Klimaneutralität 2045

Abkürzung in die Zukunft

Mit einem deutlich schnelleren Ökostromausbau kann Deutschland laut einer neuen Studie schon 2045 klimaneutral sein. Voraussetzung: Die Politik räumt den Erneuerbaren eindeutig Priorität ein – etwa bei Konflikten um Flächen für Windräder.

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    Offshore-Windpark in der Ostsee: Wenn Deutschland zur Jahrhundertmitte klimaneutral sein will, müssen mehr Flächen für Windparks auf See und an Land ausgewiesen werden.

    Windpark in der Ostsee: Von einer schnelleren Energiewende profitierten Klima und Wirtschaft gleichermaßen, sagen die Verfasser der Studie. Allerdings müsse man sich auf Verteilungskämpfe gefasst machen.

    Von Volker Kühn

    Zum Ende eines Monats, in dem sich Länder aus aller Welt mit der Ankündigung schärferer Klimaziele übertrumpft haben, legt eine neue Studie noch einen drauf: Deutschland könne schon 2045 klimaneutral sein, fünf Jahre früher als bislang angepeilt, rechnen drei Thinktanks vor. „Klimaschutz in Deutschland ist bisher ein ICE im Regionalzugtempo. Aber da geht mehr“, sagte Agora-Energiewende-Chef Patrick Graichen bei der Vorstellung der Analyse.

    Die Grundlage für ein klimaneutrales Deutschland sei ein erheblich beschleunigter Ökostromausbau, so die gemeinsame Studie von Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und der Stiftung Klimaneutralität. Schon 2030 müssten 70 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren stammen. Heute sind es gut 50 Prozent. Dafür seien 80 Gigawatt Wind an Land, 25 Gigawatt Offshore-Wind und 150 Gigawatt Fotovoltaik nötig. Noch ambitionierter lesen sich die Ziele für 2045 mit 385 Gigawatt Fotovoltaik und 145 Gigawatt Wind an Land. Offshore-Wind soll sich gegenüber heute auf 70 Gigawatt fast verzehnfachen.

    Der Ausbau der Windkraft stößt auf Hindernisse – an Land genau wie auf See

    Kaum vorstellbar, wenn man sich die Trippelschritte ansieht, in denen die Energiewende in den vergangenen Jahren vorangekommen ist. Vor allem der Windkraftausbau stockt. Das gilt nicht nur an Land, wo Anwohner eine Verschandelung der Landschaft beklagen oder Naturschützer um seltene Vögel fürchten. Auch die vermeintlich unberührten Flächen auf See sind umkämpft. Schifffahrt, Fischerei, Militär, Rohstoffabbau, Naturschutz, Tourismus: Sie alle beanspruchen ihren Platz im Wirtschaftsraum Nordsee. Mit der Offshore-Windenergie ist vor zehn Jahren ein weiterer Akteur hinzugekommen. Ein beschleunigter Ausbau wird die Verteilungskämpfe fast zwangsläufig verschärfen.

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    Wir brauchen eine klare Prioritätensetzung zugunsten erneuerbarer Energien. Da werden andere Nutzungen ein Stück zurücktreten müssen

    Rainer Baake, Direktor der Stiftung Klimaneutralität

    Das Konfliktpotenzial sieht auch Rainer Baake, Direktor der Stiftung Klimaneutralität. Trotzdem sei es zwingend nötig, zwei Prozent der Flächen an Land für Windräder zu reservieren. Ähnliches gelte für die Offshore-Windenergie. „Wenn wir da rangehen wie bisher, dass wir nämlich schauen, was für Nutzungen es bislang in der Nord- und Ostsee gibt und was übrig bleibt, nachdem wir Abbaugebiete und so weiter ausgeschlossen haben, dann kommen wir zu dem Schluss, dass für die Offshore-Windenergie nicht genügend Platz da ist“, sagte Baake. „Wir brauchen eine klare Prioritätensetzung zugunsten erneuerbarer Energien. Da werden andere Nutzungen ein Stück weit zurücktreten müssen.“ Das sei auch eine Frage der Glaubwürdigkeit: Die Politik könne nicht in Sonntagsreden Klimaneutralität versprechen, aber von Montag bis Freitag erklären, dass man es leider nicht hinbekomme.

