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Windenergie in Nordfriesland

Das Musterdorf der Energiewende

Die kleine Gemeinde Risum-Lindholm schafft, was anderswo scheitert: Sie überzeugt selbst kritische Einwohner von der Windenergie. Das Rezept: Bürgerbeteiligung. Ein Ortsbesuch in Nordfriesland.

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    Windräder in Schleswig-Holstein: Im Verhältnis zu seiner Fläche hat das Bundesland mehr Windenergie-Kapazität gebaut als alle anderen Flächenländer.

    Windräder gehören an Schleswig-Holsteins Nordseeküste vielerorts so selbstverständlich zum Landschaftsbild wie Dünen und Deiche.

     

    Von Jan Oliver Löfken

    Nur wenige Menschen schlendern über die schmalen Bürgersteige vom Foogedswäi, Faaderswäi oder Üülendik. Friesische Straßennamen, die die Nähe zu Dänemark und zur Nordsee erahnen lassen. Ab und zu fährt ein Auto zwischen den kleinen, teils mit Reet gedeckten Backsteinhäusern hindurch. Sommerliche Ruhe herrscht im nordfriesischen Ort Risum-Lindholm an diesem Sommer-Vormittag. Touristen finden sich kaum. Dabei sind es keine fünf Kilometer entlang von Wiesen und Äckern bis zur Autoverladung nach Sylt.

    Aktiver ist dafür der Wind, der hier nahezu stetig weht.

    Er treibt die 30 Windräder rund um den Ort an – ein Park im Norden und drei im Süden des Ortes. „Damit kommen wir auf eine installierte Leistung von knapp 60 Megawatt“, sagt Theo Steensen, Geschäftsführer des privaten Unternehmens Steensen-Verwaltung. Es hat die Windparks geplant, gebaut und betreut sie bis heute. Die Anlagen liefern viel mehr Strom, als die aktuell 4083 Einwohner von Risum-Lindholm benötigen. Der Großteil wird – auf 110 Kilovolt im eigens gebauten Umspannwerk transformiert – ins Stromnetz eingespeist und in den energiehungrigen Süden geleitet.

    Strom aus fossiler Energie? Spielt in Schleswig-Holstein nur noch eine Nebenrolle

    Risum-Lindholm ist damit eine der Ortschaften, die Schleswig-Holstein zu einem Vorreiter der Windkraft machen. Die 2985 Anlagen des Landes brachten es im Juli auf eine Leistung von 7051 Megawatt. Sie liefern den Löwenanteil der gut 40 Milliarden Kilowattstunden, die pro Jahr zwischen Nord- und Ostsee produziert werden. Knapp 27 Prozent steuert bis Jahresende das Kernkraftwerk Brokdorf bei – nach aktueller Lage vielleicht auch noch etwas länger. Fossile Energieträger spielen bei der Stromerzeugung mit weniger als zehn Prozent eine untergeordnete Rolle. Bei einem Eigenbedarf von knapp 16 Milliarden Kilowattstunden zählt Schleswig-Holstein damit zu den wichtigsten Stromexporteuren der Republik.

    Windenergie nach Bundesländern: Schleswig-Holstein hat mehr Windkraftleistung im Verhältnis zur Landesfläche installiert als alle anderen Flächenländer. Infografik: Benedikt Grotjahn

    In Schleswig-Holstein stehen im Verhältnis zur Landesgröße mehr Windräder als in den anderen Flächenländern.

    Windstrom ist in Schleswig-Holstein ein Massenprodukt. Doch während in anderen Teilen der Republik um jedes Windrad gestritten wird und Landesregierungen den Ausbau mit weitreichenden Abstandsregelungen bremsen, gibt es im Norden nur selten lauten Widerstand. Dabei sind die meisten Windräder mit ihren bis zu 100 Meter hohen Türmen und noch etwas größeren Rotordurchmessern durchaus auffällig. In einigen Regionen bestimmen sie gar das Landschaftsbild. Warum die Windenergie in Schleswig-Holstein auf so breite Akzeptanz stößt, lässt sich an kaum einem Beispiel besser erklären als an Risum-Lindholm.

