Norwegens Staussen als Ökostromspeicher

  • Search03.11.2015

Der Akku Europas

Stauseen im hohen Norden sollen Strom aus Offshore-Windparks speichern. Eine Recherche in den verzweigten Tunnelsystemen norwegischer Wasserkraftwerke und der majestätischen Einsamkeit der Fjorde.

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    Blau, so weit das Auge reicht: Der Blåsjø-Stausee ist einer von insgesamt 16, die zum Ulla-Førre-Kraftwerk gehören. Ihr Wasser könnte Deutschland fünf Tage lang mit Strom versorgen – oder deutschen Ökostrom speichern.

    Blau, so weit das Auge reicht: Der Blåsjø gehört zu einem Netz aus 16 miteinander verbundenen Stauseen im Westen Norwegens. Ihr Wasser könnte Deutschland fünf Tage lang mit Strom versorgen – oder deutschen Ökostrom speichern.

    Von Volker Kühn, Westnorwegen

    Neulich auf der Fahrt ins Büro hatte Bjørn Sandvik mal wieder so einen Moment, in dem ihm klar wurde, dass er auf der richtigen Seite steht. Dass seine Arbeit Sinn ergibt.

    Die Straße wand sich schon eine Weile durch das imposante Fjordland Westnorwegens, vorbei an sattgrünen Wiesen und bunten Holzhäusern, an schroffen Felswänden und kleinen Wasserfällen, als er im Radio ein Interview hörte. Der Chef einer Handelskette, die Alkohol und Tabak vertreibt, rechtfertigte sein Geschäft wortreich mit den beachtlichen Steuereinnahmen, die es dem Staat Jahr für Jahr beschert.

    „Alkohol und Tabak?“, dachte sich Sandvik. Da hat mein Chef einen besseren Job.

    Sandviks Chef, das ist der Vorstandsvorsitzende von Statkraft, dem größtem Energieversorger des Landes. Das Staatsunternehmen betreibt 230 Wasserkraftwerke allein in Norwegen, dazu mehr als 70 im Ausland. Hinzu kommt eine ganze Reihe von Wind- und Solarparks sowie Biomasseanlagen. Damit ist Statkraft nach eigenen Angaben der größte Erzeuger erneuerbarer Energien in ganz Europa.

    Sauberer Strom im Überfluss – das ist es, was Sandvik so sicher macht, mit seiner Arbeit auf der richtigen Seite zu stehen. Denn er trägt dazu bei, diesen Strom zu produzieren.

    Der 44-Jährige ist der Leiter von Ulla-Førre, einem Verbund von Wasserkraftwerken auf halber Strecke zwischen Stavanger und Bergen. Angetrieben werden die Turbinen mit dem Wasser aus einer künstlichen Seenplatte, die sich über endlose 2000 Quadratkilometer im menschenleeren Hochland Westnorwegens erstreckt.

    Björn Sandvik leitet den Kraftwerksverbund Ulla-Førre, der aus mehreren Stauseen, Pumpspeichern und Wasserkraftwerken besteht.

    Vor einer Karte erklärt Kraftwerksleiter Bjørn Sandvik, wie Unterseekabel nach Zentraleuropa und Großbritannien Norwegen eine Schlüsselrolle bei der Energiewende verleihen.

    Die Kapazität von Ulla-Førre ist gewaltig: Sind die Stauseen vollständig gefüllt, können die Kraftwerke theoretisch mehr als 7,8 Terawattstunden liefern. Das würde ausreichen, um die gesamte Stromversorgung Deutschlands fünf Tage lang zu ersetzen – also all seine Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke, sämtliche Offshore-Windparks und sonstige Stromlieferanten.

    Herzstück von Ulla-Førre ist ein gut 125 Kilometer langes Netz von bis zu zehn Meter breiten Tunneln, die 16 Seen mit den Turbinen von sechs Kraftwerke verbinden. 14 Staudämme sorgen dafür, dass sich ausreichend Wasser in den Seen befindet.

    Seit einiger Zeit empfängt Sandvik in Ulla-Førre immer öfter Besucher aus dem Ausland. Ingenieure anderer Energiekonzerne sind darunter, Manager von Netzbetreibern und Politiker wie der US-Minister für Energie oder der deutsche Wirtschaftsminister.

