Umwelthauptstadt Kopenhagen

  • Search11.08.2021

Unterwegs nach Utopia

Kopenhagen will als weltweit erste Stadt 2025 klimaneutral sein. Dazu konzentrieren sich die Dänen auf drei Kernbereiche: Energieverbrauch, Energieproduktion und grüne Mobilität. An vielen Orten der Stadt ist die Zukunft schon angekommen.

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    Parkplätze, die Grünflächen weichen. Radwege, die Designpreise gewinnen. Imker in der Innenstadt, ein Bauernhof auf dem Hochhausdach und eine Müllverbrennungsanlage, auf der man Skifahren kann: Kopenhagen ist ein Schaufenster der Welt von morgen.

     

    Von Daniel Hautmann

    Regen. Viel Regen. An 159 Tagen im Jahr fällt Regen auf Kopenhagen. Auch im Sommer gehört Regenkleidung ins Gepäck, mahnen Reiseratgeber. Und doch ist Kopenhagen beliebt wie kaum eine andere Stadt der Welt. Wann immer die lebenswertesten Metropolen gekürt werden, Kopenhagen landet in den Top Ten. Am Wetter liegt das offenbar nicht.

    Eher daran, dass Kopenhagen alles tut, um als erste Großstadt des Planeten CO2-frei zu sein. Schon 2025, in gerade einmal vier Jahren, soll es so weit sein. Der Klimaplan bedeutet einen radikalen Umbau der Stadt. Das mag anstrengend klingen, tatsächlich aber macht es das Leben in Kopenhagen immer besser.

    Der Hamburger Architekt Lars Zimmermann jedenfalls blickt neidisch in den Norden: „Kopenhagen bündelt alle Maßnahmen zu einem ganzheitlichen Ansatz: Verkehr, Stadtentwicklung und Energieversorgung. So schaffen sie eine lebenswerte Umgebung“, sagt Zimmermann, der mit seiner Firma Cities for Future Kommunen und Unternehmen den Weg in die Nachhaltigkeit weist.

    Die Stadt wächst um ein Fünftel – die CO2-Emissionen fallen um die Hälfte

    Wie viel dieses Wegs Kopenhagen bereits geschafft hat, ist beeindruckend. 2005 lag der CO2-Ausstoß noch bei 2,3 Millionen Tonnen, 2017 waren es nur noch gut eine Million Tonnen. Und das, obwohl die Stadt im gleichen Zeitraum um 20 Prozent wuchs. Das ist gelungen, weil sich die Planer die größten Brocken zuerst vornahmen, allen voran die Energieversorgung. Allein auf sie entfallen 74 Prozent der bisherigen CO2-Reduktion.

    Ein wichtiger Schritt war die Eröffnung des Heizkraftwerks Amager. Wo früher Kohle verbrannt wurde, landen heute Holzschnitzel im Ofen und liefern Strom und Wärme. 98 Prozent der Kopenhagener Haushalte beziehen Fernwärme. Sie gilt als die effizienteste Art, Gebäude zu heizen. Bereits heute sind 80 Prozent der Fernwärme CO2-neutral.

    CO2 raus: Schon in wenigen Jahren will Kopenhagen der Atmosphäre mehr CO2 entziehen, als die Stadt zugleich verursacht.

    Es gibt noch einen weiteren Bereich, in dem Kopenhagen große Fortschritte gemacht hat; er ist inzwischen weltweit zu einem Markenzeichen der Stadt geworden: der Verkehr. Die konsequente Förderung grüner Mobilität hat rund elf Prozent zur CO2-Reduktion beigetragen.

    Kopenhagen investiert viel mehr in Radwege als andere. Das zahlt sich aus

    Für Reiner Perau, Geschäftsführer der Deutsch-Dänischen Handelskammer, sind es die kurzen Wege, die Kopenhagen so lebenswert machen. Der gebürtige Deutsche wohnt seit 2008 in der Stadt und legt fast alle Strecken auf dem Rad zurück. Kein Wunder, Kopenhagen ist eine der fahrradfreundlichsten Städte überhaupt. Und eine der sichersten, verglichen mit deutschen Städten sind Radunfälle viel seltener. Das hat einen simplen Grund: Die Dänen stecken viel mehr Geld in die Radinfrastruktur. Laut Greenpeace investierte Kopenhagen 2018 rund 36 Euro pro Kopf in den Ausbau von Radwegen. In Stuttgart etwa waren es fünf Euro.

    Ikonisches Design: Die Fahrradbrücken über den Hafen sind zu einem Markenzeichen der Stadt geworden. Autofahrer dagegen haben es in Kopenhagen immer schwerer.

