„Windklau“

  • Search07.05.2026

Rechtsstreit auf See: Wem gehört der Wind?

Je geringer der Abstand von Offshore-Windrädern, desto weniger Strom erzeugen sie: In Großbritannien beschäftigen solche Abschattungseffekte die Gerichte. Doch es gibt Möglichkeiten, sie zu minimieren.

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    Windräder vor der englischen Ostküste im Offshore-Windpark Sheringham Shoal: Werden die Parks zu engmaschig gebaut, sinkt der Stromertrag.

    Windräder vor der englischen Ostküste: Werden die Parks zu engmaschig gebaut, sinkt der Stromertrag.

     

    Von Kathinka Burkhardt

    In der britischen Nordsee geht es mitunter stürmisch zu – auch unter den Betreibern von Windparks. Es ist ein Rechtsstreit entbrannt um eine Frage, die auf Außenstehende absurd wirken mag: Wem gehört der Wind? Denn das flüchtige Element ist nur scheinbar endlos. Je mehr Parks gebaut werden, desto öfter rauben sie sich gegenseitig den Wind. In der Branche ist von „Windklau“ die Rede. Physikalisch wird das Phänomen der Verschattung von Windparks „Nachlaufeffekt“ oder englisch wake effect genannt.

    Für Parks, die dadurch weniger Wind abbekommen, hat das handfeste Folgen: Sie erzeugen weniger Strom und liefern damit niedrigere Umsätze; ganze Geschäftspläne können so ins Wanken geraten. Der norwegische Energiekonzern Equinor etwa fürchtet Einbußen zwischen 75 und 235 Millionen Euro in seinen Windparks Sheringham Shoal und Dudgeon sowie deren geplanten Erweiterungen, wenn in der Nachbarschaft ab 2027 der Windpark Outer Dowsing gebaut wird.

    Jede Turbine entzieht dem Wind Energie. Für die nachfolgenden ist weniger übrig

    Es ist wie in einem Segelrennen, in dem das vorderste Boot den besten Wind bekommt. Alle nachfolgenden müssen mit der verbliebenen Energie dahinter arbeiten. Genauso wirken sich Wake-Effekte zwischen Windparks auf die Stromerzeugung aus. Je geringer der Abstand zwischen den Turbinen, desto schlechter erholt sich der Wind auf seinem Weg über das Meer – und desto geringer die Stromausbeute.

    Abschattungseffekte können große Distanzen betreffen. Modellierungen und Messreihen des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) haben gezeigt, dass sich unter bestimmten atmosphärischen Bedingungen selbst mehr als 50 Kilometer voneinander entfernte Parks beeinflussen. Far wakes werden diese Fern-Nachlaufeffekte genannt.

    Windgeschwindigkeiten in der deutschen Nordsee und erwartbare Volllaststunden von Offshore-Windrädern: Je geringer die Abschattungseffekte, desto höher die Stromproduktion. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Studien gehen von Ertragsverlusten von fünf bis zehn Prozent zwischen einzelnen Offshore-Windparks aus; in dichten Windpark-Clustern, wie sie in der Nord- und Ostsee geplant sind, können die Verluste auch höher liegen. Das Fraunhofer IWES weist darauf hin, dass beim angestrebten Ausbau auf 70 Gigawatt Offshore-Wind-Leistung Wake-Effekte insbesondere in der Deutschen Bucht zu einem relevanten Ertragsrisiko werden können, sofern Flächenplanung und Parkabstände nicht darauf abgestimmt werden.

    Einspruch abgelehnt: In direkter Nachbarschaft darf ein Park gebaut werden

    Damit drohen auch in deutschen Gewässern Streits wie in Großbritannien. Dort betreibt Equinor die Windparks Dudgeon und Park Sheringham Shoal. Nur etwa 13 Kilometer entfernt plant ein Konsortium um den französischen Energiekonzern TotalEnergies den Park Outer Dowsing – in einer Distanz, in der Wake-Effekte unumgänglich sind.

    Das Projekt würde nicht nur Dudgeon bei den typischen Westwinden in eine schlechtere Position bringen, sondern auch Wake-Effekte verstärken, die bereits zwischen den beiden vorhandenen Equinor-Parks bestehen. Trotz eines Einspruchs von Equinor genehmigte die britische Regierung den geplanten Park im Februar 2026.