    Sie kommen allerdings nicht, um die Leistung der Generatoren oder die gewaltigen Staumauern zu bewundern. Sie interessieren sich für etwas anderes: Ulla-Førre kann nämlich nicht nur Strom erzeugen – es kann ihn auch speichern.

    Und damit nimmt es eine Schlüsselfunktion für den Ausbau erneuerbarer Energie in Zentraleuropa ein. Denn wenn etwa die Offshore-Windparks in der Nordsee bei starkem Wind mehr Strom produzieren, als im Netz benötigt wird, dann kann dieser Ökostrom in Norwegens Stauseen gespeichert werden – bis er zu einem späteren Zeitpunkt zurück nach Zentraleuropa fließt.

    Norwegen wird damit zum Akku des Kontinents.

    Tief im Inneren erzittert der Berg unter der Wucht der Turbinen

    Um zu erklären, wie das funktioniert, legt Sandvik Helm und Arbeitsoverall an und steigt in einen Kombi, der vor seinem Büro im Örtchen Suldalsvegen parkt. 20 Minuten geht die Fahrt über schmale, steile Straßen hinauf ins Hinterland. Sie endet vor einem gewaltigen Rolltor, das direkt in den Berg eingelassen ist: dem Eingang zum Kraftwerk Kvilldal.

    Sandvik gibt einen Code ein, das Tor öffnet sich, und er steuert den Wagen gut einen halben Kilometer durch rohe Stollen in den Berg hinein. Von dort geht es zu Fuß weiter bis zu einer schweren Stahltür. Im Boden davor ist ein leichtes Vibrieren zu spüren.

    Als Sandvik die Tür öffnet, fällt der Blick in eine gigantische Kammer, die als Filmkulisse dienen könnte, etwa für das Hauptquartier eines Bond-Bösewichts mit Weltherrschaftsambitionen: 100 Meter lang, 20 Meter hoch, die Wände teils aus massivem Fels, teils orange verkleidet und von futuristischen Leuchtröhren durchzogen.

    Vier große zylindrische Körper erheben sich in der Kammer, bei James Bond wären es Raketensprengköpfe. „Darunter liegen die Turbinen“, erklärt Sandvik.

    Tief im Inneren des Bergs liegt die gewaltige Kammer des Kraftwerks Kvilldal, 100 Meter lang, 20 Meter hoch. Die zylindrischen Aufbauten gehören zu den Turbinen. Gemeinsam mit den orange verkleideten Wänden und den gezackten Lichtröhren verleihen sie dem

    100 Meter lang, 20 Meter hoch: Die Halle im Inneren des Bergs hat imposante Ausmaße. Direkt darunter arbeiten die Turbinen von Kvilldal.

    Zusammen leisten die Turbinen 1240 Megawatt, das ist so viel wie ein durchschnittliches Atomkraftwerk. 66 Kubikmeter Wasser schießen in jeder Sekunde hindurch – daher das Vibrieren. Zu hören ist davon nur ein Summen. Alle Kraftwerke von Ulla-Førre zusammen kommen sogar auf 2057 Megawatt.

    Neben den vier Turbinen in Kvilldal gehören sieben weitere zu dem Kraftwerksverbund.Der Clou: Vier davon können bei Bedarf als Pumpen eingesetzt werden.

    Statt die Energie des aus den Stauseen herabschießenden Wassers an Stromgeneratoren weiterzugeben, befördern sie dann Wasser zurück in die Seen – und werden so zu Pumpspeicherkraftwerken.

    Das Umschalten der Turbinen auf Pumpbetrieb ist laut Sandvik innerhalb weniger Minuten möglich. Zudem ließen sich ohne großen Aufwand weitere Turbinen zu Pumpen umrüsten – die Speicherfähigkeit von Ulla-Førre könnte damit noch erhöht werden. Schon heute verfügen Norwegens Stauseen über knapp die Hälfte der Kapazität von ganz Europa.

    Das Seekabel-Projekt Nordlink wird Norwegen und Deutschland  verbinden

    Um überschüssigen Ökostrom aus Offshore-Windparks oder Solaranlagen in diesem Akku zu speichern, sind allerdings neue Stromautobahnen nötig: sogenannte Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungskabel, die Energie mit geringem Verlust über weite Strecken leiten. Die EU hat sich zum Ziel gesetzt, den länderübergreifenden Ausbau dieser Stromnetze zu fördern.

