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Zachary Labes Grafiken zum Klimawandel

Die Schönheit schrecklicher Zahlen

Zachary Labe veranschaulicht die Eisschmelze in der Arktis in Grafiken und GIFs von eindrucksvoller Klarheit. Auf Twitter folgen dem jungen US-Forscher Zehntausende. Im Interview erklärt er, was ihn dazu gebracht hat, eine eigene Form der Wissenschaftskommunikation zu entwickeln.

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    Zachary Labe veranschaulicht den Klimawandel in der Arktis in ebenso ästhetischen wie anschaulichen Grafiken und Animationen.

    Schon in seiner Kindheit nahe Harrisburg, Pennsylvania, ist Zachary Labe fasziniert vom Wetter. Besonders Gewitter und Schneestürme haben es ihm angetan. Wenn sich die anderen ins Warme verkriechen, bleibt er draußen, um die Urgewalt der Elemente zu erleben. Nach der Schule will Labe zunächst Meteorologe werden und studiert Atmosphärenwissenschaften. Dann wendet er sich dem Klimawandel zu. Er will wissen, wie die Erderwärmung das Wetter an der US-Ostküste beeinflusst, das ihn als Kind so fasziniert hat.

    Die Infografik von Zachary Labe zeigt Anomalien im antarktischen Meereis. Labe veranschaulicht Datensätze zum Klimawandel in Grafiken und GIFs auf Twitter.

    Statt Meteorologie wählt er die Klimawissenschaft. Im Juni 2020 schließt Labe an der University of California seine Dissertation ab. Sie beschäftigt sich mit den Auswirkungen klimatischer Veränderungen in der Arktis auf das Wetter in südlicheren Breitengraden. Seit vergangenem Jahr forscht der 28-Jährige am Department of Atmospheric Science der Colorado State University.

    2021 hat das Meereis in der Antarktis eine besonders geringe Ausdehnung: Infografik von Zachary Labe.

    Labe postet auf Twitter regelmäßig selbst gestaltete Klimagrafiken und erreicht damit mehr als 40.000 Follower. Sein Ziel ist es, für ein besseres Verständnis von den Vorgängen in der Arktis zu sorgen. Quasi nebenbei ist er so zu einem Experten für Wissenschaftskommunikation geworden. Er hat sich tief in die Frage eingearbeitet, wie Datensätze visualisiert werden müssen, damit auch komplexe Zusammenhänge für Laien verständlich werden.

    Eindrucksvolle Infografik von Zachary Labe zu Temperaturabweichungen in der Arktis.

    Mr. Labe, die Arktis ist sehr weit weg. Warum sollten wir uns dafür interessieren, was dort vor sich geht?
    Zachary Labe: Zum einen kann man sich die Arktis als Kühlschrank der Erde vorstellen. Die weiße Oberfläche des Eises reflektiert im Sommer eine Menge Sonnenlicht und mindert damit die Hitze. Verschwindet diese weiße Oberfläche, ist da der dunkle Ozean, der die Hitze aufnimmt. Und das beschleunigt den Klimawandel, der alle betrifft. Zum anderen ...

    Die Zahl der Tage, an denen es in der Hocharktis friert, nimmt ab: Infografik von Zachary Labe.

    ... wirkt sich der Klimawandel schon heute massiv auf die Menschen in der Arktis aus. Ein Beispiel ist das Beringmeer zwischen Alaska und Russland. 2018 formte sich dort überhaupt kein Eis. Im Jahr zuvor war das Gebiet noch von Eis überzogen. Das ist deshalb dramatisch, weil das Eis als Landebahn für die Menschen am Beringmeer dient: Es ist der einzige Weg, um im Winter Vorräte zu ihnen zu bringen. Mit dem Eis gehen wichtige Transport- und Jagdwege verloren.