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    Wir haben hier Bedingungen geschaffen, mit denen alle leben können

    Hans Bruhn, Bürgermeister von Risum-Lindholm

    Ein Teil der Ursache liegt sicher im optisch günstigen Standort der Windparks. Vom Dorfkern aus fällt kaum eine Anlage in den Blick. Das ändert sich erst hinter den Ortsschildern im Süden und Norden. Aber auch hier sind die Abstände der Windräder zum nächsten Haus nicht eben klein.

    Dennoch gab es auch in Risum-Lindholm einzelne Windkraftkritiker. Wichtiger als die Standortwahl dürfte daher ein anderer Grund sein. „Wir haben hier Bedingungen geschaffen, mit denen alle leben können“, sagt Bürgermeister Hans Bruhn im Gespräch mit EnergieWinde. Das Rezept: Der Ort hat dafür gesorgt, dass die überwiegende Mehrheit der Einwohner von den Windparks profitieren.

    Windräder am Ortsrand von Risum-Lindhom: In dem Dorf in Nordfriesland profitiert ein Großteil der Einwohner finanziell von den vier Bürgerwindparks. Foto: Jan Oliver Löfken

    Windräder am Ortsrand: In Risum-Lindhom profitiert ein Großteil der Einwohner finanziell von der Energiewende.

    „Bürgerbeteiligung ist ein wesentlicher Schlüssel zur hohen Akzeptanz“, sagt Windkraftunternehmer Theo Steensen. In Risum-Lindholm sind die Einwohner daher an allen vier Bürgerwindparks beteiligt. „Selbst einige frühere Kritiker sind heute Anteilseigner“, sagt Steensen, der in anderen Regionen des Landes vergleichbare Projekte angestoßen hat. Er betont, dass ihm ein steter, offener Dialog sehr wichtig sei. Alle Einwohner könnten daran regelmäßig daran teilnehmen, mindestens auf ein bis zwei jährlichen Treffen.

    Reden und Austausch allein sind aber nicht alles. „Veränderungen tun nicht so weh, wenn man daran verdient“, bringt es Steensen auf den Punkt.

    600 Einwohner haben sich an einem Park beteiligt – mit zusammen drei Millionen Euro

    Die Beteiligungsrunde für den Windpark Osterdeich vor acht Jahren steht exemplarisch dafür. „Jede und jeder Volljährige hatte die Chance, sich zu beteiligen“, sagt Bürgermeister Bruhn. Mindestens 500 und höchstens 10.000 Euro konnten dafür angelegt werden.

    Die Resonanz war gewaltig. Rund 600 Einwohner nutzten die Chance und wurden Teilhaber. Drei Millionen Euro kamen so zusammen. Sie sicherten damit einen Eigenanteil von 20 Prozent an dem 15-Millionen-Euro-Projekt. Die fehlenden 80 Prozent steuerten Kredite bei. Sind sie abgetragen, befindet sich der Windpark komplett in Bürgerhand. „Und wer seinen Beitrag nicht auf der hohen Kante hatte, konnte sich einen verbürgten Kredit geben lassen, unabhängig vom eigenen Einkommen“, sagt Bruhn. Nur wer gerade eine Insolvenz durchlief, war ausgeschlossen.

    Eine lohnenswerte Investition. „Wir erreichen etwa eine jährliche Rendite von 20 Prozent“, sagt Bruhn. So genießen nicht wenige Risum-Lindholmer ein- oder zweimal im Jahr eine Ausschüttung im vierstelligen Bereich – abhängig von der Höhe der eigenen Einlage. Einwohner, die schon länger auch an den etwas älteren Windparks beteiligt sind, sprechen sogar von Renditen oberhalb der 20-Prozent-Marke.

    Die Windparks bleiben in Bürgerhand: Ein Verkauf der Anteile ist nicht möglich

    Bei dieser Verzinsung denkt kein Teilhaber an einen Verkauf seiner Anteile. Das könnte er allerdings auch gar nicht. „Die Anteile sind nicht verkaufbar“, sagt Steensen. „Sie lassen sich nur vererben.“ So sehr sich die Teilhaber über den regelmäßigen Renditeregen freuen, kam es in der Vergangenheit vereinzelt zu Überraschungen bei der Steuererklärung. „Für viele war es neu, Kleinunternehmer zu sein, die Gewinne auch versteuern müssen“, sagt Steensen.