    Ein Seekabel zwischen Norwegen und den Niederlanden ist bereits seit 2008 in Betrieb, ein weiteres nach Großbritannien in Planung. Ein drittes trägt den Namen Nordlink. Es soll ab 2019 Norwegen mit Schleswig-Holstein verbinden und befindet sich in einem frühen Baustadium.

    Dahinter steht ein Konsortium aus dem staatlichen norwegischen Netzbetreiber Statnett, der KfW-Bank und dem Netzbetreiber Tennet. Sie teilen sich die Baukosten von Nordlink, die auf bis zu zwei Milliarden Euro geschätzt werden.

    „Das Kabel ermöglicht uns, den Ökostrom in beiden Ländern effizienter zu nutzen“, sagt Stattnet-Sprecher Christer Gilje. Strom werde immer dann hindurch fließen, wenn sich mit dem Preisunterschied zwischen Norwegen und Deutschland Geld verdienen lässt – wenn also der Überschuss auf einer Seite des Kabels so hoch ist, dass Strom dort billiger ist als auf der anderen.

    Auf diese Weise werde Nordlink dazu beitragen, Leistungsschwankungen der deutschen Sonnen- und Windkraft auszugleichen. Das Kabel helfe damit bei der Umsetzung der Energiewende, sagt Gilje – wobei der Norweger den Begriff „Energiewende“ auf Deutsch verwendet.

    Strommast am Hardangerfjord: Umweltschützer protestieren gegen den Ausbau des Stromnetzs in der Region.

    Damit Norwegens Stauseen zum Akku Europas werden können, sind neue Stromautobahnen nötig, sogenannte Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragungskabel.

    Doch nicht alle seine Landsleute sind von der Idee angetan, ihre Stauseen zur Lösung des Energieproblems anderer Länder einzusetzen. Bedenken dagegen kommen ausgerechnet von Umweltaktivisten.

    Damit zeichnet sich auch im hohen Norden ein Konflikt ab, der aus vielen Orten in Deutschland bekannt ist: Klimaschützer streiten gegen Naturschützer.

    Wer verstehen will, wie dieser Konflikt in Norwegen verläuft, muss die Wanderschuhe schnüren, Proviant einstecken und sich mit Synnøve Kvamme aufmachen in die atemberaubende Bergwelt am Hardangerfjord, knapp 100 Kilometer nördlich des Kraftwerks Kvilldal.

    Die 24-Jährige leitet die Umweltschutzorganisation Friends of the Earth in der Region Bergen und zählt zu den profiliertesten Aktivisten des Landes. Dass sie sich in der Natur zuhause fühlt, merkt man beim Aufstieg in die Berge schnell, wenn sie Blaubeeren im Dickicht pflückt, aus einer sprudelnden Quelle trinkt oder leichtfüßig über eine Spalte im Fels springt.

    „Die Natur hier ist so schön, dass es einfach unsere Pflicht ist, sie zu erhalten“, sagt Kvamme.

    Synnøve Kvamme: Die Umweltschützer aus Bergen protestiert gegen den weiteren Ausbau der Wasserkraft in Norwegen: Es dürften nicht auch die letzten ungezähmten Flüsse Norwegens reguliert werden.

    Ihr Protest gegen die „Monstermasten“ am Hardangerfjord machte Synnøve Kvamme zu einer landesweit bekannten Umweltaktivin des Landes.

    Manchmal fällt es schwer, die Dimensionen dieser Natur überhaupt zu begreifen, so überwältigend groß ist sie, so menschenleer und scheinbar unberührt. Erst wenn das Auge auf etwas Vertrautes stößt, schärft sich der Blick für die Relationen.

    Ein winziges Schaf zum Beispiel, versteckt in den Tausend Grün- und Grautönen einer Bergflanke, hilft, die gewaltigen Ausmaße der Szenerie zu verstehen.

    Eine Stromtrasse zerschneidet die Wildnis

    Umso größer ist der Kontrast, als nach einer Stunde das Ziel der Wanderung auftaucht: ein stählerner Strommast, 45 Meter hoch, in rot-weißen Signaltönen lackiert. Er ist Teil einer Hochspannungstrasse, die ein Wasserkraftwerk am Ende des Fjords mit dem Großraum Bergen verbindet.