     

    Sie forschen zur Eisdicke, einem jungen Feld für Klimaforscher. Warum ist nicht nur der Eisschwund, sondern auch die Dicke des Eises interessant?
    Labe: Dickes Eis dient als Barriere zwischen einem wärmeren Ozean und der Atmosphäre. Wird das Eis dünner, ist diese Funktion gestört und es entsteht ein Kreislauf: Durch das dünnere Eis entweicht mehr Hitze in die Atmosphäre, die wiederum mehr Eis schmelzen lässt und die Ozeane weiter erwärmt, also zum arktischen Klimawandel beiträgt. Wenn wir die Eisdicke genauer untersuchen, kann uns das zu verstehen helfen, was uns bevorsteht. Wir können anhand von Messungen der Eisdicke Modelle entwickeln, wie schnell das arktische Eis schmelzen wird, wie dieser Prozess aussieht und wann wir eine eisfreie Arktis erleben könnten.

    Was ist die aktuelle Prognose?
    Labe: Wenn es uns nicht gelingt, die weltweiten Emissionen zu reduzieren, könnten wir Mitte des Jahrhunderts den ersten eisfreien Sommer in der Arktis erleben.

    Das GIF von Zachary Labe zeigt die Dicke des Meereises in der Arktis von 1979 bis 2021. Im Interview mit EnergieWinde erklärt Labe, was gute Wissenschaftskommunikation ausmacht.

    Sie haben 2016 angefangen, Daten rund um den arktischen Klimawandel visuell aufzubereiten und auf Twitter zu teilen. Wie kam es dazu?
    Labe: Ich war in meinem Doktorstudium in der Phase, in der man Unmengen an wissenschaftlichen Artikeln liest. Ich las über den arktischen Klimawandel und wie sich die Arktis wahnsinnig schnell verändert. Beim Blick auf die Daten und die Grafiken der Artikel hatte ich Mühe, mir das wirklich vor Augen zu führen – dabei forsche ich in dem Feld! Das brachte mich auf die Frage, wie man die Abbildungen verbessern könnte, damit diese wichtigen Daten auch für andere verständlicher werden. Ich hatte das Gefühl: Wenn sich dieser Ort wegen des arktischen Klimawandels so rasant verändert, müssen wir die Daten schneller bereitstellen und in Echtzeit zeigen. Also habe ich angefangen, einfache Grafiken zu entwerfen, die aktuelle Daten nutzen und zeigen, was in der Arktis gerade passiert.

    Der US-Klimaforscher Zachary Labe beschäftigt sich mit den Folgen der Erderwärmung in der Arktis und veranschaulicht seine Erkenntnisse in eindrucksvollen Grafiken und GIFs auf Twitter.

    „Wir könnten Mitte des Jahrhunderts den ersten eisfreien Sommer in der Arktis erleben“, sagt Zachary Labe.

    Wie war die Reaktion?
    Labe: Positiv! Mir folgten sehr schnell Leute, die meine Visualisierungen interessant fanden. Und die Grafiken erzeugen einen weiteren Nebeneffekt: Zeitungen berichten normalerweise nur einmal im Jahr über die Arktis, nämlich wenn es um die Eisschmelze geht und wir einen neuen Tiefstand erreichen. Weil ich Echtzeitdaten verwende, kann ich zeigen, dass in der Arktis jeden Monat extreme Ereignisse auftreten. Indem ich das kommuniziere, kann ich jetzt das ganze Jahr über mit Menschen über den arktischen Klimawandel sprechen.

