Picture-Alliance/ZB/Euroluftbild
Windräder in der Nordsee: Weil die Kosten gestiegen sind, gilt der Bau von Parks mit einer Kapazität von bis zu 16 Gigawatt als unsicher.
Von Volker Kühn
Als Deutschland im Sommer 2023 Lizenzen zum Bau von Offshore-Windparks versteigerte, muss sich das für die Bundesregierung angefühlt haben wie ein Sechser im Lotto. Flächen für Parks mit gut neun Gigawatt kamen damals unter den Hammer. Dass es hohe Gebote geben würde, hatten viele geahnt. Dass aber mehr als 13 Milliarden Euro zusammenkommen würden, war eine Sensation. Nie zuvor hatten Windparkbetreiber mehr gezahlt.
Oder besser gesagt: zu zahlen angekündigt.
Denn 90 Prozent der Gebotssumme sollen erst im Betrieb der Parks fließen; nur zehn Prozent waren bereits fällig. Außerdem mussten die Bieter einen „Bid Bond“ in dreistelliger Millionenhöhe als Sicherheit hinterlegen.
Doch dass die damals siegreichen Bieter um die Ölkonzerne Total Energies und BP wirklich bauen werden, ist ungewiss. Denn die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen drei Jahren deutlich verschlechtert.
„Wenn ich mir vorstelle, ich wäre Aufsichtsrat eines Konzerns, der über ein Projekt aus dem Jahr 2023 zu entscheiden hätte, würde ich mich fragen, ob es wirklich schlau wäre, dem Bau noch zuzustimmen – oder ob ich es lieber abblasen sollte, um mir in einer der kommenden Auktionen günstig ein neues Projekt zu sichern“, sagte der Offshore-Wind-Experte Dominik Hübler bereits im vergangenen Jahr auf EnergieWinde. Drohende Strafzahlungen könnten das kleinere Übel sein.
Ein Ausfall der Parks wäre dramatisch – für die Branche und Deutschlands Klimaziele
Medienberichten zufolge sieht man das bei Total Energies ähnlich, womöglich auch bei BP. Im Bundesverband Windenergie Offshore (BWO) heißt es, mehrere Unternehmen hätten angedeutet, dass es fraglich sei, ob sie angesichts der schlechteren Rahmenbedingungen eine finale Investitionsentscheidung (FID) treffen und tatsächlich bauen würden.
Sollten die Projekte wirklich ausfallen, hätte das drastische Folgen auf mehreren Ebenen. Der Offshore-Windbranche mit ihren Zehntausenden von Jobs drohte ein erneuerter „Fadenriss“ wie Anfang der Zehnerjahre, als die damalige Bundesregierung den Ausbau in Deutschland abwürgte. Firmenpleiten und Entlassungen waren die Folge.
Aber auch Deutschlands Klimaziele wären in Gefahr. Denn ohne den Grünstrom vom Meer wäre es kaum möglich, den CO2-Ausstoß wie geplant zu senken.
Es geht um 16 Gigawatt – und Investitionen von 50 Milliarden Euro
Nach Angaben des BWO stehen aber nicht nur die 2023 versteigerten Flächen im Feuer. Auch Projekte aus den beiden Folgejahren seien gefährdet. Insgesamt gehe es um eine Offshore-Wind-Kapazität von 16 Gigawatt. Zum Vergleich: Heute kommt Deutschland insgesamt auf gut zehn Gigawatt. Die volkswirtschaftlichen Folgen wären enorm. Dem BWO zufolge hängen an den Projekten Investitionen von gut 50 Milliarden Euro.