    Und er ist der Grund, warum Synnøve Kvamme Naturschützerin geworden ist. Sie war noch ein Teenager, als sie vom Beschluss zum Bau dieser Trasse erfuhr – und den Kampf dagegen aufnahm.

    Bald wurde sie die Sprecherin einer Gruppe von Anwohnern der Leitung. Unterstützung kam aber auch aus anderen Landesteilen. Gut jede zweite norwegische Familie besitzt eine Ferienhütte fernab der Zivilisation, viele fühlen sich der Natur tief verbunden.

    2010 bewegte kaum ein anderes Thema das Land so sehr wie der letztlich vergebliche Kampf der Menschen am Hardangerfjord gegen die „Monstermasten“. Mehrmals wurde Kvamme verhaftet, weil sie Bauplätze der Masten blockiert hatte. Einmal mussten Polizisten sie wegtragen – ein Foto davon erschien in sämtlichen Zeitungen des Landes. 2011 kürte das Politmagazin „Ny Tid“ sie zur Norwegerin des Jahres.

    Aus der Perspektive des dicht besiedelten Deutschlands mag der Protest gegen eine einzelne Leitung in der Wildnis übertrieben scheinen. Doch Synnøve Kvamme geht es ums Prinzip: „Wir dürfen nicht auch noch die letzten unberührten Flecken zerstören.“

    Statt die Trasse quer über die Berge zu legen, hätte das Kabel aus ihrer Sicht auf dem Grund des Fjords verlaufen sollen, auch wenn es dann deutlich teurer geworden wäre.

    Fotostrecke: Wasserkraft in Norwegen

    Blau, so weit das Auge reicht: Der Blåsjø-Stausee ist einer von insgesamt 16, die zum Ulla-Førre-Kraftwerk gehören. Ihr Wasser könnte Deutschland fünf Tage lang mit Strom versorgen – oder deutschen Ökostrom speichern.

    Blau, so weit das Auge reicht: Der Blåsjø-Stausee ist einer von insgesamt 16, die zum Ulla-Førre-Kraftwerk gehören. Ihr Wasser könnte Deutschland fünf Tage lang mit Strom versorgen – oder deutschen Ökostrom speichern.

    Viel Niederschlag, steile Gefälle: Die Bedingungen in Norwegen sind ideal für die mehr als 300 Kraftwerke. Auch das Wasser des Vøringsfossen – fließt in ein Kraftwerk. Seine Höhe von 183 Metern erahnt man, wenn man das winzige Hotel oben an der Felskante

    Viel Niederschlag, steile Gefälle: Die Bedingungen in Norwegen sind ideal für die mehr als 300 Kraftwerke. Auch das Wasser des Vøringsfossen – fließt in ein Kraftwerk. Seine Höhe von 183 Metern erahnt man, wenn man das winzige Hotel oben an der Felskante sieht.

    Gewaltige Staumauern wie die des Sysen-Damms auf diesem Bild halten das Wasser in den Stauseen zurück. Das Baumaterial stammt oft auf Straßentunneln, die vor allem im fjordreichen Westnorwegen zu Hunderten in den Fels gesprengt wurden.

    Gewaltige Staumauern wie die des Sysen-Damms auf diesem Bild halten das Wasser in den Stauseen zurück. Das Baumaterial stammt oft auf Straßentunneln, die vor allem im fjordreichen Westnorwegen zu Hunderten in den Fels gesprengt wurden.

    Auch der Oddatjønn-Damm besteht aus solchen Felsen. Er begrenzt den Blåsjø, den zehntgrößten See des Landes. Im menschenleeren norwegischen Hochland gibt es viel Platz für Stauseen. Im dichtbesiedelten Mitteleuropa könnten derart große Projekte nicht real

    Auch der Oddatjønn-Damm besteht aus solchen Felsen. Er begrenzt den Blåsjø, den zehntgrößten See des Landes. Im menschenleeren Hochland gibt es viel Platz für Stauseen. Im dichtbesiedelten Mitteleuropa wären so große Projekte nicht möglich.

