• Search31.03.2022

Energiesparen

Mit dem Thermostat gegen Putin

Energiesparen ist das Gebot der Stunde. Die gute Nachricht: Viele Maßnahmen sind unkompliziert – Heizung runterdrehen, Duschkopf austauschen, langsamer fahren. Besonders viel Potenzial schlummert in der Heizungspumpe. Ein Überblick.

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    Per Wärmebildkamera überprüfen Energieberater wie gut Hausfassaden gedämmt sind und wo zu viel Wärme nach draußen gelangt.

    Wärmebildkameras zeigen Schwachstellen in der Dämmung von Hausfassaden. Der Großteil des Energieverbrauchs entfällt auf das Heizen.

     

    Von Julia Graven

    Auf dem Schreibtisch von Energieberater Volker Lang stapelt sich das Papier. Daneben liegen Messgeräte, Ladekabel und Mehrfachsteckdosen. Zum Aufräumen kommt der Münchner nicht, er schafft es kaum, seine E-Mails zu beantworten. Neuanfragen beantwortet er mit einer Standardabsage: Sorry, 2022 bin ich komplett ausgebucht. „Für viele Menschen ist dieser Krieg ein richtiger Weckruf“, sagt Lang. Sie überlegen, wie sie unabhängiger von fossilen Brennstoffen werden können. Während noch vor ein paar Monaten kaum jemand erklären konnte, was eine Wärmepumpe ist, rennen ihm jetzt Hausbesitzer die Bude ein, um sich über Alternativen zur Öl- oder Gasheizung zu informieren.

    Dabei muss es nicht gleich auf eine Komplettsanierung der eigenen vier Wände hinauslaufen. Auch ohne Investitionen in Dreifachverglasung, gedämmte Decken oder eine neue Heizung lässt sich etwas bewegen. Mit dem sparsamen Verbrauch von Öl, Gas und Kohle kann jeder seiner Hilflosigkeit angesichts der Gewalt in der Ukraine etwas entgegensetzen. Wirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck sagt: „Wenn man Putin ein bisschen schaden will, dann spart man Energie.“

    Noch ist das ein freiwilliger Schritt, doch schon bald könnte er zur Notwendigkeit werden – falls Russland die Erdgaslieferungen stoppt oder sich Deutschland doch noch für ein Embargo entscheidet. Die erste Stufe des „Notfallplans Gas hat Habecks Ministerium gestern ausgerufen. „Energiesparen ist zum Gebot der nationalen Sicherheit geworden“, sagt Christian Noll, Chef der Energieeffizienz-Initiative Deneff, im Gespräch mit EnergieWinde. Starke Worte – der Zusammenschluss von 180 deutschen Unternehmen war bisher nicht durch eine sonderlich martialische Haltung aufgefallen.

    Der „Notfallplan Gas“

    Frühwarnstufe

    Bei Hinweisen auf eine Verschlechterung der Gasversorgung tritt ein Krisenstab aus Vertretern des Bundeswirtschaftsministeriums und der Industrie zusammen, der die Versorgungslage beobachtet. Gasversorger müssen Pläne ausarbeiten, wie im Ernstfall Gas gespart werden kann.

    Alarmstufe

    Bei einer Störung der Versorgung oder einer außergewöhnlich hohen Nachfrage wird die Alarmstufe ausgerufen. Die Zusammenarbeit mit ausländischen Netzbetreibern wird weiter intensiviert.

    Notfallstufe

    Kann der Markt die Versorgung nicht mehr gewährleisten, greift der Staat ein. Er kann Industriekunden von der Gasversorgung abkoppeln und Anordnungen zur Einschränkung des Verbrauchs erlassen. Private Haushalte, Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Feuerwehr und Polizei genießen Vorrang.