    Seit Jahrzehnten setzen die Dänen aufs Rad. Kopenhagen ist inzwischen ein Synonym für Radmobilität. Stadtplaner aus aller Welt pilgern hierher. Sie wollen lernen, wie man eine Stadt so gestaltet, dass möglichst viele Menschen aufs Rad steigen.

    Die Copenhagenize Design Company hat sich darauf spezialisiert. Die Designer zeigen ihren Besuchern Brücken, die extra für Radler gebaut wurden. Oder im Boden versenkte LED-Leuchten, die den Radlern die grüne Welle anzeigen. Genauso Fußstangen und Haltegriffe an den Ampeln, die Warten bequemer machen. Es gibt autofreie Fahrrad-Schnellverkehrswege und -Hochstraßen. Wer durch Kopenhagen radelt, weiß, welches Verkehrsmittel hier Vorrang hat.

    Jedes Jahr werden Parkplätze abgeschafft. Auch das bringt die Menschen aufs Rad

    „Der Umbau zu einer fahrradfreundlichen und damit auch menschenfreundlichen Stadt liegt schon weit zurück“, sagt Architekt Zimmermann. „Kopenhagen hat sehr früh angefangen, Parkraum für Autos zu verknappen.“ Schon seit den Achtzigern wurden jedes Jahr drei Prozent der Parkplätze im öffentlichen Raum abgeschafft. „Nur sieben Prozent der Kopenhagener Radfahrer fahren Fahrrad aus Umweltgründen. Die große Mehrheit fährt Rad, weil es das logischste, einfachste und sinnvollste Verkehrsmittel ist in der Stadt.“

    Auch Handelskammer-Chef Perau erreicht seinen Lieblingsplatz in Kopenhagen per Rad: den Streetfood-Markt gegenüber des historischen Hafens. Hier stehen zig bunte Buden und bieten vom Hotdog über Sushi bis Smørrebrød alles, was schmeckt. Immer frisch, ökologisch und meist auch regional. Mittwochs gebe es hier zudem einen Bauernmarkt, schwärmt Perau.

    Im Sommer wird Kopenhagen zum öffentlichen Freibad. Das Hafenwasser ist erstaunlich sauber.

    Ebenfalls mit dem Rad erreicht man die zahlreichen Badestellen. „In Kopenhagen können sie im Sommer Badeferien in der Innenstadt machen“, sagt Perau. Es gibt zehn Bäder, zahlreiche Sprungtürme und sogar Saunen. Die Wasserqualität ist gut.

    Am Beginn der Pläne stand ein Unwetter. Es hat den Ehrgeiz der Dänen geweckt

    „Die Stadtentwickler machen hier einen richtig guten Job“, sagt Perau. Das kommt nicht von ungefähr. Denn die Dänen, speziell die Menschen in Kopenhagen, hatten ihre „Stunde der Wahrheit“, wie es Perau nennt, am 2. Juli 2011: „Da stand das Zentrum unter Wasser.“

    Es schüttete derart, dass die Kanalisation überlief. Dass das auch mit dem Klimawandel zusammenhängt, war schnell klar. Und so nahm man die Sache ernst in der Stadt, in der zwei Jahre zuvor noch der Klimagipfel COP15 kläglich gescheitert war. Der Ehrgeiz der Dänen war geweckt.

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    „Die Dänen sind nicht nur stark in der Planung, sondern auch in der Umsetzung“

    Reiner Perau, Geschäftsführer der Deutsch-Dänischen Handelskammer

    Nach dem Unwetter wurden Teile der Stadt von Grund auf umgebaut, um sie für den Starkregen der Zukunft zu wappnen. So wurde etwa der historische Sankt Annæ Plads in der Altstadt zu einer grünen Oase. Dafür mussten mehr als 200 Parkplätze weichen. Die Straße wurde verschmälert. Mittig wurde ein tiefer liegender Grünstreifen mit Rasen und Bäumen angepflanzt. Er kann Massen an Regenwasser auffangen und über Rohre ableiten. „Die Dänen sind nicht nur stark in der Planung, sondern auch in der Umsetzung“, sagt Perau.

    Vom CO2-neutralen Haus bis zum Dachbauernhof: Die Stadt steckt voll Ideen

    Ein Beispiel dafür ist das Green Lighthouse, ein Uni-Gebäude mit einem nachhaltigen Energiekonzept. Das flache Dach leitet Licht und Wärme ins Innere; das Gebäude verbraucht bis zu 75 Prozent weniger Energie als konventionelle Bauten. Es ist das erste öffentliche CO2-neutrale Gebäude Dänemarks.

    Vor der Stadt stehen Windräder im Meer und erzeugen sauberen Strom.