    Der Oddatjønn-Damm liegt gut 1000 Meter über dem Meeresspiegel. Das Wasser schießt von hier durch bis zu zehn Meter breite unterirdische Tunnel in die Wasserkraftwerke von Ulla-Førre. Es kann von dort aber auch zurück in den See gepumpt werden.

    Der Oddatjønn-Damm liegt gut 1000 Meter über dem Meeresspiegel. Das Wasser schießt von hier durch bis zu zehn Meter breite Tunnel in die Wasserkraftwerke von Ulla-Førre. Es kann von dort aber auch zurück in den See gepumpt werden.

    Tief im Inneren des Bergs liegt die gewaltige Kammer des Kraftwerks Kvilldal, 100 Meter lang, 20 Meter hoch. Die zylindrischen Aufbauten gehören zu den Turbinen. Gemeinsam mit den orange verkleideten Wänden und den gezackten Lichtröhren verleihen sie dem

    Tief im Inneren des Bergs liegt die gewaltige Kammer des Kraftwerks Kvilldal. Die zylindrischen Aufbauten gehören zu den Turbinen. Mit den orange verkleideten Wänden und den gezackten Lichtröhren verleihen sie dem Saal einen futuristischen Eindruck.

    Rund 100 Kilometer nördlich von Kvilldal liegt an den Ausläufern des Hardangerfjords das Wasserkraftwerk Sima. Es ist das zweitgrößte des Landes nach Kvilldal und gehört ebenfalls dem Energieversorger Statkraft. Hier ist einer der Generatoren  zu sehen.

    100 Kilometer nördlich von Kvilldal liegt an den Ausläufern des Hardangerfjords das Wasserkraftwerk Sima. Es ist das zweitgrößte nach Kvilldal und gehört ebenfalls dem staatlichen Energieversorger Statkraft. Hier ist einer der Generatoren zu sehen.

    Reise in die Vergangenheit: Mit dem Kraftwerk Tyssedal am Sørfjord begann in Norwegen das Zeitalter der Wasserkraft. Der neoklassische Bau von 1914 steht für den Anspruch, repräsentative Architektur und Industrie zu verbinden. Heute ist er ein Museum.

    Mit dem Kraftwerk Tyssedal am Sørfjord begann in Norwegen das Zeitalter der Wasserkraft. Der neoklassische Bau von 1914 steht für den Anspruch, repräsentative Architektur und Industrie zu verbinden. Heute beherbergt er ein Museum.

    Die Schaltzentrale: Von hier aus wurde das Wasserkraftwerk Tyssedal gesteuert. Unzählige Knöpfe, Hebel und Uhren sind in die marmorverkleideten Wände eingelassen.

    Reise in die Vergangenheit: Von dieser Schaltzentrale aus wurde das Wasserkraftwerk Tyssedal gesteuert. Unzählige Knöpfe, Hebel und Uhren sind in die marmorverkleideten Wände eingelassen.

    Die Generatoren von Tyssedal waren von 1906 bis 1989 in Betrieb. Sie lieferten Strom für Cyanamid- Karbidfabriken im benachbarten Städtchen Odda und trugen entscheidend zum Aufschwung der Region bei.

    Die Generatoren von Tyssedal waren von 1906 bis 1989 in Betrieb. Sie lieferten Strom für Cyanamid- Karbidfabriken im benachbarten Städtchen Odda und trugen entscheidend zum Aufschwung der Region bei.

    Auch in anderen Landesteilen entstanden Wasserkraftwerke. Dieses Foto von 1918 zeigt den Bau der Rohre für das Kraftwerk Glomfjord, 45 Kilometer nördlich des Polarkreises.

    Auch in anderen Landesteilen entstanden Wasserkraftwerke. Dieses Foto von 1918 zeigt den Bau des Kraftwerks Glomfjord am Polarkreis. Jahrzehnte bevor Norwegen seine Öl- und Gasvorräte entdeckte, war die Wasserkraft das Rückgrat seiner Industrie.

    Synnøve Kvamme: Die Umweltschützer aus Bergen protestiert gegen den weiteren Ausbau der Wasserkraft in Norwegen: Es dürften nicht auch die letzten ungezähmten Flüsse Norwegens reguliert werden.