    In der Frage, wo sich für Privathaushalte kurzfristig viel Energie einsparen lässt, sind sich die meisten Experten erstaunlich einig: am Thermostat der Heizung. Schließlich spart jedes Grad weniger rund sechs Prozent Heizenergie. Wenn wir die Temperatur in Wohnungen, Hotels, Gaststätten und Gewerbebetrieben um ein bis zwei Grad reduzieren, könnte Deutschland auf sieben Prozent der russischen Erdgaslieferungen verzichten, sagt das Umweltbundesamt.

    Es fällt leichter, die Temperatur herunterzudrehen, wenn man weiß, wie warm es ist

    Energieberater Volker Lang hat die Heizung ebenfalls im Blick. Vor sich auf dem Tisch stehen drei kleine Geräte, die er regelmäßig seinen Kunden zeigt: Raumthermometer. „Die Visualisierung allein kann zu Veränderungen im Verhalten führen und zehn Prozent Energie einsparen“, erklärt er. „Wenn man sieht, dass es 25 Grad sind, dreht man die Heizung eher runter, als wenn einem einfach nur mollig warm ist“, sagt Lang.

    Im Rahmen einer Studie in Kopenhagen konnten Mieter auf digitalen Displays ihren aktuellen Verbrauch sehen und bekamen zugleich eine Schätzung der Kosten mitgeliefert. Hier waren die Einsparungen sogar noch höher. Mit der Heizkostennovelle setzt jetzt auch die Bundesregierung darauf, dass monatliche Informationen über den Verbrauch zum Sparen anregen.

    Wie viel CO2 könnte Deutschland einsparen durch ein Tempolimit, die Senkung der Wohnungstemperatur oder den Austausch des Duschkopfs?Infografik: Benedikt Grotjahn

    Neben der Heizung nehmen Experten vor allem die Dusche ins Visier. Auch hier lässt sich die Abhängigkeit von fossiler Energie verringern: Ein Sparduschkopf, den man in jedem Baumarkt bekommt, senkt den Energieverbrauch um rund 30 Prozent. Würden alle Menschen in Deutschland eine wassersparende Brause nutzen, wären laut Umweltbundesamt rund 2,6 Prozent der Erdgasimporte aus Russland überflüssig.

    Ein wahres Energiesparmonster bleibt bei der Suche nach Stromfressern meist unentdeckt: die Umwälzpumpe, oft auch Heizungspumpe genannt. Egal, ob eine Heizung mit Gas, Öl, Wärmepumpe oder einer Solaranlage läuft – nichts geht ohne die Umwälzpumpe. Sie sorgt dafür, dass das Heizungswasser zirkuliert und die Wärme zu den Wärmeverbrauchern kommt, vor allem also in die Heizkörper. „Wenn sie älter als zehn Jahre ist, lohnt sich der Austausch der Umwälzpumpe auf jeden Fall“, sagt Energieberater Lang.

    Neue Heizungspumpen laufen sehr effizient. 90 Prozent Einsparung sind drin

    Neue Hocheffizienzpumpen verbrauchen 90 Prozent weniger Strom als ältere Modelle und passen sich zudem an den aktuellen Bedarf an: Wird geduscht, laufen sie auf Hochtouren, anschließend regeln sie ihre Drehzahl wieder auf ein sparsames Maß zurück.

    Die Tabelle zeigt, welche Haushaltsgeräte wie viel Strom verbrauchen und was das jährlich kostet. Heizungspumpen haben ein großes Strom-Spar-Potenzial. Infografik: Benedikt Grotjahn

    Der Austausch von Waschmaschinen, Fernsehern oder Kühlschränken kann sich bei steigenden Energiepreisen ebenfalls rechnen. Berater Lang empfiehlt, bei den ältesten Geräten anzufangen und mit einem Strommessgerät den Verbrauch zu prüfen, bei Kühlschränken oder dem Wäschetrockner am besten über einen längeren Zeitraum. Wenn sich die mögliche Stromeinsparung nach zwei bis drei Jahren amortisiert, lohne sich der Austausch auf jeden Fall. Doch man sollte immer die Gesamtökobilanz im Blick haben. Schließlich hat auch die Herstellung des Geräts viel Energie und andere Rohstoffe verbraucht.