    Das Lüders-Parkhaus nimmt nicht nur Autos auf, es speichert zugleich Energie.

    Die meisten Wege in der Stadt lassen sich am einfachsten per Fahrrad bewältigen.

    Auch bei schlechtem Wetter, keine Seltenheit in Kopenhagen, sind die Radwege voll.

    Kopenhagens Fahrradbauer haben einen guten Ruf; Modelle wie dieses Bullitt-Lastenrad sieht man immer öfter auch in Deutschland.

    Im eleganten Schwung zieht sich diese Fahrradbrücke über das Wasser.

    Erwähnenswert ist auch die Freistadt Christiania, eine alternative Wohnsiedlung, die in den Siebzigern mit Hausbesetzungen begann. Heute ist die autonome Gemeinde einer der Besuchermagneten Kopenhagens. Gerade weil sie so bunt ist, und die Stadt sie nicht abgerissen oder die Lebensweise der Bewohner als illegal abgestempelt hat.

    Weithin bekannt ist auch die internationale Schule im Nordhafen. Deren blaue, schuppige Haut setzt sich aus 12.000 Solarpaneelen zusammen. Sie decken die Hälfte des Strombedarfs. Das Schulkonzept ist genauso spannend wie der Bau: Das Haus hat vier Türme, je vier bis sieben Geschosse hoch. Jeder Turm beherbergt einen eigenen Zweig – Gymnasium, Sekundarschule, Grundschule und Kindergarten. Auch das stärkt das Wir-Gefühl.

    Selbst ein Parkhaus kann nachhaltig sein. Man muss nur das richtige Konzept haben

    Doch es sind nicht nur Leuchtturmprojekte, die Kopenhagen attraktiv machen. Es sind auch die vielen kleinen Initiativen. Etwa das Lüders-Parkhaus, auf dessen Dach es einen Spiel- und Sportplatz gibt, grandioser Blick über die City inklusive. Zudem ist das Gebäude ein Energiespeicher. Darin geparkte Elektroautos sollen überschüssige Energie von Windrädern oder Solaranlagen je nach Bedarf zwischenspeichern oder an das Stromnetz abgeben. Vorerst übernimmt diese Aufgabe eine große Batterie.

    Ein weiteres Highlight nennt sich Bybi. Das sozialökologische Unternehmen betreibt 25 Bienenstöcke in der Stadt, ein Bienenvolk lebt sogar auf einem Kaufhaus. Blüten finden die Bybi-Bienen etwa im Dachgarten Østergro, einem 600 Quadratmeter großen Acker auf einem alten Auktionshauses. Hier wachsen Blumen, Kräuter und Gemüse, alles Bio-Qualität. Bewässert werden die Beete mit Regenwasser, das in großen Tanks gespeichert wird. Auf dem Dach befindet sich auch ein Restaurant. Bleibt mal was auf dem Teller liegen, kein Problem, die Hühner im Stall nebenan freuen sich.

    600 Quadratmeter Ackerfläche und ein Restaurant: der Dachgarten Østergro.

    Heiner Monheim, Verkehrswissenschaftler, Geograf und emeritierter Professor der Uni Trier, führt den Erfolg Kopenhagens auf ein Bündel aus psychologischen und kulturellen Faktoren zurück: Dänemark sei ein egalitäres Land mit starken Bürgerrechten, hohem Bildungsstandard und einer überwiegend mittelständischen Wirtschaft, die sich durch viele Klein- und Mittelbetriebe auszeichne. Es sei weniger amerikanisiert als Deutschland und besitze keine starke Autolobby, was eine nachhaltige Verkehrswende erleichtere.

    Reiner Perau ist von der Mentalität der Dänen angetan: „Das ganze Land ist von Solidarität geprägt, vom Mitmachen. Das sieht man gerade auch beim Thema Impfen. Die Menschen hier brauchen nicht so viele Regeln und haben ein tiefes Vertrauen in ihren Staat. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein.“

    Hedonismus und Nachhaltigkeit passen zusammen: Auch das lehrt Kopenhagen

    Das neuste Öko-Vorzeigeprojekt der Stadt treibt es förmlich auf den Gipfel: Auf dem Dach der Müllverbrennungsanlage Amager Bakke kann man seit einiger Zeit Wandern und Skifahren. CopenHill heißt die 450 Meter lange Piste. Gerutscht wird nicht auf Schnee, sondern auf grünen Plastikmatten. Ökologischer als in die Alpen zu fahren, ist das allemal. Die Dänen selbst sprechen von „hedonistischer Nachhaltigkeit“. Sie wissen das gute Leben eben zu schätzen in Kopenhagen.

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