    Heute deckt das Land seinen Strombedarf fast vollständig aus Wasserkraft. Gegen den weiteren Ausbau regt sich allerdings Protest. Umweltschützer wie Synnøve Kvamme aus Bergen sorgen sich, dass die letzten Flecken unberührter Natur verschwinden.

    Strommast am Hardangerfjord: Umweltschützer protestieren gegen den Ausbau des Stromnetzs in der Region.

    Denn um den Strom zum Verbraucher zu transportieren, sind Hochspannungsleitungen notwendig. Statt die Trassen durch die Wildnis zu führen – wie hier am Hardangerfjord – kämpfen Umweltschützer dafür, Unterseekabel durch den Fjord zu verlegen.

    Nahe dem Wasserkraftwerk Kvilldal entsteht derzeit eine neue Umspannstation. In mehreren Regionen des Landes muss das Netz ausgebaut werden, um Norwegen über geplante Unterseekabel mit Deutschland und Großbritannien zu verbinden.

    Nahe dem Wasserkraftwerk Kvilldal entsteht derzeit eine neue Umspannstation. In mehreren Regionen des Landes muss das Netz ausgebaut werden, um Norwegen über geplante Unterseekabel mit Deutschland und Großbritannien zu verbinden.

    Storglomvass-Damm im Schnee: Norwegens Stauseen und Deutschlands Offshore-Windparks werden per Kabel verbunden.

    Norwegische Wasserkraft kann Ökostrom-Schwankungen in Zentraleuropa ausgleichen. Umgekehrt können Stromüberschüsse von dort genutzt werden, um die Wasservorräte in Norwegens Stauseen zu schonen. Im Foto: der verschneite Storglomvass-Damm.

    Zudem glaubt Synnøve Kvamme, dass selbst eine saubere Technologie wie die Wasserkraft nicht grenzenlos ausgebaut werden dürfe. Norwegen müsse vielmehr endlich seinen maßlosen Energieverbrauch einschränken.

    Der statistische Vergleich zeigt, was sie meint: Deutschland hat 16-mal so viele Einwohner wie Norwegen, trotzdem verbrauchen die Deutschen nur fünf Mal mehr Strom im Jahr. Denn in Norwegen, das so unfassbar reich an Öl und Gas ist, läuft fast alles elektrisch. Schließlich ist auch Strom dank der Wasserkraftwerke im Überfluss vorhanden und entsprechend billig.

    Verschwendet Norwegen seinen Reichtum?

    Und so werden öffentliche Gebäude auch in langen Winternächten angestrahlt. Im quirligen Bergen sitzen selbst an kalten Herbstabenden Studenten unter elektrischen Heizstrahlern vor den Cafés im Freien, und in manchen Hotelzimmern ist das Abstellen der strombetriebenen Heizungen eine Wissenschaft für sich. „Machen Sie doch das Fenster auf“, rät die Rezeption.

    Im Fokus der norwegischen Energiepolitik stehen dennoch weniger Sparanreize, als vielmehr der Ausbau der Kapazitäten für den Im- und Export von Strom über Seekabel wie Nordlink. Dabei scheint der Netzbetreiber Statnett aus den Protesten in Hardanger gelernt zu haben. „Wir beziehen die Bevölkerung jetzt viel früher in unsere Pläne ein“, sagt Konzernsprecher Gilje.

    Bergen: Ein Schiff liegt am Kai von Bryggen vertäut.

    Der Pro-Kopf-Verbrauch an Strom ist in Norwegen dreimal so hoch wie in Deutschland. Das Land verfügt über Energie im Überfluss – Effizienz ist bislang kaum ein Thema.

    Offenbar ein erfolgreicher Schritt: Im südnorwegischen Tonstad, wo die Nordlink-Leitung aus Schleswig-Holstein ankommen wird, entsteht derzeit ein großes Umspannwerk. Proteste dagegen gibt es nicht. Dem Anzapfen des norwegischen Akkus steht also nichts im Wege.

    Solange die dafür notwendigen Kabel nicht die Fjordlandschaft zerschneiden, hat im Übrigen auch Synnøve Kvamme nichts dagegen. Denn wenn Norwegens Wasserkraft dabei hilft, auf dem Kontinent Kohlekraftwerke abzuschalten, profitiert schließlich die Natur auf der ganzen Welt. „Und ganz ohne Energie geht es nicht“, sagt die Umweltschützerin.

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