    „Das Dorf, das alles hat“: Risum-Lindholm in Nordfriesland treibt den Ausbau der Windenergie im Einvernehmen mit den Anwohnern voran. Foto: Jan Oliver Löfken

    „Das Dorf, das alles hat“: Die öffentliche Infrastruktur in Risum-Lindholm ist dank der Einnahmen aus den Windparks gut ausgestattet.

    „Wir sind an zwei der Windparks beteiligt“, sagt eine Gewerbetreibende Anfang, Mitte 40. Geld ohne Arbeit, das sei doch klasse, zumal, die Windräder nicht ständig ins Blickfeld fielen. Und sollte einmal etwas nicht glatt laufen, wisse sie, wo sie sich beschweren kann: Die Steensen-Verwaltung befindet sich mitten im Ort im Heie-Juuler-Wäi 1. Natürlich kenne sie auch Theo Steensen. So schafft persönliche Nähe zu den Verantwortlichen eine Grundlage für dauerhafte Akzeptanz.

    „Ich habe die Beteiligung damals leider verpasst“, sagt eine ortsansässige Angestellte einer Bäckerei. Dennoch findet sie erneuerbare Energien gut, und immerhin freuten sich einige in ihrem Familien- und Freundeskreis über die regelmäßigen Ausschüttungen. „Gerade heute sehen wir ja, dass wir die Energie brauchen, um unabhängiger zu werden“, sagt ein Passant in den Vierzigern, trainiert und in Sportkleidung. „Wenn etwas Neues geplant wird, sind wir dabei“, sagt er.

    Kindergärten, Freibad, Glasfasernetz: Das Dorf lebt gut von den Erlösen

    Wer nicht an den Parks beteiligt ist, profitiert zumindest indirekt davon. „Finanziell sind wir in unserer Kommune ganz gut aufgestellt“, sagt Bürgermeister Bruhn. 70 Prozent der Gewerbesteuer fließen aktuell aus den erneuerbaren Energien – neben der Windkraft wird in dem Dorf auch noch Gas aus Biomasse gewonnen. „Drei Kindergärten mit gutem Personalschlüssel, ein Freibad mit günstigem Eintritt, ein Sportverein mit eigener Halle und ein Glasfasernetz“, zählt Bruhn nur einige Punkte auf, die sich sein Ort dank der sicheren Steuergelder leisten kann.

    Besonders stolz ist er auf die Arztpraxis, die die Kommune gekauft hat, als diese ihren Dienst vor einigen Jahren einstellte. So drohte auch in Risum-Lindholm wie in vielen anderen ländlichen Regionen Deutschlands eine medizinische Unterversorgung. „Wir haben die Praxis auf Gemeindekosten saniert und heute wieder an einen Arzt vermietet“, sagt Bruhn.

    Das nächste Projekt ist schon in Planung: eine sauberer Wärmeversorgung

    Gerade in diesem Jahr profitieren die Windparks von den sehr hohen Notierungen an der Strombörse. „Mit diesem Geld werden wir weitere neue Projekte anstoßen können“, sagt Theo Steensen. Die Wärmeversorgung sei dabei ein großes Thema, der Ausbau eines Nahwärmenetzes bereits konkret ins Auge gefasst. Dabei soll nicht nur Biogas die Wärme liefern. Aktuell überlegt Steensen, wie auch überschüssiger Windstrom für eine Wärmegewinnung genutzt werden könnte. „Denn die Abregelung unserer Windräder macht schon bis zu 30 Prozent aus“, sagt Steensen. Statt die Parks herunterzufahren, wenn ihr Strom gerade nicht gebraucht wird, könnte daraus etwa mit einer Elektrolyse-Anlage Wasserstoff erzeugt und zum Biogas ins Netz beigemischt werden.

    Wie genau Risum-Lindholm seine Energieversorgung weiter klimafreundlich wandeln wird, ist noch nicht entschieden. Doch die Einwohner können sicher sein, rechtzeitig davon zu erfahren – und sich dann wieder selbst beteiligen zu können.

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