geht zum einen um die Produktion von möglichst viel grünem Strom. Zum anderen geht es aber um die weitaus schwierigere Frage, wie sich der Strom aus Wind, Sonne und Biomasse sinnvoll speichern lässt. Solarstrom-Überschüsse an Sommertagen, unter denen die Netze zu kollabieren drohen, und Dunkelflauten im November sind bislang ungelöste Probleme.