    Nach Ihrer Promotion untersuchen Sie jetzt, welche Wetterveränderungen vom menschengemachten Klimawandel beeinflusst werden und wann es sich um natürliche Anomalien handelt. Klingt nach einer komplizierten Aufgabe.
    Labe: Ich beschreibe meine Forschung gern als „die Trennung von Signal und Geräusch“. Das Signal ist der Klimawandel. Das Geräusch ist alles andere – die täglichen Wetterkonditionen zum Beispiel, aber auch Abweichungen im Erdklima über Jahrzehnte, in denen es mal wärmer und mal kälter ist. Wie können wir also mit Sicherheit sagen, dass der Klimawandel für bestimmte Veränderungen in der Temperatur oder für extreme Stürme verantwortlich ist? Wir versuchen mit neuen Analysemethoden den Klimawandel von diesen „Geräuschen“ zu trennen. Noch vor einem Jahrzehnt war diese Attributionsforschung beinahe undenkbar. Aber jetzt können Klimaforscher mit Modellrechnungen nachempfinden, wie viel der Klimawandel zum Beispiel zur Hitzewelle im pazifischen Nordwesten in diesem Sommer beigetragen hat. Meine Forschung versucht, diese Puzzlestücke zusammenzusetzen.

     

    Klimaleugner behaupten oft, dass die Erderwärmung eben nicht das Resultat menschlichen Handelns sei, sondern eine natürliche Entwicklung. Teile Ihrer Forschung könnten diesen Leuten in die Hände spielen. Wie verhindern Sie, dass Klimaleugner Sie vereinnahmen?
    Labe: Da legen Sie den Finger auf die größte Herausforderung meiner Arbeit.

    Wie gehen Sie damit um?
    Labe: Eines der Beispiele, die mich im letzten Jahr beschäftigt haben, ist die Eisfläche in der Arktis. Wir wissen, dass sie schrumpft. Aber wegen der natürlichen Variabilität verzeichnen wir nicht jedes Jahr ein neues Rekordtief. Vergangenes Jahr war es etwa der zehntniedrigste Stand seit Beginn der Aufzeichnungen. Und dann fragen mich Leute, warum es nicht das schlechteste Jahr gewesen sei – wo Klimaforscher doch immer sagten, es werde ständig heißer und heißer. Es ist wirklich schwer, der Öffentlichkeit die Bedeutung der natürlichen Variabilität zu erklären, ohne von der großen, wichtigen Nachricht des Klimawandels abzulenken. Aber ich glaube, je häufiger Forscher bereit sind, offen zu kommunizieren, dass die natürliche Variabilität genauso existiert wie der Klimawandel, desto eher entwickeln die Menschen ein Verständnis dafür.

    Was ist Ihnen außerdem wichtig, wenn Sie Forschungsdaten auf Twitter kommunizieren?
    Labe: Grundsätzlich sollen meine Grafiken drei Punkte erfüllen: Erstens versuche ich immer verschiedene Arten von Daten zu nutzen, zum Beispiel Satellitendaten oder Marinedaten, Daten von Eisbohrungen und so weiter. So kann ich deutlich machen, dass wir nicht nur einen Datensatz haben, sondern viele verschiedene, die uns alle die gleichen Entwicklungen zeigen.

    Zweitens möchte ich, dass meine Grafiken mehrere Geschichten erzählen. Einmal die des Klimawandels – das ist die langfristige Veränderung. Beim Blick auf die Grafiken soll also deutlich werden, dass es wärmer wird, dass das Eis schmilzt oder ähnliche Trends. Aber ich will auch genau diese „Geräusche“ zeigen, die Anomalien. In der Laptewsee nördlich von Russland sieht man, dass die Eisfläche über die vergangenen 40 Jahre Schritt für Schritt geschrumpft ist. Es gibt Jahre wie 2020, in der sie beinahe ganz verschwindet. Dieses Jahr begann die Eisschmelze zwar wieder sehr früh, aber dann gab es einen Wetterumschwung und diesen Winter formte sich das Eis im Vergleich zu den vergangenen fünf Jahren sogar etwas früher. Meine Grafiken zeigen solche Extremereignisse im Vergleich zum generellen Trend.

