Grenzüberschreitende Offshore-Windparks

Wilde Ehe in der Ostsee

Zum ersten Mal sind Offshore-Windparks an die Stromnetze mehrerer Länder angeschlossen worden. Nach dem Willen der EU soll das Modell Schule machen. Doch dazu müssen die Staaten ihre Gesetze harmonisieren. Und ein deutscher Sonderweg gefährdet das Ziel zusätzlich.

InhaltsverzeichnisToggle-Icons

    Deutsch-Dänische Strombrücke: Peter Altmaier und Stefan Kapferer bei der Einweihungsfeier der Combined Grid Solution in Berlin.

    Die Hochzeitsgäste: Wirtschaftsminister Peter Altmaier (links) und 50-Hertz-Chef Stefan Kapferer weihen die Kabelverbindung ein.

    Von Helmut Monkenbusch

    Als am 20. Oktober der deutsche Offshore-Windpark Baltic 2 und der dänische Windpark Kriegers Flak Vermählung feiern – sie sind von nun an per Stromkabel miteinander verbunden – da überschlagen sich die zur Hochzeitsfeier in Berlin geladenen Gäste in Superlativen. Das Bündnis sei ein „europäisches Leuchtturmprojekt für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Bereich Windenergie auf See“, schwärmt Wirtschaftsminister Peter Altmaier auf einer Bühne im Firmensitz des Netzbetreibers 50Hertz.

    Dessen Geschäftsführer Stefan Kapferer spricht von einer „Weltneuheit“, die „Vorbildcharakter für zukünftige Offshore-Stromnetze“ habe. Auch sein dänisches Pendant Thomas Egebo, CEO des Netzbetreibers Energinet, ist voll Lob; er nennt die Hochzeit in der Ostsee einen „wichtigen Meilenstein“, um in seinem Land „bis 2030 ein zu 100 Prozent grünes Stromnetz zu etablieren“.

    In ihrer Feierlaune sehen die Anwesenden an diesem Tag darüber hinweg, dass die grenzüberschreitende Verbindung gegen alle Widrigkeiten der gesetzgeberischen Regulatorik zustande gekommen ist. Es handelt sich genau genommen um eine wilde Ehe.

    300 Millionen Euro kostet das Projekt. Langfristig soll es die Strompreise senken

    Denn für Windparks, die mit einem grenzüberschreitenden Kabel an mindestens zwei Staaten angebunden sind – im Fachjargon „hybride Projekte“ genannt –, existieren schlicht noch keine Regeln. Es bedurfte einer Ausnahmegenehmigung der EU-Kommission, damit die Strombrücke von 50Hertz und Energinet in Bau gehen durfte.

    „Combined Grid Solution“ (CGS) tauften die Betreiber ihr 25 Kilometer langes Stromkabel (Fachjargon: Interkonnektor). Es sorgt für die erste Stromverbindung zwischen zwei Ländern, die sowohl Offshore-Windkraft an Land transportiert als auch gewisse Kapazitäten für den Stromhandel vorhält. Es verbindet die Umspannplattformen Baltic 2 rund 30 Kilometer nördlich von Rügen und Kriegers Flak in dänischen Gewässern. Gesamtkosten: 300 Millionen Euro.

    Deutschland und Dänemark verbinden ihre Stromnetze über die Offshore-Windparks Kriegers Flak und Baltci 1. Die Karte zeigt den Verlauf dieser "Combined Grid Solution".

    Das Geld floss unter anderem in eine technische Innovation: Weil die Übertragungsnetze beider Länder nicht synchron arbeiten, war für den Interkonnektor der Bau eines sogenannten Doppelkonverters (Back-to-Back-Converter) am Umspannwerk Bentwisch bei Rostock nötig. Darin wird der ankommende Wechselstrom in Gleichstrom und direkt wieder in Wechselstrom gewandelt. Nur so kann er problemlos zwischen beiden Ländern fließen.

