• Search14.04.2022

Ukrainischer Energie-Unternehmer

„Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen“

Oleksij Olijnik installiert Solaranlagen im westukrainischen Burschtyn. Am Telefon spricht er über seine Angst vor einem Angriff auf die Atomkraftwerke des Landes und Deutschlands Nein zu einem Gas-Embargo.

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    Oleksij Olijnik betreibt in der westukrainischen Stadt Burschtyn eine IT-Firma und ein Unternehmen zur Installation von PV- und Wasserstoffanlagen. Vor dem Krieg engagierte er sich gegen das örtliche Kohlekraftwerk (im Bildhintergrund), das zu den schmutzigsten in ganz Europa zählt. EnergieWinde hat den 41-Jährigen im Herbst besucht und von seinem Einsatz berichtet. Jetzt erreichen wir Olijnik am Telefon.

    Herr Olijnik, seit dem 24. Februar führt Russland gegen Ihr Land einen Angriffskrieg. Wie hat sich das Leben in Ihrer Stadt verändert?
    Oleksij Olijnik: Anfang März haben die Russen unsere Region Iwano-Frankiwsk mit Raketen beschossen. Damals bombardierten sie den Militärflughafen. Aber wir befinden uns nicht im Zentrum der jetzigen Kämpfe. Die Situation ist im Moment ruhig und überhaupt nicht mit der in Mariupol oder Charkiw zu vergleichen. Die Einheimischen versuchen, ihrem Leben nachzugehen, soweit das möglich ist.

    Ist das möglich?
    Olijnik: Im Moment ja. Die großen Veränderungen haben mit den vielen Neuankömmlingen zu tun. In unsere kleine Stadt Burschtyn kommen täglich Geflüchtete aus den östlichen Landesteilen. Manche von ihnen ziehen zu Verwandten oder suchen sich eine Wohnung, andere reisen nach einigen Tagen weiter nach Österreich oder Polen. Aber ich fürchte, die Russen werden irgendwann auch uns angreifen. Niemand ist in Sicherheit.

    Wie ist die Situation für Sie persönlich?
    Olijnik: Ich arbeite viel mehr als vorher (lacht). Ich helfe der Armee beim Transport von Essen oder Waffen. Ich organisiere Touren oder fahre selbst mit meinem Kleinbus. Leider ist unser Militär nicht in allen Bereichen so professionell, wie das sein sollte, und so muss die Zivilbevölkerung einige Aufgaben übernehmen. Daneben haben sich die Aufträge meiner Firma vervielfacht, die Kunden rufen mehrmals täglich an.

    Sie installieren Notstromaggregate und Fotovoltaikanlagen. Warum sind die jetzt so gefragt?
    Olijnik: Die Unternehmen haben Angst, dass der Strom ausfällt, und wollen sich absichern. Bislang gibt es keine Störungen, die Versorgung läuft normal. Die Regierung hat zudem die Preise für Strom und Gas auf dem Vorkriegsniveau fixiert. Nur für Unternehmen sind die Energiekosten seit dem Krieg um etwa zehn Prozent gestiegen. Aber das wird sich kaum halten lassen. Viele gehen davon aus, dass es bald zu einer Energiekrise kommt, ich auch.

    Warum?
    Olijnik: Wenn unsere Kraftwerke zerstört werden oder der Nachschub fehlt, steht alles still. Im Moment kommt die Kohle aus Australien, auch aus den USA. Doch wie lange lassen sich die Lieferketten aufrechterhalten und wie lange reichen die Vorräte in den Lagern?