    Es ist nicht der erste Konflikt: Zuvor hatte der dänische Konzern Ørsted Einwände gegen die Projekte Mona und Morgan von BP und EnBW in der Irischen See vorgebracht. Im Oktober 2025 schaltete sich Energieminister Ed Miliband ein. Er kritisierte, dass BP und EnBW eine ausreichende Wake-Effekt-Analyse im Vorfeld versäumt hätten. Zwar genehmigten die britischen Behörden die Projekte, künftig soll Wake-Effekten laut der britischen Regierung aber im Planungsprozess mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. (Transparenzhinweis: Ørsted finanziert das journalistische Angebot von EnergieWinde.)

    Wake-Effekte machen Flächen weniger attraktiv. Das zeigt sich in Deutschland

    In Deutschland hat das Thema an Brisanz gewonnen, seit 2025 eine Offshore-Wind-Auktion gescheitert ist. Es war das erste Mal, dass sich kein einziger Bieter für zwei ausgeschriebene Flächen zum Bau von Windparks fand. Viele Beobachter gaben Abschattungseffekten in der Deutschen Bucht die Schuld.

    „In den Flächen, die bei der letzten Auktion nicht vergeben werden konnten, bestehen sicherlich höhere Nachlaufeffekte als im europäischen Vergleich“, sagt Martin Dörenkämper vom Fraunhofer IWES im Gespräch mit EnergieWinde. Allerdings seien in den vergangenen Jahren auch Flächen mit noch höheren Nachlaufeffekten erfolgreich vergeben worden. Doch damals waren andere Faktoren wie Baukosten und Zinsen für Investoren noch günstiger. Auch Personalmängel und Engpässe in den Lieferketten haben sich seither verschärft. Und eben die Wake-Effekte, die somit zumindest teilweise für den Auktionsflopp verantwortlich sein dürften.

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    Wenn wir erfolgreiche Auktionen sehen wollen, wäre es sinnvoll, die Flächenplanung zu überdenken

    Christine Bader, Watson Farley & Williams

    Der Kostendruck ist über die vergangenen Jahre gestiegen, die Rentabilität der Parks sinkt. Experten fordern daher politische Maßnahmen. „Wenn wir erfolgreiche Auktionen sehen wollen, wäre es sinnvoll, die Flächenplanung zu überdenken“, sagt Christine Bader, Juristin der Kanzlei Watson Farley & Williams in Hamburg. „Man könnte eventuell die geforderte installierte Leistung auf bestimmten Flächen verringern und auch bei der zeitlichen Reihenfolge der Flächen das Thema Turbulenzen berücksichtigen“, so Bader gegenüber EnergieWinde. Wenn der Fokus stets nur darauf liege, so viele Megawatt wie möglich auf einer Fläche zu installieren, könnten von Nachlaufeffekten besonders betroffene Flächen unattraktiv für Investoren werden.

    Turbulenzen können Windräder beschädigen. Der Wartungsaufwand steigt

    Dass die Streitigkeiten um Offshore-Windparks wie in Großbritannien vor Gericht landen, ist in Deutschland auf Sicht aber unwahrscheinlich, da der Offshore-Ausbau dem Flächenentwicklungsplan des Bundesamts für Schifffahrt und Hydrographie (BSH) folgt und im Grunde feststeht, wann welche Flächen bebaut werden und mit welcher Kapazität. Um Windparks an Land dagegen laufen entsprechende Verfahren. Dabei differenziert die Rechtsprechung zwischen zwei Fällen: der Schädigung vorhandener Anlagen durch Windturbulenzen, die von nachträglich hinzugebauten Windrädern ausgehen (die Lebensdauer der Anlagen sinkt, der Wartungsaufwand steigt) sowie einer möglichen Minderung des Stromertrags.

    Abschattungseffekte (wake effects) in der Offshore-Windenergie: Je dichter Windparks zueinander stehen, desto stärker rauben sie sich gegenseitig den Wind. Das führt zu Rechtsstreitigkeiten unter den Betreibern.