    Manche Maßnahmen werden überschätzt – der Verzicht aufs Daddeln zum Beispiel

    Daneben gibt es eine lange Liste weiterer Maßnahmen. Viele tun nicht weh und können einiges bringen. Es macht schließlich keinen großen Unterschied, ob wir unsere Hände mit warmem oder kaltem Wasser waschen. Doch im Endeffekt, sagt Energieberater Lang, ergibt es mehr Sinn, sich auf die 20 Prozent der Maßnahmen zu konzentrieren, die 80 Prozent der Einsparungen bringen. Neugeräte zum Beispiel hätten einen niedrigen Stand-by-Verbrauch; sie nachts von der Steckdose zu trennen, bringe nicht viel. Ähnlich sehe es mit dem Dimmen der Beleuchtung oder dem Verzicht auf die Spielekonsole aus.

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    Wenn alle sehen, dass ich aus moralischen Gründen das Auto stehenlasse und mit dem Fahrrad fahre, hält das meine Motivation länger aufrecht

    Theresa Eyerund, Verhaltensökonomin

    Andere Experten haben Zweifel, wie massenkompatibel ein moralisch motiviertes Sparprogramm in den eigenen vier Wänden ist. Die Verhaltensökonomin und Wirtschaftsethikerin Theresa Eyerund vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) glaubt nicht an „Frieren für den Frieden“. Wenn niemand mitkriegt, dass wir zuhause in dicken Wollpullis herumlaufen und nur noch lauwarm duschen, fehlt ein wichtiger Beweggrund: die soziale Anerkennung, sagt Eyerund im Gespräch mit EnergieWinde. „Die ist zwar auch nicht alles. Aber wenn alle sehen, dass ich aus moralischen Gründen das Auto stehenlasse und mit dem Fahrrad fahre, hält das meine Motivation länger aufrecht.“

    Ein Tempolimit könnte viel Sprit sparen – und Putins Kriegskasse treffen

    Auch Greenpeace sieht den kurzfristigen Hebel eher auf der Straße als in der Wohnung. Die Begründung: Mit einem Stopp der Erdölimporte würde man Russland wirtschaftlich mehr schaden als mit einem Erdgasboykott. Außerdem sei russisches Öl leichter zu ersetzen. In der aktuellen Studie „Kein Öl für Krieg“ kommt die Umweltorganisation zu dem Schluss, dass ein Importstopp russischen Öls notwendig ist, um Putins Krieg die finanzielle Basis zu entziehen. Dafür müssten wir in ganz Europa weniger und langsamer Auto fahren. Laut Greenpeace wären ein Tempolimit, autofreie Sonntage und der Verzicht auf Freizeitfahrten schnell umsetzbar und äußerst wirksam. Auch das Umweltbundesamt plädiert schon länger für ein Tempolimit von 120 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen. Das würde knapp 1,2 Milliarden Liter Diesel und Benzin sparen. Bei Tempo 100 auf allen Autobahnen wären es sogar mehr als zwei Milliarden Liter weniger.

    Die Erkenntnis, wie fatal unsere Abhängigkeit von Diktatoren ist, wenn es um die Energie für unsere Wohnungen, Autos, Büros und Fabriken geht, sollte nach Ansicht von Klimaexperten vor allem eines bewirken: die schnelle Umstellung auf erneuerbare Energien aus Wind und Sonne. Wenn wir zusätzlich Energie sparen und möglichst effizient nutzen, so die Deutsche Umwelthilfe, müssten wir auch keine Kohlekraftwerke wieder anwerfen oder neue Flüssiggasterminals bauen, die in einem klimaneutralen Europa ohnehin spätestens 2050 nicht mehr gebraucht würden.

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