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    Sie greifen die Energieversorgung an, um die Bevölkerung zu demobilisieren. Das Ziel scheint klar: Sie wollen, dass unser Land kollabiert

    Oleksij Olijnik

    Glauben Sie der Einschätzung vieler Experten, dass das russische Militär gezielt die Energie-Infrastruktur angreift?
    Olijnik: Das ist offensichtlich, ja. Sie bombardieren Raffinerien und Leitungen, damit Sprit rar wird und Militärfahrzeuge und Autos nicht fahren. Sie beschießen unsere Häfen, um den Ölnachschub zu verhindern, und greifen die Energieversorgung an, um die Bevölkerung zu demobilisieren. Ich bin kein Militär und verstehe nicht den Zweck der einzelnen Attacken. Aber das Ziel scheint klar: Sie wollen, dass unser Land kollabiert.

    Viele befürchten Angriffe auf die Kernkraftwerke im Land.
    Olijnik: Das wäre nicht nur für die Ukraine eine Katastrophe. Meine Stadt befindet sich mehrere Hundert Kilometer von Tschernobyl entfernt. Aber auch hier erinnern wir uns mit Schrecken an den Unfall von damals. Das Risiko ist real, die Menschen spüren das. In den Apotheken sind seit Wochen die Jodtabletten ausverkauft. In meiner Wohnung steht auf einem Fensterbrett ein Geigerzähler, zu dem ich immer wieder schaue. Ich weiß, dass westliche Länder sich nicht an diesem Krieg beteiligen wollen, aber zumindest eine Flugverbotszone über den Atomkraftwerken würde uns allen helfen.

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    Ein Gas-Embargo würde den Druck auf das russische Regime erhöhen, diesen Krieg zu beenden

    Oleksij Olijnik

    Wie blicken die Ukrainer auf die deutsche Entscheidung, nicht auf russisches Gas zu verzichten?
    Olijnik: Ein Gas-Embargo würde den Druck auf das russische Regime erhöhen, diesen Krieg zu beenden. Ich weiß nicht, warum die Entscheidung in Deutschland so schwierig ist, russisches Öl und Gas zu ersetzen. Ich glaube schon, dass das Land Alternativen besitzt, zum Beispiel die Atomenergie. Aber es will sie nicht nutzen und das finde ich schade.

    Die Folgen eines Embargos wären für die deutsche Bevölkerung und Wirtschaft auf Dauer nicht verkraftbar, argumentiert die Bundesregierung.
    Olijnik: Das Wichtigste im Moment ist doch, den Angreifer zu stoppen. Ich glaube nicht, dass die Ukraine das letzte Land ist, dass Russland angreift. Vielleicht werden die Russen danach testen, ob sie auch in Polen einmarschieren können. Niemand weiß, warum Putin diesen Angriffskrieg begonnen hat. Deshalb müssen wir mit dem Schlimmsten rechnen und alles versuchen, den Krieg schnell zu beenden.

    Oleksij Olijnik betreibt im Westen der Ukraine eine Firma zur Installation von Solaranlagen. Seit Kriegsbeginn haben sich die Kundenanfragen vervielfacht. Ein Interview.

    „Nach dem Krieg werden viele versuchen, von Gas und Öl unabhängiger zu werden“, sagt Oleksij Olijnik.

    Sie sprachen von der gestiegenen Nachfrage nach erneuerbaren Energieträgern. Glauben Sie, dass der Krieg die Energiewende in der Ukraine vorantreiben wird?
    Olijnik: Ja. Nach dem Krieg werden viele versuchen, von Gas und Öl unabhängiger zu werden. Solaranlagen und Windräder können dezentral Strom erzeugen. Das werden Regionen und Städte, aber auch Unternehmen und Haushalte fördern. Eine dezentrale Energieversorgung wird nicht nur eine Frage der Gesundheit sein, sondern auch eine der Sicherheit. Es fällt mir im Moment schwer, diese Zukunft auszumalen. Ich weiß überhaupt nicht, was in den nächsten Tagen passieren wird.

    Könnten Sie sich vorstellen, die Ukraine zu verlassen?
    Olijnik: Eine Flucht? Nein, das ist kein Plan.

    Die Fragen stellte Artur Lebedew.

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