    Die Hälfte der Kosten trägt die EU. Sie sieht in dem Projekt ein Modell für eine neue europäische Energiekooperation. Brüssel hat das Ziel ausgegeben, bis 2030 den Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtverbrauch um 32 Prozent zu steigern und Europas Treibhausemissionen um 40 Prozent zu senken. Das Kabel soll darüber hinaus helfen, die Stromkosten zu senken.

    Noch hat jedes Land eigene Regeln. Das erschwert gemeinsame Projekte

    Die Klimaziele sind aus Sicht der EU allein mit dem nationalen Ausbau der Offshore-Windenergie nicht zu erreichen. Die Anrainer von Nord- und Ostsee müssten vielmehr kooperieren, sagte die EU-Kommissarin für Energie, Kadri Simson, bei der Feier in Berlin. Doch dazu sei es zunächst nötig, dass sie ihre Energiepolitik harmonisieren, Barrieren für hybride Projekte aufheben und sich auf gemeinsame Regularien verständigen – für den Stromhandel, den Naturschutz oder auch den Zugang zu Fördermitteln. Simson macht Druck: Schon im Sommer hat sie in einer gemeinsamen Erklärung mit den nationalen Energieministern die Mitgliedstaaten aufgefordert, einen Rechtsrahmen zu erarbeiten.

    Darin soll zum Beispiel geklärt werden, wie die Kosten für den Netzanschluss von Windparks und die Förderung erneuerbarer Energien zwischen den Mitgliedsstaaten aufgeteilt werden und wie die EU-Strommarktregeln aussehen müssen, um grenzüberschreitende Projekte zu fördern.

    Gemeinsam genutzte Seekabel sind besser ausgelastet. Damit sinken die Kosten

    Aber warum sollte nicht jedes Land weiter sein eigenes Ding machen? „Darauf kann ich Ihnen eine einfache Antwort geben“, sagt Stefan Thimm, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Windparkbetreiber Offshore (BWO), im Gespräch mit EnergieWinde. „Wir können die Klimaziele nur gemeinsam erreichen. Darüber hinaus sparen Kooperationen erhebliche Summen Geld.“ Es müssten zum Beispiel weniger neue Leitungen für Offshore-Windparks gebaut werden, die zudem besser ausgelastet wären, weil sie auch für den bilateralen Stromaustausch genutzt werden würden. Der Bedarf an Flächen für Offshore-Windenergieanlagen würde sich dadurch insgesamt verringern.

    Anführungszeichen

    Besonders in der Nordsee tobt ein Wettbewerb um die knappen Flächen. Wenn wir Projekte anschieben, sollten wir von Beginn an mit unseren Nachbarn zusammenarbeiten

    Stefan Thimm, Geschäftsführer des BWO

    Bis 2050 will die EU CO2-neutral sein, 30 Prozent des Stroms sollen dann aus Offshore-Windparks kommen. Schätzungen zufolge ist dazu eine Kapazität von bis 450 Gigawatt nötig, also das Zwanzigfache der aktuell installierten Leistung. „Diese Potenziale lassen sich nur sinnvoll heben, wenn wir mit unseren europäischen Partnern gemeinsam vorgehen“, so Stefan Thimm. „Schon heute haben wir laut zuständigem Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in der deutschen Außenwirtschaftszone nur noch begrenzt freie Flächen für Offshore-Windparks. Besonders in der Nordsee tobt ein Wettbewerb um die knappen Flächen. Wenn wir in Deutschland Projekte anschieben, sollten wir künftig von Beginn an mit unseren Nachbarn zusammenarbeiten.“

    Zudem brauche es neue Regelungen für einen gemeinsamen Strommarkt, für eine effiziente Finanzierung von Offshore-Projekten durch die EU und für eine koordinierte Flächennutzung. „Natürlich ist es wichtig, dass die Staaten Rücksicht darauf nehmen, wo die Windparks der Nachbarn stehen. Nicht zuletzt weil ansonsten Abschattungseffekte auftreten könnten, die den Ertrag beider Länder schmälern würden.“

    Offshore-Windpark EnBW Baltic 1: Die 21 Windräder liegen etwa 16 Kilometer nördlich von Darß/Zingst.