    Das grüne Dilemma: Naturschützer streiten mit Klimaschützern

    Wie tief die Konflikte wurzeln, zeigt das Beispiel der Offshore-Windenergie, wo oft Ökos gegen Ökos kämpfen. Zwar sprechen sich auch die großen Naturschutzorganisationen im Grundsatz für mehr Windräder auf See aus. Allerdings dürfe der Ausbau nicht bedenkenlos vorangetrieben werden, um Populationen von Vögeln wie den Seetaucher nicht noch stärker zu gefährden.

    Ähnlich wie Baake sieht auch Kim Detloff, Leiter der Abteilung Meeresschutz beim Nabu, ein Verteilungsproblem, bei dem nicht alle Nutzer im gleichen Maß wie bislang zum Zuge kommen könnten. Naturverträglich könnten höhere Ausbauziele für die Offshore-Windenergie „nur dann funktionieren, wenn dafür etwa der Sand- und Kiesabbau, die Schifffahrt, das Militär oder die Fischerei Abstriche machen“, sagte Detloff bereits 2019 im Gespräch mit EnergieWinde. Allerdings war damals noch von 20 Gigawatt Offshore-Wind die Rede. Nicht von 70, wie sie der Studie zufolge 2045 nötig sind.

    Bau eines Windrads bei Schwerin: „Investitionen first, Bedenken second!“

    Was das Problem zumindest entschärfen könnte, ist der enorme Leistungszuwachs von Offshore-Windrädern. In einigen der 27 deutschen Windparks auf See arbeiten noch Turbinen mit einer Kapazität von 3,6 Megawatt. In drei Jahren sollen bereits Anlagen mit 14 oder 15 Megawatt auf den Markt kommen, und das Ende der Fahnenstange scheint damit noch nicht erreicht. Neue Windparks können damit auf derselben Fläche ein Vielfaches des Stroms alter Parks erzeugen.

    Die Windbranche verweist zudem darauf, dass man zwischen Individuenschutz und Artenschutz unterscheiden müsse. Es sei ein Unterschied, ob ein Windrad einzelne Exemplare einer Vogelart in einem bestimmten Gebiet gefährde oder ob eine Art insgesamt in ihrem Bestand bedroht sei. Umweltverbände wiederum sehen in dem Argument ein Einfallstor, mit dem der Artenschutz auf breiter Front zurückgedrängt werden könne.

    Rainer Baake glaubt, dass sich dieser Konflikt lösen lässt. Er hat für kommende Woche einen konkreten Vorschlag zu der Frage angekündigt, wie Klimaschutz und Artenschutz in Einklang zu bringen seien. In dieser Ankündigung zeigt sich genau wie in den bisher vorgelegten Studien die Strategie der drei Thinktanks: Sie wollen der künftigen Bundesregierung, ganz gleich unter welcher Führung, einen Instrumentenkasten zur Verfügung stellen, mit dem sie den Klimaschutz vom ersten Tag an vorantreiben kann.

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    Klimaneutralität ist ein Investitionsprogramm, vergleichbar mit den Wirtschaftswunderjahren, als die Infrastruktur komplett erneuert und der Grundstein für den späteren Wohlstand gelegt wurde

    Patrick Graichen, Direktor von Agora Energiewende

    Bei der Vorstellung der Studie warben Baake, Graichen und Agora-Verkehrswende-Chef Christian Hochfeld nicht nur mit dem Klimaargument für ihr Konzept. Sie betonten, dass es sich dabei zugleich um ein Programm zur Sicherung des Standorts Deutschland handle. „Klimaneutralität, egal ob 2045 oder 2050, ist ein groß angelegtes Wirtschafts- und Investitionsprogramm“, sagte Graichen. „Es ist im Grunde vergleichbar mit den Wirtschaftswunderjahren in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als die Infrastruktur in Deutschland komplett erneuert und damit der Grundstein für den späteren Wohlstand gelegt wurde.“

    Der Klimagipfel von Joe Biden habe gezeigt, dass alle großen Wirtschaftsblöcke der Welt inzwischen Kurs auf Klimaneutralität genommen hätten, sagte Graichen. Wenn Deutschland dabei mitspielen wolle, müsse es als Technologienation immer ein Stück weit vor den anderen sein. Dann habe es die Chance, zum Leitmarkt für die Welt zu werden. „Wir müssen die Beamtenmentalität beim Thema Energiewende ablegen“, sagte Graichen. „Wir brauchen Investitionen first, Bedenken second.“

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