    Windräder in der Deutschen Bucht: Die Nordsee-Anrainer wollen den Offshore-Wind-Ausbau besser abstimmen, um Abschattungseffekte zu verringern.

    Eine Kompensation für geringere Einnahmen aufgrund nachträglicher Abschattung wird allerdings regelmäßig abgelehnt – auch wenn das Bundesverwaltungsgericht grundsätzlich die Möglichkeit geschaffen hat, solche Ansprüche geltend zu machen. „Das Gericht hat dabei klargemacht, dass ein Verlust von deutlich unter zehn Prozent dafür nicht ausreicht, weil niemand darauf vertrauen kann, dass die Windverhältnisse an einem Ort immer so bleiben, wie sie einmal waren“, sagt Juristin Bader. Gerade in ausgewiesenen Windgebieten müssten Betreiber laut Richtern stets damit rechnen, dass weitere Anlagen errichtet werden und eine Veränderung der Windturbulenzen eintreten können.

    Auf See ruft die Problematik nach einer besseren Kooperation unter den Nord- und Ostseestaaten. „Die Auswirkungen von Nachlaufströmungen sollten durch eine verbesserte maritime Raumplanung, optimierte Methoden zur Wind-Analyse und eine engere Zusammenarbeit der europäischen Länder auf Meeresbeckenebene angegangen werden“, sagt Christoph Zipf, Sprecher des europäischen Offshore-Verbands WindEurope, gegenüber EnergieWinde. Anfang des Jahres haben Europas Offshore-Wind-Länder auf dem Nordseegipfel vereinbart, ihre Aktivitäten enger abzustimmen – auch um mögliche Nachlaufeffekte zu mindern.

    Deutsche Gewässer werden besonders dicht bebaut. Doch es gäbe Alternativen

    „In Deutschland ist die Erzeugung von Offshore-Energie im Vergleich zu anderen europäischen Staaten besonders ineffizient, weil wir wenig Fläche haben und entsprechend besonders dicht in den Parks planen müssen“, sagt Wissenschaftler Dörenkämper. Theoretisch könnte die deutsche See tatsächlich noch enger mit Windanlagen bebaut werden. Dies wäre allerdings unwirtschaftlich, da die Abschattungseffekte zwischen den Windrädern den Ertrag pro Anlage irgendwann so mindern würden, dass eine Refinanzierung des Baus oder die Erwirtschaftung einer Rendite für Betreiber unmöglich würde.

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    Es wäre eine Überlegung, ob man in Gebieten von Dänemark Offshore-Anlagen baut oder nutzt

    Martin Dörenkämper, Fraunhofer IWES

    Auf Sicht könnte für Deutschland die direkte Zusammenarbeit mit anderen Staaten sinnvoll sein. Großbritannien etwa verfügt über ein vielfach größeres Seegebiet. Dänemark besitzt gerade in der Nordsee ebenfalls viel Platz, den es zur Deckung seines Bedarfs an Offshore-Strom nicht benötigt. „Es wäre eine Überlegung, ob man die Flächenkulisse in Deutschland so beibehält wie vorhanden, aber in Gebieten von Dänemark Offshore-Anlagen baut oder nutzt“, so Dörenkämper. „Dadurch wären in den deutschen Offshore-Parks langfristig höhere Erträge möglich, und der Ausbau aus gesamteuropäischer Perspektive wäre effizienter.“

    Wann wird welcher Park gebaut? Die Reihenfolge beeinflusst die Stromerträge

    Eine andere Möglichkeit wäre, erst die weiter vom Land entfernten Gebiete zu bebauen, um die Leistung bereits vorhandener Parks länger unbeeinflusst zu lassen. Doch das hätte ungewünschte Nebenwirkungen. „Je weiter draußen ein Offshore-Park liegt, desto höhere Kosten entstehen beim Transport der Anlagen und Installation“, sagt Dörenkämper. Es bräuchte längere Kabel für den Anschluss zum Land, aber auch die Versorgung der Fachkräfte zum Bau und zur Wartung wäre aufwändiger. „Zudem hilft es auch nur wenige Jahre, da der Zubau in näheren Gebieten ja später auch erfolgt“, sagt Dörenkämper.

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