Globale Energiewende

  • Search22.10.2023

Wir sind nicht allein

Deutschland kann das Klima nicht im Alleingang retten? Stimmt! Aber das verlangt auch niemand. Im Gegenteil, andere Länder sind beim Ausbau der Wind- und Solarenergie längst vorbeigezogen.

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    Solarpark in der chilenischen Atacama-Wüste: Der Ausbau der erneuerbaren Energien boomt weltweit.

    Solarpark in der Atacama-Wüste in Chile: Rund um den Globus boomt der Ausbau erneuerbarer Energien.

     

    Von Volker Kühn

    Wenn es darum geht, den grünen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft infrage zu stellen oder auszubremsen, ist von Energiewendeskeptikern oft folgender Satz zu hören: Deutschland kann das Klima nicht im Alleingang retten. Was bringt es schon, wenn wir Windräder aufstellen oder Gaskessel durch Wärmepumpen ersetzen, solang rund um den Globus weiter Kohle, Öl und Gas verheizt werden, soll das heißen.

    Oft folgt dann ein Verweis auf den vermeintlich kleinen deutschen Anteil am Treibhausgasausstoß: Deutschland ist nur für zwei Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich. Für das Weltklima ist es unerheblich, ob wir aus fossilen Brennstoffen aussteigen, wird so suggeriert.

    Stimmt. Würde tatsächlich nur Deutschland aussteigen, brächte das wenig. Die gefürchteten Kipppunkte des Klimas wären auf diesem Weg nicht zu verhindern.

    Doch glücklicherweise ist die Energiewende kein rein deutsches, sondern ein globales Projekt. 195 Staaten haben sich 2015 im Pariser Klimaabkommen verpflichtet, den Klimawandel einzudämmen, also die CO2-Emissionen zu begrenzen und die erneuerbaren Energien auszubauen. Und auch wenn Deutschland mit seiner Energiewende früh gestartet ist und anfangs weit vorn lag, sind andere Länder längst vorbeigezogen.

    Deutschland liegt im Spitzenfeld – beim Anteil am Treibhausgasausstoß

    Weit vorn liegt Deutschland dagegen beim CO2-Ausstoß: Weltweit kommt nur etwa eine Handvoll Länder auf höhere Emissionen. Die Menschen in den übrigen fast 190 Staaten könnten folglich ihre Hände in den Schoß legen, wenn ein Anteil von zwei Prozent oder weniger an den Emissionen tatsächlich unerheblich wäre, wie Energiewendeskeptiker andeuten.  

    Der Ausbau der erneuerbaren Energien boomt weltweit. Die Infografik zeigt die global installierte Kapazität in Gigawatt und den Anteil Deutschlands von 2013 bis 2022. Infografik: Andreas Mohrmann

    Allen voran das oft kritisierte China investiert jedes Jahr um ein Vielfaches mehr in die Solar- und Windenergie als Deutschland. Energieexperten halten es für realistisch, dass Peking trotz zahlreicher neuer Kohlekraftwerke seine Klimaziele erreicht.

    Aber auch in zahlreichen anderen Ländern boomt der Ökostromausbau, in Nord- und Südamerika genauso wie in Europa, Afrika, Asien und Australien. Nicht immer steht dabei die Erderwärmung im Vordergrund – oft stechen Windräder und Solarpaneele fossile Kraftwerke einfach ökonomisch aus. Doch die Beweggründe sind für das Klima tatsächlich unerheblich. Was zählt, ist, dass CO2-freie Technologien CO2-intensive verdrängen.

    Weltweit entstehen Solaranlagen mit einem Gigawatt Leistung – jeden Tag

    Vor allem der PV-Ausbau hat eine noch vor wenigen Jahren kaum denkbare Geschwindigkeit erreicht. Wuchs die globale Solarleistung 2004 noch um insgesamt ein Gigawatt, wird diese Menge inzwischen schon an jedem einzelnen Tag erreicht oder sogar überschritten. Und angesichts der immer günstiger werdenden Module dürfte die Geschwindigkeit weiter zulegen. China führt das Ranking auch hier mit weitem Abstand vor den USA, Indien und Brasilien an. Deutschland kam im vergangenen Jahr gerade einmal auf einen Anteil von drei Prozent an der weltweit neu ans Netz angeschlossenen Solarkapazität. Auch in der Windenergie lag Deutschland weit hinter China, den USA und Brasilien.

    Wie kommt es dann, dass in Deutschland noch immer die Wahrnehmung kursiert, das Land versuche die Welt im Alleingang vor dem Klimawandel zu retten? Ein Grund mag der Vorsprung zu Beginn der Energiewende vor mehr als zwei Jahrzehnten gewesen sein, ein anderer die mitunter etwas überheblichen Verweise auf den eigenen Erfolg. „Da hat sich Deutschland ganz bewusst als Kreuzritter einer nachhaltigen Welt inszeniert. Die Energiewende als Musterpfad, den auch andere beschreiten sollen“, sagte der Historiker Frank Trentmann jüngst im „Spiegel“.

    Immerhin: Beim Ausbau der Solarenergie hat Deutschland schon jetzt sein bis Jahresende gestecktes Ziel erreicht, in der Windkraft zumindest eine deutliche Beschleunigung im Vergleich zum Vorjahr erreicht. Vielleicht gelingt es Deutschland, bald wieder zu den Energiewendevorreitern aufzuschließen.

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