    Und drittens konzentriere ich mich darauf, meine Grafiken möglichst breit zugänglich zu machen. Ich habe mir früh überlegt, welche Farben ich nutze und welche Informationen sie vermitteln. Blau zum Beispiel assoziieren wir mit kalt und Rot mit warm. Aber ich überlege auch, wie ich die Grafiken anlege für Menschen, die Farben nicht gut sehen. Außerdem geht es mir um korrekte Auszeichnung der Achsen, aber auch um Legenden, weil wir in der Wissenschaft teilweise seltsame Maßeinheiten benutzen. Ich beschäftige mich viel damit, wie wir unsere Informationen für die breite Masse verständlich machen können und dabei der Wissenschaft treu bleiben.

    Sie kreieren unter anderem Zeitraffer-Visualisierungen, die Datensätze aus mehreren Jahren beinhalten. Wie viel Zeit wenden Sie dafür auf?
    Labe (lacht): Wahrscheinlich zu viel. Aber ich liebe Daten, sie sind Teil meiner Arbeit. Es ist beinahe ein Hobby. Es macht mir Spaß, Klimadatensätze zu kuratieren. Wenn ich erstmal eine Optik und ein Design entworfen habe, muss ich nur die Daten in das Programm füttern und gebe jedes Jahr oder jeden Monat die aktuellen Daten dazu. Das geht dann schnell. Aber ich versuche ständig, neue Grafiken zu entwickeln. Es gibt nicht die eine, die für alle funktioniert: Manche mögen es, eine Karte zu sehen, andere mögen eine Balkengrafik. Mir darüber Gedanken zu machen und kreative neue Visualisierungen zu entwickeln ist der größte Teil der Arbeit.

    Der Klimawandel ist ein so heiß diskutiertes Thema, gerade auf Twitter wird der Ton schnell rau. Wie gehen Sie damit um?
    Labe: Am Anfang habe ich mir noch Zeit genommen, mit Zweiflern zu diskutieren. Dann kam mir irgendwann die Erkenntnis, dass diese Leute vor allem Aufmerksamkeit wollen. Seitdem nutze ich sehr großzügig den Mute-Button auf Twitter und schalte am Tag bestimmt 30 solcher Accounts stumm. Ich glaube, dass es diese Leute viel mehr wurmt, wenn ich sie ignoriere.

    Sie sehen jeden Tag Daten, die eine düstere Entwicklung dokumentieren. Wie bleiben Sie positiv?
    Labe: Als ich mit den Grafiken angefangen habe, hätte ich mir nie träumen lassen, dass so viele Leute Interesse dafür zeigen. Ich dachte, das gucken sich vor allem Wissenschaftler in meinem Forschungsfeld an. Aber Menschen auf der ganzen Welt interessieren sich dafür. Zu sehen, wie weit meine Visualisierungen und ihre Botschaften reichen können, gibt mir Hoffnung. Und dann sind da all die jungen, engagierten Leute und der Wandel in der Art, wie wir heute über die Erderhitzung sprechen. Wir diskutieren heute zum Beispiel darüber, welche Auswirkungen sie auf verschiedene Industriezweige hat. Das wäre vor ein oder zwei Jahrzehnten nicht möglich gewesen.

    Wie integrieren Sie Ihre Wissenschaftskommunikation auf Twitter in Ihre Arbeit?
    Labe: Ich mache Vieles davon in meiner Freizeit, aber ich habe das Glück, dass meine Mentoren meine Arbeit wertschätzen und unterstützen. Ich stehe am Anfang meiner Karriere, und in der Forschung sind wir ständig damit beschäftigt, Paper zu schreiben, damit wir befördert werden und vorankommen. In der Vergangenheit gab es nur wenige Forscher, die sich um Wissenschaftskommunikation bemüht haben. Aber ich sehe, dass immer mehr meiner Kollegen sich Gedanken darüber machen, wie sie ihre Forschungen zugänglich machen können. Und ich beobachte einen langsamen, aber bedeutsamen Vorstoß in den Institutionen, mehr Zeit darauf zu verwenden, zu kommunizieren, was wir tun.

    Die Fragen stellte Jasmin Lörchner.

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