    Die Leitungen von Offshore-Windparks wie Baltic 1 sind oft nur zur Hälfte ausgelastet. Würden sie an das grenzüberschreitende Stromnetz angeschlossen, können sie effizienter genutzt werden.

    Anpassungen würde Thimm aber auch an der neuen europäischen Strommarktverordnung vornehmen. Seit Januar müssen Interkonnektoren mindestens 70 Prozent ihrer Kapazität für den internationalen Stromhandel bereitstellen. Thimm findet es problematisch, dass auch die Kabel zwischen Windparks von dieser Regelung betroffen sind. „Denn diese Verbindungsleitungen sind sinnvollerweise auf den Transport des Stroms aus den Offshore-Windparks ausgelegt und halten keine Reserven in der geforderten Größenordnung für den Stromhandel vor.“

    Die Industrie warnt vor einem deutschen Sonderweg: Er gefährde die Kooperation

    „Große Sorgen“ bereitet seinem Verband, dass das Bundeswirtschaftsministerium am Modell der sogenannten zweiten Gebotskomponente festhalten will. „Aufgrund der großen volkswirtschaftlichen Vorteile entscheiden sich unsere Nachbarn in Europa zunehmend für das alternative britische Vergütungssystem der Contracts for Difference (CfD), sagt Thimm. Den Vorteil dieser Differenzkontrakte sieht er darin, dass sie die Finanzierungskosten von Offshore-Windparks gering halten und Planungssicherheit bieten. Worin sich die Vergütungsmodelle unterscheiden, erklärt EnergieWinde hier.

    Thimm befürchtet, dass es für Deutschland ohne CfD immer schwieriger werde, grenzüberschreitende Projekte durchzuführen. „Aus unserer Sicht wäre die Einführung der Differenzkontrakte ein klarer Schritt in Richtung einer europäischen Harmonisierung. Wir würden den Schulterschluss mit unseren Nachbarländern finden.“

    Im Übrigen passe der deutsche Sonderweg überhaupt nicht zur Ankündigung der Bundesregierung vom Sommer, die Ausbauziele der Offshore-Windkraft bis 2030 auf 20 und bis 2040 auf 40 Gigawatt zu erhöhen. „Die gesetzten Ziele klingen immer ganz positiv, aber wenn man sich die Maßnahmen anschaut, stellt man leider fest, dass die Puzzleteile nicht zusammenpassen“, sagt Thimm.

    Anführungszeichen

    Wenn wir mehr von diesen Lösungen brauchen, dann wird das auf Dauer nicht mit Ausnahmegenehmigungen funktionieren

    Stefan Kapferer, Geschäftsführer von 50 Hertz

    Auch 50-Hertz-Chef Kapferer kritisiert die Ankündigungspolitik der Bundesregierung. Die von Altmaier ausgegebenen Ziele könnten „nur erreicht werden, wenn eine angemessene Balance zwischen Nordsee- und Ostsee gefunden wird“, sagte Kapferer. Doch der aktuelle Flächenentwicklungsplan für die Ostsee sehe nur einen Neubau von 300 Megawatt bis 2030 vor. Das sei zu wenig. Kapferer hält eine „doppelte bis dreifache Ausbaukapazität für Windenergie für realistisch“, das Übertragungsnetz sei so weit entwickelt. Zudem mahnte er Klärungsbedarf bei europäischen Kooperationen an: „Wenn wir mehr von diesen Lösungen brauchen, dann wird das auf Dauer nicht mit Ausnahmegenehmigungen funktionieren.“

    Go Top